Hintergrund Kreativwirtschaft aus deutscher Sicht

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Foto: David Sirvent © Goethe-Institut Madrid

Dieser Bericht stellt wichtige generelle Elemente der Kreativwirtschaft aus deutscher Sicht dar. In diesem Auszug werden Ansätze dargestellt, die die kulturellen Szenen einer Stadt verbessern und die Entwicklung kreativer Milieus ermöglichen sowie jene Entwicklungsprozesse, die zu diesen Kreativquartieren führen.

Seit den  90 Jahren sind Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland ein Thema. Mittlerweile fördern viele Bundesländer ihre Kultur- und Medienlandschaft: Dazu gehört die Schaffung von Räumen und Arbeitsplätzen für Kreativwirtschaft, ihre gezielte Ansiedlung, aber auch die Verknüpfung mit Universitäten und Hochschulen und die Weiterentwicklung der Industrie- zu einer Wissensgesellschaft. 2007 waren Kultur- und Kreativwirtschaft ein zentrales Thema der Enquette-Kommission “Kultur in Deutschland”, was sich auch in ihrem Abschlussbericht zeigt.

Heute werden allgemeinverbindlich folgende Branchen der Kulturwirtschaft zugerechnet: Musikwirtschaft, Buchmarkt, Kunstmarkt, Filmwirtschaft, Rundfunkwirtschaft, Darstellende Künste, Architekturmarkt, Designwirtschaft, Pressemarkt. Zur Kreativwirtschaft zählen: Werbemarkt und Software/spiele-Industrie.
Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist Vorreiter für eine zunehmend wissensbasierte Ökonomie in Deutschland.

Seit vierzehn Jahren steht die Kultur- und Kreativwirtschaft im Fokus der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung und der Länder, mit dem Ziel, in den kommenden Jahren die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den Teilmärkten der Kreativwirtschaft und anderen Branchen auszubauen und innovative Potentiale nutzbar zu machen. Zentrale Themen sind dabei die Innovationsfähigkeit der Kulturwirtschaft, die Quantifizierung und Qualifizierung der Wertschöpfungseffekte und die Ableitung wirtschaftspolitischer und unternehmensstrategischer Handlungsempfehlungen.
 
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RÄUME

Die Ansiedlung von Kreativwirtschaft in einer Stadt wird, wie bei anderen Wirtschaftsbranchen auch, begünstigt durch Standortfaktoren. Im Folgenden sollen zwei Ansätze vorgestellt werden, die die kulturellen Szenen einer Stadt verbessern und die Entwicklung kreativer Milieus insbesondere in der Bildenden Kunst ermöglichen können. Indes hat nicht jede Stadt die entsprechenden Ressourcen, um kreative Räume aufzubauen. Die Entwicklung hängt etwa auch von der Größe der Stadt ab: Bei kleineren Städten kann die Entwicklung regionaler Kooperationsprojekte sinnvoll sein.

KREATIVRÄUME

Kreativräume sind Leuchtturmprojekte der stadtplanerischen Gestaltung. Es kann sinnvoll sein, diese Räume in besonders attraktiven Lagen zu bilden, etwa entlang ehemaliger Hafenareale oder im Zusammenhang mit denkmalgeschützten oder -schutzverdächtigen Objekten. Erfahrungsgemäß siedeln sich in der Nähe von Schlüsselakteuren aus der Kreativwirtschaft häufig kleinere Unternehmen oder Designbüros an.

KREATIVQUARTIERE

Die Mehrzahl der Kreativen und KünstlerenInnen arbeitet gerne vor Ort – auch in kleineren Städten, die nicht automatisch die richtige Infrastruktur und Umgebung für diese Berufsgruppen anbieten können. Eine städtebauliche Maßnahme zur Förderung der Kreativszene vor Ort ist das Konzept der Kreativquartiere, die in Deutschland zunächst in der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 entwickelt und als tragende Säule des Programms begriffen wurden. Die Planung dieser besonderen Orte in Städten wird sinnvollerweise kooperativ angegangen – mit Akteuren aus freier Szene, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik und Wirtschaftsförderung. Die Idee eines Kreativquartiers ist die nachhaltige Entwicklung künstlerischer und kreativer Milieus zu forcieren unter besonderer Berücksichtigung der Spezifika der Städte. Dabei entstehen diese Orte durch eine Nach- und Zwischennutzung industriell geprägter Stadtquartiere, die in der Regel einen hohen Anteil leerstehender Gewerbeflächen aufweisen, durch Aneignung und Nutzbarmachung für die kreative Szene.

GOVERNANCE PROZESSE

Die Entwicklungsprozesse, die zu Kreativquartieren führen, sind zwischen staatlicher Steuerung und gesellschaftlicher Selbstregulierung angesiedelt. In diesem Zusammenhang wird von dem Begriff Urban Governance gesprochen, der sich abgrenzt zur klassischen Form der exekutiven Steuerung (Government). Im Governancemodell werden die Rollenverständnisse von öffentlicher Verwaltung und nichtstaatlichen Akteuren neu organisiert, sodass hybride Organisationen und institutionelle Arrangements entstehen, die von horizontale Kooperationsformen bilden. Dabei werden wandelnde und neue Akteurskonstellationen in diese Planungsprozesse einbezogen, die von Informalität, Temporalität, Projektorientierung und Netzwerkcharakter gekennzeichnet sein können.

Netzwerkcharakter meint dabei, dass der Staat sich auf die Initiatoren- oder Moderatorenrolle verlegt. Informalität beschreibt das Vorgehen, nämlich dass Urban Governance Prozesse weniger auf formal-juristischen Steuerungsmodellen basiert sondern mehr auf sozialkapitalbasierten, informellen und oft persönlichen Absprachen zwischen Schlüsselakteuren. Temporalität und Projektorientierung meint, dass bei längerfristigen Zielen gleichzeitig projektartige, temporäre Maßnahmen stattfinden.

Auch wenn die Ansätze, die die Städte wählen, vielfältig und unterschiedlich sind, setzt doch die Förderung der Kreativwirtschaft und die Entwicklung geeigneter Räume eine Analyse der Ist-Situation voraus, um wichtige Kennziffern zur Entwicklung zu liefern. Es empfiehlt sich, ein Beobachtungstool zu konzipieren und gegebenenfalls auf Grundlagendaten der Stadtentwicklung zurückzugreifen. Beobachtungsinstrumente, die in regelmäßigen Abständen wichtige Kennziffern zur Kreativwirtschaft vor Ort liefern können, sind zum Beispiel Kreativ- und Kulturwirtschaftsberichte oder Online-Panels. Sie ermöglichen, dass Zielaussagen und spezifische Indikatoren überprüfbar werden, und ermöglichen sowohl mögliche Anpassungsmaßnahmen als auch eine umgreifende Evaluation der Aktivitäten.

Projekte, Instrumente und Maßnahmen für die Entwicklung von Kreativquartieren können ausschließlich individuell in Workshopprozessen in den einzelnen Städten entwickelt werden. Beispiele für Instrumente können lokale Wettbewerbe und Preise, Residenzen, Arbeitsraumzuschüsse oder Ausstattungszuschüsse sein. Diese Maßnahmen sollten in interdisziplinär zusammengesetzten Arbeitsgruppen erarbeitet werden, und können dann in kleineren Fachgruppen dezidiert vertieft werden. Es empfiehlt sich möglichst viele unterschiedliche Stakeholder für die Aktivitäten zu gewinnen und diese mit Blick auf eine langfristige Entwicklung durchzuführen, zu evaluieren und eventuell anzupassen.

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