Arabische Comics
oft politisch, immer Kunst

Arabische Comic
Arabische Comic | © Shennawy

Spannende Einblicke in eine kreative Szene: Zum Thema „Der neue arabische Comic“ diskutierte unter anderem der ägyptische Comickünstler Shennawy auf der Frankfurter Buchmesse.
 

Shennawy
Shennawy | Foto: © Christopher Resch
Shennawy ist vielleicht nur wenigen Ägyptern ein Begriff, aber in der Comic- und Graphic-Novel-Szene ist er eine Berühmtheit. Er ist Zeichner und Mitbegründer von TokTok, des bekanntesten ägyptischen Comicmagazins und ist einer der Gründer des Festivals Cairo Comix.

Auf der Frankfurter Buchmesse diskutierte er mit der deutsch-libanesischen Grafikdesignerin und Künstlerin Lena Merhej, dem Comiczeichner Reinhard Kleist und Didier Dutour, Leiter der Buchabteilung im Institut français in Paris. „Der neue arabische Comic“ lautete der Titel der Diskussion – und so heißt auch ein neues Buch zum Thema, das das Goethe-Institut Kairo gemeinsam mit dem Institut français Anfang 2018 herausgeben wird.

Reinhard Kleist
Reinhard Kleist | Foto: © Christopher Resch
Eines wurde in der Diskussion einmal mehr deutlich: Es mag an vielem fehlen in der arabischen Verlagsszene – an Strukturen, an Geld, an der Qualität der Druckmaschinen – doch nicht an künstlerischen Fertigkeiten. „Ich habe viele Workshops gegeben“, erzählte Reinhard Kleist, „und es gab Leute, denen ich beim besten Willen nichts mehr bebringen konnte.“ Kleist beobachtet keine genuin arabische, aber dafür eine jeweils persönlich sehr ausgefeilte gestalterische Sprache: „Es gibt wahnsinnig diverse Einflüsse, aber viele konzentrieren sich darauf, ihren eigenen Stil zu finden. Das will ich in meinen Workshops unterstützen.“

In einem Umfeld, in dem auch Zensur kein Fremdwort ist, ist das gar nicht so leicht. Wobei, und das war in Frankfurt spannend zu sehen: Oft genug sind die europäischen Prioritäten in der Perspektive auf das Thema mit denen der Menschen vor Ort nicht unbedingt deckungsgleich. Shennawy: „Zensur ist nicht so das Problem, sondern vielmehr das Funding.“ Worauf seine libanesische Kollegin Lena Merhej, Mitbegründerin des Comicmagazins Samandal, entgegnete: „Wir sind schon ins Fadenkreuz geraten, wurden zensiert und sogar mit einer Geldstrafe belegt, angeblich wegen Blasphemie.“
Gefährlicher als plumpe Vorzensur ist ohnehin, was nach einer Veröffentlichung passiert. Was im Libanon funktioniert – zum Beispiel eine offene Thematisierung von Problemen der LGBT-Community – wäre für einen ägyptischen Autoren derzeit hochgefährlich.

In Themenfeldern wie diesem beobachtet Didier Dutour einen Kern der Entwicklung: „Das Neue ist, dass der arabische Comic politisch in zivilgesellschaftlichen Themen ist, und dazu in einer großen Diversität.“ Selten gibt es für eine solche gesellschaftliche Wirkung in die Kunst hinein nur einen einzigen Auslöser – insofern greift auch die Frage, ob die ägyptische Revolution von 2011 den arabischen Comic verändert hat, zu kurz. „Das begann schon einige Zeit davor“, erklärte Shennawy. „Magdy el Shafeis Comicbuch ‚Metro‘ ist schon von 2008. Vieles hat sich geändert, es gab kleinere Proteste und kritische Bewegungen. Die Gesellschaft war bereit.“ Auch TokTok erschien zwei Wochen vor der Revolution zum ersten Mal. „Das eine hatte mit dem anderen nicht direkt zu tun, aber der Nährboden für Veränderung auch im künstlerischen Bereich war da.“ Dieser schon existente, aber gleichsam – auch durch die sozialen Netzwerke – fruchtbar gemachte Nährboden sorgte dann dafür, dass die Leute Lust auf Comics und Cartoons bekamen. Übrigens, merkte Reinhard Kleist an, nicht nur auf politische: „In meinen Workshops gab es auch viele ganz banale Geschichten. Man hat gemerkt, dass die Leute sich nicht nur mit dem harten Alltag auseinandersetzen, sondern auch mal wegdriften wollten.“

Diskussion auf der Frankfurter Buchmesse
Diskussion auf der Frankfurter Buchmesse | Foto: © Christopher Resch
Comics und Graphic Novels spielen bei vielen in der Region tätigen Mittlerorganisationen eine große Rolle. Ein Grund dafür ist die starke Verankerung in lokalen Strukturen – oft erscheinen sie in der jeweiligen arabischen Umgangssprache und greifen ganz alltägliche Themen auf, sind also einem breiteren Publikum offen als viele andere Kulturangebote. „Dass sich Institut français und Goethe-Institut einbringen, ist sehr hilfreich“, erklärte Shennawy, „einfach weil es die Sichtbarkeit unserer Arbeit erhöht.“ Und weil sie strukturelle Hilfe leisten können, die noch bitter nötig scheint, sagte auch Lena Merhej: „Wir leiden darunter, uns um alles kümmern zu müssen, wir sind gleichzeitig Verleger, Designer, Drucker und Fundraiser. Insgesamt fehlen Leute, die sich im Buchmarkt gut auskennen.“ Das konnte Shennawy nur bestätigen: „Ich muss viele Dinge machen, die mit meiner eigentlichen Arbeit gar nichts zu tun haben.“

Professionalisierung tut also not. Doch wie sieht der Weg dahin aus? Neben vielen gesellschaftlich-politischen Faktoren bräuchte man, so Reinhard Kleist, ganz einfach bessere Druckmaschinen. Das wäre ein Anfang. Denn, wie Shennawy ergänzte: „Wenn man ein frisch gedrucktes, schönes Produkt in der Hand hält, kann man sehr gut schlafen.“

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