Berlinale Blogger 2017 „Die andere Seite der Hoffnung“: Menschlichkeit gewinnt

Malla Hukkanen © Sputnik Oy

Filme unterschiedlichster Genres und Herkunftsländer beschäftigten sich in den letzten fünf Jahren mit den Geschehnissen des arabischen Frühlings und der darauffolgenden Flucht Hunderttausender nach Europa. Das Thema wurde so oft verarbeitet, dass kaum ein Detail den Zuschauer noch überraschen kann – es sei denn, es ist ein Meister wie der finnische Regisseur Aki Kaurismäki am Werk: Sein neuer Film, „Die andere Seite der Hoffnung“, wird dieses Jahr auf der Berlinale gezeigt.

Ein Film, in dem es um die unwahrscheinliche Freundschaft zwischen einem syrischen Flüchtling, der es auf einem Kohlefrachter nach Helsinki schafft, und einem finnischen Hemdenverkäufer, der seinen Beruf aufgibt um ein Restaurant zu leiten, ist zwangsläufig politisch. Hier handelt es sich jedoch um eine kaurismäkische Politik, die sich mehr mit dem Menschen als mit der Nachrichtenvermittlung beschäftigt, und den visuell-narrativen Stempel ihres Machers trägt, der seine Liebe zum Film verrät.

Reaktion und Gegenreaktion der Helden Kaurismäkis sind nur Sekunden voneinander getrennt, auch die Dauer eines Streits geht nicht über Sekunden hinaus; die moderne Welt ist eine müde Kopie dessen, was sie vor einigen Jahrzehnten war; und das Leben lastet schwer auf den Schultern der Menschen mit all ihren Sorgen, egal wie perfekt es auch zu sein scheint. Und doch stellen die Menschen sich ihm mit Humor, der die Sorgen erleichtert, und mit ehrenhaftem Mitgefühl, das uns an „die andere Seite der Hoffnung“ erinnert, die wir nicht verlieren dürfen, auch wenn uns Politik und Nachrichten dazu treiben.



In unserer wirklichen Welt wird der Asylantrag des Syrers Khaled abgelehnt. Die finnische Regierung, die unaufhörlich über die Kämpfe in Aleppo berichtet, erklärt ihm pauschal, dass die Stadt für seine Deportation sicher genug wäre. In der Welt von Kaurismäki jedoch kann Khaled der Abschiebung entkommen und trifft Wikström. Erst streitet und schlägt er sich mit ihm – dann gibt ihm der Mann eine warme Mahlzeit, einen Job, eine Unterkunft und sogar gefälschte Papiere, damit Khaled in Helsinki bleiben kann.

Khaled und Wikström sowie die drei Restaurantmitarbeiter und ein irakischer Flüchtling, den Khaled im Flüchtlingslager kennengelernt hat, repräsentieren die Welt, wie sie der Regisseur gerne hätte. Eine Welt, in der Gesetze nichts bedeuten, wenn sie dem Menschen die Menschlichkeit rauben; in der wir über ethnische, nationale, wirtschaftliche und kulturelle Unterschiede hinaus Mitgefühl miteinander haben; und in der ein Flüchtling, der sein Leben hinter sich lässt um an einem fremden Ort von einem neuen Leben in Sicherheit zu träumen, nur eine andere Seite des Mannes ist, der seine Habseligkeiten verkauft, um mit dieser Summe beim Poker die Welt, wie er sie kennt, aufs Spiel zu setzen und sich auf die Suche nach einem froheren Leben beginnt.

Szenen wie jene, in der Wikström das Risiko eingeht, seinen Besitz im Spiel zu verlieren, seine wortlose Trennung von der Ehefrau, die Durchsuchung des Restaurants durch die Behörden und anschließenden Bemühungen Wikströms, aus dem Restaurant eine Sushi-Bar zu machen – sie alle können für sich allein stehen ohne ihren Witz zu verlieren. Sie alle sind Beweis dafür, dass die Besonderheit von Die andere Seite der Hoffnung nicht nur in seinem philanthropischen Ansatz zum Thema der Stunde liegt. Vielmehr liegt sie darin, dass es Filmveteran Aki Kaurismäki gelingt, den Stoff des Films in einer Weise zu formulieren, die sowohl Kenner seines Werks und seiner Handschrift wie auch jene, die mit seinen Welten noch nicht vertraut sind, zufriedenstellen dürfte.