Berlinale Blogger 2017 „Investigating Paradise“: Vorstellungen vom Paradies

©Merzak Allouache

Zwei grundlegende Dinge vorab, bevor wir den neuesten Film des algerischen Regieveteranen Merzak Allouache „Investigating Paradise“ besprechen, der im Rahmen der 67. Berlinale, in der Sektion „Panorama“, gezeigt wurde: Erstens, der aus religiösem Extremismus entstehende Terror ist das Thema der Stunde und jeder Stunde, und so auch die erschreckenden Nachrichten und verdorbenen Gedanken, denen wir täglich begegnen und die sich auf der Welt, besonders im Nahen Osten, immer weiter verbreiten. Zweitens, das Thema ist mittlerweile so komplex, dass es für eine künstlerische oder intellektuelle Arbeit unmöglich ist, alle Seiten zu beleuchten. Daher ist die Entscheidung Allouaches – des wichtigsten algerischen Regisseurs der letzten zwei Jahrzehnte – sich auf ein Konzept zu konzentrieren, nämlich das der Vorstellung vom Paradies und seinen Freuden im Islam, theoretisch eine richtige und angemessene Entscheidung für einen Dokumentarfilm.
 

Investigating Paradise fängt großartig an: mit einem visuell beeindruckenden Vortrag der algerischen Journalistin Jamila, die eine Studie über das Paradies als islamisches Konzept anstellt. Höhepunkt des Vortrags ist ein Video, in dem ein saudischer Sheikh über die Huris spricht (wortwörtlich „die Blendendweißen“, nach isl. Glauben Jungfrauen im Paradies) und sie dabei in so sinnlicher Weise beschreibt, dass es an Pornographie grenzt. Das Video bringt das Publikum und auch Jamila zum Lachen, besonders angesichts der Kommentare einiger algerischen Jugendlichen – darunter Rap-Künstler – die beinahe allem, was der Sheikh sagt, zustimmen und auch dem, was er nicht sagt.

Der Vortrag, das Video und die Meinungen der Jugendlichen werden eingerahmt von einem Kommentar, der das Phänomen analysiert und es mit rechtswissenschaftlichen Interpretation und ihrem Einfluss auf die blutige politische Geschichte Algeriens der Neunzigerjahre in Verbindung setzt. Bis hier ist der Film überraschend in Form und Inhalt. Aber ab einem Punkt, der nicht über das erste Drittel der Gesamtzeit (137 Minuten, und das ist wirklich lang für eine Dokumentation) hinausgeht, entscheidet Allouache, dass alles bisher Gesagte ausreicht und es nun zur Betonung noch einmal wiederholt werden muss.


Der Film verwandelt in ein Fernsehprogramm über religiösen Extremismus und verliert enorm an Spannung, da er jeder einzelnen Person übertrieben viele Minuten Sprechzeit gewährt um über das Thema zu theoretisieren, wodurch sich Vieles wiederholt. Dem Thema wird durch die zusätzlichen Meinungen nichts Neues hinzugefügt und der Filmaufbau erfährt keine Steigerung, da jedes Interview, das Jamila führt, immer gleich aufgebaut ist. Und bis zum wichtigsten Interview, das Jamila versucht mit dem bedeutendsten Islamischen Sheikh Algeriens zu arrangieren, vergehen die zwei Stunden und 15 Minuten des Films, ohne dass wir ihn auch nur einmal zu Gesicht bekommen haben. Dabei betont der Regisseur mehrere Male eindringlich während des Films, dass dies eine obligatorische Szene sei, ohne die die Zuschauer nicht vollkommen zufrieden sein können.

Investigating Paradise ist lediglich das, was der Titel beschreibt: die Ermittlung eines Journalisten. Auch wenn der Film spannend anfängt und einige weise Meinungen zum Thema beinhaltet, fehlt ihm letztlich doch ein dramatischer Aufbau, der ihn über das reine Frage-Antwort-Schema hinauswachsen lässt. Es ist richtig, dass der Regisseur seinen Film auf einer humorvollen Note ausklingen lässt. Aber für Ermittlungen eines Journalisten, die mit einem Witz enden, braucht man keine zwei Stunden und 15 Minuten.