Uwe Oberg:
„Stilistische Grenzen sind mir fremd“

Uwe Oberg
Uwe Oberg | © Julia Kneuse

Der 1962 in Offenbach geborene Jazzpianist Uwe Oberg ist ein Improvisationstalent und Autodidakt. Seit über 25 Jahren begleitet er live Stummfilme wie „Die Augen der Mumie Ma“ oder „Sumurun“. Das Magazin „Deutschland und Ägypten“ sprach mit ihm über seine Leidenschaft für Jazz und Improvisation sowie die Besonderheiten der Arbeit mit Stummfilmen. 

 
Seit 1976 sind Sie als Pianist tätig, geben internationale Konzerte, haben mehrere CDs erfolgreich herausgebracht und erhielten 2007 den hessischen Jazzpreis. Was führte Sie dazu Musiker und speziell Jazzpianist zu werden? 

 
Als ich 7 Jahre alt war, kauften meine Eltern ein Klavier – ich war sofort Feuer und Flamme und habe dann auch Unterricht bekommen.  Als Teenager habe ich bei einem großen Festival in Frankfurt zum ersten Mal bewusst Jazz gehört,  da wurde mir klar, wo ich hin wollte. Mein Werdegang war unkonventionell, die akademische Laufbahn wollte ich nicht einschlagen. Schon früh hatte ich in verschiedenen Bands gespielt, 1985 bin ich in Wiesbaden zur Kooperative New Jazz gestoßen, einer MusikerInnen-Kollektiv mit eigenem Jazzclub - meine wichtigsten Lehrjahre, learning-by-doing. Der Jazz hatte mich gefunden.
 
Sie kombinieren Jazz mit neuer improvisierter Musik. Was fasziniert Sie an der Improvisation?
 
Stilistische Grenzen sind mir fremd. Improvisation bedeutet, sich allein oder mit anderen immer wieder auf neues musikalisches Terrain vorzuwagen und zu experimentieren. 
Manchmal habe ich hunderttausend Ideen gleichzeitig im Kopf. In der Improvisation kann ich diese unmittelbar umsetzen. Für mich ist es einfach die beste Art, Musik zu machen – es passt gut zu meinem unruhigen Geist.
Kommunikation spielt dabei eine wichtige Rolle. Improvisieren mit anderen ist immer eine Herausforderung, es entsteht Musik, die unvorhersehbar und einzigartig ist, egal, ob diese Musik Jazz genannt wird.
 
Trio Cush, Quartett ROPE, LACY POOL, Silke Eberhard, Xu Fengxia und Evan Parker sind nur ein paar der international bekannten Ensembles und Künstler mit denen Sie zusammenarbeiten. Welche Künstler und Musikstücke hatten den größten Einfluss auf Ihr Wirken als Musiker?
 
Oh,  eine Menge. In erster Linie die großen Jazz-Pianisten: Thelonious Monk, Cecil Taylor, Paul Bley, Alexander von Schlippenbach. Aber auch mit der komponierten Neuen Musik kam ich früh in Berührung: „Sonatas & Interludes“ von John Cage hat mich sehr beeindruckt, gerade in Hinsicht darauf, im Innenraum des Klaviers zu spielen. Damals waren auch die Komponisten der zweiten Wiener Schule ein wichtiger Einfluss: Schönberg, Berg und Webern. Es gab auch eine Phase, in der ich mich mit Evan Parker stark beschäftigt habe – ich wollte seinen Saxophonsound auf das Klavier übertragen. Jetzt bin ich froh, dass ich mit ihm spielen konnte.
 
Seit 1989 begleiten Sie zudem live Stummfilme darunter „Die Augen der Mumie Ma“, „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ und „Nosferatu“.  Wie kamen Sie dazu?
 
In Wiesbaden gibt es eines der schönsten Kinos in Deutschland, das Caligari. Dort werden  regelmäßig Stummfilme gezeigt. Die Veranstalter haben mich angesprochen, und seitdem bin ich dabei. Ich erinnere mich gut an das erste Mal: ich habe den Film „Der Golem“  vor der Vorstellung gesichtet, mir jede Menge Notizen gemacht, jede Menge Noten geschrieben und im Kino ging dann alles schief! Seitdem verlasse ich mich mehr auf meine improvisatorische Intuition.
 
Was sind die Besonderheiten / Schwierigkeiten bei der musikalischen Untermalung von Stummfilmen?
 
Zuerst muss ich die richtige musikalische Stimmung, Atmosphäre finden, mit der ich den Film einfärbe. Musik macht den stummen Film lebendig, als ob er in den Augen des Publikums im Moment gedreht würde. Ich spiele keine historische Stummfilmmusik, sondern zeitgenössische Klänge, um den Film ins Heute zu setzen. Gute Filme brauchen meist nur wenig Musik! Man muss sein Ego als Musiker vergessen können, wenn man zum Stummfilm spielt, es ist besser, eine beobachtende Haltung einnehmen.
Filme, wie auch Malerei und Tanz sind eine große Inspiration für mich - Klangfarben, Textur, Licht und Bewegung in Musik umzusetzen.
 
Trotz ihres ‚Ruhms‘ unterrichten Sie nach wie vor Jazz, Blues und Pop mit dem Schwerpunkt Improvisation. Was bewegt Sie dazu Ihre Lehrtätigkeit fortzusetzen?
 
Ich gebe Klavierunterricht, das ist Teil des Broterwerbs! Jazz und Improvisation zu unterrichten, ist manchmal nicht einfach, jedoch eine spannende Herausforderung, gerade in Ensemble-Workshops. Ich bin oft überrascht, was dabei herauskommt, musikalisch und auch an Denkanstößen für mich. Es macht mich glücklich, selbst noch immer ein Musik-Student zu sein!
 



Uwe Oberg, * 1962 in Offenbach am Main geboren, ist ein deutscher Pianist und Komponist. Seit den 1980er Jahren spielt er in zahlreichen Kontexten: Als Solist spannt er den Bogen vom Inside-Piano zur Musik von Monk. Mit seinem Quartett (mit Matthias Schubert, Georg Wolf und Jörg Fischer) spielt er eigene wie auch fremde Kompositionen – und transformiert sie in seine sehr persönliche, stilistische Grenzen überschreitende Klaviersprache. Seit 1986 ist er Mitglied der Kooperative New Jazz/ARTist Wiesbaden. Seine Musik ist improvisiert. Ferner sucht er immer wieder die improvisatorische Begegnung mit Musikern aus verschiedenen Kulturen, etwa im Duo mit Xu Fengxia oder im Trio mit Saadet Türköz und Urs Leimgruber.  Oberg komponiert Musik für Theater, Tanz und Literatur.  Als Stummfilmpianist ist er regelmäßig z. B. im Deutschen Filmmuseum Frankfurt oder im Caligari-Kino Wiesbaden zu hören. Seit dem Jahr 2000 kuratiert er das Jazzfestival Just Music in Wiesbaden.