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Berlinale-Blogger 2019
Wenn die Gesellschaft sogar über den Körper der Frau entscheidet

Flesh out Panorama
© Vivo Film

Ein junger Mann flüstert seiner Mutter etwas ins Ohr und prompt antwortet sie: „Keine Sorge, alles wird so, wie du es willst“. Die Heirat wird vereinbart und zwischen den Müttern des Bräutigams und der Braut auch heimlich noch der folgende Plan: Verida soll bis zum Hochzeitstag in drei Monaten 20 Kilo zunehmen – durch „Leblouh“. Diese Form der Zwangsernährung ist eine Tradition in Mauretanien, wo die Ereignisse des Films „Flesh Out“ spielen.

Von Noha Abdelrassoul

Zukunftspläne: Studium und Reisen? Arbeit? Oder doch Mästen für die Ehe?

Der Film erzählt von den realen Erfahrungen seiner Darstellerin und Protagonistin Verida, die sich vor Beginn der Vorführung mit einer Botschaft an das Publikum wendet: Verändere nichts an dir oder deinem Körper, setze dein Leben und deine Gesundheit nicht aufs Spiel, nur um einem Mann zu gefallen. Regisseurin Michela Occhipinti erzählt ihrerseits, wie sie eines Tages im Spiegel die Falten im Gesicht entdeckt und realisiert habe, dass sie älter geworden war und dies wie sich selbst akzeptieren musste. Dieser Realisierung folgte ihr wachsendes Interesse am Verhalten der Frauen und deren Obsession mit der Schönheit, um den Männern zu gefallen. Die einen wollen abnehmen, die anderen zunehmen, um für den Mann attraktiv zu sein. Mauretanien sei für Occhipinti zwar eine völlig andere Welt gewesen, die Tradition von „Leblouh“ schien ihr aber dem Schlankheitswahn in der Heimat sehr ähnlich zu sein. Mit dem Film wolle sie jede einzelne Person im Publikum zum Nachdenken darüber anregen, wie groß der Einfluss unserer jeweiligen Gesellschaft auf unsere Freiheit und persönlichen Entscheidungen ist.
 
Zu Mitternacht und im Morgengrauen wird Verida von ihrer Mutter geweckt und zum Essen gezwungen. Eine Szene, in der sie große Becher Milch und Nahrung leert, wiederholt sich immer wieder, schließlich muss das Mädchen zehn Mahlzeiten am Tag einnehmen. Mit ihrer Freundin geht Verida sogar zu einer Feier für angehende Ehefrauen, auf der getanzt, vor allem aber viel gegessen wird. Dort trifft sie eine Frau, die zum Zweck der Gewichtszunahme gesundheitsschädigende Tabletten schluckt. Zu Beginn meint der Zuschauer noch, er habe es hier mit einer längst vergangenen Zeit zu tun, fern unserer modernen Welt, aber dann der Szenenwechsel: Verida sitzt mit einer Freundin im Café, wo die beiden mit den Handys Selfies machen und diese einer Agentur für Werbemodels schicken; sie hören französische Musik und wechseln im Gespräch auch ab und zu ins Französische. Eine ihrer Freundinnen will in Ägypten Spieleprogrammierung studieren, die andere nach Paris reisen. Verida selbst lernt einen Bewunderer kennen und geht mit ihm sogar aus.

Nicht alle Frauen haben die Kraft, sich von Fesseln zu befreien

Als Zuschauer fragt man sich, warum Verida all dies erleiden muss und sich nicht, wie ihre Freundinnen, von den Fesseln der Tradition befreien kann. Eine Antwort darauf liefert vielleicht ein Gespräch zwischen ihr und einer alten Frau. Diese erzählt: „Früher mussten wir in nur einer Nacht ein ganzes Schaf essen und 12 Liter Milch trinken“. Verida fragt: „Wie habt ihr das ertragen?“ Woraufhin sie antwortet: „Ich stehe vor dir, es hat mich nicht umgebracht. Aber nicht alle Frauen haben die Stärke, das zu durchzustehen. Ich hatte eine Schwester, die in jener Nacht starb. Aber ich, ich überlebte.“ Diese Worte mögen uns ins Bewusstsein rufen, dass die Rede von Gleichberechtigung und Empowerment leer ist, wenn wir dabei nicht die Stärken jeder einzelnen Person berücksichtigen.

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