Die Juden Ägyptens
vereint in Menschlichkeit, gespalten in historischer Voreingenommenheit

Egyptian Alexandria Jewish girls
© CC BY 3.0 Wikipedia

Der Exodus der jüdischen Bevölkerung aus Ägypten wird in der deutschen Literatur nur selten thematisiert, ganz im Gegenteil zum Holocaust, der umfassend und vielfältig behandelt wird. Doch Anfang des Jahres erschien „Kindheit in Ägypten“, der letzte Roman der verstorbenen deutschen Autorin und Übersetzerin Miriam Magall (1942-2017), der eine neue Perspektive auf die Vertreibung der Juden aus Ägypten bietet.

In der ägyptischen Literatur wird diese in mehreren Werken thematisiert, das bekannteste ist wohl „Birds of Amber“ („Vögel aus Bernstein“) von Ibrahim Abdel Meguid. Der Romanautor schildert das Leben in Alexandria zur Zeit der englisch-französisch-israelischen Militäroffensive gegen Ägypten. Die Juden waren ein fester Bestandteil dieses Lebens, der nach Ende des Krieges verschwunden war.

Vögel aus Bernstein Vögel aus Bernstein | © Dar AlShrouk
Magall schildert das Leben der Juden in Ägypten vor und nach dem Krieg als „wilde Hölle“. Protagonist ist Josef Marzuk. Sein bisher friedliches Leben, und das seiner Familie, gerät aus den Fugen, als ein Familienmitglied verhaftet und mit Hinrichtung bedroht wird. Unter den Rufen „Ägypten den Ägyptern! Tod den Juden!“ verließen Juden massenweise das Land, unter ihnen auch Josef mit seiner Familie.

In Abdel Meguids Roman dagegen sucht man vergeblich nach Anzeichen einer erzwungenen Emigration der Juden aus Ägypten. „Der Krieg endete und Alexandria war voller Geschichten, die tagtäglich durch die Straßen wirbelten. Geschichten von der Angst, die von den Juden Besitz ergriffen hatte und von ihrer eiligen Ausreise, obwohl der Staat doch nur diejenigen vertrieb, die sich aktiv gegen ihn wandten.“

In unserem Gespräch mit Abdel Meguid erklärt er, dass er in seinem Roman den Juden keinen Vorwurf macht das Land verlassen zu haben, waren sie doch einem starken Druck ausgesetzt. Vielmehr möchte er seiner Trauer über die Stadt Alexandria Ausdruck verleihen. „Der Autor wünschte sich, dass die Juden in Alexandria bleiben würden. Es war eine internationale, weltoffene Stadt, die jeden willkommen hieß.“ Er weist darauf hin, dass der Fortgang der Juden den Beginn der Abschottung einer Stadt markierte, die „eine lange Geschichte friedlichen Lebens“ hinter sich hatte.

خريطة الأسكندرية في عام ١٩٨٠ CC BY-SA 3.0 Wie alle ägyptischen Romane, die das jüdische Leben in Ägypten behandeln, endet auch Abdel Meguids Werk mit der Emigration der Juden. Doch er gibt einen kurzen Hinweis auf das Schicksal der Auswanderer nach ihrem Fortgang: „Die Menschen in Alexandria wunderten sich über die Juden, die jahrhundertelang in dieser Stadt gelebt hatten und sie nun mit einer Leichtigkeit verließen, als ob in all den Ländern, in die sie zogen, etwas auf sie warten würde. Dies war die Anziehungskraft des Geldes.“

In seinen Andeutungen auf das Streben nach Wohlstand unterscheidet sich „Birds of Amber“ von Magalls „Kindheit in Ägypten“, in dem sie das Leben der Juden nach ihrem Fortgang aus Ägypten nachzeichnet, und genauestens die Veränderungen beschreibt, welche die Emigration mit sich brachte. Nachdem er sein Erbe in Ägypten zurücklassen musste und nach Marseille zieht, führt der Protagonist des Romans ein „miserables Leben“. Von Frankreich aus geht es weiter nach Israel. Dort haust er in einer Wellblechhütte, während sich seine Familie überall in der Welt, in den USA, Italien und Frankreich, zerstreut.


Kindheit in Ägypten Kindheit in Ägypten | © AV Der deutsche Roman ist nicht frei von Parteilichkeit seiner Autorin, wie das deutsche Literaturmagazin „Schnüss“ es beschreibt: „Magall schildert einfühlsam und eindringlich das jüdische Leben in Ägypten und die Integration in Israel. Bewusst parteiisch webt sie viele historische Erklärungen in die Geschichte ein.“

Obwohl jede Seite von ihrer je eigenen Kultur und Perspektive voreingenommen ist, werden beide Romane ihrer Rolle als „immer und aufrichtig den Menschen begleitend“ gerecht, wie es der französische Romanschriftsteller Milan Kundera formulierte. Im Roman Abdel Meguids wächst die jüdische Persönlichkeit „Rachels“ über die einengenden Vorurteile hinaus und lässt, abgesehen von ihrer weitherzigen Menschlichkeit, die üblichen Meinungen gegenüber Juden weit hinter sich. Naiv und bereit, ihre Besitztümer demjenigen zu überlassen, den sie liebt, selbst wenn ihre Liebe nicht erwidert wird, schafft sie ein Band der Sympathie zwischen ihr und dem Leser.

Abdel Meguid erzählt, dass es ihm wichtig war, die menschliche Perspektive hervorzuheben. Die Juden waren ein wichtiger Teil der ägyptischen Modernisierungsbewegungen Anfang des 20. Jahrhunderts, sie hatten hohe Ämter inne und gesellschaftlichen Einfluss. Dann wurden sie vertrieben.

Auch „Kindheit in Ägypten“ möchte mit festgefahrenen Denkmustern aufräumen. Angefangen bei den Namen der Charaktere, die arabischen Namen ähneln, bis hin zur Geschichte der gescheiterten Liebe Josef Marzuks und den Leiden, die er während seiner Vertreibung durchlebt.

Beide Romane stehen beispielhaft für das Genre der Vertreibungsliteratur. Der gemeinsame Nenner ist die Menschlichkeit. Was sie voneinander unterscheidet, ist die historische Perspektive.