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„Vor der Morgenröte“, Maria Schrader
Stefan Zweig sehen

Filmstill aus „Vor der Morgenröte“ von Maria Schrader, 2016
Filmstill aus „Vor der Morgenröte“ von Maria Schrader, 2016 | Foto (Ausschnitt): © X Verleih AG

Die Regisseurin entsagt einem konventionellen Biopic und zeichnet die letzten Jahre des österreichischen Schriftstellers anhand von fünf kurzen Fragmenten aus seinem Leben nach.

Von Miguel Muñoz Garnica

Es scheint unmöglich, dass ein Biopic über Stefan Zweig der drängendsten Frage, die das Leben des Schriftstellers aufwirft, ausweichen kann: seinem tragischen Selbstmord. Was hat den Geist eines so klarsichtigen, umgänglichen und großzügigen Mannes vergiftet und ihn derart in die Verzweiflung getrieben? Betrachtet man die narrative Struktur von Vor der Morgenröte, wird klar, dass Maria Schrader sich der Tragweite des Themas bewusst war. In erster Linie, weil es nur mit Mühe und Not möglich ist, von einem Biopic zu sprechen – vor allem, weil sich die Regisseurin auf fünf durch großzügige Ellipsen voneinander abgetrennte Szenen beschränkt, die jeweils nur wenige Stunden in Zweigs Leben zwischen 1936 und 1942 abdecken, und auch weil diese Auswahl von Fragmenten auf die große Frage ausgerichtet zu sein scheint. Die lange Eröffnungseinstellung, ein fester Blick auf einen großen Tisch, der für ein festliches Bankett gedeckt ist, macht uns sowohl auf den Rhythmus als auch auf die Modulation von Schraders Blick aufmerksam. Es geht darum, das Gesicht des Schriftstellers in der Menge zu finden, sich ihm zu nähern, indem man allen sozialen Zeichen, die ihn umgeben und ihn kodifizieren, ausweicht und versucht, seinem Blick die Wahrheit zu entnehmen.

EINEN BLICK AUSKULTIEREN

So beginnt die erste Episode mit einer Gesamtaufnahme, in der es mehrere Minuten dauert, bis sich Zweig zu erkennen gibt, und endet mit einer Nahaufnahme des Schriftstellers, in der eine Frage an ihn gerichtet wird. Die Frage, die der Figur gestellt wird, ist höchst banal – möchten Sie an einem privaten Bankett teilnehmen? –, aber sein Schweigen als Antwort und die folgende Einstellung, mit der die Szene endet – Zweig, der vom linken Bildrand auf eine unscharfe Menschenmenge blickt – offenbaren, dass eine andere, beißende Frage Gestalt angenommen hat. Nämlich: Kann es sein, dass, wie vor einigen Minuten angedeutet, seine ‚Insel‘ eines unabhängigen Intellektuellen von den Ereignissen, die Europa erschüttern, überschwemmt wurde? Sein Verhältnis zu den gesellschaftlichen Entwicklungen hat durch diese Frage an Klarheit verloren – genauer gesagt, es ist unscharf geworden.

Filmstill aus „Vor der Morgenröte“ von Maria Schrader, 2016 Filmstill aus „Vor der Morgenröte“ von Maria Schrader, 2016 | Foto (Ausschnitt): © X Verleih AG

ENTSCHEIDENDE MOMENTE

Ebenfalls sehr aussagekräftig ist der Schnitt, der auf die oben beschriebene Einstellung folgt, wonach eine Schrift darauf hinweist, dass vier Jahre vergangen sind. Der Vorgang ähnelt den fünf Szenen, die Schrader inszeniert. Ihre Organik, konstruiert als die Erfahrung der Dauer und der Schwere der Zeit, die von Minute zu Minute zunimmt, wird abrupt unterbrochen, ohne einen Schluss, der den Schnitt erzählerisch rechtfertigen würde. Wenn wir nach einem Grund dafür suchen müssen, können wir mutmaßen, dass wir in jeder dieser Szenen Zeuge des entscheidenden Moments werden, unmerklich, aber vielleicht aus der Situation heraus lesbar, in dem sich im Unterbewusstsein eine neue Idee herausbildet. Vielleicht ist das der Grund, warum wir vor dem Epilog, der uns mit dem tragischen Ende konfrontiert, eine letzte Nahaufnahme von Zweig durch ein Autofenster gefiltert sehen. Vielleicht, weil dieser Blick für immer verschleiert ist und die Verzweiflung von ihm Besitz ergriffen hat.

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