Berlinale-Blogger 2017 “Seif Tagreeby”: Hommage an das Independent-Kino

Seif Tagrabi
© Mahmoud Lotfy

Die nie enden wollende Lust am Experiment und der Zusammenprall kreativer Impulse aus allen Ecken der Welt – sie sind es unter anderem, die die Berlinale für ihre Besucher zu einem so besonderen Ereignis machen. Im „Forum Expanded“ werden neueste und beste Ergebnisse dieser Experimentierfreude vorgeführt, auch Filme aus Ländern wie Ägypten, die abseits des Mainstreams liegen und es sonst nie auf die Bildschirme der Massen schaffen.
 

Zu den im  Forums gezeigten Filmen gehörte Experimental Summer, der erste Spielfilm des Regisseurs Mahmoud Lotfy. Auf clevere Weise verleiht Lotfy dem Film eine ähnliche Funktion wie sie das Forum Expanded selbst hat: Sein Werk ist eine liebevolle Hommage an das alternative Kino beziehungsweise an den Independent-Film Ägyptens. Er geht darin den Ursprüngen von Experimental Summer nach, dem vermeintlich ersten Independent-Film der ägyptischen Kinogeschichte.

Natürlich gab es nie einen Film mit diesem Titel. Vielmehr handelt es sich bei Lotfys Arbeit um eine fiktionale Geschichte im Gewand des Dokumentarfilms – eine Mockumentary also. Rahmen und Details der Handlung sind jedoch so realistisch ausgearbeitet, dass man hier doch eine richtige Dokumentation über eine wahre Geschichte vermuten könnte. Lotfy möchte seine Zuschauer allerdings nicht in die Irre führen. Gleich zu Beginn des Films stellt er im Prolog klar, dass es sich um eine erfundene Geschichte handele, dass das Thema jedoch ganz und gar real sei.

Das alternative Kino (eine Bezeichnung, die es genauer trifft als das kontroverse „Independent“) war immer schon eine Plattform für all jene, die versuchen, sich aus den Fesseln der Massenfilmindustrie zu befreien. Dieser Versuch materialisiert sich gleichfalls in Lotfys Mockumentary, von der dutzende Versionen produzierte wurden. Diese verschwanden aber allesamt aus den Archiven, weil sie die Autorität der offiziellen Filmmaschinerie unterliefen.

Experimental Summer kann als ein Film gesehen werden, der für sich allein und gleichzeitig für jedes andere Werk des alternativen ägyptischen Kinos steht. Und so wundert es nicht, dass sich auf der  Besetzungsliste des Films viele bekannte Gesichtern der alternativen Filmszene Ägyptens finden, so als hätte jeder von ihnen seine persönliche Erfahrung in die Entstehung von Experimental Summer – vom Drehbuch, über die Aufnahme bis hin zu Vertrieb und Archivierung – einfließen lassen. Es ist eine beschwerliche Reise, die jeder auf sich nehmen muss, der einen Film außerhalb der offiziellen „Filmmaschinerie” beziehungsweise des gängigen Mainstreams produzieren will.

Realistische Elemente und Details verleihen Lotfys Film Glaubhaftigkeit und Realitätsnähe. So erzählt er beispielsweise die Geschichte des Regisseurs Sayyed Isa, der seine Filme auf dem ägyptischen Land und mit Unterstützung der Dorfbewohner dreht, und verweist damit indirekt auf die Erfahrungen der Gründerväter des ägyptischen Kinos, wie Mohamed Baioumy, Youssef Wahbi und Assia Dagher. Der Film verortet diese Regisseure, die in ihren künstlerischen Entscheidungen frei und bei der Finanzierung auf sich allein gestellt waren, abseits jener vermuteten Filmmaschinerie, auch wenn ihre Arbeiten später das Mainstreamkino begründeten.

Experimental Summer ist eine Respektbezeugung, wie sie allen alternativen Filmemachern gebührt, und ein Filmerlebnis, wie man es nur selten außerhalb von Festivals wie der Berlinale genießen kann.