Pacto de Convivencia „Bei der freien Religionsausübung steckt Spanien noch in den Kinderschuhen“

Ana Ruiz, Sprecherin der spanischen Initiative Pacto por la Convivencia.
Ana Ruiz, Sprecherin der spanischen Initiative Pacto por la Convivencia. | Foto: © Jan Nogal

Vor 500 Jahren veränderte Luther mit seinen 95 Ablassthesen die Welt. Anlässlich dieses Jubiläums führten wir ein Interview mit Ana Ruiz über das Zusammenleben der Religionen in Spanien.

Ana Ruiz zufolge leben in Spanien viele unterschiedliche Religionen miteinander. Vor allem sind dies die katholische und die evangelische Kirche. Der Größe nach folgen ihnen die islamische und jüdische Gemeinde. „Außerdem gibt es den Rechtsstatus einer in Spanien verwurzelten anerkannten Religionsgemeinschaft („notorio arraigo“)“, so Ruiz. „Dieser gilt für Religionen, die zwar eine Minderheit sind, aber zur spanischen Identität gehören. Sie sind nur deshalb eine Minderheit, weil ihnen eine freies Zusammenleben jahrhundertelang verwehrt wurde.“

Frau Ruiz, bedeutet der Begriff Zusammenleben für die unterschiedlichen Religionen jeweils das gleiche?

Ja. Pacto de Convivencia (Vereinbarung über das Zusammenleben) entstand, weil wir alle gemerkt haben, das etwas fehlt: Die Zivilgesellschaft muss aktiviert werden, um ein Zusammenleben zu ermöglichen.

Wie ist religiöse Toleranz im spanischen Rechtsystem verankert?

Bei der Religionsfreiheit steckt Spanien noch in den Kinderschuhen. Religionsfreiheit existierte in den letzten beiden Jahrhunderten nur in zwei historischen Phasen: während der sechs demokratischen Jahre 1868-1874 und der zweiten spanischen Republik, und seit der Verfassung von 1978. Das Religionsfreiheitsgesetz entstand gleich nach der Verfassung von 1978. Daneben unterzeichneten der spanische Staat und die Religionen mit anerkannter Verwurzelung 1992 Kooperationsvereinbarungen.

Welches sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Konflikte zwischen diesen Religionen?

Das müssen Sie sie selber fragen. Ich bin nicht die geeignete Person, um diese Frage zu beantworten. Wenn man sich die Sprecher dieser Religionen näher ansieht, dann stellt man fest: Sie setzen sich für das Zusammenleben und die Gewissensfreiheit aller ein, und nicht nur die ihrer eigenen Minderheit. Ich meine damit Leute wie Mariano Blázquez, gemeinsamer Ansprechpartner der Protestanten und Exekutivsekretär des Dachverbands der evangelischen Religionsgemeinschaften in Spanien (Federación de Entidades Religiosas Evangélicas en España, FEREDE), oder Carolina Aisen, Direktorin des Dachverbands jüdischer Gemeinden in Spanien (Federación de Comunidades Judías en España, FCJE). Solchen Leuten sollte mehr Gehör verschafft werden.

Zukunftsstrategien

Stehen diese Minderheitsreligionen in Konflikt mit der allgegenwärtigen katholischen Kirche?

Ich würde nicht von Konflikt sprechen. Man muss die Geschichte bedenken, die auf unseren Schultern lastet. Das ist sehr schmerzhaft. Wir können weiter zurück in die Vergangenheit blicken oder in eine Dynamik eintreten und Strategien entwickeln, die zukunftsgerichtet sind.

War die Einwanderung entscheidend dafür, dass diese Religionen mit anerkannter Verwurzelung mittlerweile in Spanien ein stärkeres Gewicht haben als noch vor einigen Jahren?

Ja, natürlich. Aber wir müssen vor allem aufzeigen, dass es neben katholischen oder atheistischen Spaniern Personen gibt, die andere religiöse Auffassungen haben als die katholische Mehrheit. Und dass sie zu unserer Gemeinschaft gehören.

Wie kann ein „Abkommen über das Zusammenleben“ angesichts des zunehmenden Radikalisierungsprozesses funktionieren?

Wir einigen uns auf unterschiedliche Strategien. Zunächst muss man lernen, dem Radikalisierungsprozess entgegenzuwirken.

„Pacto por la Convivencia“ ist öffentlich erstmals bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Attentate von Barcelona und Cambrils in Erscheinung getreten. Ein schwieriger Moment, um sich der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Ja, auf jeden Fall. Das Attentat brachte die Initiative ins Licht der Öffentlichkeit. Uns war wichtig, ein Bild zu vermitteln, das es vorher in Spanien nie gegeben hat: Ganz unterschiedliche Gemeinschaften und Empfindlichkeiten, die sich im Laufe der Geschichte feindlich gegenüberstanden, treten gemeinsam in Erscheinung. Den Opfern gedenkt man am besten, wenn Emotionen ersetzt werden durch Engagement und wirksame Maßnahmen.

Für etwas arbeiten, nicht dagegen

Gäbe es „Pacto de Convivencia“ auch ohne diesen Radikalisierungsprozess?     

Pacto de Convivencia gibt es, weil es Personen gibt, die beschlossen haben, dass Bürger verantwortungsbewusst für ein respektvolles Zusammenleben eintreten sollten.

Wie reagiert „Pacto de Convivencia“ auf Radikale und die Gegner eines friedlichen Miteinanders?

Wir möchten unsere Zivilgesellschaft aktivieren. Wir arbeiten also nicht gegen etwas, sondern für etwas. In dieser Hinsicht gibt es viel zu tun.

Die spanischen Protestanten fordern und betonen, dass es notwendig ist „das Getto zu verlassen, in das die evangelischen Kirchen vom Franquismus gedrängt wurden.

Wer sagt das?

Die spanischen Protestanten.

Aus welcher Quelle haben Sie das?

Das habe ich gerade nicht hier. Aber diese Forderung ist nicht so abwegig.

Nein, überhaupt nicht. Aber diese Frage sollte man Mariano Blázquez stellen. Sie sollten ein Interview mit ihm führen. Da würden Sie sich wundern. Als wir die Konferenz „Frieden, Freiheit und Reformation“ planten, waren wir der Ansicht, dass der Protestantismus sehr viel beitragen kann, um die aktuellen Probleme zu bewältigen. Hierfür ist aber ein besseres Verständnis des Protestantismus in Spanien erforderlich. Und das ist das Ziel der Konferenz, die wir zusammen mit dem Goethe-Institut organisiert haben.

Glauben Sie an Gott?

[Lacht] Diese Frage verstößt gegen die Verfassung.

Behalten Sie sich das Recht vor, nur in Anwesenheit Ihres Anwalts oder Pfarrers zu antworten?

[Lächelt] Ich möchte Ihnen eine Gegenfrage stellen: Passt diese Frage in dieses Interview?

Ich finde es wichtig, wenn die Sprecherin eines Abkommens über die Koexistenz von Religionen sagt, ob sie an Gott glaubt.

Ja, aber es handelt sich hier nicht um ein Abkommen zwischen Religionen sondern zwischen säkularen Organisationen.
 
Ana Ruiz ist Germanistin und Expertin für interkulturelle Studien der Fakultät für Philosophie und Geisteswissenschaften der Universidad Autónoma in Madrid. Zurzeit koordiniert sie die Initiative Pacto de Convivencia, eine Bürgerplattform zivilgesellschaftlicher Einrichtungen gegen gewalttätige Radikalisierung und zur Förderung von Zusammenleben und sozialer Integration.