„Phoenix“
Aus der Asche der Vergangenheit

Szene aus "Phoenix"
Szene aus "Phoenix" | Schrammfilm

Man kennt ihn aus der griechischen und der arabischen Mythologie, den mystischen Vogel Phönix, die Verkörperung des ewigen Zyklus von Tod und Auferstehung. Einem bekannten arabischen Sprichwort zufolge wird man drei Dinge vergeblich suchen: Den Dämon. Den Phönix. Und den treuen Freund. Weshalb wählt nun aber ein deutscher Regisseur „Phoenix“ als Titel für einen Kinofilm über die Nachkriegszeit in Deutschland? Der rätselhafte Titel sagt bereits viel über den Reiz des Films von Christian Petzold aus, den nun auch das Kairoer Publikum auf der Goethe-Filmwoche sehen konnte.

Christian Petzold gilt als einer der bedeutendsten deutschen Filmemacher des 21. Jahrhunderts. Schon in seinem letzten Film „Barbara“, der von einer jungen Ärztin in der DDR der 1980er Jahre handelt, hatte der 55jährige Regisseur den Versuch unternommen, die jüngere deutsche Geschichte aufzuarbeiten, und dafür auf der Berlinale 2012 den Silbernen Bären erhalten. Schauplatz seines neuen Films „Phoenix“ ist nun das Berlin der Nachkriegszeit, unmittelbar nach dem Ende von Krieg und Holocaust. Das Drehbuch entstand unter Mitwirkung von Harun Farocki, frei nach der Geschichte „Le retour des cendres“ von Hubert Monteilhet, die ursprünglich in Paris spielt.

Die Protagonistin Nelly (gespielt von Nina Hoss), eine junge Jüdin, wird nach Kriegsende buchstäblich zu einem anderen Menschen. Sie hat zwar das Vernichtungslager Auschwitz überlebt, allerdings mit völlig entstelltem Gesicht. Nach einer Schönheitsoperation wird ihr klar, dass sie nicht nur den ihr vertrauten Körper hinter sich lassen muss, sondern auch einige Erinnerungen, die ihre Gültigkeit verloren haben. Es sind Kleinigkeiten, die zu dieser Erkenntnis führen. Ein Gruppenfoto aus alten Tagen zum Beispiel, auf dem die Gesichter von Nellys früheren Freunden und Bekannten markiert sind – eingekreist diejenigen, die sich als Nazis entpuppt haben, mit einem Kreuz versehen diejenigen, die im Krieg umgekommen sind.

Dramatische Entfremdung und visuelle Ausdruckskraft

Eine Vergangenheit, von der nichts übrig geblieben ist, ein ruinöses Gesicht, aus dem ein neues entstanden ist, eine geteilte Stadt voller zertrümmerter Erinnerungen – schwieriger könnten die Bedingungen kaum sein, unter denen Nelly versucht, mit sich und dem, was ihr im Gedächtnis geblieben ist, ins Reine zu kommen. Für die Worte ihrer einzigen überlebenden Freundin Lene (gespielt von Nina Kunzendorf) scheint Nelly taub zu sein, und das aus gutem Grund. Würde sie sich nämlich von Lene überreden lassen, nach Palästina auszuwandern und zu akzeptieren, dass es ihr eigener Ehemann Johnny (gespielt von Ronald Zehrfeld) gewesen ist, der sie an die Nazis verraten hat, käme dies einer völligen Bankrotterklärung gleich. Der Ehemann ein Verräter, das Leben in der Heimat nicht mehr lebenswert – Nelly wäre endgültig ein Mensch ohne Gesicht und ohne Wurzeln.

Um Nellys Entfremdung von ihren Mitmenschen darzustellen, bedient sich Christian Petzold bewährter visueller Mittel und zeigt seine Darsteller vorzugsweise in der Halbtotalen und in der Bildmitte, sodass, trotz aller Dramatik, immer das statische Moment zu überwiegen scheint. Rhythmus und Aufbau des Films passen, ebenso wie die von Hitchcock entlehnten Effekte, perfekt zu Nellys psychischer Verfassung, zum Beispiel bei der Begegnung mit ihrem Ehemann, aus der sich ein spannungsgeladenes Abenteuer entwickelt. Der besondere Reiz besteht dabei jedoch nicht in der an sich unglaublichen Geschichte, sondern in den komplexen emotionalen Verstrickungen zwischen der Protagonistin, die ihre leidvolle Vergangenheit überwinden möchte, und ihrem Ehemann, der vorgibt, eine reine Weste zu haben.

Durch sein Gespür für die richtige Geschwindigkeit und durch den Einsatz entsprechender visueller Mittel gelingt es Christian Petzold, dem Zuschauer bei den Nahaufnahmen der drei Hauptfiguren das Gefühl zu vermitteln, es handle sich nicht um ein klassisches Close-Up, sondern um einen direkten Vorstoß ins komplexe Seelenleben eines Menschen, der Schlimmes durchgemacht hat und jetzt alles in Frage stellt, insbesondere sich selbst.

Eine Existenzkrise, die jedem bekannt vorkommt

Auch wenn der Trailer suggeriert, dass es in „Phoenix“ ein weiteres Mal um das Leiden der Juden in den Konzentrationslagern geht, bleibt Christian Petzold immer dicht am ursprünglichen Stoff und kann so verhindern, dass der Film zum exklusiven Appell an ein bestimmtes persönliches oder kollektives Bewusstsein gerät. Unnötige Details spart der Regisseur bewusst aus, und der Zuschauer erfährt nur andeutungsweise, was Nelly in Auschwitz widerfahren ist und warum ihr Gesicht so entstellt ist – die Gräueltaten der Nazizeit sind inzwischen hinlänglich bekannt. Selbst bei Lenes Vorschlag, nach Palästina auszuwandern, stehen die individuellen Aspekte der Auswanderung im Vordergrund, ohne jegliche religiöse oder politische Anspielung.

Durch solche Gewichtungen wird schließlich klar, dass es hier allein um die persönliche Existenzkrise der Protagonistin geht, um eine Gemütslage, die jeder Zuschauer nachvollziehen kann, unabhängig von seinem Hintergrund. Wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch, der einem nahesteht, schwach wird und einen Verrat begeht, weiß das Publikum sehr genau. Der Film trifft den Nerv der Zuschauer also auf einer ganz individuellen Ebene, historische Zusammenhänge und Gruppenzugehörigkeiten treten dabei in den Hintergrund. Christian Petzold weiß einfach – und das zeichnet ihn als großen Filmemacher aus – dass selbst die großen Verbrechen der Menschheit auf der Leinwand nicht dieselbe Wirkung erzielen wie das Einzelschicksal einer ganz konkreten Person, mit der man sich identifizieren und mit der man mitfühlen kann. Gutes Kino ist und bleibt eben auch immer zutiefst menschlich. Und irgendwann lüftet sich dann auch das Geheimnis um den Titel des Films. Der Phönix ist in diesem Fall niemand anderes als die Protagonistin Nelly, die im wahrsten Sinne des Wortes von den Toten aufersteht. Ihr Schicksal versinnbildlicht nicht nur das Schicksal der Juden, sondern auch das Schicksal all jener Menschen, die ähnliche Seelenqualen durchgemacht haben.

„Phoenix“ ist ein hervorragender Film, und Christian Petzold hat wieder einmal gezeigt, dass er weiß, wie man spannendes und anspruchsvolles Kino macht. Während der Goethe-Filmwoche 2015 hatte nun auch das Kairoer Publikum die Gelegenheit, einen der wichtigsten zeitgenössischen Regisseure Europas näher kennenzulernen.