Gated Communities Ein Blick nach Innen

Constanze Fischbeck
©Goethe-Institut Kairo/Nele Herzog

Das Leben in Compounds, außerhalb des Trubels von Kairo, verspricht vor allem Sicherheit und Raum, Luft zum Atmen und Freizeit im Grünen. Ein Interview mit der Künstlerin Constanze Fischbeck.

Werbeflächen entlang etlicher Hauptstraßen der ägyptischen Hauptstadt bewerben diese konstruierten Lebensräume als utopische Zukunftsvisionen, ideale Nachbarschaften, paradiesische Oasen- nach dem Vorbild US-amerikanischer Vorstädte und europäischer Parkanlagen. Diese träumerischen Visionen von einem suburbanen Leben manifestieren sich jedoch nur unter bestimmten Bedingungen und für bestimmte Bevölkerungsschichten. Selbst Familien, die sich ein teures Anwesen in den großzügig begrenzten und allzeit bewachten Wüstenvorstädten leisten können, müssen ihre Träume von einem besseren Leben an eine Realität anpassen, die nicht mehr nur von Witterungsbedingungen der Wüste bestimmt wird.

Constanze Fischbeck ist Künstlerin aus Berlin. Mit Partner Daniel Kötter erforscht sie seit längerem weltweit Städte, dessen Zwischenräume und wie diese belebt oder verlassen werden. Zurzeit erkunden die Beiden für ein gemeinsames Filmprojekt die Bedingungen und Implikationen der Lebensräume in Kairoer Vorstadtwüsten. Im Gespräch berichtet sie von ihren Eindrücken.
 
Wie kamen Daniel und du als Künstler zusammen?

Wir haben uns 2007 über einen Regisseur kennen gelernt, mit dem wir einen interdisziplinären Theater- und Kunstworkshop im Goethe-Institut Lagos angeboten haben. Vor allem aus einer sechs Jahre langen Zusammenarbeit am Film-, Forschungs- und Kunstprojekt „State Theater“, das uns an 6 Orte führte, hat sich eine gemeinsame Herangehensweise und Sprache geformt. Das Spezielle, was die Zusammenarbeit ausmacht, ist natürlich ein großes Interesse, andere, urbane Orte zu erforschen, lange zu recherchieren, mit vielen Leuten zusammen zur arbeiten, direkt vor Ort etwas Performatives zu entwickeln. Dazu kommt ein gemeinsames Interesse an nicht fernsehtauglichen Techniken, die dem Bild selbst mehr zutrauen und alles, was wir monatelang recherchieren, in Bilder übersetzen. Kein Off-Kommentar, kein Voice-Over, keine erklärenden Texttafeln oder Untertitel zwischendurch. Stattdessen eine Bildsprache und Kameratechnik, die die Sicht vermitteln kann, die wir gewonnen haben.
 
Bei eurer Forschung in Kairo stelle ich mir das sehr kontrastreich vor.

Bei „State Theater“ haben wir uns mit National- und Staatstheatern beschäftigt, oder mit Ruinen dessen, dafür hat es uns folgerichtig immer ins Zentrum einer Stadt geführt- es heißt ja, dass man im Zentrum der Stadt nach einem bestimmten Potenzial sucht. Am Ender dieser Reihe haben wir festgestellt, dass es uns interessiert, den Fokus auf diese meist überdefinierten Innenstädte zu verlassen und auf die Peripherie zu legen. Deswegen haben wir uns in Kairo von Anfang an die Peripherie angeguckt. Welches  Potenzial, liegt eigentlich in ashweyats (informellen Wohnvierteln) und Dessert Citys, die erstmal gar nicht so kontrastreich sind. Sie sind kontrastreich im Vergleich zu den ashweyats und den anderen Innenstadtvierteln Kairos, ansonsten monochrom, aber in ästhetischer Hinsicht sehr reizvoll. In Mitteleuropa ist die Wohnform der gated communities (umzäunte, bewachte Wohngebiete) vielleicht noch nicht so verbreitet, aber dass diese Form des sich separierenden Zusammenlebens weltweit auf dem Vormarsch ist, ist offensichtlich. Es geht uns darum, dieses Phänomen zu verstehen. 

Deswegen wollten wir hier sehr gründlich herangehen, mittels Selbsterfahrung sowie der Technik, einer Kairoer Familie eine Erfahrung der Residenz zu ermöglichen.
 
Ich habe den Eindruck dass viele gated communities der Versuch sind, nicht genutzten Raum zu nutzen, etwas aus dem Nichts zu stampfen, Leerstellen zu befüllen und die Art wie das gemacht wird schafft bestimmte Bild und Szenarien.

Die Wüste ist keine Leerstelle. Der Landschaftsbegriff für die Wüste in Ägypten ist viel schwerer fassbar als in Deutschland, in Europa, vielen anderen Ländern. Ich würde nicht Leerstelle sagen, sondern verfügbares Land. Eine Leerstelle ist für mich ein Zwischenraum. Aber die Wüste ist ein riesiges Gebiet, das eher als Material verstanden wird. Da werden Träume gebaut. Als Kairo-Neuling habe ich versucht, Zeichen zu dekodieren und dabei fällt man buchstäblich über diese riesigen Billboards, die, ich würde behaupten, zu 40 Prozent gated  communities bewerben. Das ist omnipräsent. Da werden für den englisch sprechenden Kairoer pure Träume beschrieben: "Feel the Rhythm, take me there."
 
Das sind die Szenarien und Bilder, von denen ich sprach.

Das sind sehr reizvolle Versprechen. Und dann kommt man dahin und sieht einen halbfertigen Zustand. Selbst wenn innerhalb eines Compounds alles fertig, der Traum vollkommen ist, hört er vor der Mauer wieder auf. Wir sind es gewohnt einen Blick hinaus, in die Landschaft zu haben. Gemeint ist mit diesen Werbesprüchen aber meistens der Blick nach innen. Die Billboards sind eine kleine, hermetische Beschreibung einer Compound-Welt, jeweils der Blick nach innen, auf den Hof, Grünflächen, kleine Paradiesanlagen. Aber heraus guckt man entweder in die Wüste, oder auf die nächste Baustelle, Schnellstraße- die beworbene Welt ist schon wieder zu Ende.
 
Wessen Bedürfnisse erfüllen die Compounds? Sind das wirklich menschliche Bedürfnisse, oder Bedürfnisse von Investoren?

Na klar, Bedürfnisse nach Ruhe, Frieden und Abschottung, unter Gleichen sein, zu einer Elite gehören. Man hat in Kairo das Gefühl, andere Welten zu betreten, wenn man andere Stadtviertel betritt, da muss es keine gated community sein. Da finden sich offensichtlich bestimmte Lifestyles zusammen, ob nun ärmer oder reicher ist ganz egal. In gated communities ist das ähnlich, nur in viel stärkerer Form, weil es sich um durch Privatwirtschaft initiierte Regeln handelt. Auch die Architektur- und Außenraumgestaltung bestimmt diese Regeln sehr. Die  Häuser sehen alle gleich aus und die Bewohner fügen sich, gestalten ihre Häuser natürlich individuell, aber stimmen einem großen Set an Regeln von außen zu. Das scheint aber das Bedürfnis von Vielen durchaus zu treffen.
 
Du bist jetzt täglich in einen Compound herein und wieder heraus gefahren - wird es irgendwann normaler?

Natürlich. Vor allem weil wir uns auch über einige Wochen verschiedene Compounds in Kairo angeguckt haben. Mandinaty ist ziemlich groß, wie eine Neustadt im Werden. Bei einer Stadt im halbfertigen Zustand kann man den Masterplan sehen, der noch nicht durch den täglichen Gebrauch überformt wurde. In älteren Compounds kann man den Gebrauch beispielsweise daran sehen, dass die Vegetation schon hochgewachsen ist. In neu angelegten Compounds ist die Vegetation hingegen gesetzt, hatte noch keine Gelegenheit irgendeine Eigenart zu entwickeln. Das wird innerhalb der nächsten 10 Jahre passieren. Aber auch das ganze Personal was dort arbeitet, die Angestellten, Arbeitertrupps und welche Aufgaben sie ausfüllen, in welchem Rhythmus sie sind, all das kann man sehr transparent sehen und es ist hochinteressant. Eine ganze Armada an Sicherheitspersonal hat beispielsweise kein eigenes Dienstauto, sondern sitzt dort alleine auf einem verlorenen Posten und muss darauf warten, dass ihnen jemand Wasser oder etwas zu Essen bringt. Es gibt auch ein Auto was ein Mal pro Tag überall Gift gegen Mücken und Pflanzenschädlinge versprüht.
 
Also passen die Menschen sich statt an die Witterungsbedingungen der Natur, sinngemäß an die Witterungsbedingungen der Stadtregulierung an?

Ja. Es gibt auch beispielsweise öffentlichen Nahverkehr, aber es ist trotzdem sehr auf das Autofahren ausgelegt und dass man sich alles Mögliche in sein Haus bringen lassen kann. Delivery ist in Kairo groß, aber in Compounds noch größer. Dieser Blick nach innen wird stärker. Das Außen um darin zu kommunizieren, einzukaufen, Menschen zu begegnen wird immer weniger gebraucht. Das ist erstaunlich, abschreckend für Jemanden, der diese Lebensform nicht gewohnt ist, denn sie hat wenig Durchlässigkeit zueinander. Aber wir wollen das nicht werten. Das was der Europäer hochhält muss nicht eine Lebensform sein, die überall so gewollt wird. Das haben wir uns von den Leuten, mit denen wir zusammenarbeiten, auch oft genug erklären lassen. Sie wollen uns gerne in der Mall treffen, das gefällt ihnen so und für uns ist das völlig in Ordnung.


 

In dem Projekt „Desert View“, initiiert von den beiden Theater- und Filmemachern Constanze Fischbeck und Daniel Kötter, geht es um die Erforschung des Wohnraums in den Satellitenstädten in der Wüste rund um Kairo. Gemeinsam mit Urbanisten und Soziologen, Studierenden der GUC und in enger Zusammenarbeit mit den Barakats, einer 3-Generationen-Familie aus Bashtil, untersuchen die Filmemacher die Architektur und  Nutzung von Wohn- und öffentlichem Raum in einer eigens angemieteten Villa von Madinaty, einer Neustadt in der Wüste am östlichen Rand Kairos. Das Recherche-, Diskurs- und Filmprojekt ist Teil des Jahresprojekts „Ortswechsel – Neue Perspektiven“ des Goethe-Instituts Kairo.