Ilija Trojanow

Ilija Trojanow wird 1965 in Sofia geboren. 1971 flieht die Familie aus Bulgarien. Inzwischen lebt er in Wien.
Seit seiner Kindheit ist Trojanow auf allen Kontinenten und in mehreren Sprachen zu Hause. Wie seine literarischen Vorbilder R. Kapuczinski und Egon Erwin Kisch ist er am liebsten unterwegs.
Trojanow wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Berliner Literaturpreis und dem Carl-Amery-Literaturpreis.
 
Ins Spanische und ins Katalanische übersetzte Werke:
El hombre superfluo; Deshielo; El coleccionista de mundos; El mundo es grande y la salvación acecha por todas partes;
Desglaç; El col·leccionista de mons

Ilja Trojanow wird 1965 in Sofia geboren. 1971 flieht die Familie aus Bulgarien über Jugoslawien und Italien nach München und weiter nach Kenia. Von 1985 bis 1989 studiert er an der Universität München Rechtswissenschaften und Ethnologie. Er bricht das Studium ab und betätigt sich als Publizist und Übersetzer. Er gründet zwei Verlage, die sich auf afrikanische Literatur spezialisieren. Es folgen längere Aufenthalte in Mumbai und Kapstadt. Trojanow lebt in Wien.

Seit seiner Kindheit ist Trojanow auf allen Kontinenten und in mehreren Sprachen zu Hause. Wie seine literarischen Vorbilder Ryszard Kapuczinski und Egon Erwin Kisch ist er am liebsten unterwegs. 1995 macht er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb auf sich aufmerksam. 1996 erscheint sein erster Roman Die Welt ist groß und Rettung lauert überall. Darin schreibt er über Flucht, Exil und die Erfahrungen seiner Familie als Asylbewerber, aber auch über die Faszination des Meeres und vor allem von der Sehnsucht nach Freiheit. 1998 wechselt er erneut den Kontinent und geht nach Indien. Nach eigenen Angaben spürt er dort „eine Ähnlichkeit der Mentalität“. Was Trojanow zu berichten hat, geht weit über die Schönheit der Landschaften oder die Fremdheit der Sitten hinaus. Er taucht ein in das Fremde und wird ein Teil davon. Seine Sprache ist geradezu getränkt von exotischen Gerüchen und Farben, von Gefühlen, die auch das eigene Denken verändern. Für seinen Roman Der Weltensammler (2006) folgt er den Spuren seines Helden Sir Richard F. Burton. Wie er durchquert er zu Fuß Tansania und begibt sich auf die Pilgerreise nach Mekka und Medina. Dazu sagt Trojanow: „Die Figuren meiner Geschichten verführten mich zu glauben, dass es eine selbstbestimmte kulturelle Identität geben kann, eine Identität der Fluktuation, von einer imaginären Heimat zur nächsten.“ Mit seinem Roman EisTau (2011) begibt er sich in eine ihm ganz unbekannte Klimazone. Der Roman handelt von einem Mann, der am Sterben der antarktischen Gletscher verzweifelt. In Macht und Widerstand (2015) kehrt Trojanow in das Land seiner Kindheit zurück. Konstantin, der sein Leben lang Widerstand geleistet hat gegen das kommunistische Herrschaftssystem in Bulgarien, sprengte 1953 mit ein paar Kameraden ein Stalindenkmal in die Luft. Zehn Jahre saß er dafür ein: Lager, Karzer, Zwangsarbeit, Psychiatrie, Kältefolter auf einem Eisboot, dem „Sarg des Todes“. Konstantin ist keine historische Figur sondern die Verdichtung des Dissidenten, denen Trojanow hier eine Stimme gibt. Für den Bericht Meine Olympiade (2016) steckt sich Trojanow ein ehrgeiziges Ziel: Er will alle achtzig Olympia-Sommer-Einzeldisziplinen trainieren. Und er will dabei halb so gut abzuschneiden wie der Goldmedaillengewinner von London 2012. Diese Selbsterfahrung bietet einen einzigartigen, faszinierenden Einblick in die Welten und Milieus des Sports. „Es wurde eine Art Bildungsreise, vom Ich zum Selbst, bei der ich viel über mich erfahren habe, über das Allzumenschliche, über Subkulturen, soziale Strukturen, Traditionen, Sehnsüchte. Eine unglaubliche Bereicherung in Sachen Weltkenntnis und eine Intensivierung des Lebens."

Trojanow wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Berliner Literaturpreis (2007) und dem Carl-Amery-Literaturpreis (2011).
 
Copyright: Goethe-Institut Barcelona
Text: Ilka Haederle
ÜBERSETZT INS SPANISCHE

El hombre superfluo
Trad. de José Aníbal Campos
Plataforma Editorial, Barcelona 2018

Deshielo
Trad. Rosa Pilar Blanco
Rayo Verde Editorial, Barcelona 2012

El coleccionista de mundos
Trad. de Rosa Pilar Blanco
Tusquets, Barcelona 2008

El mundo es grande y la salvación acecha por todas partes
Trad. de Joan Parra Contreras
Tusquets, Barcelona 1998


ÜBERSETZT INS KATALANISCHE

Desglaç
Trad. Lidia Álvarez Grifoll
Rayo Verde Editorial, Barcelona 2012

El col·leccionista de mons
Trad. de Maria del Pilar Estelrich i Arce i Lidia Álvarez Grifoll
RBA, Barcelona 2008


IN DEUTSCHER SPRACHE

Romane

Hilfe? Hilfe! Wege aus der globalen Krise
mit Thomas Gebauer
S. Fischer, Frankfurt a.M. 2018

Nach der Flucht
S. Fischer, Frankfurt a.M. 2017

Macht und Widerstand
S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2015

Wo Orpheus begraben liegt
Hanser, Berlin 2013

Der überflüssige Mensch: Unruhe bewahren
Residenz, St. Pölten 2013

Stadt der Bücher (zs. Mit Anja Bohnhof)
Langen/Müller, München 2012
 
EisTau
Hanser, München 2011

Sehnsucht, mach dich auf den Weg
Herder, Freiburg im Breisgau 2008

Der Weltensammler
Hanser, München 2006

Autopol
DTV, München 1997

Die Welt ist groß und Rettung lauert überall
Hanser, München 1996

Essays
Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte
(zusammen mit Juli Zeh)
Hanser, München 2009

Reiseberichte und Reportagen
Gebrauchsanweisung fürs Reisen
Piper, München 2018

Meine Olympiade
Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen

S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2016

Die Versuchungen der Fremde. Unterwegs in Arabien, Indien und Afrika
Malik, München 2011

Zu den heiligen Quellen des Islam. Als Pilger nach Mekka und Medina
Piper, München 2009

Der entfesselte Globus. Reportagen
Hanser, München 2008

Nomade auf vier Kontinenten. Auf den Spuren von Sir Richard Francis Burton
Eichborn, Frankfurt a.M. 2007

Die fingierte Revolution. Bulgarien, eine exemplarische Geschichte
dtv, München 2006

Gebrauchsanweisung für Indien
Piper, München 2006

An den inneren Ufern Indiens. Eine Reise entlang des Ganges
Hanser, München 2003

Hundezeiten. Heimkehr in ein fremdes Land
Hanser, München 1999

In Afrika. Mythos und Alltag
dtv, München 1996

Gedichte
verwurzelt in Stein 
Wunderhorn, Heidelberg 2017
 
Geboren am 23. August 1965 in Sofia (Bulgarien)
                                                           
1971 Flucht mit seiner Familie über Jugoslawien und
  Italien nach Deutschland
1972 - 1985 Aufenthalt in Kenia
1985 - 1989 Jura- und Ethnologie-Studium in Deutschland
1996 Marburger Literaturpreis
1997 Thomas-Valentin-Literaturpreis
1998 Umzug nach Mumbai, Indien
2000 Adalbert von Chamisso-Preis
2003 - 2005  Aufenthalt in Kapstadt
2006 Preis der Leipziger Buchmesse
2007 Berliner Literaturpreis;
  Mainzer Stadtschreiberpreis
2007 - 2008 Poetik-Dozentur an der Universität Tübingen
2009 Preis der Literaturhäuser
2010 Würth-Preis für Europäische Literatur
2011 Carl-Amery-Literaturpreis
2017 Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln
2018 Usedomer Literaturpreis; Internationaler Literaturpreis Vilenica
  Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln
   
  lebt in Wien
Erste Schritte (aus: Der Weltensammler)

   Nach Monaten auf See, zufälligen Bekanntschaften ausgesetzt, Gerede ohne Maß, bei Wellengang die Lektüre rationiert, Tauschgeschäfte mit den Dienern aus Hindustan: Portwein gegen Wortschatz, aste aste im Kalmengürtel, was für ein Kater!, khatarnak und khabardar im Sturm vor dem Kap, die Wellen schlugen an in steiler Formation, kein Passagier hielt sein Abendessen in dieser Schieflage, manches war schwer auszusprechen, die Tage wurden zunehmend fremder, jeder redete mit sich selbst, so trieben sie dahin über den indischen Teich.
   Dann die Bucht. Gewölbte Segel schöpften Luft wie Hände Wasser. Sie sahen, was sie schon gerochen hatten, bei dem ersten Blick
durch ein mit Nelkenöl eingeriebenes Fernglas. Es war nicht auszumachen, wann das Festland an Bord kam. Das Deck war die Aussichtsplattform, Bühne aller Kommentare.
   - Sie ist eine Tabla!
   In ihrem Gespräch an der Reling gestört, drehten sich die Briten um. Ein älterer Einheimischer, einfach gekleidet in Baumwollweiß, stand unmittelbar hinter ihnen. Er war um einiges kleiner als seine Stimmgewalt. Ein weißer Bart reichte ihm bis zum Bauch, doch seine Stirn war glatt. Er lächelte sie freundlich an, aber er hatte sich ihnen zu sehr genähert.
   - Eine Doppeltrommel. Ein Bol aus Born und Bay.
   Der Mann holte zwei Arme und zwei Hände hervor und setzte sie in Bewegung, zur Begleitung seiner tiefen Stimme.
   - Linker Hand die gesegnete Bucht, Bom Bahia und rechter Hand Mumba Aai, die Göttin der Fischer. Ein Tintaal aus vier Silben.
Wenn Sie wollen, zeige ich es Ihnen.
   Schon hatte er sich zwischen sie gedrängt und begann mit seinen zwei Zeigefingern zu klopfen, der Kopf schüttelte die Mähne.
   Bom-Bom-Bay-Bay
   Bom-Bom-Bai-Bai
   Mum-Mum-Bai-Bai
   Bom-Bom-Bay-Bay.

   - Grob und grell, wie es sich für einen Rhythmus gehört, der seit Jahrhunderten schlägt: Europa andererseits, Indien einerseits. Es ist eigentlich einfach, für jeden, der hören kann.
   Die Augen des Mannes lachten zufrieden. Die besseren Passagiere wurden zur Landnahme gerufen; die Schaluppe wartete, Indien war nur noch wenige Ruderschläge entfernt. Burton half einer der verzückten Damen über die Sprossen. Als sie sicher saß, die Hände im Schoß, drehte er sich um. Er sah den weißhaarigen, weißbärtigen Trommler auf dem Deck stehen, steif, die Beine weit auseinander, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Seine Augen kullerten hinter dicken Brillengläsern. Gehen Sie, gehen Sie! Aber achten Sie auf Ihr Gepäck. Dies hier ist nicht Britannien. Sie betreten Feindesland! Und sein Lachen flog davon, als die Schaluppe an Seilen hinab zum Meer ächzte.

Der Weltensammler, S. 19-20
© Carl Hanser Verlag, München 2006
Meine Olympiade
Obwohl Trojanow auszog, das Können der Besten zu würdigen, bleibt sein Verhältnis zum Leistungssport ambivalent. Nach vier Jahren Training bewundert er die Sportler noch mehr – "weil ich zum ersten Mal die Leistung wirklich einschätzen kann". Doch wie in seinen anderen Büchern ist auch der Sportler Trojanow Ideologiekritiker und beklagt, dass die totale "Durchökonomisierung den Sport seiner Poesie beraubt.“
Cristof Siemes, Die Zeit 2016
 
Macht und Widerstand
„Macht und Widerstand“ heißt der neue Roman von Ilija Trojanow, ein donnerndes Wortpaar wie „Krieg und Frieden“ oder „Leben und Schicksal“. Es zeigt, wie ernst es dem Autor mit diesem Buch ist, an dem er, alle Recherchen mitgerechnet, fast zwanzig Jahre gearbeitet hat.
„Macht und Widerstand“ behandelt einen wenig angenehmen Stoff, und manche Passagen sind, gerade weil sie wahr sind und detailreich drastisch, schwer zu ertragen. Und doch gibt es sogar Stoff zum entlastenden Lachen. Trojanow persifliert die Hybris sozialistischer Wissenschaft – die die Schweinehaxenproduktion steigern will durch Kreuzung von Schweinen mit Tausendfüßlern.
Martin Ebel, Literarische Welt 2015
 
Der Weltensammler
Ilija Trojanows Roman über den britischen Spion, Diplomaten und Entdeckungsreisenden Richard Francis Burton ist eine ebenso spannende wie tiefgründige Annäherung an eine der schillerndsten Gestalten des neunzehnten Jahrhunderts. Mit orientalisch-sinnlicher Fabulierlust und großer Anschaulichkeit erzählt der Roman vom Reiz und vom Abenteuer des Fremden und spiegelt so in einer faszinierenden historischen Gestalt die drängenden Fragen unserer Gegenwart.
Begründung der Jury zum Preis der Leipziger Buchmesse 2006