„Generation Krise“ in Deutschland und Spanien „Um es zu erzählen, musst du es erlebt haben “

Screenagers
Screenagers | Foto: Dieter Bongartz

Das Dokumentarfilmprojekt „Screenagers“ gibt der „Generation Krise“ eine Stimme und macht verborgene Lebenswirklichkeiten in Europa sichtbar.

„¡Vamos, somos esta generación, die Generation Krise…aber wir leben unser Leben weiter!“ konstatiert Marina, Studentin der Erziehungswissenschaften und eine der 13 Jugendlichen, die am Dokumentarfilm-Austausch zwischen Deutschland und Spanien beteiligt war. „Wir haben konkrete Geschichten gesucht von Personen, wie sie weiterleben in der Krise und jeder hat ein anderes Projekt vorgeschlagen…“. Sowohl in Deutschland als auch in Spanien entwickelten Bewerber zwischen 16 und 20 Jahren Vorschläge, die dann in einem Workshop in Barcelona und Bergisch-Gladbach ausgearbeitet wurden. Die Projekte sollten aus der Perspektive dieser „Generation Krise“ berichten und von möglichen Überlebensstrategien. Die Ergebnisse spiegeln den Stellenwert wider, den das Problem für die Jugendlichen in beiden Ländern einnimmt. In Deutschland wurde ein Portrait der Hip-Hopper „One Love Crew“ ausgewählt, die ihre Sicht auf die Welt besingen, außerdem die Beobachtung der subkulturellen Szene am Ebertplatz in Köln und das Thema der „Youtubers“, einer Gruppe findiger Kreativer, die mit selbstgedrehten Youtube-Videos eine alternative Einnahmequelle aufgetan haben. Die spanischen Besucher dagegen fuhren mit Anliegen auf wie dem Kampf um politische Veränderung durch die „Protestbewegung 15. März”, den Aktivitäten des Tauschrings von Sant Celoni und den dramatischen Geschehnissen während der Zwangsräumungen.

Überraschung Deutschland

Zur Ausarbeitung der Projektskizzen gab es einen dreitägigen Schreib- und Recherchewerkstatt in Barcelona und einen in Bergisch-Gladbach. Dann, im Juli 2013, der Besuch in Deutschland: Aufnahme in die Gastfamilien, sich Kennenlernen, zusammen arbeiten und diskutieren, Neues erfahren. Das laute Reden der Spanier, die Stille in der Kölner U-Bahn, die enormen Preisunterschiede beim Speiseeis hier und dort, die „Heinzelmännchen“ und die Kathedrale von Köln. Die spanischen Gäste vergleichen und werden sich bewusst über ungleiche Bildungsstandards, den unterschiedlichen Umgang mit Geld und vieles mehr. Es ist ein Sich-Selbst-Entdecken im Spiegel des anderen. Und es ist vor allem eine intensive Teamarbeit, in der sich die Gäste in die Themenstellungen ihrer Partner eindenken und einarbeiten müssen, um gemeinsam einen Dokumentarfilm zu produzieren.

Krise Europa

Während die Eurokrise in der alltäglichen Kommunikation meist mit Zahlen abgehandelt wird, fördert jedes Filmprojekt individuelle, konkrete Fälle zutage, zu denen manchmal nur die Jugendlichen selbst Zugang haben. Die Idee, die bereits erfolgreich in Griechenland und Israel erprobt worden war, stammt von „Screenagers“, das sind die Regisseurin Vera Schöpfer und der Filmemacher und Drehbuchautor Dieter Bongartz. „Europa hat ein Loch im Eimer, da brechen alte Nationalismen und Vorurteile auf …“, kommentiert Bongartz. „Mit unserem Projekt wollten wir etwas Konkretes unternehmen. Wir setzen auf Zusammenarbeit in gemischten Teams, die sich an einem ganz konkreten Projekt beweisen müssen.“ Mit der Unterstützung des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein- Westfalens gaben Sigrid Brenner vom Krea-Jugendclub in Bergisch-Gladbach sowie das Goethe-Institut in Barcelona dieser Initiative ein Zuhause.

Gleich nach der Ankunft in Deutschland: der Sprung ins kalte Wasser, für die Gastgeber ebenso wie für die spanischen Gäste. Nach einem Crash-Kurs in den Grundregeln machen die Teams ─ bewaffnet mit Stativ und Kamera ─ ihre ersten Dreherfahrungen. Schnell lernen sie Szenen einzufangen und der Versuchung des wilden Heran-und Wegzoomens zu widerstehen. Abends dann werden die Ergebnisse im Krea-Jugendclub gemeinsam besprochen. Ton, Kamera und Schnitt wollen gelernt sein genauso wie die inhaltliche dokumentarische Arbeit.

Gegenbesuch in Barcelona

Weit über das harmlose Entdecken kultureller Unterschiede hinaus erfahren die jungen Filmer, wie sie selbst ihre Stimme erheben können, wie sie sichtbar machen und dokumentieren können, was sie bewegt. Mithilfe der Kamera können sie Europa und der Welt zeigen, was die Krise mit ihnen und den Menschen aus ihrer direkten Umgebung macht. Die harte Realität in Spanien überrascht und schockiert die deutschen Austauschschüler. Während sich ihre Altersgenossen in Deutschland zum Teil Gedanken darüber machen, was sie studieren oder was sie am Abend unternehmen wollen, sehen sie hier, etwa bei Zwangsräumungen, die direkten Auswirkungen der Finanzkrise auf die Menschen. Fassungslosigkeit bei den jungen Deutschen auch über die offensichtliche Teilnahmslosigkeit der spanischen Politiker. „Ich glaube, sie haben dasselbe gefühlt wie wir und sich Sorgen gemacht…“, berichtet Marina.

Sich neu erfinden

Das Wissen der Ortskundigen hilft während der intensiven Arbeit am jeweiligen Projekt, und in einem Prozess gemeinsamer Erfahrungen entsteht ein Dokumentarfilm, der nicht nur über Europa und seine Krise spricht, sondern der den ersten Schritt zu ihrer Überwindung tut und damit ein Europa herstellt aus einer selbst erfahrenen, vorurteilsfreieren Sicht auf die jeweiligen Verhältnisse der Nachbarn. „Um es zu erzählen, musst du es erlebt haben.“ Wie konnte es sein, dass die Deutschen nicht wussten, wie wir hier leben?“ – fragen sich Marina und ihre spanische Freundin Sara. Allein die Möglichkeit sich mitzuteilen, verstanden zu werden, mildert dieses Gefühl der Machtlosigkeit und eröffnet neue Wege. „Wenn du Bewusstsein schaffen kannst, hast du schon einen guten Job gemacht“, bestätigt Sara und: „Die Dinge verändern sich, wenn man nur will … man muss sich neu erfinden “.

Am 24. Januar sind die Ergebnisse dieses besonderen Austausches in der FilmoTeca de Catalunya zu sehen, die als Partner das Projekt ebenfalls unterstützte.

Casas sin gente, gente sin casas (20 min.)
Ebertplatz (17 min.)
Banc del temps (18 min.)
One Love Crew (18 min.)
Con abuelo en mente (17 min.)