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Rachel Leah Jones Rachel Leah Jones | © Philippe Bellaiche

Cut it out- Filme gegen Zensur

Regisseure aus 20 Ländern erstellen Filme gegen Zensur. Jeder Film, maximal 45 Sekunden lang, setzt ein Zeichen der Solidarität mit Menschen in all jenen Ländern, die unter der Einschränkung von Meinungsfreiheit leiden, und macht auf die Gefahr von Zensur aufmerksam, die auch liberale Gesellschaften bedroht.

Cut it out – Filme gegen Zensur 

Auf Initiative des Goethe-Instituts erstellen namhafte Regisseure aus 20 Ländern Kurzfilme gegen Zensur, die jeweils maximal 45 Sekunden lang sind. Die Filme setzen ein sichtbares Zeichen der Solidarität mit den Menschen in all jenen Ländern, in denen die Meinungsfreiheit eingeschränkt ist. Sie wollen auf die Gefahr von Zensur aufmerksam machen, die auch vorgeblich liberale Gesellschaften bedroht.

Zum internationalen Auftakt des Projekts werden die ersten 14 Filme veröffentlicht und über die sozialen Medien verbreitet. Weitere folgen im Laufe der kommenden Wochen. Der deutsch-französische Kultursender ARTE wurde als Medienpartner gewonnen.

Die Regisseure des Projekts kommen aus folgenden Ländern: Angola, Bosnien & Herzegowina, Brasilien, China, Deutschland, Georgien, Großbritannien, Indonesien, Israel, Österreich, den Philippinen, Polen, Rumänien, Russland, Thailand, der Tschechischen Republik, Türkei, Ungarn, den USA und Vietnam.

Cut it out - Filme gegen Zensur


Ein Museumsdirektor wird entlassen, weil sein Ansatz nicht den Geboten der nationalen Geschichtsschreibung entspricht. Eine liberale Universität verliert ohne Angabe von Gründen ihre Lizenz. Eine Filmförderung wird vom Kultusministerium zur namentlichen Nennung von Lektoren gezwungen, die die Unterstützung politisch missliebiger Filme befürworten. Ein Journalist geht dem Verdacht staatlicher Korruption nach und sieht sich mit Prozessdrohungen konfrontiert. 


Wir sind die Neuen

Von klassischen Autokratien kennt man sie bereits seit langem – die Unterdrückung von politischem Dissens, abweichenden Meinungen, Gegenpositionen. Mittlerweile aber wird Zensur zunehmend auch in solchen Staaten als (kultur)politisches Instrument eingesetzt, die sich als demokratisch bezeichnen. Sie tun dies zwar unter Hinweis auf übergeordnete Erfordernisse, doch nicht selten mit anderen Absichten. So stellte David Kaye, UNO-Sonderberichterstatter zu Meinungsfreiheit, Ende 2016 fest: „Besondere Sorgen bereitet mir, dass viele Regierungen per se legitime Gründe für bestimmte Einschränkungen – wie beispielsweise die Verteidigung der nationalen Sicherheit oder der öffentlichen Ordnung oder des Persönlichkeitsrechts – als Feigenblätter nutzen, um missliebige Meinungen oder Kritik am Staat und seinen Vertretern unter Beschuss zu nehmen.“ [1] Angesichts immenser politischer und sozialer, technologischer und ökologischer Herausforderungen in der Welt scheint Redefreiheit in den Augen vieler Menschen zu einem verzichtbaren Gut zu werden. Doch dieser sekundäre Charakter täuscht. Redefreiheit und Kunstfreiheit sind für die Gestaltung der Zukunft unabdingbar. Denn sie sind Grundlage für Austauschprozesse, ohne die all diesen gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen nicht begegnet werden kann.


Was nicht da ist, kann nicht verschwinden

Noch problematischer als der einzelne Akt der Zensur sind seine psychologischen Folgen. Zensur führt zu Selbstzensur. Dies aber ist beileibe kein Nebeneffekt. Erst durch Selbstzensur entwickelt ein Akt der Zensur jene extensiven Wirkungen, die das eigentliche Ziel sind. Doch während dem einzelnen zensorischen Eingriff noch beizukommen sein mag, weil er als vorgefallenes Ereignis zumindest theoretisch widerlegbar ist, entzieht sich Selbstzensur jedem konkreten Nachweis. Denn wie lässt sich das Ungesagte hören, das Ungeschriebene lesen? Es ist nicht aus der Welt verschwunden, sondern war nie da. Schon vor fast vierzig Jahren warnte die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz in dem von ihr herausgegebenen Band „Mut zur Meinung“: „Nun ist es nicht etwa so, dass die Fälle von praktischer Zensur, von denen in dem Buch zu lesen ist, inzwischen als Folgen öffentlicher Hysterie einzugrenzen sind und als abgetan gelten dürfen, das Buch also nur als Resümee einer fatalen Entwicklung anzusehen wäre. Im Gegenteil hat eine Gewöhnung zur Vorsicht, zum Lieber-nicht-Sagen eingesetzt.“ [2]


Der König beim Jagen

Zum Phänomen der Zensur befragt, verwies einer der teilnehmenden Regisseure, Temur Butikashvili, auf den im 18. Jahrhundert in Georgien lebenden Fürst, Mönch, Diplomat und Schriftsteller Sulchan-Saba Ordeliani, aus dessen Feder die Fabel „Der König und der Maler“ stammt. Darin erzählt der Autor von einem Königreich, dessen Herrscher einst ein Abbild von sich wünschte. Man brachte einen Maler herbei, der jedoch angesichts seiner Aufgabe in Verzweiflung verfiel. Denn der König war auf einem Auge blind. „Wenn ich ihn mit zwei gesunden Augen male“, so dachte der Maler, „wird man mich der Lüge zeihen. Male ich ihn aber mit einem Auge, wird es auch sein Missfallen erregen – ich bin dem Tode geweiht!“ Doch während der Maler noch mit seinem Schicksal haderte, kam ihm ein Gedanke. Er stellte den König, dessen Leidenschaft für die Jagd allseits bekannt war, beim Zielen mit einem Gewehr in der Hand und zusammengekniffenen Augen dar. Und diese Darstellung befriedigte den König und bewahrte den Maler vor dem Tod.

[1] David Kaye, New York, 20.10.2016): United Nations Human Rights Office of the High Commissioner https://www.ohchr.org/EN/NewsEvents/Pages/DisplayNews.aspx?NewsID=20717&LangID=E

[2] Drewitz, Ingeborg; Eilers, Wolfhart (Hrsg.): Mut zur Meinung. Gegen die zensierte Freiheit, Fischer Taschenbuch Verlag, 1980.