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Frauen- und Genderprojekte
Pauken und Büffeln zu Genderfragen

Die Frauen aus den vorangegangenen Workshops übernahmen die Rollen der Trainerinnen und Koordinatorinnen beim Training der Männer.
Goethe-Institut Kairo / Sabry Khaled

Prüfungstag – in dem Klassenraum im oberägyptischen Luxor, mit Blick auf den Nil, warten die Frauen gespannt auf den Beginn der Prüfung. Fünf Stunden lang haben die jungen Frauen im Alter von 20 bis 25 Jahren Zeit, ihre Gedanken über die Werte und Grundlagen zusammenzufassen, die sie in den vergangenen Tagen und Monaten kennengelernt haben. Außerdem sollen sie ihre Projektideen, die sie umsetzen wollen, vorstellen. Diese werden anschließend eingehend diskutiert, ihre Machbarkeit geprüft und, falls nötig, hier und da angepasst. Zeugnisse werden zum Abschluss verteilt – die Frauen sind dann zertifizierte Gender-Trainerinnen.

670 km südlich der ägyptischen Hauptstadt Kairo, im Gouvernorat Luxor im traditionellen und konservativen Oberägypten, arbeiten die Trainerinnen Maha Khairallah und Hoda Kandil für die Frauen- und Genderprojekte des Goethe-Instituts gleich auf mehreren Ebenen: Sie bilden junge Frauen im Alter von 20 bis 25 Jahren zu Gender-Trainerinnen aus, sensibilisieren die allgemeine Öffentlichkeit für Genderfragen und beziehen auch Männer in den Prozess der Bewusstseinsbildung für Gender mit ein.

Vorurteile – nicht nur gegenüber Frauen sondern auch gegenüber Gender

„Gender wird häufig als bloßes Verteidigen von Frauenrechten missverstanden“, erklärt Hoda Kandil. „Dies versuchen wir zu ändern, indem wir hervorheben wie wichtig auch die Beteiligung der Männer ist – insbesondere, wenn es darum gehen soll, die Rollenverteilung innerhalb einer Gesellschaft neu zu verhandeln“, sagt die gelernte Psychologin weiter.

Zu diesem Zweck haben die Trainerinnen Maha Khairallah und Hoda Kandil kürzlich gleich zwei Workshops durchgeführt: ein Training der Frauen sowie ein Training für Männer. „Letzten Endes profitieren alle davon, denn Gender ist ein menschliches Konzept, dass beide Geschlechter gleichermaßen einschließt“, sagt die Trainerin Hoda Kandil weiter. Zuvor nahmen beide Trainerinnen selbst an einem Workshop des Goethe-Instituts über zivilgesellschaftliche Bildung teil. Mittlerweile arbeiten sie als selbstständige Trainerinnen für Gender-Bewusstsein.

Gender-Trainings in Luxor. Goethe-Institut Kairo / Sabry Khaled In den Trainings der Frauen, in dem sie eine Ausbildung als Gender-Trainerinnen erhalten, behandeln die Trainerinnen verschiedene genderrelevante Themen – Pluralismus, Nicht-Diskriminierung Anderer sowie Projektplanung und -durchführung. Das Training für die Männer hatte vor allem zum Ziel, das Bewusstsein der Teilnehmer zu schärfen. Diese konnten sich über das Thema Gender informieren und dessen Bedeutung für die gesamte Gesellschaft, Frauen wie Männer, verstehen. Dazu nahmen auch die Frauen des ersten Trainings an dem Workshop teil – denn Austausch ist essentiell.

Nachhaltig strukturellen Wandel unterstützen

Beide Trainings sind Teil der Frauen- und Genderprojekte des Goethe-Instituts, die bereits im Jahr 2012 zur Stärkung des Bewusstseins für Gender initiiert wurden und vom Auswärtigen Amt gefördert werden. Ein neues Konzept ist hingegen die längerfristige Konzentration auf eine kleine Zielgruppe in einer Stadt. Die Trainings bauen alle aufeinander auf, denn sie sollen in Oberägypten einen nachhaltig strukturellen Wandel unterstützen. Im April und Juni fanden daher bereits zwei Trainings mit den Frauen in Luxor statt. Dabei wurde den Teilnehmerinnen die Bedeutung des Themas nahegebracht und ihre Rolle bei der Gestaltung der Gesellschaft, in der sie leben, thematisiert.

Michaela Eckart, Koordinatorin der Gender-Bewusstsein-Projekte am Goethe-Institut Kairo, überreicht den Teilnehmerinnen ihre Zeugnisse. Goethe-Institut Kairo / Sabry Khaled Kholoud Mohammed, eine der Workshop-Teilnehmerinnen, ist vor zehn Jahren mit ihrer Familie von Kairo nach Luxor gezogen. Durch ihre Arbeit als Journalistin für eine lokale Zeitung weiß sie um die Unterdrückung, Ausgrenzung, physische und psychische Gewalt, unter der die Frauen leiden – insbesondere in den Dörfern und ländlichen Gebieten Oberägyptens. 

„Die Mehrheit der Frauen in den Dörfern kann nicht die Schule besuchen. Auch ist Beschneidung von Frauen nach wie vor weit verbreitet, obwohl dies gesetzlich verboten ist“, so Kholoud Mohammed. Sie erzählt von einer schmerzhaften Erinnerung, als sie in einem Dorf eine Frau besuchte, deren Tochter an den Folgen der Beschneidung gestorben war.

Eine Stewardess aus Oberägypten?

„Eines der Hauptziele des Projekts ist es, dass die Frauen den Übergang von passiven Empfängern zu aktiven Sendern meistern“, so die Trainerin Maha Khairallah. „Wir geben ihnen das nötige Wissen und die Fähigkeiten an die Hand, damit sie ihre Gesellschaft aktiv mitgestalten können“, sagt sie weiter. 

So bietet Nada Al-Qadi, die ebenfalls an dem Workshop teilgenommen hat, beispielsweise gemeinsam mit einigen Kolleginnen mittlerweile psychologische Beratungen in Dörfern an. Nada Al-Qadi träumt davon, Stewardess zu werden – ein in Oberägypten ungewöhnlicher Berufswunsch, der von den meisten Familien als Option für ihre Töchter abgelehnt wird. Wegen der vielen Reisen und der damit verbundenen Abwesenheit von zu Hause war es zunächst schwierig, ihre Familie zu überzeugen, erklärt Nada. Letzten Endes jedoch stimmten sie zu und mittlerweile hat sie bereits die Einstellungsprüfung abgelegt.

Die Alumni der Trainings, wie Nada Al-Qadi, möchten ihr Wissen und ihre Erfahrungen weitergeben, um die Bedeutung von Gender und ziviler Bildung für die Entwicklung der Gesellschaft zu vermitteln. Sie arbeiten an der Gründung eines psychologischen und sozialen Betreuungszentrums. Dieses soll Frauen bei der Bewusstseinsbildung bezüglich ihrer Rechte und der Rollen, die sie in der Gesellschaft übernehmen, unterstützen. Das Zentrum soll sich außerdem darum kümmern, dass auch die Männer in diesen Wandel mit eingebunden werden – Männer wie Mohammed Abd Al-Wassa beispielsweise.

Men Empowerment

Mohammed Abd Al-Wassa ist Anwalt bei einer Organisation, die für Menschen- und Frauenrechte eintritt. Daher kennt er sich mit Genderfragen aus und weiß auch um die Schwierigkeiten, mit denen Frauen in Oberägypten hadern. Er betont, dass es in Oberägypten viele Probleme gibt, insbesondere Probleme wirtschaftlicher, kultureller, gesellschaftlicher und politischer Natur. Hier einen Wandel herbeizuführen, bedeutet harte und kontinuierliche Arbeit.

„Familie, Bräuche und Traditionen sind in Oberägypten heilig. Jeder Versuch, die Rollenverteilung von Männern und Frauen in der Gesellschaft zu verändern, kommt einer Bedrohung dieser heiligen Konzepte gleich“, erklärt Mohammed Abd Al-Wassa, der kürzlich auch an dem Training für Männer „Einbeziehung der Männer in die Genderthematik in Oberägypten“ des Goethe-Instituts teilgenommen hat. Zusammen mit 24 weiteren Männern im Alter von 19 bis 50 Jahren diskutierte er während des Trainings zu den Themen Gender, Vielfalt, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.

  Aktive Mitarbeit Goethe-Institut Kairo / Sabry Khaled Die Frauen aus den vorangegangenen Workshops haben als Trainerinnen und Koordinatorinnen am Training der Männer mitgewirkt. „Wir verfolgen mit dem Training für die Männer zwei Ziele: Einerseits die Einbeziehung der Männer, andererseits ist dies für die Frauen eine Chance, sich als Gendertrainerinnen auszuprobieren“, so Michaela Eckart, Koordinatorin der Female Empowerment-Projekte am Goethe-Institut Kairo.

Zu Beginn waren die Teilnehmer der Meinung, dass es die Rolle der Frau ist, Kinder zu bekommen und diese groß zu ziehen. Dahingegen seien es die Aufgaben des Mannes, sich um Arbeit, die Fürsorge der Familie und die Planung der Ausgaben zu kümmern. Einige Workshop-Tage und viele Diskussionen später verstanden die Teilnehmer jedoch, dass es sich bei diesen Rollenzuweisungen um soziale Konstrukte handelt und dass diese je nach Ort und Zeit variabel sind.

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