Künstlerduo aus Berlin Schattentheater "Khayal al Zill"

Schattentheater
© Birgit & Casper

Ein Künstlerduo aus Berlin entwickelt vor allem Performances, Installationen und manchmal auch 2D Formate. Die unmittelbare und kulturelle vielfältige Nachbarschaft in Berlin Neukölln bewegt Caspar und Birgit auf Recherchereisen in andere Städte oder Länder und manchmal sind es nur ein paar Meter die Straße entlang. Nach stunden- und tagelangen Gesprächen mit vielen Menschen über ihre Geschichte, ihren Glauben, ihre Umbrüche und Reisen, herumstreunen und stöbern in Archiven entwickeln sie künstlerische Arbeiten – vielleicht für ein Publikum, dass diese Art von Reisen nicht machen kann.
 

Wann und warum sind Sie nach Kairo gereist (worüber wolltet ihr forschen)?

Wir kamen im März und April 2017 nach Kairo, für ganz genau 30 Tage.

Unser Interesse am Schattentheater hat uns nach Kairo gebracht. Wir selber haben letztes Jahr ein Schattenspiel gebaut, darin zu sehen sind ausgeschnittene Karten, die Wege und Routen nach Deutschland zeigen. Die meisten dieser Karten sind von guten Freunden von uns, aus kurdischen Gebieten, arabischen Ländern und auch von Schleusern, die wir 2014 an der griechisch-türkischen Grenze trafen. Hinzu kam eine Idee mit der wir uns beschäftigten, das heute die Routen des Kolonialismus, der einst vom Norden in den Süden ging umgekehrt werden und das sich dies u.A. an der großen Bewegung ablesen lässt, die viele Menschen auf sich nehmen um in Europa leben zu können. Kolonialismus? Einst unterdrückten kolonialen Machthaber das Schattentheater in ihren Gebieten und gleichzeitig brachten Andere in dieser Zeit das Schattentheater nach Europa, als exotische Kulturform und stellten es in Museen aus.

Uns interessieren aber nicht nur Inhalte und gesellschaftliche Debatten, sondern auch die künstlerische Form.

Uns fielen Berichte über das Schattentheater in Ägypten in die Hände, das sogar schon vor der Zeit des Osmanischen Reiches existierte. Jemand der selber seine Heimat (Mosul) verlassen musste, ist heute einer der wichtigsten Stellvertreter des ägyptischen Schattentheaters – Ibn Daniyal. Er lebte im 13. Jahrhundert.

Was ist denn das Ziel des Projektes „Khayal al zill“ gewesen?

Wir wollten im Grunde genommen selber mit eigenen Augen Schattentheater Aufführungen sehen und drüber lernen wie Visualität, Performance und Sprache ineinander greifen.

Schattentheater © Pauli

Wir bauen zwar selber Schattenspiele, aber immer fehlt der Mensch, also die live Performance darin. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Schattenspieler arbeiten, als Performer, Erzähler und Regisseure wollten wir sehen was wir dazu in Kairo finden und lernen können.
 



Wir haben sehr viel gefunden und entdeckt aber konnten keine einzige Aufführung sehen, die diese alte Form beibehalten oder zumindest ins Heute übersetzt hat. Zwei der letzten „old-school“ Schattenspieler arbeiteten mit Hassan El Geretly's Al Warsha in den 80er und 90er Jahren. Aber beide sind tot.

Es gibt natürlich zeitgenössische Varianten von Schattentheater. Die alte Form jedoch war ein eigenes Genre, mit seinen eigenen Regeln, Formensprache und Wille zum Ungehorsam (gegenüber Gesellschaftlicher Moral, Machthaber etc).

Wir haben tatsächlich eher über das Verschwinden dieser Kunstform gelernt, was ein langsamer Prozess war. Ein starker Eindruck haben die Begegnungen mit Künstlern hinterlassen und ihrem Bemühen eigene Formen und neue Mittel und Medien ins Schattenspiel bzw. Puppenspiel zu integrieren. Aber die große Frage ist für sie auch: Welche Geschichten können wir heute erzählen, im Kontext einer politisch deprimierenden Gegenwart? Denn das Schattenspiel ist eben auch eine künstlerische Erzählform, für ein erwachsenes Publikum.
 
Könnt ihr kurz über die Geschichte der Schattenfiguren (Schattentheater) in Ägypten berichten?

Puuuh, das ist eine schwere Frage, die wir eigentlich nicht beantworten können. Eine sehr gute und gewissenhafte Wissenschaftlerin, die sich damit beschäftigt hat ist Dr. Hoda Issa. Sie schrieb einmal einen Text für die Societe Geographique und fand heraus, dass es im Mittelalter in den Kreisen der Handwerkergilden in Kairo als gehobene, auch spirituelle Form der Unterhaltung existierte. Verschiedene Fertigkeiten waren notwendig um ein Schattentheater zu bauen und zu gestalten. Weber für die Leinwand, Tischler für die Bühnenkonstruktion, Sattler für die Lederverarbeitung, denn die frühen Figuren bestanden aus hauchdünnem eingefärbten Esel und Kamelleder, einzelne Teile sogar aus hauchdünner Fischhaut. Die Spieler waren wohl wiederrum ein eigener Berufsstand.

Anfang des 16. Jahrhundert kam es zur Eroberung Ägyptens durch den osmanischen Sultan Selim I. Sehr fasziniert vom Schattenspiel in Kairo bestellte er circa 200 Spieler zusammen mit den besten Handwerkern Kairos nach Istanbul. Das wiederrum führte zu einer Stagnation der Kunstform und auch des Handwerks in Kairo. Metin And schreibt, dass diese Spieler (möglicherweise) das Schattenspiel in die Türkei brachten. 

El Warsha Gouweily © Pauli

Generell gilt: Die Entwicklung des Schattentheaters über die Jahrhunderte hinweg war (und ist) abhängig von den politischen Interessen der Mächtigen. Mal wurde es zensiert, da die politischen Machthaber die strengeren religiösen Kreise an sich binden wollten und so in ihrem Sinne Zensur betrieben. Oder sie mussten liberalere Kräfte der Kairoer Gesellschaft für sich gewinnen, um die politische Macht auszubauen. Ähnlichem Machtgerangel waren aber auch die Künste in Europa ausgesetzt.

Ein anderer Faktor ist sicherlich die Verdrängung durch neue Medien, Kino und Fernsehen, wie auch die Kontrolle über den öffentlichen Raum. Wir haben z.B. gehört wie kurz nach der Revolution in den 50er Jahren Schattenspieler von der Polizei durch die Straßen Kairos gejagt wurden, um große Menschenansammlungen zu verhindern.

Wir wissen von circa 50 alten Schattenfiguren, die Paul Kahle vor 100 Jahren in Menzaleh von einer wohlhabenden Person erworben haben soll. Die digitalisierten Bilder dieser Figuren sind im Internet zu finden und bis dato für uns der einzige Hinweis, wie ägyptische Figuren einmal gestaltet waren. Kahle hat die Figuren alle nach Deutschland mitgenommen und dort an verschiedene Institutionen im ganzen Land verteilt. Einige sind ganz verschwunden. In Kairo hatten wir nicht genügend Zeit um selber welche zu finden. Es sind jedoch auch die Erzählungen, die im Puzzle fehlen.

Wie läuft das Projekt weiter, wie sieht es in Zukunft aus?

Wir möchten der Spur des Schattentheaters gerne in die Türkei folgen, dem Türkischen Sultan hinterher. Wie und wann wird sich zeigen. Außerdem wäre es großartig mit Künstlern in Ägypten zu arbeiten und gemeinsam an Entwürfen, Konzepten, Erzählungen und Maschinen für ein zeitgenössisches Schattentheater zu tüfteln. Nächstes Jahr werden unsere Schattentheater Installationen voraussichtlich nach Norwegen und Rumänien Reisen, aber das Beste wäre wirklich eine weitere Reise nach Ägypten bzw. Kairo.