Die Orangen des Präsidenten
Übersetzung ins Arabische von Nadine Abou Najm, erschienen 2021 beim ALCA-Verlag.
Irak, 1989. In der Stadt Nasiriya wird der frisch gebackene Abiturient Mahdi von seinem Freund Ali mit einem geliehenen Auto abgeholt, um auf einer kleinen Spritztour die soeben absolvierten Abschlussprüfungen zu feiern. Doch die beiden kommen nicht weit, denn offenbar gehört der geliehene Wagen einem Regimegegner. Mahdi und Ali werden verhaftet und landen im Gefängnis, ohne Gerichtsverfahren und ohne Angabe von Gründen. Mahdi wird schwer misshandelt und gefoltert, er muss Hunger leiden und unter menschenunwürdigen Bedingungen seine Nächte fristen. Er und die Mitgefangenen werden permanent erniedrigt und gedemütigt, so auch am Geburtstag des Präsidenten, auf den alle Häftlinge sehnsüchtig gewartet haben, weil zu diesem Anlass normalerweise eine Amnestie ansteht. Mahdi rechnet fest mit seiner Freilassung, weil sich bei den Verhören eindeutig herausgestellt hat, dass er keinerlei Beziehungen zu irgendwelchen oppositionellen Gruppierungen unterhalten hatte. Als der Präsidentengeburtstag dann endlich da ist, verkündet der diensthabende Vollzugsbeamte tatsächlich eine große Geburtstagsüberraschung für alle Gefangenen, um anschließend jedem von ihnen voller Hohn und Sadismus eine Orange aushändigen zu lassen.
Der Roman endet mit der irakischen Invasion in Kuweit, die den beginnenden Zerfall des irakischen Staats markiert. Nach und nach lockert sich der eiserne Griff des Regimes, bewaffnete Umstürzler stürmen die Gefängnisse. Mahdi kommt zwar frei, doch nun muss er zusehen, dass er inmitten von Bürgerkrieg und Vergeltungsmaßnahmen des Regimes nicht zwischen die Fronten gerät.
Abbas Khider erzählt Mahdis Geschichte nicht linear. Immer wieder gibt es Rückblenden, in denen die sorglose Kindheit und Jugend des Protagonisten, die von seiner Leidenschaft für die Taubenzucht geprägt ist, als Phase beschrieben wird, in der dem Heranwachsenden alle Wege im Leben offen zu stehen scheinen.
Den harten Gegensatz dazu bilden die Schilderungen des Gefängnisalltags, dessen Schmutzigkeit und Trostlosigkeit so weit gehen, dass sie einen von Mahdis Mitgefangenen in den Selbstmord treiben.
Abbas Khider will jedoch bewusst vermeiden, dass man beim Lesen Mitleid verspürt. Stattdessen schafft er eine gewisse Distanz, aus der das Geschehen kritisch reflektiert werden kann. Deshalb baut er immer wieder groteske Situationen ein, die den Roman auflockern sollen, wie etwa die Verteilung der titelgebenden Geburtstagsorangen des Präsidenten. Das Buch kann als wichtiges Werk der sogenannten Gefängnisliteratur gelten, zumal die zutiefst menschlichen Schilderungen nicht nur auf den Irak allein, sondern auf alle Länder der Welt zutreffen.
In dem Roman
„Die Orangen des Präsidenten“ hat Abbas Khider auch Teile seiner eigenen Lebensgeschichte verarbeitet. Er selbst war unter Saddam Hussein zwei Jahre lang wegen des Verkaufs verbotener Bücher inhaftiert, bevor er 1996 über Jordanien, Griechenland und Italien nach Deutschland floh, wo er Asyl beantragte und seitdem zahlreiche Bücher auf Deutsch verfasst hat, wie etwa den jüngst veröffentlichten Roman „Der Erinnerungsfälscher“, der die Situation von Flüchtlingen in Deutschland beschreibt.
Übersetzung ins Arabische von Nadine Abou Najm, erschienen 2021 beim
ALCA-Verlag.
Unser Gast ist die Literaturkritikerin und Übersetzerin Frau Dr.
Hebba Sherif.
privat
Der Journalist
Islam Anwar moderiert die Veranstaltung.
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