Berlinale Blogger 2017 „Ghost Hunting“: palästinensische Erinnerungen

© Les Films de Zayna, Arte France, Dar Films , Akka Films

In den letzten Jahren entstand eine ganze Reihe von – meist arabischen – Dokumentarfilmen, die das Thema der Gefängniserfahrung nicht aus politisch-sozialer Perspektive betrachteten, wie man es bis dahin  aus der Filmindustrie kannte, sondern als psychische Gewalterfahrung, die unauslöschliche Spuren in der Seele eines jeden Häftlings hinterlässt. Ein Beispiel dafür ist der Film „Tadmor“ von Monika Borgmann und Lokman Slim aus dem Jahr 2016. In ihm bilden ehemalige Gefangene des syrischen Gefängnisses Tadmor dieses nach und versuchen so, ihren Gefühlen von damals, als hohe Mauern sie von der Außenwelt isolierten, nachzuspüren.
 

Einen ähnlichen, aber detaillierteren Ansatz verfolgt Regisseur Raed Andoni mit seinem Film Ghost Hunting, der dieses Jahr auf der 67. Berlinale in der Sektion Panorama Dokumente gezeigt wird. Ghost Hunting beginnt mit einer Annonce, die Andoni in einer Zeitung Ramallahs veröffentlicht. Darin lädt er ehemalige Insassen des Gefängnisses Moskobiya in Jerusalem zur Arbeit an einem Film über ihre Erfahrungen ein. Ehemalige Gefangene dieser aber auch anderer Haftanstalten sowie allgemein am Thema Interessierte meldeten sich daraufhin bei ihm.

Andoni lässt das Gefängnis basierend auf den Erinnerungen seiner Zeugen nachbauen. Mit dem Einverständnis aller wurden die verschiedenen Phasen des Baus, die anschließende „Reise“ der ehemaligen Insassen in ihre Vergangenheit wie auch die Nachstellung dieser Erinnerungen gefilmt und zu dieser Dokumentation zusammengefügt. In Ghost Hunting geht es nicht konkret um Erinnerungen oder was genau in Moskobiya geschah. Vielmehr stehen die seelischen Folgen der Menschen mit Gefängniserfahrung im Vordergrund. Diese Erfahrung hat eine Art kollektiven Charakter erschaffen, der allen Absolventen einer Gefängnisstrafe gemein ist; einen Charakter, der als erstes lernte, alle Masken fallen zu lassen, die Menschen – besonders Männer – im Umgang mit Anderen üblicherweise aufsetzen.
 
Im Gefängnis ist kein Raum dafür, Zähigkeit vorzutäuschen, wenn konfrontiert mit den Schmerzen nie endenden wollender Folter. Im Gefängnis kann es ein Zeichen von Stärke sein, wenn sich ein Gefangener in die Hose macht. Im Gefängnis fallen die gewöhnlichen Masken der Männlichkeit und an ihre Stelle tritt feste Freundschaft, gemischt mit Blut, Schweiß und Klage, viel Geplänkel, Spot und manchmal Streit, ohne dass dies die Zuneigung untereinander trüben könnte. Streitigkeiten entstehen hier und da zwischen den Charakteren im Film, nicht nur bei der Arbeit und dem Versuch, professionelle Überlegenheit zu demonstrieren, sondern auch in den nachgespielten Szenen, wenn Erinnerungen zu lebendig werden und die Zügel entgleiten.
 
Natürlich spricht Ghost Hunting viele Formen der körperlichen und psychischen Folter im israelischen Gefängnis an. Viel wichtiger jedoch ist, dass der Film auf inspirierende Weise deutlich macht, dass diese Misshandlungen es nicht geschafft haben, die Menschen, die ihnen ausgesetzt waren, zu brechen. Wenn Lebensjahre auch verloren sind und seelische Narben bleiben, die die Gelegenheit des Films ergreifen an die Oberfläche zu dringen, haben diese Personen sich ihre Menschlichkeit, Würde, Festigkeit – als Individuen und Gruppen – und ihren Humor doch bewahrt. Und dies ist der wahre Sieg, den der Film jedem heutigen und ehemaligen palästinensischen Gefangenen zuspricht.