Peter Stamm

Peter Stamm wird 1963 im schweizerischen Weinfelden geboren.
Stamm schreibt nach eigenen Worten „über Menschen und über Beziehungen zwischen Menschen“. Seine Sprache kommt ohne Metaphern und schmückende Adjektive aus und die kurzen Hauptsätze sind kennzeichnend für seinen Stil.
Neben den Menschen spielen auch die Landschaften eine Rolle in Stamms Geschichten: sie sind oft karg und spröde wie seine Sprache.
Für seine Werke erhielt Peter Stamm u.a. den Rauriser Literaturpreis, den Rheingau Literaturpreis und den Hölderlin-Preis.

Viele seiner Werke wurden ins Spanische und ins Katalanische übersetzt.

Peter Stamm wird 1963 im schweizerischen Weinfelden geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre und Abitur auf dem zweiten Bildungsweg studiert er ab 1987 einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie und arbeitet als Praktikant in psychiatrischen Kliniken. Nach längeren Aufenthalten in Paris, New York und Skandinavien lässt er sich 1990 als freier Autor und Journalist in Zürich nieder. Er arbeitet u.a. für die Neue Zürcher Zeitung. 1997 wird er Redakteur der Literaturzeitschrift Entwürfe für Literatur. Neben dem literarischen Schreiben verfasst er Hörspiele für das Radio und Theaterstücke. Seit 2003 lebt er in Winterthur.

Stamm schreibt nach eigenen Worten „über Menschen und über Beziehungen zwischen Menschen“. Seine Sprache kommt ohne Metaphern und schmückende Adjektive aus und die kurzen Hauptsätze sind kennzeichnend für seinen Stil. Doch es dauert einige Jahre, ehe er damit Erfolg hat. Erst sein vierter Roman Agnes wird 1998 veröffentlicht. Darin wird das Scheitern einer Liebe beschrieben, ein immer wiederkehrendes Thema in Stamms Prosa. Im Mittelpunkt seines Schreibens steht das Individuum, das dem Gefühl der Fremdheit ausgesetzt ist. Stamm beschreibt mit Vorliebe Momente, in denen alles möglich ist. Der Erzählband Blitzeis (1999) versammelt Liebesgeschichten von unabhängigen und einsamen Menschen, scheinbar perfekten Paaren. Es geht um flüchtiges Glück und der Sehnsucht nach Veränderung. An einem Tag wie diesem (2006) erzählt von einem Mann, der sein gleichförmiges Leben hinter sich lässt und sich auf die Suche nach seiner Jugendliebe macht. Sieben Jahre (2009) ist die Geschichte eines Mannes, der eine vorbildliche Ehe führt. Doch es gibt noch eine andere Frau in seinem Leben. Als sie von ihm schwanger wird, stellt sich die Frage nach dem Glück noch einmal neu. In Nacht ist der Tag (2013) erzählt Stamm von einer erfolgreichen Fernsehjournalistin, die durch einen schweren Verkehrsunfall alles verliert. Doch in der Tragödie steckt auch ein Neuanfang.
Neben den Menschen spielen auch die Landschaften eine Rolle in Stamms Geschichten: sie sind oft karg und spröde wie seine Sprache. Der Roman Ungefähre Landschaft (2001) ist am Polarkreis angesiedelt. Eine alleinerziehende Mutter verliebt sich in einen Mann. Er gibt ihr Halt. Doch dann entdeckt sie etwas, das sie tief verletzt. In Weit über das Land (2016) verlässt ein Mann seine Familie. Er will sein altes Leben ablegen und ein anderer sein. Peter Stamm ist ein Meister im Erzählen jener Träume, die zugleich locken und erschrecken, die zugleich die schönste Möglichkeit und den furchtbarsten Verlust bedeuten.

Für seine Werke erhielt Peter Stamm u.a. den Rauriser Literaturpreis (1999), den Rheingau Literaturpreis (2000) und 2014 den Hölderlin-Preis der Stadt Homburg.

Copyright: Goethe-Institut Barcelona
Text: Ilka Haederle
ÜBERSETZT INS SPANISCHE
 
Noche es el día
Trad. de Campos González, José Aníbal
Acantilado, Barcelona 2016
 
De espaldas al lago
Trad. de Campos González, José Aníbal
Acantilado, Barcelona 2016

Siete años
Trad. de José Aníbal Campos González
Acantilado, Barcelona 2011

Los Voladores
Trad. de José Aníbal Campos
Acantilado, Barcelona 2010

Por qué vivimos en las afueras de la ciudad
Trad. de Patricia Llorens Martí y Laura Prades Bel
(album ilustrado por Jutta Bauer)
Tàndem Edicions, Valencia 2008

Tal día como hoy
Trad. de José Aníbal Campos
Acantilado, Barcelona 2007

En jardines ajenos
Trad. de María Esperanza Romero
Acantilado, Barcelona 2006

Paisaje Aproximado
Trad. de María Esperanza Romero
Acantilado, Barcelona 2003

Lluvia de hielo
Trad. de Richard Gross y María Esperanza Romero
Acantilado, Barcelona 2002
 
Agnes
Trad. de Richard Gross y M. Esperanza Romero
Acantilado, Barcelona 2002


ÜBERSETZT INS KATALANISCHE

Per que vivim als afores de la ciutat
(Àlbum il·lustrat per Jutta Bauer)
Tandem, València 2008

Paisatge aproximat
Trad. de Maria Pous
Quaderns Crema, Barcelona 2003

Pluja de gel
Trad. de Joan Fontcuberta
Quaderns Crema, Barcelona 2002

Agnes
Trad. de Joan Fontcuberta
Quaderns Crema, Barcelona 2001


IN DEUTSCHER SPRACHE

Romane

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
S. Fischer, Frankfurt a.M. 2018

Weit über das Land
S. Fischer, Frankfurt a.M. 2016

Nacht ist der Tag
S. Fischer, Frankfurt/M. 2013

Sieben Jahre
S. Fischer, Frankfurt a.M. 2009

An einem Tag wie diesem
S. Fischer, Frankfurt a.M. 2006

Ungefähre Landschaft
Arche-Verlag, Zürich und Hamburg 2001

Agnes
Arche-Verlag, Zürich und Hamburg 1998

Erzählungen
Der Lauf der Dinge
S. Fischer, Frankfurt a. M. 2014

Seerücken
S. Fischer, Frankfurt a.M. 2011

Wir fliegen
S. Fischer, Frankfurt a.M. 2008

In fremden Gärten.
Arche-Verlag, Zürich und Hamburg 2003

Blitzeis
Arche-Verlag, Zürich und Hamburg 1999

Kinderbücher
Der schweizerische Robinson. Nacherzählt von Peter Stamm.
Mit Illustrationen von Willi Glasauer
Fischer Taschenbuch, Frankfurt a.M. 2012

Heidi. Nach Johanna Spyri
Nagel und Kimche, Zürich 2008

Warum wir vor der Stadt wohnen
Mit Illustrationen von Jutta Bauer
Belz und Gelberg 2005


Theaterstücke
Der Kuss des Kohaku
Arche Verlag, Zürich und Hamburg 2004
Geboren am 18. Januar 1963 in Weinfelden/Schweiz
                                                           
  Kaufmännische Lehre; danach Studium der Anglistik, Psychologie und Psychopathologie
1995 Hörspielpreis der Stiftung Radio Basel
1998 Rauriser Literaturpreis
2000 Rheingau-Literatur-Preis
2001 Ehrengabe der Stadt Zürich
2002 Preis der Schweizerischen Schillerstiftung
2003 Carl-Heinrich-Ernst-Kunstpreis
2004 Kulturpreis der Stadt Winterthur
2011 Alemannischer Literaturpreis
2012 Bodensee-Literaturpreis 
2014 Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Homburg
2017 Schillerpreis der Züricher Kantonalbank
  Johann-Friedrich-von-Cotta-Literaturpreis der Landeshauptstadt Stuttgart für Weit über das Land
2018 Solothurner Literaturpreis
  Heinrich-Heine-Gastdozentur
  Schweizer Buchpreis für Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
   
  lebt in Zürich und Winterthur
Aus: Nacht ist der Tag

Gillian lag fast den ganzen Tag im Wohnzimmer. Langsam wurde sie ruhiger. Sie fühlte sich kräftiger, aber als sie sich aufrichtete, wurde ihr schwindlig. Eine Weile saß sie so und wartete, bis der Schwindel nachließ. Dann nahm sie die Krücken, die neben ihr auf dem Boden lagen, und stand auf. Es ging besser, als sie gedacht hatte, sie humpelte in die Küche und aß eine Dose Thunfisch und ein paar Reiswaffeln, die sie vor Monaten gekauft und dann nicht gemocht hatte. Dazu trank sie ein Glas Prosecco, obwohl ihr der Arzt Alkohol verboten hatte, solange sie noch Medikamente nahm.

Sie ging ins Bad und öffnete ihre Seite des Badezimmerschranks, der vollgestopft war mit rezeptfreien Medikamenten und Pflegeprodukten. Die Frau, die hier wohnte, musste sich vor Mundgeruch fürchten, sie schluckte Vitamine, vermutlich weil sie sich oft schlecht ernährte, hatte gelegentlich Kopfschmerzen und einen übersäuerten Magen. Sie fürchtete sich vor Hautalterung und vor spröden Fingernägeln. Eine berufstätige Frau, die mehr Geld hatte als Zeit, die viel unterwegs war, die in kleinen Läden  handgemachte Seifen aus Olivenöl kaufte, die sie dann nicht benutzte, die sich neue Zahnbürsten anschaffte, bevor sie die alten wegwarf. Sie musste daran denken, dass sie jetzt endlich genug Platz für ihre Sachen haben würde, nur die Trauer um Matthias wollte ihr nicht gelingen. Manchmal musste sie weinen und konnte nicht mehr aufhören. Dann wieder vergaß sie ganz einfach, dass Matthias nicht mehr da war. Sie waren immer mal wieder ein paar Tage getrennt gewesen, das Alleinsein machte ihr keine Mühe. Gillian war ja nicht einmal bei seiner Beerdigung gewesen, woher sollte sie wissen, dass er wirklich tot war?

Sie zog Bluse und BH aus. Wenn sie an sich hinunterschaute, konnte sie sich einbilden, nichts wäre geschehen. Sie hatte vom Unfall ein paar blaue Flecken am Oberkörper und eine vernähte Wunde am Bein von der Operation, sonst war ihrem Körper nichts anzusehen. Dann hob sie den Blick und betrachtete ihr Gesicht. Im Krankenhaus hatte sie nur die Wunden gesehen. Was sie jetzt sah, über einem fast unversehrten Körper, nahm ihr alle Kraft. Ihr Magen krampfte sich zusammen und sie sank auf den Boden. Sie kroch auf allen vieren ins Schlafzimmer und legte sich ins Bett.Sie ertastete ihren nackten Körper, den Bauch, die Taille, die Hüften.Gillian lag fast den ganzen Tag im Wohnzimmer. Langsam wurde sie ruhiger. Sie fühlte sich kräftiger, aber als sie sich aufrichtete, wurde ihr schwindlig. Eine Weile saß sie so und wartete, bis der Schwindel nachließ. Dann nahm sie die Krücken, die neben ihr auf dem Boden lagen, und stand auf. Es ging besser, als sie gedacht hatte, sie humpelte in die Küche und aß eine Dose Thunfisch und ein paar Reiswaffeln, die sie vor Monaten gekauft und dann nicht gemocht hatte. Dazu trank sie ein Glas Prosecco, obwohl ihr der Arzt Alkohol verboten hatte, solange sie noch Medikamente nahm.

Sie ging ins Bad und öffnete ihre Seite des Badezimmerschranks, der vollgestopft war mit rezeptfreien Medikamenten und Pflegeprodukten. Die Frau, die hier wohnte, musste sich vor Mundgeruch fürchten, sie schluckte Vitamine, vermutlich weil sie sich oft schlecht ernährte, hatte gelegentlich Kopfschmerzen und einen übersäuerten Magen. Sie fürchtete sich vor Hautalterung und vor spröden Fingernägeln. Eine berufstätige Frau, die mehr Geld hatte als Zeit, die viel unterwegs war, die in kleinen Läden  handgemachte Seifen aus Olivenöl kaufte, die sie dann nicht benutzte, die sich neue Zahnbürsten anschaffte, bevor sie die alten wegwarf. Sie musste daran denken, dass sie jetzt endlich genug Platz für ihre Sachen haben würde, nur die Trauer um Matthias wollte ihr nicht gelingen. Manchmal musste sie weinen und konnte nicht mehr aufhören. Dann wieder vergaß sie ganz einfach, dass Matthias nicht mehr da war. Sie waren immer mal wieder ein paar Tage getrennt gewesen, das Alleinsein machte ihr keine Mühe. Gillian war ja nicht einmal bei seiner Beerdigung gewesen, woher sollte sie wissen, dass er wirklich tot war?

Sie zog Bluse und BH aus. Wenn sie an sich hinunterschaute, konnte sie sich einbilden, nichts wäre geschehen. Sie hatte vom Unfall ein paar blaue Flecken am Oberkörper und eine vernähte Wunde am Bein von der Operation, sonst war ihrem Körper nichts anzusehen. Dann hob sie den Blick und betrachtete ihr Gesicht. Im Krankenhaus hatte sie nur die Wunden gesehen. Was sie jetzt sah, über einem fast unversehrten Körper, nahm ihr alle Kraft. Ihr Magen krampfte sich zusammen und sie sank auf den Boden. Sie kroch auf allen vieren ins Schlafzimmer und legte sich ins Bett.Sie ertastete ihren nackten Körper, den Bauch, die Taille, die Hüften.

Nacht ist der Tag, S. 54 - 56
© 2013 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
Weit über das Land
Weit über das Land ist (…)  eine eindrucksvolle, den Leser in den Bann ziehende Erzählung, nicht zuletzt, weil Stamm seiner Sprache vertraut und alle Psychologisierungen vermeidet. Ob es vielleicht nach Erscheinen dieses Buches analog zum „Werther-Effekt“ womöglich zu einem „Thomas-Effekt“ kommen wird?
Lothar Struck, Literaturkritik.de 2016

An einem Tag wie diesem
Man könnte so ziemlich alles gegen diesen Roman einwenden, was gegen Stamms Literatur regelmäßig eingewendet wurde. Aber man übersähe dabei, wovon er, auf anrührende Weise erzählt: Von dem Versuch, der Routine des Pessimismus, der selbstgefälligen Philosophie der Lebensleere in den Rücken zu fallen. Peter Stamm hat den Versuch unternommen, eine in düsterer Monotonie beginnende Geschichte in der hellen Leichtigkeit eines Rohmer-Films enden zu lassen. Das ist ihm geglückt.
Ursula März, Deutschlandfunk 2006

Blitzeis
Der Autor hat mich sehr, sehr beeindruckt. Ich glaube, daß er ein ernstes Talent ist. Jede dieser Geschichten hat eine ganz bestimmte Stimmung... Es kommt, möchte ich wagen zu sagen, von einer poetischen Beobachtung, und deswegen glaube ich, daß dieses dünne Buch von Peter Stamm, Blitzeis betitelt, zu den ganz schönen und wichtigen Büchern gehört, die es überhaupt in diesem Herbst gegeben hat.
Marcel Reich-Ranicki 1999

Agnes
Kaum kann man glauben, daß Agnes ein Debütroman sein soll. Da gibt es kein schiefes Bild, keinen falschen Vergleich, kein Adjektiv als bloß schmückendes Attribut, kein Wort zuviel oder zuwenig. Peter Stamms Prosa ist bei aller vorsätzlichen Schmucklosigkeit vollkommen geschmeidig - also vollkommen. Die Schweizer Literatur darf sich zu dieser neuen und unverwechselbaren Stimme gratulieren.
Peter Hamm, Focus 1998