FUTURE PERFECT Aus der Müllhalde wurde ein Fußballplatz

Der Sitz der Vereinigung unter der Ring-Road-Brücke am Eingang der Kleinstadt.
Der Sitz der Vereinigung unter der Ring-Road-Brücke am Eingang der Kleinstadt. | ©Sameh Fayez

14 junge Männer aus der Kleinstadt Kafr Ghatati beschließen durch ehrenamtliche Arbeit in Form von einfachen sozialen und kulturellen Dienstleistungen gegen die Entbehrungen, an denen ihre Stadt leidet, vorzugehen.

Am Eingang der Kleinstadt Kafr Ghatati, einem Vorort von Kairo im Giza-Gouvernement steht eine Autobahnbrücke, die zu den modernen Satellitenstädten Kairos führt. Unter dieser Brücke haben sich Bauschutt und Müllhaufen angesammelt. Sie lassen nicht vermuten, dass sich dahinter immerhin ein Ort mit 40.000 Einwohnern befindet. Hundert Meter unterhalb der Brücke steht ein einstöckiges Gebäude, an dessen Eingang ein Schild hängt mit der Aufschrift: Hier sitzt die Vereinigung für gesellschaftliche Entwicklung in Kafr Ghatati hängt. Links von diesem Gebäude reihen sich die Wohnhäuser des Orts.

Im Büro der Vereinigung sitzt der Vorstandsvorsitzende Badr Zalt, ein Mann in den Fünfzigern und Mitglied einer der ältesten Familien Kafr Ghatatis. Er erzählt von der Geschichte der Organisation, die vor fast zwanzig Jahren gegründet wurde, um die Stadtgemeinschaft zu unterstützen: „Nach der Revolution im Januar 2011 lernte ich 14 junge Männer kennen, die keiner bestimmten politischen Partei oder religiösen Gemeinschaft angehörten. Sie gingen durch die Straßen und suchten nach Lösungen für die Probleme der Stadt in der Bildung, in der Gesundheitsfürsorge und der Kulturförderung.“ Allerdings hatten die Männer wenig finanzielle Mittel, um ihre Projekte voranzutreiben. Deshalb habe sich Badr Zalt auf der Stelle entschieden, die Gruppe zu unterstützen.

Kurse und Vorträge für mehr als 90 Personen


Die 14 jungen Männer sind zwischen zwanzig und vierzig Jahre alt und haben ganz unterschiedliche Bildungshintergründe – von der Mittelschule bis zur Universität ist alles dabei. Was sie vereint, ist der Glaube daran, dass sie für ihre Ortsgemeinschaft viel Positives leisten können. Ahmad Bayumy erzählt allerdings, dass sie am Anfang nicht, wussten, wie sie die Dinge richtig angehen: „2010 haben wir angefangen unsere Kleinstadt zu fördern. Wir haben junge Kleinstädter zu gemeinsamen Treffen ins Jugendzentrum, das zum Ministerium für Jugend und Sport gehört, eingeladen, um über Lösungen für die Probleme der Stadt nachzudenken.“ Anfangs hätten sich einige über den Aufruf der Gruppe lustig gemacht, meint Bayumy, denn die jungen Leute gehörten nicht zu einer der wichtigen politischen Parteien oder zu den Muslimbrüdern, die zu dieser Zeit in der Stadt sehr präsent waren. Trotzdem trafen sich im Lauf der Zeit immer mehr junge Leute. Bis eine staatliche Sicherheitsbehörde einen Beschluss erließ, der der Gruppe verbot sich zu treffen. „Damals ist es vielen Gruppen so ergangen, die sich unabhängig von der Regierungspartei für den Fortschritt und die Stärkung des kulturellen Bewusstseins einsetzten. Und weiter: „Nach der Revolution im Januar 2011 wurden die staatlichen Restriktionen gelockert und wir begannen wieder, uns zu treffen.“

In einem dreistöckigen Gebäude in der Mitte der Stadt finden Alphabetisierungskurse statt, über die Bayumi erzählt: „Wir haben Alphabetisierungskurse eingeführt und gleich im ersten Jahr nach der Januar-Revolution haben wir 90 Personen unterrichtet. In diesen Klassen lernen die Schüler nicht nur Lesen und Schreiben. Nein, es kamen auch Experten zu uns, die Vorlesungen über politisches Bewusstsein nach der Revolution und wegen der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen hielten.“

Gegen Hepatitis C, für Gesundheitsaufklärung


Im Jahr 2013 begannen die jungen Männer damit, den Müll unter der Autobahnbrücke einzusammeln. Sie legten einen Garten an, in dem sich die Menschen Kafr Ghatatis treffen konnten. Da sie kaum Geld hatten, räumten sie den Müll mit bloßen Händen weg und bereiteten den Boden selbst dafür vor, dort etwas anzubauen. Während dieser Arbeiten, ergab sich die Zusammenarbeit mit der Vereinigung für gesellschaftliche Entwicklung. Als die Vereinigung merkte, wie ernst die jungen Leuten ihr Projekt nahmen, unterstützte sie die Männer finanziell und mit Sachspenden. So konnte auch noch eine Halle für Veranstaltungen und ein Fußballplatz angelegt werden.

Im selben Jahr begann die Vereinigung aus Kafr Ghatati mit der Lifemakers Association zusammenzuarbeiten, eine der größten NGOs in Ägypten. Die NGO und die Gruppe der jungen Männer starteten die gemeinsame Initiative Kafr Ghatati 2013, die sich für Verbesserungen an der Kafr Ghatati Middle School engagierte. Zudem organisierten sie Kampagnen für öffentliche Sauberkeit und gesundheitliche Aufklärung und halfen dabei 25 Fälle von Hepatitis C aufzudecken und die Behandlung der Erkrankten in die Wege zu leiten.
  • Abfälle unter der Ring-Road-Brücke am Eingang der Kleinstadt. ©Sameh Fayez
    Abfälle unter der Ring-Road-Brücke am Eingang der Kleinstadt.
  • Badr Zalt, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung. ©Sameh Fayez
    Badr Zalt, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung.
  • Von rechts nach links: Ahmed Bayumi, Said Marouf, Mahmoud Salam Badawi, Vertreter der „Vereinigung für gesellschaftliche Entwicklung in Kafr Ghatati. ©Sameh Fayez
    Von rechts nach links: Ahmed Bayumi, Said Marouf, Mahmoud Salam Badawi, Vertreter der „Vereinigung für gesellschaftliche Entwicklung in Kafr Ghatati.
  • Der Sitz der Vereinigung unter der Ring-Road-Brücke am Eingang der Kleinstadt. ©Sameh Fayez
    Der Sitz der Vereinigung unter der Ring-Road-Brücke am Eingang der Kleinstadt.
  • Der neue Fußballplatz von Kafr Ghatati. ©Sameh Fayez
    Der neue Fußballplatz von Kafr Ghatati.


Als die Initiative zu Ende ging, traten die 14 jungen Leute der Vereinigung als Mitglieder bei und arbeiteten fortan unter ihrem Dach. Mahmoud Salam nahm dies zum Anlass, eine weitere Kampagne mit dem Namen „Bi-l-Arabi Insan“ (auf Arabisch: Mensch) auszuarbeiten. Diese soll nicht nur Kafr Ghatati, sondern allen Dörfern und Städten im Giza-Gouvernement zugutekommen. Dazu will Salam die Kräfte all der jungen Menschen, die sich weder politisch noch religiös binden, sondern einfach das Leben in ihren Orten verbessern wollen, mobilisieren.

Die Hoffnung bleibt


Obwohl sich nun, einige Jahre nach der Revolution des 25. Januar die Lage in Kairo einigermaßen beruhigt hat, bleibt es für das vierzehnköpfige Team schwierig, wie Bayumy berichtet: „Bereits im Jahr 2002 bekamen wir die Genehmigung des Ministeriums für Wohnungsbau, Versorgung und städtische Entwicklung dafür, den Bereich unter der Brücke zu nutzen. Aber im Jahr 2014 kam die Polizei und wollte unsere Halle und den Fußballplatz abreißen. Ihre Begründung war, dass das Grundstück nun einer anderen staatlichen Behörde gehöre, von der die Gruppe keine Genehmigung habe. Seitdem versuchen wir das Einverständnis dieser neuen Regierungsbehörde zu bekommen.“

Bayumy wundert sich über den Widerstand gegen Sportplatz und Garten: „Als wir dem Regierungsverantwortlichen sagten, dass nur wieder Müll auf dem Gelände liegen würde, wenn wir alles entfernen, sagte er voller Überzeugung zu uns: ‚Ich will, dass der Platz eine Müllhalde ist. Das ist etwas, das euch nichts angeht‘.“ Bayumy bleibt dennoch optimistisch: „Es ist nicht das erste Mal, dass wir Probleme haben und es wird auch nicht das letzte Mal sein. Aber wir hören nicht auf zu hoffen.“

Die Namen der 14 Männer aus Kafr Ghatati:
Mahmoud Salam, Hamada Saber Zalt, Said Marouf, Hassan Makkawi, Ashraf Ghadiya, Samir al-Gaiedy, Said Diab, Ahmad Mansour, Muhammad Karam, Khalid Farag, Hamada al-Gallad, Ahmad Bayumy, Ayman Husny und Esam Abdal Fattah
 
Dieser Artikel entstand im Rahmen von „Future Perfect“, einem Gemeinschaftsprojekt des Goethe-Instituts, der Stiftung Futurzwei und der Zeitung al-Qahira. Für mehr Informationen zu diesem Projekt und für mehr Erfolgsgeschichten aus aller Welt, siehe: www.goethe.de/futureperfect
 
 
Entwicklungen nach der Veröffentlichung des Artikels:

Die Veröffentlichung dieses Artikels in arabischer Sprache in der ägyptischen Zeitschrift „Al-Qahira“ brachte viele positive Reaktionen hervor. Viele Menschen solidarisierten sich mit den Bemühungen der 14 jungen Männer, Lebensbedingungen in ihrer Kleinstadt zu verbessern und das jenseits von den Programmen religiöser Organisationen oder politischer Parteien. Unter anderem löste der Artikel großes Medieninteresse aus, wohl von Zeitungen, die über die jungen Männer schrieben als auch durch Fernsehsender, die Beiträge über die Kleinstadt filmten. Außerdem wurde als Reaktion auf den Artikel eine Initiative zur Gründung einer öffentlichen Bibliothek ins Leben gerufen. Durch Beiträge des Verlags [Al-Qahira] und der Leser wurde in den Tagen nach der Veröffentlichung 10.000 Bücher gesammelt, die den Grundstock für einige öffentliche Bibliotheken in der Kleinstadt bilden.