Hybride Identitäten

„Woher kommst du?“ Mit dieser Frage sehen sich Menschen, die in irgendeiner Weise nicht „typisch deutsch“ oder „typisch spanisch“ aussehen, immer wieder konfrontiert. Auf die Antwort „aus Hamburg“ oder „aus Madrid“ wird dann weiter nachgehakt: „Und woher kommst du wirklich?“. Solche Fragen können verletzten und verärgern, weil sie Grenzen ziehen und Zugehörigkeit definieren. Im besten Fall werden sie mit Humor genommen. Offenbaren sie doch vor allem, dass die fragende Person sich (noch) nicht in der gesellschaftlichen Vielfalt unserer Tage zurechtfindet.
 
Immer mehr Menschen in Deutschland können und wollen die Frage nach der Zugehörigkeit zu einem Ort und der damit verbundenen Identität nicht mehr eindeutig beantworten. Migranten der ersten, zweiten, dritten oder sogar vierten Generation sind ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Der Moment der Migration liegt für viele so fern, dass lediglich von einem Migrationshintergrund gesprochen wird. Verschiedenste kulturelle und ethnische Bezüge prägen die Identität. Sie verflüssigt sich. Der Mix wird zum Normalfall. Es entstehen neue, hybride Identitäten. Und in dem Maße, wie diese Mischung und Vielfalt Teil der kollektiven Identität werden, wird auch die Gesellschaft insgesamt hybrid.
 
In Spanien wird die allein auf äußeren Merkmalen begründete Frage nach der Herkunft bisher weniger problematisiert. Einwanderung ist im Vergleich zu Deutschland aber auch ein sehr viel jüngeres Phänomen, das erst am Ende der 1990er Jahre einsetzte. Die zweite Migrantengeneration wird also gerade erst erwachsen. Trotzdem hat sich auch die spanische Gesellschaft seitdem stark verändert. Sie ist so vielfältig wie nie zuvor. Über eine Millon der Eingewanderten haben inzwischen einen spanischen Pass. 55.000 Kinder aus anderen Staaten wurden seit Ende der 1990er in Spanien adoptiert. Und insbesondere von Seiten der afro-spanischen Community wird zunehmend lauter ein angemessener Umgang mit der neuen Diversität eingefordert.
 
Die hier präsentierte Fotoserie zeigt diese neue spanische Vielfalt beispielhaft an 12 Menschen aus Barcelona und Madrid. 12 Porträts anhand derer deutlich wird, dass auch in Spanien die Frage „Woher kommst du?“ nicht mehr mit derselben Selbstverständlichkeit gestellt und beantwortet werden kann, wie vielleicht vor vierzig Jahren.
 

Porträtserie Barcelona / Fotografin: Lili Marsans

Lili Marsans ist die Tochter des Malers Luis Marsans. Sie gelangte über die Fotografie und experimentelle, multidiszipliäre Videos zum Dokumentarfilm. In einer poetischen Annäherung an die Spuren der Geschichte ist ihr wichtig, die Dialoge zwischen verschiedenen Ausdrucksformen zu erkunden. Soziale Aspekte bestimmen ihren Blick auf das Leben.
 

Porträtserie Madrid / Fotografin: Gema Segura

Gema Segura ist eine Filmemacherin aus Zaragoza mit Erfahrungen als Kamerafrau und Dokumentarfilmerin. Sie erforscht mit großer Neugierde die Grenzbereiche zwischen Kunst, Tanz und sozialen Bewegungen.