Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Heba Kamel
Die volle Selbstdosis

Biografie:
 
Heba Kamal ist Schriftstellerin und Feminismus- Forscherin. Sie hat ihren Masterabschluss im Fach Gender und Bildung am University College London (UCL) erworben. Ihre Forschungsinteressen umfassen die Überschneidung von Geschlecht und Religion, religiösen Materialismus, die physische und emotionale Erfahrung von Frauen bei Begräbnisritualen in Ägypten, Gefühlspolitik und persönliche Erzählforschung. Bevor sie sich hauptberuflich auf Forschung und Schreiben konzentrierte, arbeitete sie in zahlreichen gemeinnützigen Bildungsinitiativen. Ihre Hobbys sind Schauspielerei, Storytelling, Lesen, Kochen und Tanzen.

 
Projektbeschreibung:
هبة كمال ©Goethe-Institut Alexandria

Isolierung und ich und psychische Gesundheit:

Heba schreibt zunächst über die Herausforderung, während der Isolation ihren Psychiater nicht aufsuchen zu können: „In meiner Isolation bin ich gezwungen, mich allein und ohne die Hilfe meines Arztes meinen Gefühlen zu stellen. Wie kommt es, dass wir uns in der Isolation mit uns selbst beschäftigen müssen? Wieso fürchten wir diese Einsamkeit und die Konfrontation mit uns selbst, die sie uns auferlegt? Darüber spreche ich hier“.
 
Heba lebt mit Depressionen und einer Borderline Persönlichkeitsstörung und ist auf wöchentliche Sitzungen mit ihrem Psychiater angewiesen, um ihre Gedanken verarbeiten zu können. „Wenn ich mit diesen Sitzungen aufhöre, bemerke ich, dass mein Verstand das, was ich normalerweise in den Sitzungen verarbeite, selbstständig und unkontrolliert tut. Meine Tage und Träume werden dann zu endlosen Zwangsbehandlungen. So brachte die Isolation auch Dinge an die Oberfläche, von denen ich dachte, ich hätte sie bereits überwunden“.
 

Isolierung und ich und Produktivität:

Einige der Projekte, an denen Heba freiberuflich geforscht hat, sind seit Beginn der Quarantäne ausgesetzt. Jeden Tag macht sie sich Gedanken darüber, ob sie wertlos und ihr Leben nutzlos ist, da sie Wert und Nutzen stets von ihrer Produktivität auf Arbeit abhängig gemacht hat.
 
„Ich gehe schlafe und habe das Gefühl, dass ich den ganzen Tag absolut nichts gemacht habe.“ In ihrem Gespräch mit uns geht Heba auf das Konzept der Produktivität und ihren Einfluss auf unser Selbstbild ein: Wer sind wir, wenn wir aufhören zu arbeiten? Wie definieren wir uns fernab von dem, was wir produzieren, insbesondere unter den
Bedingungen der Isolation und den Veränderungen, die sie für unser tägliches Leben bedeutet?

Die volle Selbstdosis
Von: Heba Kamal

 
„Ich gehöre zu den Leuten, die seit Beginn des Sturms zu Hause bleiben“, sage ich meinen Freunden, wenn sie mich fragen, wie es mir denn geht und ob ich mich an die aktuelle Situation gewöhnt habe. Ich lache darüber, dass ich mich seit letztem September in freiwilliger Isolation befinde und sich deshalb in meinem Leben nicht viel verändert hat. Dann erinnere ich mich an den letzten Termin mit meinem Psychiater vor der Isolation. Ich sprach mit ihm über meinen Wunsch, ins Leben zurückzukehren, rauszugehen, Freunde zu treffen und Filmvorführungen und Seminare zu besuchen. Meine beste Freundin war von dem Plan begeistert und wir versprachen uns gegenseitig dabei zu helfen, unsere selbstgebauten Zäune niederzureißen. Jetzt machen wir uns über das Leben und uns selbst lustig, wenn wir daran denken, dass die Welt genau in dem Moment ihre Türen schloss, als wir entschieden, in sie zurückzukehren. Es scheint, die Welt ist für uns noch nicht bereit.
 
„Die volle Selbstdosis“ ist eine Reihe von Blogs, auf denen ich über meine Erfahrungen mit der Quarantäne schreibe, in der ich mich seit drei Monaten gemeinsam mit meiner Tochter befinde. Auch wenn es schwer ist, denke ich, dass Vorbeugen immer besser ist als Heilen. Durch den Spiegel der Isolation reflektiere ich mein Leben mit Depressionen und die Beziehung der äußeren Störung zu der Störung in meinem Inneren. Ich suche nach der Bedeutung von Produktivität und Wohlbefinden und will ein Gleichgewicht verhandeln, das mir erlaubt, meine geistige Gesundheit zu schützen und gleichzeitig meiner Arbeit nachzugehen und mich um meine Tochter zu kümmern. In der Isolation schreibe ich, um mich wiederherzustellen, meine Erfahrungen und Gefühle zu teilen, mich daran zu gewöhnen, preiszugeben und zuzuhören, ein Tagebuch zu führen, meine Träume festzuhalten und meine Alpträume mit einem glücklicheren Ende umzuschreiben. Das Schreiben wird, in Sara Ahmeds Worten, zu „einem Akt des Festhaltens“ im Austausch
mit sich selbst und anderen [1]. Ich schreibe über die volle Selbstdosis als eine Konsequenz der Isolation, bei der ich mit meinen Gefühlen und Gedanken allein zu Hause bin, um mehr denn je mit mir in einen Dialog zu treten, zu verhandeln und zu diskutieren.

 
Eindrücke über die psychische Gesundheit:
 
„Wenn meine Depression mir texten könnte, würde sie folgendes schreiben:
 
10:00 Uhr: Antworte nicht auf den Anruf deiner Mutter. Du bist für sie eine Last.
12:00 Uhr: Wenn du stärker wärst, wäre dir das nicht passiert. Du bist schwach.
14:00: Wenn du deinen Freunden von mir erzählst, werden sie sagen, dass du verrückt bist.
16:00: Du musst die Beziehung zu deinem Freund beenden. Es ist nicht fair, dass er sich mit uns beiden abgeben muss. Er könnte ohne dich glücklich und normal sein.
18:00: Geh und sieh fern. Du weißt, ich werde dir nichts anderes erlauben.
20:00 Uhr: Ich werde dich nie verlassen.
21:00 Uhr: Morgen wird’s auch nicht besser.“
 
Fortesa Latifi, If My Depression Could Text, This Is What It Would Say (Auszug; übersetzt aus dem Englischen).
 
Ich lebe seit vielen Jahren mit Depressionen und Borderline-Persönlichkeitsstörung, auch wenn sie bei mir erst vor vier Jahren diagnostiziert wurde. Ich bin auf wöchentliche Sitzungen mit meinem Arzt angewiesen, um mich meinen Gedanken zu stellen und sie zu verarbeiten. Ich gehe zu diesen Sitzungen fast regelmäßig und unterbreche sie nur, wenn ich reisen muss. Wenn ich nach Kairo zurückkehre, ist die Praxis meines Arztes der erste Ort, den ich aufsuche. Ein paar Mal habe ich Antidepressiva genommen, als ich sie wirklich brauchte, und es dauerte teils sechs Monate bevor Nebenwirkungen auftraten und ich sie wieder absetzte. Zuletzt habe ich letzten Sommer welche genommen, die letzte Dosis am 15. Juli 2019. Jedes Mal stabilisiert sich mein Zustand für ein paar Monate, doch wenn die Wirkung des Medikaments nachlässt, verfalle ich wieder in Depressionen. Schließlich entschloss ich mich zu einer freiwilligen Isolation zuhause und verspreche mir und meinem Arzt, dass ich mich allem, was auf mich zukommt, mit Mut und Zuversicht stellen werde. Diese freiwillige Isolation dauerte sechs Monate, in denen ich die Trennung von meiner sechsjährigen Beziehung einige Monate zuvor zu verarbeiten suchte. Ich gestehe mir auch selbst ein, dass meine Abschottung nur ein Versuch war, den Erinnerungen und Orten zu entkommen, die uns verbanden. Mir wurde später klar, dass ich einfach nicht gewusst hätte, wie ich mich in der Stadt ohne ihn bewegen sollte. Ich weiß nun, dass diese Orte auch weiterhin Einfluss auf mich haben werden, da Straßen, Häuser, Restaurants und Kinos für mich ganz wesentlich und untrennbar mit Menschen und Erinnerungen verbunden sind. In dem Moment, in dem ich mich entschließe, in die Welt hinauszugehen, schließt sie ihre Türen. Diesmal bin ich zur Isolation und direkten Konfrontation meiner Gefühle und Empfindungen gezwungen und ich definiere meine Beziehung zu diesem Ort neu. Monatelang bin ich vor der Stadt mit ihren Erinnerungen geflohen und nun muss ich mich plötzlich mit meiner Beziehung zur Stadt aus dem Inneren meiner vier Wände auseinandersetzen.
 
Mein Arzt verwendet in unseren Sitzungen Sprachtherapie, EMDR [2] bzw. Desensibilisierung und Aufarbeitung durch Augenbewegung. Das bedeutet einfach, dass ich ein bestimmtes Gefühl mir gegenüber oder eine bestimmte Vorstellung von mir selbst definieren und mich an die Gefühle erinnern muss, die mit der aller ersten Erinnerung an diesen Moment verbunden sind. Der Arzt macht dann eine sanfte Bewegung mit den Händen, der ich mit den Augen folge, sodass mein Bewusstsein alle Erinnerungen in Verbindung mit diesem Gefühl oder der Vorstellung abrufen und ich sie verarbeiten kann. Wenn mich zum Beispiel ein ständiges Schuldgefühl beherrscht, versuche ich mich an das erste Mal zu erinnern, als ich dieses Gefühl hatte und warum.
Dann lasse ich meine Gedächtnis all die Erinnerungen hervorkramen, die dazu gehören und das Gefühl vertieft haben. Die Neuverarbeitung meiner Gefühle und Traumata hat mir sehr geholfen und sich bestimmt auch positiv auf meine Selbstwahrnehmung, Hypersensibilität, ständigen Verlustängste und Gefühle der Leere ausgewirkt. Aber es ist auch ein anstrengender und schmerzhafter Prozess. Oft suchten mich schlimme traumatische Erinnerungen noch Tage nach einer Sitzung heim. In der Isolation und ohne diese Sitzungen begann mein Verstand mich dann dazu zu zwingen, diese Aufgabe allein auf mich zu nehmen. So verwandelten sich meine Tag- und Nachtträume oft in endlose EMDR-Sitzungen.
 
„Ich werde keine Abkürzungen suchen,
um den Schmerz zu vermeiden.
Ich werde mir nicht verbieten, die Zeit in Vertrauen zu vertrödeln,
während ich meinen Zähnen beibringe, den Hass zu zerkauen,
der aus meinem Inneren hervorspringt.“
 
Iman Mersal, Mamarr mu’tim yasluh l-ita’allum ar-raqs [Ein dunkler Korridor, geeignet zum Tanzen lernen], Kairo 1995.
 
Die Isolation zwingt uns zur Beschäftigung mit uns selbst, in einer Einsamkeit, die wir fürchten und in der wir uns mit unserem Innersten konfrontiert sehen. Andererseits gibt uns die Isolation aber auch die Gelegenheit, völlig ungestört in uns zu schauen. So hat sich trotz meiner monatelangen freiwilligen Isolation mein Umgang mit allem seit Beginn des Lockdowns verändert… Ich erinnere mich, wie eine Freundin mir erklärte, wie man seinen Gefühlen von Angesicht zu Angesicht treten und sie spüren könne und dies anders sei, als sie zu zeigen: Wie kann man jenen Gefühlen Raum geben zu entstehen, wie ihre Existenz anerkennen, ihnen Zeit lassen um zu vergehen, sie willkommen heißen und versuchen, sie nicht zu beurteilen und zwischen „negativen“ und „positiven“ Gefühlen zu unterscheiden? Ich gewöhne mich daran, täglich Gefühle von Schwere und Unbehagen zu begrüßen und schiebe meine negativen Gedanken nicht wie früher beiseite. Ich gestehe mir gegenüber meine Gedanken ein, egal wie düster sie sind, und unterhalte mich mit mir, mal ruhig und mal unter Tränen und Wut. Ich wache jeden Tag mit einem überwältigendem Gefühl der Leere auf, stelle mir vor, wie die Welt ohne mich ein besserer Ort wäre und rede mir ein, eine erbärmliche Freundin, Mutter und Tochter zu sein. Ich versuche an einem Artikel oder einer Studie zu arbeiten bis meine Hand aufhört zu schreiben und mein Verstand mich davon überzeugt, dass ich diese Gelegenheit ganz sicher nicht verdiene und ich gut darin bin, allen um mich herum Möglichkeiten vorzuspielen, die ich gar nicht besitze, und jemand zu sein, der ich gar nicht wirklich bin. Ich habe von meinem Arzt gelernt, wie man mit diesen Gedanken umgeht als wären sie externe Stimme, die sich aus meinen Erfahrungen und Traumata der Vergangenheit erhebt und nicht länger repräsentiert, wer ich heute bin. Die Stimme des verunsicherten Kindes, das von Gefühlen kontrolliert wird, mit denen es am Anfang seines Lebens nicht gelernt hat umzugehen. Mein Arzt sagt, dass diese beiden Stimmen mich wohl fast immer begleiten werden. Was jedoch zählt ist, dass meine Stimme die lauteste wird. Ich finde das sehr schwer in der Isolation, denn jetzt habe ich den Luxus nicht, einfach einen Kaffee trinken oder spazieren gehen zu können bis ich mich beruhigt habe. Ich kann meine Freundinnen nicht einfach zum Essen einladen oder tanzen gehen, wie ich es gelegentlich tat. In der Isolation gibt es nur mich und meine Gedanken. Hin und wieder setzt sich meine Stimme am lautesten durch, nur um dann wieder tagelang von anderen Stimmen übertönt zu werden. Also akzeptiere ich sie friedlich, auch wenn ich dies nur vortäusche, und suche wieder nach meiner lauteren Stimme.
 
Ich habe bisher drei Monate in Isolation verbracht und versucht, meine Gefühle zu meiner früheren Beziehung, mein Verhältnis zu meinem Körper und zum Leben insgesamt zu verstehen. So bringt die Isolation auch Dinge an die Oberfläche, von denen ich dachte, dass ich sie schon überwunden hätte. In der Isolation realisiere ich, dass ich es liebe zu schreiben und das gerne für den Rest meines Lebens tun möchte. Auch bringt mich die Isolation dazu, meine Beziehung zu meinem Vater zu überdenken und mich mit dem Gedanken abzufinden, dass unsere Beziehung nicht gut, es aber nach seinem Tod vor zwei Jahren zu spät war sie zu kitten. Ich gebe dem Gedanken nach, dass ich für die paar Erinnerungen dankbar sein und versuchen muss, sie am Leben zu erhalten, und dass ich dafür jetzt mehr Zeit denn je habe. Ich gestehe mir auch ein, meine Mutter zu brauchen. Auch wenn wir uns jedes Mal streiten, wenn ich sie besuche, haben drei Monate Trennung ausgereicht, um zu erkennen, dass ich noch ein kleines Mädchen bin. Ich brauche nichts weiter, als im Schoß meiner Mutter einzuschlafen, während sie mit den Strähnen meiner Haare spielt.
 
Auch in der Isolation betrachte ich mich selbst im Spiegel. Es stimmt, dass ich als erstes die Falten sehe, die sich langsam bilden, aber ich schaue nicht mit Hass auf sie und wende meinen Blick auch nicht vom Spiegel ab wie sonst. Ich habe ein sehr ungesundes Verhältnis zu meinem Körper. Von klein auf habe ich es gehasst, in den Spiegel zu schauen und wenn ich es doch tat, sah ich nur endlose Makel. Ich erinnere mich an etwas, das mir eine Psychologin vor sechs Jahren einmal sagte, als ich frustriert von meinen mangelnden Fortschritten im Tangounterricht erzählte. Damit hatte ich begonnen, um meinen Körper besser kennen und mit ihm umgehen zu lernen. Sie fragte mich, wie ich denn von meinem Körper erwarten könnte zu gehorchen, wenn ich ihn nicht einmal anschaute. Ich hatte den Tanzunterricht gerade wieder aufgenommen, als die Isolation dazwischenkam. Ich tanzte vor dem Spiegel in einem Kostüm, das ich, seit ich es gekauft habe, jahrelang nicht getragen habe. Ich nehme mich dabei auf und beschließe nach langem Zögern, mir das Video anzusehen. Ich betrachte meinen Körper zum ersten Mal. Vor mir auf dem Bildschirm des Telefons biegt und bewegt er sich frei und ich beginne Sympathie und Liebe für ihn zu spüren. Ich entschuldige mich bei ihm für all die Male, die ich ihn gehasst habe, all die Male, die sich eine Hand in Wut gegen ihn erhoben hat, und all die Male, die ich ihn bestraft habe, indem ich zu viel aß, hungerte oder zig Kilometer rannte.
 
Ich denke viel über den Unterschied zwischen freiwilliger und erzwungener Isolation nach, denn obwohl ich seit mehr als sechs Monaten die Wohnung kaum verlassen habe, wiegt die Last der Zwangsisolation doch sehr viel schwerer auf mir. „Manchmal müssen wir aufhören zu handeln, sodass wir die volle Wirkung eines Ereignisses spüren, dass unsere Körper das Ereignis erleben“, sagt Sara Ahmed [3]. Die Welt um mich herum musste erst stehenbleiben, damit ich stehenblieb und aufhörte wegzulaufen. Ich habe mich immer mit einer Person verglichen, die nonstop rennt. Seitdem sich meine Eltern getrennt haben und ich mit zwanzig Jahren das Elternhaus verließ, bin ich nichts als gerannt. Sara Ahmed schreibt weiter: „Es kommt etwas dabei heraus, wenn wir anhalten, um die Auswirkung eines Ereignisses zu begreifen, auch wenn wir noch nicht wissen, was es ist. Die Auswirkung zu begreifen kann ein lebenslanges Projekt sein“. Ich verstehe, dass meine Sitzungen nur Versuche sind, die Auswirkungen von Ereignissen und Traumata zu verstehen, die mein Verstand nicht begriffen hat und für die er deshalb mir die Schuld gibt. Ich mache ihm keine Vorwürfe. All die Fortschritte, die ich in der Therapie erzieht habe, machen die Tatsache, dass diese Isolation erzwungen ist und das Leben, wie wir es kennen, stillsteht, kaum leichter. In der Konfrontation mit meinen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen sowie beim Verstehen ihrer Auswirkungen bin ich nun allein. In der Isolation verliere ich mein Zeitgefühl. Ich wache jeden Tag um sechs Uhr morgens auf, denke, dass ein langer Tag auf mich wartet, und dann überrascht mich Stunden später der Sonnenuntergang und die Tatsache, dass er viel kürzer war als gedacht. In der Isolation lerne ich auch die unbekannte Zukunft zu akzeptieren, denn niemand weiß mit Sicherheit, wie die Welt post-Corona aussehen wird. Wann werden wir wieder die berühren können, die wir lieben? Wann werden wir in ihren Armen weinen oder bei einem lecken Essen zusammensitzen können? Wann haben wir wieder die Möglichkeit, auszubrechen und ans Meer oder in die Wüste zu fahren? Mein Plan, die Doktorarbeit bis September abzuschließen, hängt in der Luft. Ich versuche diese Ungewissheit zu begreifen, wie man plötzlich nichts mehr planen und nur abwarten kann – aber ich werde besser darin. Was ich definitiv weiß, ist, dass, wenn das alles ein Ende hat, meine Stimme lauter als alle anderen Stimmen in meinem Kopf sein soll.

 
Verhandlungen über Produktivität und Wohlbefinden:
 
Zu Beginn der Quarantäne erschienen in den sozialen Medien motivierende Beiträge darüber, wie wir nun produktiv sein könnten und alle Zeit der Welt hätten, um das zu tun, wovon wir träumen. Diese Zeit wäre ideal, um eine neue Sprache zu lernen, Filme und Bücher zu genießen und sogar die Kilos und Zentimeter für die schlanke Taille, die wir uns schon immer gewünscht hätten, abzuarbeiten. Und in der Ära moderner Technologien sei es vielen sowieso möglich, von zu Hause aus zu arbeiten. Diese Posts ermutigten uns, die gegenwärtige Situation von der positiven Seite zu sehen: kein stundenlanges Staustehen in den Straßen Kairos und der Gedanke an Online-Meetings à la „oben Business, unten Pyjama“ schien ebenfalls sehr attraktiv. Doch es gab auch Beiträge, die dies alles kritisierten und zu mehr Mitgefühl uns selbst gegenüber aufriefen, besonders diejenigen mit psychischen Leiden. Isolation, Quarantäne und ständige Zukunftsangst seien eben keine idealen Bedingungen für Produktivität, sondern eine Phase, in der man sich in allererster Linie um sich selbst und sein Wohlergehen kümmern müsse. Ich befinde mich in ständiger Verhandlung mit mir über die Bedeutung von Produktivität und Wohlbefinden.[4]
 
Ich verließ das Haus meines Vaters sofort, als ich das Studium abgeschlossen und meinen ersten Job gefunden hatte. Dies führte zu einer jahrelangen Beziehungspause zwischen mir und ihm, während der ich lernte, mich völlig auf mich selbst zu verlassen. Ich arbeitete weiter und stieg in meiner Firma in eine sehr gute Position auf. Ich konnte von zu Hause aus arbeiten, reiste mindestens zweimal im Jahr zu Meetings und hatte ein vernünftiges Gehalt, das mir und meiner Tochter einen relativ komfortablen Lebensstandard ermöglichte. Meine Arbeit war stets die Hauptquelle meines Selbstwertgefühls. Vor zwei Jahren reiste ich zum Masterstudium in ein europäisches Land und kehrte mit einer schweren Depression nach Kairo zurück, woraufhin ich mich entschied, nicht wieder zur Arbeit in Vollzeit zurückzukehren. Ich brauchte mehr Zeit für meine Tochter, um die ich mich seit der Scheidung allein kümmerte, auch da ihr Vater im Ausland lebte. Ich wollte auch nicht länger dem Druck langer Arbeitszeiten ausgesetzt sein und stattdessen mehr Freizeit zum Erzählen und Schreiben haben. Ich traf die Entscheidung in dem Wissen, dass einige meiner Privilegien und mein Lebensstil darunter leiden würden.
 
Einige der Projekte, an denen ich freiberuflich geforscht habe, sind seit Beginn der Quarantäne ausgesetzt. Die Tatsache, dass mein Selbstwert so eng mit meiner Arbeit und der Höhe meines Gehalts verbunden war, macht es mir schwer. Jeden Tag denke ich viel darüber nach, ob ich wertlos bin oder mein Leben einen Nutzen hat, da ich Wert und Nutzen stets von meiner Produktivität auf Arbeit abhängig gemacht habe. Wie also trenne ich meinen Wert als Mensch und meine Selbstdefinition von dem, was ich leiste und für das ich bezahlt werde? Ich gehe schlafen und habe das Gefühl, dass ich den ganzen Tag überhaupt gar nichts gemacht habe. Ich vergesse, dass ich das ganze Haus aufgeräumt und mit meiner Tochter gelernt und gespielt habe, Essen für uns und meinen Bruder, der gerade bei uns lebt, gekocht habe und dass ich nicht in Tränen aus- oder völlig zusammengebrochen bin und mich auch die üblichen Angstzustände verschont haben.
 
Auch meine Hausarbeit ist eine produktive Leistung. Ich rufe mir ins Gedächtnis, dass Hausarbeit absichtlich kleingeredet und in ihrer Bedeutung für den kapitalistischen Produktionsprozess von Ökonomen ignoriert wird, weil er historisch, gesellschaftlich und kulturell mit der Frau und ihrer Ausbeutung als unbezahlte Arbeitskraft verbunden ist. Ich denke an Anja Meulenbelts Worte, die schrieb, dass die Frau „einen Großteil ihres Lebens dadurch definiert wird, dass sie die Person ist, die unbezahlte Arbeit verrichtet, d. h. die Arbeit, die wir nicht Arbeit, sondern Liebe nennen“. [5] Ich sage mir, dass ich auch dann ein wertvoller Mensch bin, wenn ich diese Hausarbeit nicht verrichte. Am Ende ist die ganze Welt stehengeblieben. Und obwohl mich die Witze über die Apokalypse und Rückkehr der Dinosaurier am Ende des Jahres 2020 zum Lachen bringen, ist unweigerlich festzustellen, dass das, was wir erleben, beunruhigend und bis ins Mark angsteinflößend ist. Ich finde mich mit dem Gedanken ab, dass ich tagelang nicht aufräumen werde. Und vielleicht werde ich meine Tochter um einen Tag für mich allein in meinem Zimmer, am Laptop oder mit einem Buch, bitten, wofür sie Verständnis haben wird. Ich bin nicht nur das, was ich produziere. Ich bin auch das, was ich glaube und für mich und andere empfinde, und das, was ich mir und den Menschen um mich herum an Liebe und Unterstützung entgegenbringe.
 
Nach der Flut Produktivität anregender Botschaften tauchten solche auf, die erklärten, dass die Isolation sich unweigerlich auf unsere psychische Gesundheit und deshalb auch Arbeitsleistung auswirken werde und dass wir daher unbedingt auf unser Wohlbefinden achtgeben sollten. Meine allerersten Erinnerungen zum Thema Selbstfürsorge kommen mir in den Sinn. Meine Mutter war das Ebenbild einer hart arbeitenden Frau: Sie war ganztags tätig, kümmerte sich – nur selten mit Unterstützung meines Vaters – um mich und meinen Bruder. Sie hatte keine Freunde in Kairo, wohin sie nach der Heirat mit meinem Vater aus ihrer Heimatstadt Mansoura gezogen war. Ihr ganzes Leben dreht sich um ihre Familie und ihre Arbeit, als ob sie keine davon unabhängige Existenz besitzt. Nur in den Ferien, wenn wir meine Großmutter und Tante – ihre Schwester – in Mansoura besuchten, sah ich eine leichte Veränderung in ihr. Das Mantra meiner Tante lautete, dass meine Mutter „besser auf sich aufpassen muss“. Wenngleich meine Erinnerung etwas durcheinander ist, sehe ich meine Mutter, Tante und Großmutter vor mir auf der Sitzbank in der Küche, wie sie die Kinder nach draußen zum Spielen schicken, und höre ihr Gelächter hinter der Tür. Meine Mutter ruft mich und ich laufe die Treppe hinauf, denn das bedeutet, dass ich einen kleinen Lolli aus Zucker, Wasser und Zitrone bekommen werde. Ich erinnere mich bis heute an den Geschmack auf meiner Zunge. Ich bekam Lollis nur an den Tagen, wenn wir Kinder nach draußen geschickt wurden, damit die Frauen der Familie sich um sich kümmern konnten. Meine Mutter liebt es auch spazieren zu gehen und so genossen wir in den Sommernächten, die in Mansoura lauer sind als in Kairo, die Spaziergänge entlang der Corniche am Nil, wo wir im Nil Casino mit seinen grünen Lichtern für eine 7-Up einkehrten und zwischen der Neuen Gasse und dem Khawajat Markt hin und herwanderten, auf der Suche nach etwas, dass uns bis zum nächsten Besuch an diese Tage erinnern würde. Meine Tante verabschiedete meine Mutter stets mit den Worten „deine Zirkulation ist wieder in Gang und du siehst gesund aus“, doch das war vorbei, sobald wir wieder in Kairo ankamen und sie zu ihrem gewohnten Tagesablauf überging.
 
Seit ich unabhängig bin und das Haus meiner Familie verlassen habe, um allein zu leben, nehme ich mir den Rat meiner Mutter zu Herzen: „Pass auf dich auf und hab immer Zeit für dich selbst“. Auch haben mich die vielen Jahre mit Depressionen dazu gezwungen, mich für mein Wohlbefinden als wesentlichen Bestandteil der Therapie zu interessieren. Dafür habe ich eine Liste von Aktivitäten, die ich unternehme: täglich mache ich Sport und Yoga, manchmal meditiere ich oder jogge, wenn ich denn die Kraft habe, mich den frauenfeindlichen ägyptischen Straßen zu stellen, oder fliehe in die Sonne ans Meer. Mir macht es auch Spaß zu tanzen, lesen, Filme zu schauen und aus verschiedenen Ölen Rezepte zur Pflege meiner Haare und Haut zu kreieren. Mir ist bewusst, dass die meisten dieser Aktivitäten Privilegien der sozialen Schicht, der ich jetzt angehöre, sind. Neben diesem finanziellen Aspekt sind die Zeit und Energie, die ich auf der Suche nach Wohlbefinden aufwende, ebenso ein Luxus, den ich nicht immer habe. An meinen geschäftigsten Tagen ist meine äußerste Hoffnung, doch noch ein paar Minuten für mich allein im Bett zu haben, nachdem meine Tochter eingeschlafen ist und bevor auch ich einschlafe. Auch so etwas einfaches wie eine Dusche kann zu einem Mittel der Selbstpflege und des Wohlbefindens werden. Hier erinnere ich mich wieder an meine Mutter. An den heißesten Tagen des Kairoer Sommers war es immer ihr größter Wunsch, ihren Kopf mitsamt ihrer kurzen Haare in Wasser zu tauschen und so „nur zehn Minuten“, wie sie uns bat, in Ruhe sitzen zu können.
 
So bewusst ich mich auch wähne, fiel auch ich nach der ersten Woche der Isolation den Botschaften der Produktivität zum Opfer. Statt meiner üblichen halben Stunde Sport und halben Stunde Yoga wendete ich nun anderthalb bis zwei Stunden dafür auf, machte mir Vorwürfe, wenn ich die Haarmaske zweimal in der Woche vergaß und zählte täglich die Minuten zum Lesen, Tanzen, Trainieren und Kochen. Ich glaube, dass ich für mich und meine Gesundheit alles tat, was ich konnte, und doch litt ich jeden Tag unter Schlaflosigkeit, ständigen Sorgen und Gedankenkreisen. Da wurde mir klar, dass ich Wohlbefinden nur in eine andere Form der Produktivität verwandelt hatte, die ich an den Minuten und Malen, an denen ich Yoga machte und mein Gesicht mit Traubenkernöl behandelte, oder der Anzahl verlorener Zentimeter um die Taille herum festmachte.
 
Wohlbefinden beginnt in meinem Inneren, wenn ich mir eingestehe, zu hart zu mir selbst zu sein, oder etwas von mir erwarte, das nicht machbar ist. Wohlbefinden beginnt mit Güte, Warmherzigkeit, Verständnis und Akzeptanz – der Akzeptanz, dass wir uns in einem Ausnahmezustand befinden und dass es verrückt und hartherzig ist, Leistungen in einer Zeit zu erwarten, die von der Angst vor dem Unbekannten getrübt ist. Ich sage mir, dass es sinnlos ist, in dieser Zeit einen neuen Job zu finden, eine neue Sprache zu lernen oder meiner Tochter zu besseren Schulnoten zu verhelfen. Ich möchte einfach, dass wir uns an diese Zeit mit leichtem Herzen erinnern, an die Stunden, die wir beim Quatschen über alles und jeden verbrachten, an die Abende, an denen wir Filme schauten, Popcorn aßen und vor dem Fernseher einschliefen, und die Stunden, in denen wir auf dem mit Bauklötzern bedeckten Boden saßen, Szenen nachbauten und uns Geschichten ausdachten, die wir erleben könnten, wenn uns der Lockdown nicht daran hindern würde. Ich möchte mich an all die Zeit erinnern, die ich mit meiner Tochter damit verbrachte, über das, was passiert, und wie wir uns deshalb fühlen in aller Vertrautheit zu sprechen. All die Male, die ich nicht versuchte, meine Tränen zu verbergen, sodass auch sie den Mut fand, ihre Ängste und Befürchtungen preiszugeben.
Unsere Tage vergehen langsam, mit Bangen und in Vertrautheit. Jeden Tag führe ich meine Verhandlungen mit mir selbst über die Bedeutung von Arbeit, Produktivität und Wohlbefinden – meines und das meiner Tochter – und was ich tun kann, um es zu schützen, fort. Ich lerne, was Sara Ahmed „Überlebensstrategien“ nennt, und rufe mir immerzu ins Gedächtnis, dass es, wie sie schrieb, „eine Grenze für das gibt, was man sich zumuten kann, weil es eine Grenze für das gibt, was man ertragen kann“.

[1] Sara Ahmed, Al-shakwa wa-l-najat [Beschwerde und Befreiung], 2020, übersetzt von Sarah Mubarak und Ibrahim Al-Sharif.
2] Eye Movement Desensitization and Reprocessing (kurz EMDR, auf Deutsch ungefähr: Desensibilisierung und Aufarbeitung durch Augenbewegungen).
[3] Sara Ahmed, Al-shakwa wa-l-najat [Beschwerde und Befreiung], 2020, übersetzt von Sarah Mubarak und Ibrahim Al-Sharif.
[4] Die Bezeichnung „Wohlbefinden“ ist hier eine Übersetzung des Wortes „wellbeing“, wie Yara Sallam es in ihrem Buch Hatta aqwa al-muqatilat [Selbst die stärksten Kämpferinnen] verwendet. Siehe: http://ohrh.law.ox.ac.uk/wordpress/wp-content/uploads/2020/02/حتى-أقوى-المقاتلات-1.pdf
[[5] Anja Meulenbelt, zitiert in: Ma ma‘na an yakun ash-shakhsy siyasatun? [Was bedeutetet es, wenn das Private politisch ist?]. Siehe: https://www.aljumhuriya.net/ar/content/

 

Top