Stefan Weidner erhält eine wichtige Auszeichnung für seine Leistung Ein Preis mit Signalwirkung

Stefan Weidner reading Ibn Arabi
Stefan Weidner | Foto: © Privat

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Übersetzer, Autor und Journalist Stefan Weidner mit der islamisch geprägten Welt. Dabei setzt sich der Islamwissenschaftler für Verständigung und Austausch ein. Dies tut er unter anderem, indem er einschlägige arabische Lyrik übersetzt. Seine Leistung als Übersetzer des mittelalterlichen Gedichtszyklus "Der Übersetzer der Sehnsüchte" von Ibn Arabi wurde erst kürzlich mit dem hochdotierten Sheikh Hamad Prize for Translation and International Understanding 2018 ausgezeichnet. 

Von Jenin Elena Abbas

Lieber Stefan du wurdest zuletzt mit dem Sheikh Hamad Prize for Translation and International Understanding aus Katar ausgezeichnet. Welche Idee steht hinter dieser Auszeichnung und welche Bedeutung hat dieser für Dich?
 
Der seit einigen Jahren verliehene Preis will die Übersetzungen ins Arabische und aus dem Arabischen fördern. Er wird jedes Jahr für Übersetzungen aus dem Englischen sowie ins Englische verliehen, ferner wird jedes Jahr eine zusätzliche Sprache ausgewählt. 2018 war es Deutsch. Viele namhafte Übersetzer aus dem Arabischen ins Deutsche und umgekehrt sind ausgezeichnet worden, auch viele Freunde und Kollegen von mir, mit denen ich seit langem zusammengearbeitet habe, unter anderem für Fikrun wa Fann. Weil der Preis sehr hoch dotiert ist, bedeutet die Auszeichnung für viele von uns erstmals eine angemessene finanzielle Anerkennung, besonders für die Übersetzer aus dem Deutschen ins Arabische, die in der Regel schlechter bezahlt werden als die Übersetzer ins Deutsche.
 
Der Preis setzt damit ein wichtiges Signal und er zeigt auch, dass die Verantwortlichen in den Golfstaaten allmählich aufwachen und verstehen, dass sie ihren Reichtum auch verantwortungsvoll nutzen müssen und für die Kultur mitverantwortlich sind - und dass sich Kultur nicht nur auf die Religion beschränkt. Der Preis wird flankiert von einer jährlich stattfindenden Übersetzerkonferenz, auf der ebenfalls wichtige Themen zum Kulturaustausch verhandelt werden und die überdies der Vernetzung und dem Gedankenaustausch dient. Ich wünsche mir, dass diese Aktivitäten fortgesetzt und ausgeweitet werden.
 
Wie kam es zu der Übersetzung des mittelalterlichen Gedichtzyklus von Ibn Arabi?
 
Ibn Arabis bekanntester Gedichtband „Der Übersetzer der Sehnsüchte“ (Tardjumân al-Ashwâq) ist in viele europäische Sprachen übersetzt worden, nicht jedoch ins Deutsche. Auf Deutsch gab es nur wenig ausgewählte Gedichte zu lesen. Da Ibn Arabi ein sehr wichtiger Autor ist und als Mystiker und für seine mystischen Schriften auch im Westen sehr bekannt, lag es nah, endlich auch diesen Gedichtband erstmals vollständig ins Deutsche zu übersetzen. Dabei kam es mir vor allem darauf an, klarzumachen, dass es nicht nur Gedichte eines Mystikers sind, sondern eben auch die eines Dichters.
Das heißt, dass sie nicht nur eine religiöse und spirituelle, sondern auch eine dichterische Aussage und Wirkung haben. Das merkt man zum Beispiel daran, dass diese Gedichte häufig auf die vorislamische Poesie anspielen. Das unterscheidet meine Übersetzung übrigens von den meisten anderen in die europäischen Sprachen: Diese betonen den religiösen Gehalt auf Kosten des Dichterischen, ich habe versucht, beides gleichzeitig zu berücksichtigen und zugleich eine Sprache zu wählen, die das Innovative, Witzige und Spielerische von Ibn Arabis Dichtung deutlich macht.
 
Wie kommt es zu den von dir ausgewählten Übersetzungen? Warum hast Du dich zum Beispiel für Lyrik von Mahmoud Darwish oder Adonis gewidmet? 
 
Wie im Fall von Ibn Arabi habe ich Darwish und Adonis für die Übersetzung ausgewählt (übrigens schon in den neunziger Jahren), weil es damals nur wenige und unzureichende Übersetzungen dieser bedeutenden arabischen Dichter auf Deutsch gab. Das heißt ich wähle nicht einfach subjektiv das aus, was mir gefällt, sondern die Dichter, die repräsentativ sind. Die auch in der arabischen Welt anerkannt sind und die trotz ihrer Bedeutung im Westen zu wenig bekannt sind, bzw. damals zu wenig bekannt waren. Heute ist es zum Glück etwas besser geworden. Es gibt viele Bücher aus der arabischen Literatur auf Deutsch und deutsche Leserinnen und Leser können inzwischen Dank der Übersetzungen einen ziemlich repräsentativen Überblick über die arabische Literatur der Gegenwart gewinnen, auch wenn vielleicht viele wichtige Werke immer noch nicht übersetzt sind.
 
 
Du beschäftigst Dich auch mit aktuellen Fragen der Integration und des Islams in Deutschland. Die Aussagen, der Islam sei rückständig und kenne keine Aufklärung, sind deiner Meinung nach Vorurteile. Was genau meinst Du damit?
 
Die Aussage, der Islam kenne keine Aufklärung und sei deshalb rückständig, dient nur zur Abwertung des Islams und der Muslime und beruht weder auf einer gründlichen Kenntnis der islamischen Geschichte, noch auf einer gründlichen Kenntnis von Aufklärung.
 
Die Aufklärung war ein wichtiges, aber zugleich sehr spezifisches Ereignis in der europäischen Geschichte. Es ist eine sehr weltfremde Vorstellung, dass andere Kulturen und Geschichten einfach die europäische nachahmen sollen. Abgesehen davon, dass dies nicht funktionieren wird, berücksichtigt diese Vorstellung nicht, dass die europäische Geschichte alles andere als vorbildlich war. Die Aufklärung hat ihre eigene (negative) Dialektik und neben der Vorstellung von Menschenrechten bekanntlich auch zwei Weltkriege, den Holocaust, die Atombombe, den Gulag, die Umweltzerstörung und andere weniger schöne Dinge mit verursacht.
 
Wollen wir wirklich, dass die Muslime das alles nachmachen? Vielleicht könnte man sogar sagen, dass die Probleme der islamischen Welt nicht zuletzt damit zu tun haben, dass sie auf allzu unreflektierte Weise versucht haben, Europa nachzuahmen - und dass sie auch in vieler Hinsicht von Europa dazu gezwungen, genötigt oder überredet worden sind. Auch der islamische Fundamentalismus ist eine Strömung, die viel von der Aufklärung übernommen hat, aber leider nicht nur Gutes. Der Salafismus ist eine moderne Ideologie, die auf eine Frage zu antworten sucht, die Europa den Arabern gestellt hat: Seid ihr auch in der Lage, eine geschlossene, in sich stringente und rationale Weltanschauung und Ideologie auszubilden? Auf diese Frage haben die religiösen Reformer seit dem Ende des 19. Jahrhunderts geantwortet, indem sie den Islam als Ideologie geschaffen haben. Aber das war ein Irrweg. Aufklärung im Islam heute wäre die Besinnung auf Vielfalt, Toleranz, positive, humane Werte und Spiritualität, wie es sie in der islamischen Geschichte gab; Aufklärung im Islam als blinde Nachahmung Europas hat sich als Irrweg entpuppt und wird dennoch vom Westen immer noch mit großer Arroganz und Ahnungslosigkeit den Muslimen als bester Weg vorgegaukelt.
 
 
Deine Publikation „Jenseits des Westens“ erhält große Resonanz in den Medien. Das hier behandelte Thema Dialog der Kulturen ist immer wieder ein viel diskutiertes Thema. Welche Kernaussagen hat diese Publikation?
 
Zum einen geht es um das, was ich eben mit Bezug auf die Aufklärung gesagt habe. Es geht darum, ein kosmopolitisches, das heißt für alle Welt brauchbares Denken zu entwickeln, das nicht westlich ist - aber auch nicht nur islamisch, chinesisch, oder wie auch immer, sondern Raum lässt und gibt für die friedliche, harmonische Koexistenz verschiedener gesellschaftlicher Entwürfe.
 
Das klingt utopisch, ist es aber gar nicht unbedingt, oder nur aus einer sehr pessimistischen Perspektive. Vieles von dem, was ich skizziere, ist bereits Wirklichkeit, viele Menschen leben diese Koexistenz. Rechtsgerichtete, nationalistische und auch religiös fundamentalistische Bewegungen und leider auch viele Regierungen, von Trump über Putin bis zu Erdogan und vielen anderen mehr, versuchen jedoch, diese kosmopolitische und auf Koexistenz ausgerichtete Haltung der großen Mehrheit der Menschen aus eigennützigen Motiven zu untergraben und zu torpedieren.
 
Daher ist es wichtig, zu verstehen, wie diese extremistischen Strömungen denken, wie sie ihre Taten rechtfertigen, auf welche Ideologien sie sich berufen. Eine ist, leider, das, was ich die Ideologie des Westens nenne, die davon ausgeht, dass der Westen seit der Aufklärung sozusagen den Stein des Weisen gefunden hat und nun alle sich nach diesem Westen richten und wie er werden müssen. Damit aber begeht der Westen denselben Fehler wie früher die Religionen: Er versucht, die anderen zu bekehren oder, wenn das nicht geht, die anderen dazu zu zwingen, so zu werden wie er selbst. Es ist klar, dass dies ein Rezept für Gewalt ist. Indem ich diese potentiell gewalttätige Ideologie des Westens entlarve, hoffe ich, die Leser zu überzeugen, dass wir mit dem Überlegenheitsgefühl des Westens aufhören und nach anderen Weltbegegnungsweisen suchen müssen, bzw. sie kultivieren müssen, wo es sie schon gibt.
 
Du warst 15 Jahre lang Chefredakteur von Fikrun wa Fann (Art&Thought), einer vom Goethe-Institut publizierten Kulturzeitschrift, die der Völkerverständigung diente. Welche Erkenntnisse bezüglich dem Dialog mit der islamisch geprägten Welt hast Du aus dieser Zeit gezogen?
 
Die hauptsächliche Erkenntnis besteht darin, dass es ein großes Bedürfnis nach Austausch und offenherzigen Debatten gibt, und dass es viel zu wenig Austausch und Debatten gibt, auch zu wenige Foren dafür. Fikrun wa Fann war ein solches kontinuierliches, nachhaltiges Forum, und viele Beiträge sind auch heute noch lesenswert und auf der Goethe-Homepage abzurufen. Das Problem des Heftes bestand eigentlich nicht im Konzept, sondern darin, dass dieses Konzept unglaubliche und auch berechtigte Erwartungen geschürt hat, die man natürlich mit zwei Heften im Jahr nicht erfüllen kann. Wäre es finanzierbar gewesen, hätten wir monatlich oder sogar wöchentlich erscheinen können und hätten immer noch genug Themen gehabt. Wenn man ein solches, fast utopisches Projekt macht, wie eine Kulturzeitschrift zwischen verschiedenen Kulturen, dann merkt man eigentlich erst, wie groß das Bedürfnis danach ist und wie wenig Möglichkeiten es gibt, dieses Bedürfnis nach Austausch zu befriedigen. Es ist wie wenn man ein Ventil in einem Fahrradschlauch öffnet und auf einmal merkt, wie viel Druck auf dem Schlauch war. Die Gefahr besteht bei solchen Projekten nicht darin, dass irgendwann die Luft raus ist, sondern darin, dass der Schlauch irgendwann platzt, weil es zu wenige Ventile gibt.
 
Was hat dich ursprünglich dazu bewogen, Dich mit arabischer Literatur und dem Islam zu beschäftigen?
 
Ich habe mich immer für Literatur und Philosophie interessiert, aber immer auch für fremde Sprachen und Welten. So habe ich früh, noch während der Schulzeit, angefangen, Arabisch zu lernen und bin auch noch als Schüler nach Marokko, Algerien und Tunesien gereist. Ich war fasziniert von dieser Welt und studierte daher Islamwissenschaft mit literaturwissenschaftlichem Schwerpunkt.

Dann traf ich Anfang der neunziger Jahre in Köln irakische Flüchtlinge, die selber Gedichte schrieben und einen Deutschen suchten, der mit ihnen ihre Texte übersetzen konnte. So kam ich zur Übersetzung. Es war eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit. Einer meiner besten Freunde jener Zeit ist heute ein bekannter Dichter und Verleger, Khalid Al-Maaly, der in Beirut den Verlag „Manschurat al-Djamal“ betreibt und heute sehr viel deutsche Literatur vertreibt.

Woran man übrigens sieht, wie sehr wir Deutschen und der Kulturaustausch insgesamt von den arabischen Flüchtlingen profitiert hat und auch in Zukunft weiter profitieren wird. Während ich aber früher fast nur Literatur gemacht habe, ist spätestens seit dem 11.09.2001 mein Fokus mehr in Richtung Islam als Religion gerückt, zunächst, um die vielen Vorurteile (positive wie negative) zu korrigieren, die es in Deutschland über den Islam gibt und um gegen die notorische Islamophobie anzuschreiben. So z.B. in meinem Buch Anti-Pegida, das es auch auf arabisch gibt unter dem Titel „Khitab dhidd al-islamufubia”.

Heute interessiere ich mich mehr für islamische Geschichte, Philosophie und Mystik und für die Frage, wie der Islam die Moderne und die globalisierte Gesellschaft bereichern kann, das heißt welche Traditionen es gibt, die uns heute helfen können, in der Welt besser zurechtzukommen. Davon wird mein nächstes Buch handeln, „Gesegnet seien die Fremden“ (tuba li-l-ghuraba’), was ein Ausspruch des Propheten ist. Dazu sage ich dann vielleicht in einem anderen Interview mehr, wenn das Buch erschienen ist, in-shah allah!
Vielen Dank für das Interview