John Heartfield Der deutsche Urgroßvater von Photoshop (und politischer Memes)

Titelbild der Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ) von 1933
Titelbild der Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ) von 1933 | Foto: © John Heartfield

Der deutsche Künstler Helmut Herzfelde war einer der ersten, die Fotomontagen als Instrument der Politsatire einsetzten. Besser bekannt ist der Grafikdesigner unter dem Namen John Heartfield. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts parodierte er den Nationalsozialismus mit seinen Collagen. Er erregte öffentliche Aufmerksamkeit, weil er seine Ideen mit bissigem Humor zum Ausdruck brachte.

In Zeiten der Meinungsfreiheit sorgen politische Memes* und Karikaturen für Aufregung. Im Deutschland der 30er Jahre war die zwangsläufige Folge von Bildsatire, bei der das Naziregime im Vordergrund stand, das Exil. Allzu große Sorgen machte sich Helmut Herzfelde deshalb jedoch nicht.  
 
Der deutsche Künstler war ein Wegbereiter der Fotobearbeitung in ihrer heute bekannten Form. Er ist der Urheber origineller und kritischer Werke: Adolf der Übermensch: Schluckt Gold und redet Blech (1932) ist ein Titel, der das zugehörige Bild perfekt beschreibt. Und in Deutsche Eicheln wird gezeigt, wie Hitler eine Eiche gießt, an der Eicheln hängen, denen NSDAP-Helme aufgesetzt wurden.

Titelbild der Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ) von 1932 Adolf, der Übermensch: Schluckt Gold und redet Blech, Titelbild der Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ) von 1932 | © John Heartfield | | © John Heartfield Deutsche Eicheln zählt zu Herzfeldes bekanntesten Werken. Es wurde in der Berliner Zeitschrift Arbeiter lllustrierte Zeitung (AIZ) veröffentlicht, im selben Jahr, in dem Adolf Hitler Reichskanzler wurde und Herzfelde daraufhin in die Tschechoslowakei flüchten musste. Sein Weggang hielt ihn jedoch nicht davon ab, die Arbeit fortzusetzen, die er mit der Zeit perfektioniert hatte.

Ein einzigartiger origineller Stil

Herzfelde unterscheidet sich von anderen Autoren aus der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nicht nur wegen seines bissigen Humors, sondern auch, weil er Fotomontagen verwendete. Zusammen mit seinem Freund, dem expressionistischen Maler George Grosz perfektionierte er diese Technik. Ohne Photoshop oder andere moderne Bildbearbeitungsmöglichkeiten kombinierte er Bilder mit gestalterischen Elementen. Mit den damaligen Möglichkeiten kritisierte er in seinen unverwechselbaren Memes auf diese Weise den Nationalsozialismus.

Grosz und Herzfelde waren nicht nur Freunde, sie hatten auch gemeinsame Interessen. Beide gehörten dem Dadaismus an, einer ursprünglich aus der Schweiz stammenden künstlerischen Bewegung, die der Maler in Deutschland propagierte. Diese Ideologie hatte großen Einfluss auf Herzfelde. Er machte sich lustig über bürgerliche Künstler, denen es in ihren Werken nur um Schönheit ging. Für einen Grafikdesigner, der seine Kenntnisse nutzte, um das Bewusstsein der Menschen zu wecken, war dies eine nur schwer verständliche Vorstellung von Kunst.

Seinen unverwechselbaren Stil eignete er sich in den Kunstgewerbeschulen in München und im Berliner Stadtteil Charlottenburg an. Die Themen seiner Werke gehen zurück auf seine zutiefst politische Einstellung und Ablehnung des vorherrschenden Nationalsozialismus. Um seine Position zu verdeutlichen, änderte er sogar seinen Namen. Nach Ende des Wehrdienstes 1916 hieß er John Heartfield, ein britischer Name, mit dem er seine Kritik am extremen deutschen Nationalismus zum Ausdruck brachte, der sich gegen alles richtete, was aus dem Vereinigten Königreich kam.

Die Collage als Kritik am politischen System

Die Collage und die grafische Darstellung unwirklicher und verzerrter Situationen dienten dazu, die dahinterstehenden Konzepte zu verschleiern. Es bestanden allerdings nie Zweifel an der Stoßrichtung seines Erfindungsreichtums. Er wollte sein Publikum nie verwirren. Da wurden Bilder verschiedenster Größen ausgeschnitten und unverhohlen übereinander geklebt, sodass eine unechte Szene entstand. Seine Botschaft war jedoch eindeutig und direkt. 

Auch außerhalb der Künstlerwerkstatt verheimlichte er seine politische Einstellung nicht. Beim Malik-Verlag arbeitete er als künstlerischer Leiter, der Verlag war der progressiven Linken stark verbunden. Wie der Firmeninhaber, sein Bruder Wieland Herzfelde, gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der 1918 gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands.
Daneben arbeitete er auch als Bühnenbildner für Theaterstücke der Regisseure Max Reinhardt und Erwin Piscator. Von 1930 an und während seines Exils in der Tschechoslowakei, wo er bis 1938 lebte, wurden die Werke des Künstlers auf zahlreichen Titelseiten der Zeitschrift AIZ veröffentlicht.

Die Funktion des Textes: Eindeutige und messerscharfe Sätze

In dieser Zeit verwendete er herkömmliche Fotos, die in anderen Zeitungen veröffentlicht wurden. Am Ende hatten die Bilder jedoch kaum mehr etwas mit dem ursprünglichen Thema zu tun. Mit grafischen Mitteln veränderte er ihren Sinn so, dass sie zum Ausdruck brachten, was er wollte. Aus dieser Zeit stammen Deutsche Eicheln und Metamorphose, in dem sich prominente Gesichter des Nationalsozialismus in Raupen und Schmetterlinge verwandeln. 1936 widmete er sich der Belagerung von Madrid. Das Werk wurde auf der Rückseite der Zeitschrift AIZ veröffentlicht, es heißt ¡No pasarán! ¡Pasaremos!.

Rückentitelbild der Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ) von 1936 Madrid 1936 – Sie kommen nicht durch! Wir kommen durch!, Rückentitelbild der Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ) von 1936 | © John Heartfield | | © John Heartfield An den Titeln seiner Werke lässt sich unschwer erkennen, dass es nicht nur darum ging, einfach nur Bilder zu kombinieren. Wie bei einem Meme, dessen Sätze sich auf die abgebildete Person beziehen, wählt der Autor einen Text mit der richtigen Portion bissiger Ironie und Bezug zur grafischen Darstellung. Auch typografische Gesichtspunkte spielten eine gestalterische Rolle: Er verwendete die modernsten typografischen Darstellungsformen.

1938 ging Heartfield nach Großbritannien. Dort arbeitete er für verschiedene englischsprachige Veröffentlichungen. Erst 1950 kam er zurück nach Deutschland und lebte dort bis zu seinem Tod 1968. Seine großen Werke waren auch nach seinem Tod Vorbild für modern Werbe- und Kommunikationsfachleute und Illustratoren.
 
*Memes sind Informationseinheiten, die sich schnell über Netzwerke verbreiten und so Teil des kollektiven Gedächtnisses werden.