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Berlinale-Blogger 2019
Wie ein ägyptischer Film das Berlinale-Publikum zum Lachen bringt

Liqa'lm yadhae (An Un-Aired Interview)
© Muhammed Salah

Meine Geduld war fast zu Ende. Wann würde endlich ein ägyptischer Film auf der Berlinale gezeigt werden? Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, da hieß es, im Programm des Forum Expanded werde der Film Liqa‘lm yadhae (engl. Titel: An Un-Aired Interview) zu sehen sein, von Muhammad Salah aus Alexandria. 

Von Noha Abdelrassoul

Ich stamme selbst aus Alexandria, fand aber keine weiteren Informationen über den jungen Regisseur. Überrascht stellte ich fest, dass es sich hier offenbar um sein Erstlingswerk handelt, entstanden nach einem Cinedelta-Workshop der Produktionsfirma Fig Leaf Studios. Deren Gründer Mark Lotfy, der auch Liqa‘lm yadhae produziert hat, bezeichnet Muhammad Salah als „spontan, begabt, fleißig und experimentierfreudig“.

Es beginnt mit einem scheinbar normalen Menschen …

„Nein“, sagt Muhammad Salah, „ich habe kein bestimmtes Schema befolgt, um mit meinem Film zur Berlinale zu kommen. Ich habe einfach nur versucht einen guten Film zu machen.“

„Und was ist, deiner Meinung nach, ein guter Film?“

„Ich habe hier als Ausgangspunkt einen ganz normalen Menschen genommen, jedenfalls scheint es zunächst so. Er arbeitet in einem Kaffeehaus, ein Durchschnittsägypter. Ich habe ganz normale Alltagsgespräche aufgenommen, die aber, wie sich im Lauf des Films herausstellt, gar nicht so alltäglich sind, wie man denkt.“

Muhammad Salah hat einen polyvalenten Charakter als Hauptfigur gewählt. Das liefert allerhand Gesprächsstoff. Ibrahim redet nämlich genau so großkotzig und abfällig über Frauen wie die meisten Männer. Er erzählt, wie er sie abserviert, nachdem er ihnen zuvor etwas von Heirat vorgegaukelt hat. Ein richtiges Ekel also, auf den ersten Blick. Doch in der nächsten Sequenz ist Ibrahim plötzlich als liebevoller Familienvater zu sehen, der seine Kinder und Stiefkinder herzt und mit ihnen zusammen musiziert. Bis zum Ende des Films weiß man nicht so recht, was man von diesem Ibrahim halten soll. Soll man ihn hassen oder lieben? Ibrahim, so viel scheint klar zu sein, kann jedenfalls nicht anders: Er hasst diejenigen, die ihn bei der Arbeit oder bei Geldangelegenheiten über den Tisch ziehen, und er zahlt es ihnen mit gleicher Münze heim.

Slapstick am Strand von Alexandria

Nachdem ich in der Programmvorschau gelesen habe, man könne in dem Film erfahren, was es mit dem Interview auf sich hat, das „nie ausgestrahlt wurde und auch niemals ausgestrahlt werden wird“, war klar, dass ich das sehen muss.

Der Film beginnt am Strand von Alexandria, mit besagtem Interview. Ibrahim wird von seinem Freund, einem echten Fernsehmoderator, für seinen Auftritt in der Fernsehshow kifāḥ wa-naǧāḥ („Kampf und Sieg“) gebrieft, wo er gegen ägyptische Selfmademen anzutreten hat. Allein schon der Anblick des Moderators, der in Anzug und Krawatte am Sandstrand mit vom Wind zerzausten Haaren versucht, Ibrahim die richtigen Antworten einzutrichtern und dabei alle paar Sekunden „Stooop!“ schreit, ist derart komisch, dass das Publikum jedes Mal seine helle Freude hat, wenn die weitere Handlung des Films durch eine Interview-Sequenz unterbrochen wird. Der Moderator gerät mehr und mehr zum Sympathieträger, bis irgendwann schon sein bloßes Erscheinen auf der Leinwand mit Gelächter quittiert wird.

Das internationale Berlinale-Publikum würde freilich kein Vergnügen am ägyptischen Sinn für Humor haben und sich auch nicht für eine Non-Fiction-Produktion mit Lokalkolorit so sehr begeistern können, wäre sie nicht handwerklich perfekt gemacht. In der Tat kann ich Muhammad Salah bescheinigen, dass er nicht nur ein technisch fehlerfreies Debüt hingelegt, sondern dabei auch alle Probleme gemeistert hat, die Indie- oder Low-Budget-Filme in der Regel mit sich bringen. Hut ab vor dieser Leistung. Ein unbedingt sehenswerter Film!

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