Kunst am Bau Gloria den Unbekannten

المجد للمجهولين  /  Glory to the Unknown
المجد للمجهولين / Glory to the Unknown, von J&K / Janne Schäfer und Kristine Agergaard, digitale Fotocollage, 9-teiliges Wandrelief, 310 x 840 x 9 cm, Goethe Institut und DAAD, Kairo, Ägypten, 2016 | ©Worschecharchitects

Eine leicht absurde Theatralik, an Kitsch grenzende Ikonografie und freche Verspieltheit vereinen sich im neuesten Werk des deutsch-dänischen Künstlerduos J&K, „Glorie den Unbekannten“.

Eine ganze Wand füllt die Collage aus, in der sich Charaktere der altägyptischen Mythologie unter solchen tummeln, die die Künstlerinnen Internetbildern von der ägyptischen Revolution oder ihrer eigenen Imagination entnommen haben. Vielleicht am wichtigsten sind hier jene Fotografien, die sie selbst während ihrer Recherche in Kairo nach 2011 aufgenommen haben. J&K spielen mit den Klischees, die die westliche Vorstellung von Ägypten prägen; sie nehmen die von ihnen erwartete Identität als Neokolonisatoren an und zugleich den Kampf gegen eben diese Herrschaft neokolonialistischer Bildproduktion auf. Die Arbeit trägt ganz bewusst den Mantel von Edward Saids „living tableau of queerness“, des lebendigen Bildnisses der Merkwürdigkeit, als welches er den Orient beschreibt, nur um gleichzeitig eine schwülstige Schlacht gegen ihren eigenen orientalisierenden Blick zu führen.

J&Ks Werk über Ägypten kann amüsieren – aber auch verunsichern. Auf welcher Seite des Scherzes stehen wir? Machen diese in die Gegenwart verschobenen stereotypen, beinahe schon karikativen Darstellungen vom alten Ägypten uns zu Komplizen eines nicht ganz so politisch korrekten Akts? Jene Unbequemlichkeit für das Publikum ist Teil der Tücke und letzten Endes Kraft dieser Arbeit. Während das Bild bei verschiedenen Publikumsgruppen sicherlich aus unterschiedlichen Gründen Unbehagen auslösen wird und ambivalent in seiner Deutbarkeit ist, ermutigt es gerade westliche Betrachter dazu, ihren eigenen privilegierten Status als Konsumenten derartiger Bilder, und vielleicht ihre eigene unterschwellige Tendenz der Versachlichung und Exotisierung, kritisch zu hinterfragen. Diese potenziell Unbehagen verursachende Dynamik ist besonders dann interessant, wenn sie im Kontext des Goethe-Instituts beobachtet wird.

Zusätzlich zu dieser schwierigen (wenn auch leichtherzig verrichteten) Aufgabe der Abrechnung mit dem „fremd-machenden“ Blick, beschäftigt sich J&Ks „Glorie den Unbekannten“ mit einem Thema, das in mancher Hinsicht beides, bis zur Schwerfälligkeit überrepräsentiert und gleichzeitig nicht abbildbar, ist: die ägyptische Revolution. Während die Fotografien aus J&Ks früherer Arbeit „Egyptomaniacs“ noch eine apokalyptische Zukunft humoristischer gottartiger Gestalten, gefangen in sterilen, scheinbar verlassenen Touristenressorts und -stätten, ankündigten, ist „Glorie den Unbekannten“ fest in einer angespannten Gegenwart situiert, in der Scherben einer grimmigen post-revolutionären Dystopie durchsetzt sind mit Hoffnungsschimmern von Frieden und Heilung.

Anstatt sich auf allzu festgelegten und bedeutungsschweren Bildern – der menschenüberfüllte Tahrir-Platz, Tränengas, Militärpanzer – auszuruhen, erzählen J&K die Geschichte der Gegenwart indem sie das Lexikon alter Symbole mit zeitgenössischen Referenzen aus ihren Fotografien des postrevolutionären Kairo durchsetzen. Es scheint die Intention der Künstlerinnen zu sein, die jedes Element mit ikonografischer Bedeutung durchtränkt haben, das Bild wie einen Text lesbar zu machen. Vom gekrümmten Totengott Anubis an der Unterseite der Arbeit bis zur triumphierenden, machtvoll ihre Arme emporreckenden Kleopatra-Figur – die Collage erzählt eine Geschichte von Schmerz und einem erträumten Sieg, den man sich, auch wenn er unmöglich scheint, zumindest versuchen muss vorzustellen.

Der Titel der Arbeit ist im Werk selbst als arabische Aufschrift auf einer Silberflasche im oberen Teil der Collage zu finden, „Glorie den Unbekannten“. Es ist eine Formulierung aus Graffitis, die 2013 in der Nähe des Tahrir-Platzes dokumentiert wurden. Sie verweist auf die unbekannten und namenlosen Menschen, die während der Revolution 2011 oder in ihrer Folge ums Leben kamen. „Glorie den Unbekannten“ spricht über Tod und Triumph, Angst und Optimismus, Gewaltpotenzial und Friedenschancen, und erreicht schließlich seinen hoffnungsvollen Höhepunkt mit den triumphierenden Figuren, die den obersten Teil des Bildes beherrschen.

 

Über die Künstlerinnen


J&K, Janne Schäfer und Kristine Agergaard, wohnen in Berlin und Kopenhagen und arbeiten seit 1999 zusammen. Ihre künstlerische Praxis ist ganz wesentlich performativ geprägt und beschäftigt sich mit den verschiedenen Wegen, Performance mit anderen Medien wie Fotografie, Installation, Collage, Skulptur, Fundobjekten und Text zu verbinden. Mit einer Mischung aus Verspieltheit und Ernst untersuchen J&Ks Arbeiten die kulturelle Produktion von Zivilisation und Identität, und letztendlich den Zustand und die Grenzen menschlicher Existenz.


full captions of work (German)

 
lange Version
المجد للمجهولين  / Gloria den Unbekannten
von J&K / Janne Schäfer und Kristine Agergaard,
aus dem Werkzyklus Egyptomaniacs, digitale Fotocollage, 9-teiliges Wandrelief, c-print Diasec, 310 x 840 x 9 cm, eine Kommission des Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), installiert am Neubau des Goethe Instituts und DAAD, Kairo, Ägypten, 2016
 
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