Sharing & Exchange Akteure aus Kairos Gegenkultur diskutieren

Life is sharing
Life is sharing | Foto: Alan Levine

In einer riesigen Stadt wie Kairo, mit ihren komplexen urbanen Realitäten und eigensinnigen Infrastrukturen, schießen die Initiativen nur so aus dem Boden. Meist sind es junge Menschen, die es sich zum Ziel machen, auf jene sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnisse einzugehen, die einer nach globalen Trends des Teilens und Austauschs dürstenden Gesellschaft eigen sind.
 

Am 23. Februar 2016 trafen sich zahlreiche Vertreter von Initiativen aus den Bereichen Business, Kultur und soziale Entwicklung im Goethe-Institut Kairo für einen eintägigen Workshop zum Thema „Teilen und Tauschen“. Der Workshop war Teil einer Veranstaltungsreihe, zu der das Goethe-Institut an seinen Standorten überall auf der Welt – und in Vorbereitung auf das Sharing & Exchange Symposium im Juni 2016 in Weimar – eingeladen hatte. Für das Symposium, eine Plattform für Diskussionen, Networking und die Präsentation von Projekten des Goethe-Instituts und anderer Organisationen, werden um die 200 internationale Teilnehmer erwartet.
 
„Wir wollten die Diskussion um „Teilen und Tauschen“ schon vor dem Symposium starten, über unser Netzwerk aus 160 Goethe-Instituten weltweit“, sagte Johanna Keller, Leiterin der Abteilung Kulturprogramme am Goethe-Institut Ägypten. „Hier in Ägypten zum Beispiel haben wir Workshops, Diskussionen, Vorträge und Konferenzen zum Thema veranstaltet.“ Im Workshop waren co-working spaces wie Rasheed 22 und The District vertreten sowie Kunstorganisationen wie The Nile Project und Bikya Second Hand Books and Coffee, sozial engagierte Organisationen wie Bey2ollak, Raye7 und Filkhedma und schließlich Fab Lab Egypt, eine Plattform für die innovativen Köpfe Kairos. Außerdem nahmen die Universitätsprofessoren, Anthropologen und Spezialisten auf dem Gebiet „Teilen und Tauschen“ Reem Saad und Ramy Aly teil wie auch die Experten informeller Bildung von Aspire, die die Moderation einiger Spiele und Diskussionen rund um die Themen Teilen und Austausch übernahmen.
 
Die Kombination aus akademischer Forschung und Theorie einerseits und einer Vielfalt praktischer Erfahrungen der Teilnehmer andererseits schufen im Workshop einen fruchtbaren Boden für Gespräche, noch bereichert durch die Beiträge Saads und Alys zu Beginn und am Ende des Tages. In Diskussionsrunden ergründeten die Teilnehmer, was sie gemeinsam hatten, wo sie sich unterschieden und wie sie sich gemeinsam, als alternative Business- und Kulturbewegung – Ägyptens Gegenkultur oder Dritter Sektor – weiterentwickeln könnten.
 
Reem Saad eröffnete den Workshop mit einem Vortrag über die enge Verbindung der Konzepte des Teilens und Austauschs mit Ägyptens ländlicher Kultur und urbaner Peripherie. Ihre Forschungen hätten ans Licht gebracht, dass Kultur und Ökonomie in nicht-kapitalistischen Gesellschaften stärker verwoben seien als im westlichen Kapitalismus. Sie stellte Beispiele für sogenannte Sharing Economies (im Deutschen auch als kollaborativer Konsum bezeichnet) vor, so den Fall der Zuckerrohrplantagen in Edfu, wo sich die Gemeinde an den Feldern der Farmer trifft um beim Beladen der LKWs für den Transport der Ernte zur Fabrik zu helfen und Haustiere mit dem Rest der Ernte gefüttert werden.
 
Sie gab weitere Beispiele für das noch heute in vielen Gemeinden verbreitete Barter-System (oder auch Tauschgeschäft) und das Noqta-System, wo die Menschen sich zu besonderen Anlässen Geld schenken, das jedoch später wieder zurückgegeben werden muss. Sie sprach über Gemeinschaften, die sich des sogenannten Gameya-Systems bedienten, bei dem kollektiv Geld gespart und diese Summe jeden Monat einem anderen Mitglied zur Verfügung gestellt wird.
„Teilen ist kein so romantisches Prinzip, wie man denkt, denn immer stehen praktische Gründe dahinter“, erklärte Saad. „Es ist verbunden mit einer Last.“
 
Nach dem Vortrag wurde die Diskussion für die Teilnehmer eröffnet, die viele Fragen an die Professorin hatten. Auch ging man gemeinsam den Unterschieden zwischen Teilen und Austausch nach: Gehe es dabei nur um gegenseitigen Nutzen? Sei das Teilen ein in der Natur des Menschen verwurzeltes Bedürfnis? Welche Wirkung habe die soziopolitische Realität urbanen Lebens auf das Teilen? Aus dem Publikum kamen viele interessante Beiträge, so zum Beispiel von Gamal Sadek, dem Gründer des Traffic-Sharing Anbieters Bey2ollak: Seine Plattform funktioniere vor allem deswegen, weil Nutzer kostenlos ihre Informationen über die App miteinander teilten. Dies schien auf eine natürliche Tendenz und Bereitschaft des Menschen zum Teilen hinzuweisen.
 
Danach übernahmen die Bildungsexperten von Aspire die Moderation und führten durch zwei aufeinander aufbauende Gruppenaktivitäten, jeweils gefolgt von einer Diskussion: Die erste Runde erlaubte den Teilnehmern sich ausführlich mit den Themen Wettbewerb und Kooperation auseinanderzusetzen. Hier lautete eine Frage, wo genau Wettbewerb in der Sharing Economy, im Vergleich zur kapitalistischen Ökonomie, seinen Platz hätte. Im zweiten Spiel zum Thema Teilen von Ressourcen wurden die Teilnehmer in zwei Gruppen eingeteilt, erhielten jeweils dieselbe Aufgabe, allerdings unterschiedliche Materialien zum Lösen der Aufgabe. Ganz automatisch teilten die beiden Gruppen ihre Materialen miteinander (mit einigen Verhandlungen hier und da) und konnten so pünktlich ihre Aufgabe erledigen.
 
Nach einem langen Tag erweiterte Ramy Aly dann noch einmal das Blickfeld des Workshops, indem er vor Ort vertretene Initiativen und generell Projekte aus Ägypten mit der Gegenkultur-Bewegung der Fünfzier- bis Siebzigerjahre verglich, insbesondere in Hinblick auf Werte und
soziale Demographie (Jugend, Mittelschicht).
 
„Die Mittelschicht hat den Luxus, alternative Strukturen errichten zu können, und genau das habt ihr auch getan. Ihr alle habt ganz unterschiedliche Arten alternativer Strukturen errichtet“, erklärte Aly den Teilnehmern. „Es ist sehr wichtig, sich des Aspekts sozialer Zugehörigkeit bewusst zu sein. Ausgehend von eurer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht: Mit wem teilt ihr? Sind das Leute wie ihr, oder auch solche außerhalb eurer Nische?“
 
Alys spannender Vortrag entfachte schließlich eine hitzige Debatte darüber, mit wem die jeweiligen Initiativen denn nun eigentlich teilen würden, wie persönliche Werte ihre Projekte beeinflussten und wie ihre Organisationen in zehn Jahren aussehen würden. Die Teilnehmer diskutierten, ob Werte wichtiger wären, als offen für Neues und aktiv zu sein (zum Beispiel bei der Frage nach den verschiedenen Formen der Finanzierung). Sie hinterfragten ebenso, ob ihre Arbeit auch auf Profit ausgerichtet sein solle, und ob die Gemeinschaften, mit denen sie arbeiteten, bereit seien für Sharing-Systeme.
 
Am Ende wandten sich die Teilnehmer noch der Bedeutung von Kommunikation und Kooperation zwischen Initiativen wie den ihrigen zu, die ähnliche Werte teilten. Hier müsse man Möglichkeiten der Zusammenarbeit finden um gemeinsame Aktivitäten zu planen und so das Überleben und die Entwicklung des Dritten Sektors in Ägypten insgesamt sicherzustellen.