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Saad Denwar
Quarantäneträume

Biografie:
Saad Abdel-Fattah Dnewar ist ein bildender Künstler und Filmemacher aus Ägypten, der 2017 sein Studium an der Fakultät für bildende Künste der Deutschen Universität in Kairo abgeschlossen hat. Zwischen 2014 und 2020 arbeitete er an mehreren Film- und Kunstprojekten. Seine fotografischen Arbeiten sind in verschiedenen Galerien in Brighton (Vereinigtes Königreich) ausgestellt worden.
 
Saads jüngstes Filmprojekt mit dem Namen „Khaina al-A’ayn“ (Verräterische Augen) gewann den Filmpreis 2020 der Robert Bosch Stiftung und den Preis für das beste Drehbuch beim Internationalen Kurzfilmfestival Berlin (Interfilm) 2019. In seinen Arbeiten setzt er sich vor allem mit Gender, Religion und Philosophie auseinander.
 
Projektbeschreibung:
 
„Quarantäneträume“ ist eine von Fotografien begleitete Textserie. Ein anonymer Erzähler wandelt zwischen Träumen und Alpträumen, die einige seiner eigenen Geheimnisse ans Licht bringen.
 
Das Projekt ist eine gemeinsame Arbeit von Saad Dnewar als Autor und Abdel Rahman Dnewar als Fotograf. Es ist inspiriert von Naguib Mahfouz‘ Buch der Träume (Ahlam fatrat al-naqaha).

TRAUM 1 

 

Traum 1 ©Goethe-Institut

Heute habe ich das erste Mal seit zwei Wochen das Haus verlassen. Ich war im Supermarkt.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich wieder das Gefühl, ein Ziel zu haben, wenn auch nur ein kleines. Mein Ziel war es einzukaufen und zur Kasse zu gehen.
Ich war zum ersten Mal seit langer Zeit von Menschen umgeben, die auch Ziele hatten, wenn auch nur kleine. Ihre Ziele waren es einzukaufen und zur Kasse zu gehen.
Nach dem Einkaufen stand ich in der Schlange an der Kasse…
Je mehr ich in der Reihe vorrückte, desto schneller schlug mein Herz. Ich konnte mich an kein anderes Ziel in meinem Leben als an den Supermarkt erinnern. Ich konnte mich an keinen anderen Sinn erinnern.
Ich hatte Angst, dass in dem Moment, wo ich die Kasse erreichte, das einzige Ziel in meinem Leben erreicht sein würde.
So entschied ich mich, die Warteschlange zu verlassen und weiter einzukaufen. 
 

Traum 2

 
Traum 2 ©Goethe-Institut Ich bin unzufrieden… Heute bin ich aufgewacht und war ein französischer Fernseher. Dabei kann ich gar kein Französisch.
Ich war bei einer französischen Familie, die ständig auf Französisch stritt. Sie haben französische Serien und Sendungen auf mir geschaut.
Ich hasse Französisch nicht, aber es ist sehr langweilig ein Fernseher zu sein, der eine Sprache spricht, die er nicht versteht.
Ich bin unzufrieden… Ich weiß nicht mehr, was ich war, bevor ich ein Fernseher wurde. Ich weiß nicht, ob ich glücklicher war oder nicht.
Das einzige, woran ich mich erinnere, ist, dass ich jemand oder etwas war, das kein Französisch versteht.
Ich hätte egal was sein können, was kein Französisch versteht… unendliche Möglichkeiten: eine Fernsehmoderatorin, die kein Französisch kann, oder ein Sportkommentator, der kein Französisch kann…  oder ein Statist in einer Werbung für griechischen Jogurt, der kein Französisch kann, oder eine Fliege, die kein Französisch kann…
Ich wäre vielleicht glücklicher als Fliege gewesen.
Oder als Moderatorin.
Oder als Sportkommentator.
Oder als Statist in einer Werbung für griechischen Jogurt.
Die ganze Zeit schaut mich dieselbe Familie aus derselben Ecke vom selben Tisch an.
Als wäre mein Leben ein Film, den ich nicht ausgesucht habe. Ich bin deprimiert.
Ich bin ein deprimierter Fernseher.
Die ganze Zeit streiten sie sich in einer Sprache, die ich nicht verstehe und nach einiger Zeit fühlt es sich so an, als hätte mein Leben keinen Sinn.
Vielleicht wäre ich glücklicher gewesen, wenn sie in einer Sprache gestritten hätten, die ich verstehe, oder wenn ich wenigstens verstanden hätte, wer meinen Sender ausgesucht hat.
Ich habe Kopfschmerzen.
Ich bin ein Fernseher mit Kopfschmerzen.
Vielleicht wäre ich glücklicher als Fernseher ohne Kopfschmerzen gewesen.
Vielleicht wäre ich glücklicher gewesen, wenn mich eine andere Familie angeschaut hätte.
Wenn ich Hände gehabt hätte
oder etwas, womit ich die Fernbedienung erreichen könnte,
mit der ich den Kanal wechseln und selbst aussuchen könnte, was auf mir geschaut wird,
dann wäre ich vielleicht glücklicher gewesen.
Ich hasse mein Leben.
Wenn ich Hände hätte,
würde ich diesen Becher ergreifen,
ihn auf mich werfen,
auf meine Bildschirm,
und ihn zerbrechen!
Dann wäre ich glücklicher…
Es ist friedlich, nichts zu sein.
Es sei denn, man ist sich dessen bewusst.
Wenn ich mir dessen aber nicht bewusst wäre, würde ich nicht diese Qual erleiden. Dann wäre ich glücklicher.
Ich will hier nicht bleiben, aber fürchte mich auch vor dem, was passieren wird, wenn ich sterbe.
Ich fürchte mich davor, ein Teil dieser Familie zu sein, die ich anschaue.
Ich fürchte mich davor, schlimmeres als ein französischer Fernseher zu sein.

Je suis ein französischer Fernseher.
 

TRAUM 3

Traum 3 ©Goethe-Institut

Alles begann vor zwei Monaten in Berlin. Wir hatten zuhause eine Party, als unser Freund Mazen eine Überdosis einnahm. Als der Krankenwagen eintraf, wurde festgestellt, dass er einen Herzinfarkt wegen einer zu hohen Dosis GHB erlitten hatte. Aber sie konnten ihn retten und er ist wieder fit wie ein Turnschuh, nachdem er mir einen solchen Schreck eingejagt hat. Es war ein langer Tag.
Als ich wieder zu Hause war, habe ich mir meinen Schnurrbart abrasiert – es war das letzte Mal, dass ich ihn sah.
Ein paar Tage später…  stellte ich fest, dass an seiner Stelle Fliegenflügel gewachsen waren.
Ich versuchte mehrmals sie abzurasieren, aber sie wuchsen immer wieder nach. Sie sahen einfach scheiße aus. Ich ging zu meiner Hausärztin, die mich 
an einen Hautarzt überwies. Aber der Hautarzt sagte,
dass er so einen Fall wie mich noch nie gesehen hätte und es wahrscheinlich etwas Genetisches sei und er lehnte es ab, mich an andere Ärzte weiterzuleiten.
Aber das Ganze hat mich richtig genervt.
Alle Ärzte weigerten sich, mich für weitere Untersuchungen ins Krankenhaus zu überweisen. Und nach Wochen abgesagter und verschobener Termine sagte man mir, dass meine Krankenversicherung nur Unfälle und Notfälle abdeckt und dass ich nur bei Notfällen ins Krankenhaus durfte.
Also dachte ich darüber nach, einen Notfall zu fabrizieren… Ich rief Mazen an und fragte ihn, wie viel genau er an dem Tag für die Überdosis genommen hatte.
Danach habe ich mir die Drogen besorgt. Ich tropfte
vier Milliliter GHB in ein Glas Orangensaft und trank es.
Dann rief ich den Notdienst an, meldete einen Herzinfarkt und gab meine Adresse an.
Übersäuerung… keine Ahnung, ob vom Saft oder dem GHB, aber ich bekam den gleichen Anfall wie Mazen kurz bevor der Notdienst bei mir eintraf.
Sie luden mich in den Krankenwagen und ich war aufgeregt, endlich ins Krankhaus zu kommen.
Der Sanitäter hörte mit dem Stethoskop meinen Herzschlag ab.
Danach begannen die Fragen.
 
- Geht’s dir gut?
- Nein, ich habe ein Engegefühl in der Brust.
- Hmm…
- Was ist denn los?
- Es gibt keinen Puls.
- Wie? 
Dann steckte er mir das Stethoskop in die Ohren und fragte:
- Hörst du was?
- Nein.
- Tut uns leid, aber wir haben alles getan, um dich zu retten.
- Was bedeutet das?
- Ruhe in Frieden, du bist tot.
 
Ich war bei Iman, meiner Psychiaterin, und erzählte ihr die Geschichte. Sie bekundete ihr Beileid mit den Worten „Ruhe in Frieden“ und sagte, dass sie davon nichts gewusst hätte.
Ich erklärte ihr, dass ich deprimiert sei, weil ich vor meinem Tod noch so viel schreiben wollte, was jetzt vergessen sein wird.
Sie beruhigte mich, dass das Schlimmste jetzt vorbei sei und ich mir deshalb keine Sorgen mehr machen müsste.
Sie fragte mich, ob ich immer noch die Medikamente einnehme, die sie mir verschrieben hat. Als ich dann sagte, dass ich sie zwei Wochen vor meinem Tod abgesetzt hatte, war sie verärgert. „Deswegen bist du gestorben!“, sagte sie. Dann fing sie an, mir ein neues Rezept auszustellen.
Als sie das Ende des Blattes erreichte hatte und ich das Rezept nehmen wollte, drehte sie es um
und schrieb auf der Rückseite weiter. So schrieb sie vier Seiten voll… Dann nahm sie sie aus dem Rezeptheft heraus und gab sie mir.
Sie sagte, „Das ist Surat Yassin. Sie wird für die Verstorbenen gelesen. Lass sie dir von jemandem vorlesen.“

Traum31 ©Goethe-Institut
 

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