Theatertruppe El Warsha
"Wir bilden eigene Künstler"

The Imprisoned Prince 2013
©Christophe Renaud

30 Jahre Warsha. In Ägypten produzierte Theaterstücke, die weltweit auf Tournee gehen. Ein Gespräch mit dem Theaterdirektor Hassan El Geretly.

Wie sehen Sie sich selbst?

Ich bin ein Fachmann für das Theater. Eigentlich wollte ich Schauspieler werden, aber als ich nach Europa ging, war es als Ausländer nicht so einfach, Schauspieler zu werden. Ich machte meinen Abschluss an der Universität von Bristol, und während dieser Zeit befasste ich mich mehr mit Regiearbeit, was mir wirklich Spaß machte, denn ich bin eher am theoretischen und historischen Hintergrund der Dinge interessiert. Außerdem war ich nie wirklich zufrieden mit dem Regisseur, mit dem ich arbeitete, da er es nie schaffte, wirklich den Schauspieler aus mir herauszuholen. Darum dachte ich, dass ich wirklich ein Regisseur bin, vielleicht zu einem gewissen Grad sogar ein Dramaturg, denn ich habe immer gern an der Strukturierung von Stücken, ihrer Architektur, mitgewirkt. Doch ich habe viele andere Dinge gemacht, einschließlich Schauspielerei, ich hatte kleine Rollen und große Rollen. Also bin ich wohl auch ein Schauspieler. Jetzt finde ich mich in der Rolle eines Theaterclowns in „Le Prince Séquestré“ wieder, einem Stück von François Cervantes.

Was macht Warsha?

Wir bilden eigene Künstler, aber auch andere Menschen aus. Wir produzieren Theaterstücke und gehen mit ihnen in Ägypten, in der arabischen Welt und weltweit auf Tournee. Wir pflegen ein Netzwerk in der arabischen Welt und helfen unabhängigen Ensembles. Aber unsere Arbeit umfasst auch Verwaltung und Übersetzung, vor allem die Übertragung von Stücken aus einer Kultur in eine andere. Es gibt nur sehr wenige Übersetzer, die sich auch auf Fragen kultureller Aspekte spezialisiert haben. Ein weiterer wichtiger Aspekt von El Warsha ist, dass wir Wege aufgezeigt haben, um den Geschichtenerzähler zurückzubringen, wenn auch nicht unbedingt im Brecht‘schen Sinne. Uns geht es eher um die Menschen auf der Straße: Jeder könnte ein Geschichtenerzähler sein. Diese Aspekte brachten wir zurück ins Theater. Unsere Arbeit umfasst multidisziplinäre Aktivitäten in vielen Bereichen, die jedoch alle miteinander verbunden sind.

  • Dayer Maydour © Khaled Gouweily
  • Tides of Night, 1993 © Khaled Gouweily
  • Dayeren Dayer 1990 © Khaled Gouweily
Was ist das Ziel der Arbeit, die Sie und El Warsha leisten?

Wir versuchen das nicht Ausgedrückte auszudrücken, wir geben all den Dingen in der arabischen Welt, die schwer auszusprechen sind, eine Stimme. Wir drücken uns selbst aus, aber durch uns drücken wir die Dinge aus, die in der arabischen Welt unterdrückt werden, all die Dinge, die zensiert werden. Das Ziel ist auch, die unabhängige Kunst in all ihren Formen zu unterstützen. Viele Menschen sagen mir: „Seit der Revolution 2011 seid ihr politisch geworden“, aber eigentlich war das Erste, was wir taten, das Revolutionärste, nämlich unabhängig zu sein und weder vom Staat noch vom Kommerz abhängig zu sein, um uns selbst auszudrücken.

Sie haben viele große Künstler entdeckt und ihre künstlerische Seite manchmal überhaupt erst aus ihnen herausgeholt. Wie erkennen Sie das künstlerische Potenzial in Menschen?

Das ist genau das, wofür wir am berühmtesten sind: Menschen auszubilden, die Stars werden. Ich meine, es ist nicht meine Schuld, dass sie am Ende Stars werden, denn wir bilden sie nur aus. Natürlich sind das Menschen, die Gott mit großem Talent ausgestattet hat, aber sehr oft brauchen sie jemanden, der ihre Rohre durchputzt, einen Ausbildungsprozess. Wir bilden sie nicht nur im Schauspiel aus, sondern auch im Geschichtenerzählen, dazu ihre Stimme und ihre Bewegungen, damit sie eine perfekt abgerundete Ausbildung bekommen. Dieser Aspekt unserer Arbeit hat uns sehr bekannt gemacht. Wenn ich zurückblicke, was ich zwar nicht sehr oft tue, aber jetzt natürlich schon, da unser Ensemble sein 30-jähriges Bestehen feiert, merke ich, wie viele großartige Menschen unsere „Schule“ durchlaufen haben und ganz unterschiedliche Charaktere, Persönlichkeiten, wurden: Sänger, Tänzer, Schauspieler. Oftmals werde ich gefragt, wie man in unsere Gruppe kommt, dann sage ich: „Das weiß ich eigentlich gar nicht.“ Ich laufe einfach mit ausgestreckten Antennen durch die Straßen und empfange etwas, ich sehe Menschen und rede mit ihnen.
  • Shadow Play Masters ©Khaled Gouweily
  • Bullet in the Heart 2003 ©Khaled Gouweily
  • Spinning Lives, 1998 غزل الاعمار Khaled Gouweily
  • Cairo Calling 2004 حلاوة الدنيا Nabil Boutros
  • Nights of AlWarsha © Nabil Boutros
  • The Pupil Wishes to be a Master 1987يموت المعلم © Khaled Gouweily
Sie wollten nie für den öffentlichen Sektor arbeiten und Ihre einzige Erfahrung am Opernhaus Hanagar Theatre endete, noch bevor sie begann. Und es war nicht gerade ein Erfolg …

Nein, es hätte ein Erfolg sein können, wäre ich bereit gewesen, ein Alibi zu sein, will man mich im Fenster haben, muss man andere in der Hinterhand haben. Aber gibt man mir so eine Position, kann man mich nicht als Alibi benutzen. Die Logik dabei war eine bürokratische Logik, keine künstlerische Logik. Wir arbeiten sehr oft mit der Regierung im Hinblick auf unsere Tourneen. Tatsächlich sind wir das Ensemble, das in der Geschichte Ägyptens bisher am häufigsten auf Tournee gegangen ist. Aber ich werde nicht der Baum sein, der die Abwesenheit des Waldes kaschiert.

Welche wichtigen Unterschiede fielen Ihnen zwischen der französischen und ägyptischen Theaterszene auf?

Kunst zu machen ist nirgendwo einfach, und die verschiedenen Elemente, welche die künstlerische Arbeit einschränken, sind nicht überall dieselben. Aber es gibt sie, auch in Frankreich gibt es alle möglichen undefinierten Elemente von Zensur. Ich kann nicht sagen, dass ich je in einer Umgebung gearbeitet habe, wo die Freiheit tatsächlich groß genug gewesen wäre für die Art von Träumen und Ambitionen, wie ich sie habe. Aber Zensur kann man immer irgendwie umgehen. So ist das Leben, es ist ein beständiger täglicher Kampf an der Front um das Mögliche. Wir leben in einer sehr repressiven Welt, schauen Sie nur, was gerade in Amerika und sogar in Deutschland geschieht. Die Beziehung zwischen dem, wo die Schranken heute sind, und wo wir sind, ist sehr dynamisch. Wir waren noch nie auf der anderen Seite der Schranken, das ist nicht möglich. Aber wir finden es auch nicht angenehm, hier festzusitzen. Wir drücken unablässig gegen die Schranken. Wir schaffen es, zu sagen, was wir zu sagen haben, und wir haben immer gesagt, was wir sagen wollten.

Können Sie an jedem Thema ungehindert arbeiten, oder werden Sie zensiert? Wissen Sie, ob Mitglieder der Regierung bei Ihnen im Publikum sitzen?

Es funktioniert nicht wie in der kafkaesken Vorstellung, dass jemand im Publikum sitzt, zuhört, beobachtet und alles sieht, was man tut, es ist sehr diffus. Warsha sollte es nicht geben, aber es gibt uns seit 30 Jahren. Wie? Wir passen uns an, aber wir versuchen immer, das zu sagen, was wir zu sagen haben. In Ägypten werden viele Dinge gesagt, während der Ära Mubarak sagten Menschen Dinge, und auch heute werden jeden Tag Dinge gesagt. Paradoxerweise scheinen Ihre Fragen nahezulegen, dass das, was jeden Tag mehr wird, unmöglich ist, und vielleicht ist es ja unmöglich,  aber tatsächlich wird es trotzdem jeden Tag mehr. Es gibt so viele Initiativen, die es eigentlich nicht geben dürfte, und doch werden es immer mehr. Jeden Tag höre ich von aufregenden Initiativen, die Situation ist also paradox. So ist die Lage der Kultur und der Künste in unterschiedlichem Ausmaß überall auf der Welt schon immer gewesen.

Macht Ihnen Ihre Arbeit Spaß, oder ist sie manchmal anstrengend?

Sie macht mir Spaß, und zwar nicht deswegen, weil ich ein böser Junge bin, aber es macht mir Spaß, diese Arbeit zu tun, ich genieße sie wirklich. Durch diese Arbeit wird mir klar, dass es innerhalb unserer Gesellschaft große Bereiche der Freiheit gibt, diese Bereiche liegen nicht außerhalb. Die Gesellschaft wird konservativer, nicht nur die Machtstruktur, sondern die Gesellschaft an sich, doch wenn ich in konservativen Gebieten Ägyptens auftrete, merke ich, dass in den Menschen eine Menge Freiheit steckt, die in einer Diskussion nicht zum Ausdruck kommt. Wir stellen uns die Frage, was wir für die Minderheiten, aber auch für die unterrepräsentierten Mehrheiten wie beispielsweise Frauen in diesem Land tun können. Wir fragen uns unablässig, wie wir sie darstellen, wie wir mithelfen können, diesen Menschen eine Stimme zu geben. Ich genieße diese Arbeit, sie ist wirklich mein Leben. Ich meine, es gibt jeden Tag etwas Nerviges oder wirklich Schwieriges, aber das ist der Preis, den man bezahlt, für das, was man gern tut, man kann nicht beides haben.

Und die nächsten 30 Jahre?

Ich bedaure nicht, was ich getan habe. Ein paar Kleinigkeiten würde ich anders machen, aber könnte ich mit einer Zeitmaschine zurückkehren, würde ich denselben Weg einschlagen wie vor 30 Jahren. Doch mich interessiert mehr der Moment mit all seinen positiven und negativen Dynamiken. Ich spreche gern über die 30 Jahre, und sie sind eine Ressource für andere, aber mich interessiert die Zukunft mehr. Natürlich ist die Idee nicht, Warsha so zu lassen, wie es ist, es geht darum, wie wir das als unabhängige Künstler leben. Ich glaube nicht an „Kulissen“, im Leben geht es um Bewegung und Veränderung. Ich möchte weiterhin ein Geschichtenerzähler sein, und ich möchte tanzen. Ich will weiterhin Menschen ausbilden und anderen helfen, ihre eigenen Dinge zu erschaffen. Ich möchte auch weiterhin die wichtigen Dinge tun, die wir tun, aber die Idee, für immer zu bleiben, gefällt mir nicht. Ich weiß wirklich nicht, wo die Zukunft liegt. Aber ganz bestimmt sind wir schon Teil der Zukunft. Hoffnung habe ich nicht, aber eine sehr starke Sehnsucht.
 
Hassan El Geretly © Tamer Issa Hassan El Geretly ist Theaterdirektor, der auch im Bereich Film Erfahrungen gesammelt hat. Er studierte Theaterwissenschaften und französische Literatur an der Universität von Bristol in Großbritannien und erwarb ein Hochschuldiplom in audiovisueller Inszenierung (Radio, Video und Film) an der Universität Paris-Sorbonne. Seit den 1970er Jahren arbeitet er in Frankreich und Ägypten für Theater und Film. Er war der Gründer eines Theaterensembles namens „Les Tréteaux de la Terre et du Vent”, das zwischen 1975 und 1980 in Frankreich auf Tournee war. 1987 gründete El Geretly in Ägypten das Theaterensemble El Warsha. 1988 wurde er zum Leiter des ersten experimentellen Theaters in Kairo berufen, trat aber 1992 zurück, um sich ganz dem unabhängigen Theater zu widmen.