Future Perfect Die Kunststoffweberei

Einer der Angestellten von Reform Studio bedient den Handwebstuhl, um Plastiktüten zu Polsterungen für Designermöbel zu verarbeiten.
Einer der Angestellten von Reform Studio bedient den Handwebstuhl, um Plastiktüten zu Polsterungen für Designermöbel zu verarbeiten. | Foto: GI Kairo/ Sabry Khaled

Zwei junge Ägypterinnen verbinden Tradition und Moderne, um Plastiktüten kreativ neu zu verarbeiten.

„Für den einen ist es Abfall, für den anderen eine Kostbarkeit“ so lautet ein englisches Sprichwort. Es könnte dem Projekt Reform Studio als Leitgedanke gedient haben.

Mariam Hazem ist eine der Gründerinnen des Projekts und erklärt, warum sie Plastiktüten sammelt: „Statistiken zeigen, dass die Menge der Plastiktüten weltweit jede Minute um eine Million wächst." Einem Bericht der Gemeinschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und des SWEEP-Net von Juni 2012 zufolge beträgt der Anteil von Plastik in festen Abfällen im Nahen Osten und in Nordafrika elf Prozent. Insgesamt produziert Ägypten nach Schätzungen des Umweltministeriums jedes Jahr 21 Millionen Tonnen feste Abfälle.

Reform Studio hat sein Büro in El-Tagamo El-Khames, einem der vornehmeren Bezirke Kairos. Beim Betreten fallen dem Besucher gleich die einzigartigen, farbenfrohen Sitzgelegenheiten ins Auge: Das Design der Stuhlkollektion „El-Qahwa“ (dt. der Kaffee) wirkt authentisch ägyptisch und ist den Stühlen traditioneller Cafés nachempfunden; nur sind die Stühle nicht aus Holz, sondern aus verwobenen Plastiktüten. Die Gestaltung des Sets „Gramaz“ (abgeleitet von „grandmother“, dt. Großmutter) ist dagegen moderner und inspiriert von einem alten Stuhl, den Mariams Großmutter einst besaß. Für die Herstellung eines Stuhles aus der „Ahwa“-Kollektion werden 50 Plastiktüten benötigt und für einen Stuhl aus der „Gramaz“ die dreifache Menge.

Mit der Revolution fing alles an

Hinter Reform Studio stehen Mariam Hazem und Hend Riad, beide sind 25 Jahre alt und haben die Idee ursprünglich für ihren Abschluss an der Fakultät für „Angewandte Künste“ der „German University in Cairo (GUC)“ im Jahr 2012 entwickelt. Heute ist die Idee zu einer Marke geworden. Die Produkte können in sechs Kairoer Länden und an einem Geschäft in London gekauft werden.

„Nach Beginn der Revolution am 25. Januar 2011 waren wir hochmotiviert und wollten Teil des Wandels sein“, sagt Mariam. „Wir wollten eine Lösung für eines der schwerwiegendsten Probleme Ägyptens finden: nämlich den allgegenwärtigen Müll“, ergänzt Miriam. Deshalb lasen sich die beiden ins Thema ein und sprachen mit einigen Müllmännern und Lumpensammlern in Kairo. Dadurch wurde ihnen bewusst, dass die Leute Plastik meist verbrennen, wenn sie es los werden wollen, da es schwer zersetzbar ist.

Mariam und Hend haben deshalb eine Methode entwickelt, aus Tüten lange Fäden zu machen. Diese Fäden werden manuell am Webstuhl zu einem Gewebe verarbeitet aus dem dann Stühle, Taschen und Wohnaccesoires gemacht werden.

„Die Kosten für das Recycling von Plastiktüten sind höher als ihre Produktionskosten. Daher recycelt nur eine sehr kleine Zahl ägyptischer Betriebe Plastiktüten“, erklärt Hend. Allerdings würden die Tüten im Aufbereitungsprozess manchmal mit Krankenhausabfällen vermischt. Dadurch seien die recycelten Produkte von schlechter Qualität oder sogar gesundheitsschädigend. „Deshalb war das Ziel unseres Abschussprojekts auch nicht das Recycling von Plastiktüten, sondern ihre Wiederverwendung“, sagt Hend.

Das ägyptische Umweltministerium gibt an, dass nur rund 9,5 Prozent aller festen Abfälle im Land aufbereitet und wiederverwendet werden. Eine Studie des Umweltprogramms der Vereinten Nationen hat 2014 zudem herausgefunden, dass jedes Jahr weltweit etwa 280 Millionen Tonnen Kunststoff produziert werden. Davon wird nur ein sehr geringer Anteil recycelt. Etwa 20 Millionen Tonnen landen jedes Jahr in den Ozeanen, wie Achim Steiner, Leiter des Umweltprogramms, sagt.

 
  • Plastiktüten in Designermöbel verwandeln. Eine Geschäftsidee, die “Reform Studio” bereits mehrere Auszeichnungen im Bereich Design eingebracht hat. ©Sabry Khaled
    Plastiktüten in Designermöbel verwandeln. Eine Geschäftsidee, die “Reform Studio” bereits mehrere Auszeichnungen im Bereich Design eingebracht hat.
  • Neben dem Upcycling von Plastiktüten trägt Reform Studio dazu bei, ein traditionelles Handwerk zu erhalten und schafft Arbeitsplätze für Frauen aus weniger privilegierten Familien. ©Sabry Khaled
    Neben dem Upcycling von Plastiktüten trägt Reform Studio dazu bei, ein traditionelles Handwerk zu erhalten und schafft Arbeitsplätze für Frauen aus weniger privilegierten Familien.
  • In diesem Büro kreieren Mariam Hazem und Hend Riad die Design für ihre Möbel und Wohnaccessoires. ©Sabry Khaled
    In diesem Büro kreieren Mariam Hazem und Hend Riad die Design für ihre Möbel und Wohnaccessoires.
  • Die Plastiktüten werden nach Farbe sortiert und dann zu Fäden verarbeitet. ©Sabry Khaled
    Die Plastiktüten werden nach Farbe sortiert und dann zu Fäden verarbeitet.
  • Alte Plastiktüten werden zu Rohmaterial für die Produktion von Teppichen und Polsterungen. ©Sabry Khaled
    Alte Plastiktüten werden zu Rohmaterial für die Produktion von Teppichen und Polsterungen.
  • Reform Studio trägt dazu bei, die Tradition des Webens mit dem Handwebstuhl lebendig zu halten. ©Sabry Khaled
    Reform Studio trägt dazu bei, die Tradition des Webens mit dem Handwebstuhl lebendig zu halten.
  • Einer der Angestellten von Reform Studio bedient den Handwebstuhl, um Plastiktüten zu Polsterungen für Designermöbel zu verarbeiten. ©Sabry Khaled
    Einer der Angestellten von Reform Studio bedient den Handwebstuhl, um Plastiktüten zu Polsterungen für Designermöbel zu verarbeiten.
  • Ein Farbmuster aus dem Workshop von Reform Studio. ©Sabry Khaled
    Ein Farbmuster aus dem Workshop von Reform Studio.
  • Work in Progress: Einer von Reform Studios Teppichen nimmt Gestalt an. ©Sabry Khaled
    Work in Progress: Einer von Reform Studios Teppichen nimmt Gestalt an.
  • Die Gründerinnen von Reform Studio bemühen sich besonders, Arbeitspätze für Frauen zu schaffen. ©Sabry Khaled
    Die Gründerinnen von Reform Studio bemühen sich besonders, Arbeitspätze für Frauen zu schaffen.
  • Nach dem Weben müssen die Teppiche gesäubert und getrimmt werden. ©Sabry Khaled
    Nach dem Weben müssen die Teppiche gesäubert und getrimmt werden.
  • Kleine Teppiche aus Plastiktüten, eines der Produkte, die „Reform Studio” produziert und verkauft. ©Sabry Khaled
    Kleine Teppiche aus Plastiktüten, eines der Produkte, die „Reform Studio” produziert und verkauft.
  • Stühle aus der Ahwa-Kollektion. Ihre Polsterung wird aus Plastiktüten hergestellt. ©Sabry Khaled
    Stühle aus der Ahwa-Kollektion. Ihre Polsterung wird aus Plastiktüten hergestellt.

Idee der Mülltrennung fördern

Reform Studio bezieht Plastiktüten von zwei Quellen: Zum einem von Verwandten und Freunden und zum anderen fehlerhafte Tüten und Plastikschnipsel, die von den Firmen, die Plastiktüten herstellen, entsorgt werden, da sie sich nicht zum Verkauf eignen.

Da Miriam und Hend bei ihren Bekannten nach Plastiktüten fragen, schaffen sie ein Bewusstsein für das Problem. „Wir wollen die Idee der Mülltrennung schon an der Quelle fördern. Viele Verwandte und Freunde haben tatsächlich begonnen, Plastiktüten vom Rest des Mülls zu trennen, damit sie uns saubere Tüten geben können.“

Auch auf der Reform Studio Website laden die beiden dazu ein, sich am Tütensammeln zu beteiligen. Von Zeit zu Zeit organisieren sie Wettbewerbe, um die Menschen für das Thema zu sensibilisieren. So konnten bei einem Contest zwischen den Mitarbeitern einer Zementfirma etwa 4.000 Tüten in einer Woche gesammelt werden. „Leider jedoch“, sagt Hend, „können wir die Tüten, die von Müllhalden gesammelt wurden, derzeit nicht verwenden. Viele dieser Tüten sind stark abgenutzt und können nicht zu Fäden verarbeitet werden." Zudem seien die Kosten der Reinigung und Desinfektion enorm. „Aber wir suchen nach einer Lösung, um diese Tüten zu sterilisieren.“

Mina (28), Verkäufer bei Eklego Design im gehobenen Kairoer Bezirk Zamalek, berichtet: „Die meisten Kunden, die zum ersten Mal in den Laden kommen, werden von den Farben der Stühle angezogen, wundern sich dann aber über das Material, aus dem sie gemacht sind. Wenn ich ihnen die Geschichte der Herstellung der Stühle mit Plastiktüten erzähle, wächst ihre Begeisterung für den Kauf eines Stuhls.“

Die Rückkehr des Webstuhls

Das Weben ist ein Handwerk, das auf die Zeit der Pharaonen zurückgeht. Allerdings gibt es immer weniger Weber, da viele Hersteller von Webstühlen infolge der Mechanisierung schließen mussten. „Wir hoffen, dass unser Projekt einen Beitrag dazu leistet, dieses traditionsreiche Handwerk wiederzubeleben und Webern eine Stelle zu geben“, sagt Miriam. In der Reform Studio-Werkstatt arbeiten zwei Weber an drei Webstühlen.

Frauenpower

70 Prozent der Mitarbeiter von Reform Studio sind Frauen. Das Projekt bietet Arbeitsmöglichkeiten für Frauen ohne Ausbildung - entweder in der Werkstatt oder von Zuhause aus für jene, deren Umstände es ihnen nicht erlauben, für die Arbeit das Haus zu verlassen. Diese Frauen werden von wohltätigen Institutionen oder Vereinen vermittelt und dann eine Woche lang von Reform Studio ausgebildet, bevor sie mit der Arbeit beginnen können.

Rawdha Abdallah (45), eine der Arbeiterinnen im Workshop, erzählt: „Ich mag Handarbeit und habe früher weiße nubische Schaals hergestellt, um sie an Touristen zu verkaufen." Von der Arbeit hier habe sie durch einen Verein erfahren. „Mir gefällt die Arbeit und der angenehme Umgang miteinander“, ergänzt Rawdha. Sie ist nun schon seit drei Jahren bei Reformstudio.

„Unser Ziel war es von Anfang an, ein Produkt mit aufklärerischer Botschaft zu kreieren“, sagt Hend. „Tatsächlich haben unsere Produkte zur Diskussion darüber angeregt, wie man Dinge, die manche als Abfall betrachten, in etwas mit Wert verwandeln kann."