Gereon Wetzels Film „Casas para todos“ Die Krise zu Hause

Gereon Wetzel ist nicht nur Filmemacher, sondern auch Archäologe und Spanienkenner. Die Machart und die Materie seines Films „Casas para Todos“ (Häuser für Alle) zeugen davon.

Gereon Wetzels Plan war es nicht, Dokumentarfilme zu machen. Eigentlich war er an die Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München gegangen, um TV-Journalist zu werden. Der studierte Archäologe wollte sein Fach im Fernsehen besser darstellen. „Aber an der HFF habe ich Filme gesehen, die mich auf ganz andere Art faszinierten.“ Es waren vor allem Dokumentarfilme aus den amerikanischen 60ern und 70ern, die Geschichten ganz ohne Off-Kommentar erzählen. „Sie haben mich auf die Bahn des kreativen Autorendokumentarfilms gebracht.“

Casas para Todos ist bereits der dritte Dokumentarfilm, den Wetzel in Spanien gedreht hat. 2006 erschien Castells über die katalanischen Menschenturmbauer, 2011 sein international gefeierter El Bulli – Cooking in Progress, der vom Experimentalkoch Ferran Adrià und dessen Restaurant handelt.

Die Folgen der Immobilienkrise 

Casas para Todos zeigt absurde Auswüchse der spanischen Immobilienkrise, ohne mit einem Off-Kommentar die Welt erklären zu wollen. Der Film ist eine dokumentarische Collage: Bilder von verlassenen Ortschaften, halbfertigen Ferienanlagen und Wohnungsbesetzern, die ihr Haus verloren haben - unterlegt mit Originaltönen spanischer Prominenz. So behauptete der Bauunternehmer Francisco Hernando alias „El Pocero“ noch 2008: „In drei Monaten beende ich die Arbeitslosigkeit in meinem Land. Wie? Alles zu Bauland erklären – und zwar schon morgen!“

Noch 2011 versprach Isidre Fainé, der Präsident der Caixa Bank: „Es gibt Sachen, die kosten heute 100 und morgen nur noch 50 – aber dein Haus hat immer einen Wert.“ Vor allem Wetzels Darstellung der 26 obdachlosen Familien, die in einem Neubau in Sevilla Zuflucht gefunden haben, lässt diese Aussage wie blanken Hohn wirken.

Der Film entlarvt falsche Versprechungen und lässt dem Zuschauer Freiraum, die Ursachen der Krise selbst zu erschließen. Die Folgen der mutmaßlichen Freigiebigkeit werden unmittelbar deutlich: Die verlassenen Straßen des Neubaugebiets sind nur noch als Übungsgebiet für Busfahrschüler zu gebrauchen – sie sollen dort eine ökonomische Fahrweise lernen. Ein Schäfer lässt seine Tiere in einem Gebiet weiden, das sich die Natur zurückerobert hat.

Eine archäologische Methode

Gereon Wetzel vergleicht die Machart des Films mit dem Survey, einer Methode in der Archäologie. Dabei schreitet der Forscher einen Acker ab und sammelt auf, was er an der Oberfläche findet. „So kriegt man ein Auge für Ungereimtheiten der Landschaft“, findet Wetzel. Dass er diese Methode gewählt hat, ist kein Zufall. Bevor Wetzel begann, Dokumentarfilme zu drehen, studierte er Archäologie. Dann zog er mit seiner katalanischen Frau nach Spanien. Mittlerweile lebt die Familie wieder in München, ist aber weiterhin eng mit Spanien verbunden.

Im Herbst 2013 läuft Casas para Todos auf 3sat. Die DVD zum Film erscheint bei DocCollection. In Personalunion war Gereon Wetzel Regisseur, Kameramann, Cutter und Grafiker von Casas para Todos. Für den Filmemacher kein Idealzustand, sondern eine Frage ökonomischer Zwänge. Der Film ist trotzdem fertig geworden, nach mehr als einem Jahr Arbeit.

Der Dialog mit den Zuschauern

Bei der Premiere des Films auf dem Dokumentarfilmfestival „Nonfiktionale“ im bayerischen Bad Aibling suchte Gereon Wetzel den Dialog mit den Zuschauern. Das Publikum war eine Mischung aus interessierten Einheimischen, kulturinteressierten Zugereisten und Leuten aus der Filmbranche. Einige Zuschauer zögerten nicht, gute Ratschläge an den Filmemacher weiterzugeben. „Im Film fehlt, dass an der Krise ganz viele Bauunternehmer verdient haben“, monierte eine Zuschauerin. Doch Wetzel pocht auf seiner Survey-Machart. „Wieso fehlt das? Der Film will ja gerade nicht den großen Bogen schlagen und jede Ecke dieses Problems ausleuchten“, unterstrich er. „Er soll weder aus der Täter- noch aus der Opferperspektive berichten.“


Ein Zuschauer lobte, dass er Verschwendung menschlicher Ressourcen im Film eindrucksvoll dargestellt fand. Ein anderer nannte Casas para Todos ein „gutes Chiffre für unseren Traum der immerwährenden Prosperität“. Ein junger Filmemacher übte Kritik, für ihn hätten sich einige Zusammenhänge nicht erschlossen. Gereon Wetzel blieb gelassen. „Natürlich gibt es Leute mit ganz anderen Sehvorstellungen, da kann man nichts machen. Aber er ist auch kein Wohlfühlfilm, sondern er fordert den Zuschauer wegen seiner Radikalität.“