Reinhard Jirgl

Reinhard Jirgl wird 1953 in Ost-Berlin geboren. „Die Geschichte meiner literarischen Arbeiten aus den Jahren vor 1990 ist die Geschichte von amtlich verhängtem Erstickungstod“, sagt er über diese Zeit. Erst nach der Wende kommt auch der literarische Erfolg.Jirgl, bekannt als Chronist deutscher Vergangenheit und Gegenwart, erzählt in seinen Romanen aus den heiklen Kapiteln der (eigenen) Geschichte. Deren Problempotential spiegelt sich nicht nur in den Inhalten, sondern auch im Schreibstil.
Reinhard Jirgl wurde mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Alfred-Döblin-Preis, dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Büchner-Preis.

Ins Spanische übersetzte Werke:
Los inacabados

Reinhard Jirgl wird 1953 in Ost-Berlin geboren. Nach Abschluss der Oberschule und einer Ausbildung zum Elektromechaniker holt Jirgl in Abendkursen das Abitur nach. 1971-1975 studiert er Elektrotechnik an der Humboldt-Universität. Bereits Anfang der 70er Jahre beginnt Reinhard Jirgl zu schreiben. Wichtige Impulse bekommt er am Köpenicker Lyrikseminar. Aber erst, als er 1978 Beleuchtungstechniker an der Volksbühne Berlin wird, findet der Autor – unterstützt von Heiner Müller - die nötige Zeit zu einer ernsthaften literarischen Tätigkeit. Reinhard Jirgl lebt in Berlin.
 
1985 legt Jirgl mit Mutter Vater Roman sein erstes druckreifes Manuskript vor. Dessen Publikation lehnt der Aufbau-Verlag jedoch wegen „nichtmarxistischer Geschichtsauffassung“ ab.  Auch in den folgenden Jahren bleiben Jirgls Erzählungen und Romane unveröffentlicht. „Die Geschichte meiner literarischen Arbeiten aus den Jahren vor 1990 ist die Geschichte von amtlich verhängtem Erstickungstod“, sagt er über diese Zeit. Erst nach der Wende kommt auch der literarische Erfolg.
Jirgl, bekannt als Chronist deutscher Vergangenheit und Gegenwart, erzählt in seinen Romanen aus den heiklen Kapiteln der (eigenen) Geschichte. Deren Problempotential spiegelt sich nicht nur in den Inhalten, sondern auch im Schreibstil. Jirgl liebt es, lautmalerisch zu verfremden oder eigenwillige orthographische Abwandlungen zu kreieren. Doch auch die Visualität und die optische Kunst des Theaters inspirieren sein Schreiben nachhaltig.
Mit Abschied von den Feinden gelingt Jirgl 1995 der Durchbruch. Sowohl in der DDR-Trilogie Genealogie des Tötens (2002) als auch in dem Generationenroman Die Unvollendeten (2007) über die Vertreibung der Sudetendeutschen oder Abtrünnig (2008), in der Jirgl nach bewährter Manier eine DDR- und eine BRD-Biographie im gegenwärtigen Berlin parallellaufen lässt, wird deutlich: Hier ist ein engagierter Autor am Werk, der keinesfalls beabsichtigt, Mythen über Vertreibung und Ausgrenzung in die Welt zu setzen, sondern den Zusammenhang zwischen individueller und kollektiver Geschichte in Sprache zu fassen. Nichts von euch auf Erden (2013) ist ein Zukunftsroman. Im 23. Jhd. siedeln die Starken auf dem Mars, während die Schwachen auf der Erde zurückbleiben. Doch das Experiment misslingt und der Mars wird unbewohnbar. Der Roman Oben das Feuer, unten der Berg (2016) handelt vom großen bürokratischen Umbau, den die Politik die „Wende“ nannte. Dabei wurde intakt gelassen, was man vergangen glaubte. Eines wird bei Jirgl immer wieder deutlich: der eigenen Vergangenheit kann man nicht entrinnen.

Reinhard Jirgl wurde mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Alfred-Döblin-Preis (1993), dem Joseph-Breitbach-Preis (1999) und 2010 dem Büchner-Preis.

„Mit Beginn des Jahres 2017 hat Reinhard Jirgl sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er verzichtet auf Lesungen sowie andere Auftritte, desgleichen auf jede Publikation seiner auch weiterhin entstehenden Manuskripte. Alle neu geschriebenen Texte verbleiben in Privatbesitz.“ (Hanser)

Copyright: Goethe-Institut Barcelona
Text: Ilka Haederle
ÜBERSETZT INS SPANISCHE

Los inacabados
Übers. von Richard Gross
Cómplices Ed., Barcelona 2012


IN DEUTSCHER SPRACHE

Romane

Oben das Feuer, unten der Berg
Hanser, München 2016

Nichts von euch auf Erden
Hanser, München 2013

Die Stille
Hanser, München 2009

Abtrünnig. Roman aus der nervösen Zeit
Hanser, München 2005

Die Unvollendeten
Hanser, München 2003

Genealogie des Tötens
(Drama und Prosa)
dtv, München 2002

Die Atlantische Mauer
Hanser, München 2000

Hundsnächte
Hanser, München 1997

Abschied von den Feinden
Hanser, München 1995

Das obszöne Gebet. Totenbuch
Roland Jassmann Verlag, Frankfurt a.M. 1992

Im offenen Meer. Schichtungsroman
Hanser, München 1991

Mutter Vater
Aufbau Verlag, Berlin 1990


Essays, Erzählungen, Schriften
Land und Beute. Aufsätze aus den Jahren 1996 bis 2006
Edition Akzente
Hanser, München 2008

Gewitterlicht
Revonnah-Verlag, Hannover 2002

Zeichenwende. Kultur im Schatten posttotalitärer Mentalität
Gemeinschaftsarbeit mit A. Madela, Bublies Verlag, Koblenz 1993

Uberich. Protokollkomödie in den Tod
Roland Jassmann Verlag, Frankfurt a.M. 1990
Geboren am 16.1.1953 in Berlin, DDR
                                                           
  Lehre als Elektromechaniker ; Abendgymnasium;
  Studium der Elektronik an der Humboldt-Universität
  Berlin
1975 Studienabschluss als Ingenieur
1978 Beleuchtungstechniker an der Volksbühne Berlin
  bei Heiner Müller
1991 Anna-Seghers-Preis
1993 Alfred-Döblin-Preis
1994  Marburger Literaturpreis
1995 Stipendium des Berliner Kultursenats
1995 - 1996 Beginn der Tätigkeit als freier Schriftsteller
  Stipendien-Aufenthalt in den Vereinigten Staaten
1998 Johannes-Bobrowski-Medaille zum Berliner
  Literaturpreis; Joseph-Breitbach-Preis
2003 Kranichsteiner Literaturpreis
  Rheingau Literaturpreis
2004 Eugen-Viehof-Ehrengabe der Deutschen Schiller-
  stiftung Weimar; Dedalus-Preis für neue Literatur
2006 Literaturpreis der freien Hansestadt Bremen
2009 Lion-Feuchtwanger-Preis
  Grimmelshausen-Preis
2010 Georg-Büchner-Preis
2011 Sudetendeutscher Kulturpreis für Literatur
   
  lebt in Berlin
Aus: Abschied von den Feinden

Mein älterer Bruder war, bevor er in den-Westen ging vor einigen Jahren, Justitiar in einem Krankenhaus; Rechtsanwalt mit dem Spezialgebiet Arbeitsrecht. Er hatte seine Berufswahl nicht bereuen müssen, war bis zuletzt ohne eigentlichen Vorgesetzten, verfügte über seine Zeit im wesentlichen nach eigenem Gutdünken u hatte es verstanden, sein Verhältnis zu den Machtinhabern des Krankenhauses – Direktor, Chefärzte, Parteisekretär – als ein höflich=distanziertes zu gestalten. Das war auch in seinem Ressort, und in Zeiten beginnender Ausreisewellen in den-Westen, ein immer schwieriger zu haltendes Maß. Denn diejenigen, die ihm Weisungen erteilen durften & mit denen er vor Stunden noch auf friedlicher=Distance verkehren konnte, wurden plötzlich & immer häufiger zu Gegnern, sobald einen Mitarbeiter wegen seines Ausreisewunsches die Racheaktionen staatlicher Behörden trafen. Ihm, meinem Bruder, wurden nur 2 Mal derartige Fälle übergeben, bevor er selbst zu 1=solchen geworden war. Und es war ihm seinerzeit gelungen, die 2 Fälle, bei denen ihm von seiten der Krankenhausleitung nahegelegt worden war, die fristlose Entlassung der beiden Mitarbeiter durchzusetzen, in der Entscheidung zu verschleppen so lange, bis von staatlicher Seite das Gesetz erlassen worden war, wonach Ausreiseanträge kein Kündigungsgrund mehr sein durften. Gewiß hatte man ihn durchschaut & solch Manöver sollte auch nicht folgenlos für ihn selber bleiben. Und schließlich wurde den beiden Angestellten, Pflegern von der Intensivstation, dennoch gekündigt; deren Vorgesetzte hatten die beiden über lange Zeit peinlich beobachtet, über jede ihrer Minuten während der Arbeitszeit gewacht, bis der Kündigungsgrund feststand: häufiges Zuspätkommen & Vernachlässigung der Pflegearbeiten zum Nachteil des sozialistischen Gesundheitswesens.....

Die Stunden damals im Büro gehörten alsbald wieder der Gewohnheit : stets gleiche od zumindest ähnliche Rechtsbelehrungen, Vertragsabschlüsse, Klärung von Unstimmigkeiten zwischen Vorgesetzten u: Angestellten -:Belanglosigkeit & Monotonie (denn seit jenen Vorfällen war man eiten der Krankenhausleitung mißtrauisch geworden & hatte ihm lediglich Nichtigkeiten überlassen) hatten ihm, unterstützt vielleicht durch deren Auftritte in der weißen=anonymen Arbeitskleidung, die Individualität seiner Klienten verwischt, die Trennschärfe zwischen Allgemeinheit u: Exemplar, zwischen Dingen u: Schimären aufgehoben. Er sah die Zeit der eigenen u der anderen Funktion als geschlossnes, wenn auch in sich zerbrochenes, Kontinuum an, bestehend aus Reminiszenzen & Wiederholungen : kalkuliert, daher beherrschbar in den Mikro- wie den Makrobereichen; vorgegeben, daher wenig an zehrendem Substanzverlust zu investieren. Eine Existenz, Doktor Jekyll u Mister Hyde in=sich am Leben zu erhalten; den 1 im Sein, den andern im Denken. Die eigene Funktion innerhalb des Systems betrachtete er zuweilen als die eines Auskunftsbeamten bei der Bahn, der, & zumeist aus freiem Gedächtnis, über ein Wissen innerhalb 1 Tableaus von möglichen Anschlüssen verfügte. Od er sah sich als Protagonist auf einer Bühne, worauf seit mehreren Jahren bereits 1-u-dasselbe Stück gespielt wurde, des großen Erfolges wegen od in Ermangelung eines besseren Spielplans. Er bezeichnete sein Dasein als Mittler zwischen Konfliktursachen & -wirkungen als THEATER, seine Klientel beiderseits der Gesetzbücher als LEICHEN :Wieviele Menschen, weiße Flecke ohne Kontur, sind mir entgegengekommen, dies hatte ich einst, auf 1 Zettel notiert, auf seinem Schreibtisch gefunden, wieviel an THEATER ist vorübergegangen; LEICHEN, die analysiert werden wolln. Und wie unter 1 Summationsstrich hatte er darunter geschrieben: GEHIRNMECHANIK.

Abschied von den Feinden, S. 26-27
© Carl Hanser Verlag, München, 1995

 
Oben das Feuer, unten der Berg
«Nurstille Wohlgerüche & Keingeschrei», lesen wir einmal, «unsichtbar alle Tode, verwandelt zu elektronischen Signalen, pulsend Ohnepause durch pralle Bündel Glasfaserarterien im Grossennetzwerk des hygienischen Weltdauerfriedens». Hier formt Jirgl Ideen erzählerisch aus, die er schon vor zwanzig Jahren in einem kleinen Aufsatz aufgefaltet hat. Den Vorstellungen eines einlullenden digitalen Friedens stellen Jirgls Figuren nun die Idee an die Seite, das Heute sei nichts anderes als ein verlängertes Gestern. Genauer: Der Sozialismus übernimmt die Strukturen des «Dritten Reiches» und gibt sie nach seinem Ende als das Versprechen auf Demokratie und Freiheit weiter. Die Götter wechseln, aber Unterdrückung bleibt. Vor diesem Hintergrund ist es fast folgerichtig, dass die Zeit nach 1989 nicht «Wende» heisst, sondern die Bezeichnung «GeBeU» trägt, «Grosser-Bürokratischer-Umbau».
Nico Bleutge, NZZ 2016

Die Stille
Seit einigen Jahren steht Reinhard Jirgl unter Verdacht: Er wird einer Art Kapitalverbrechen am Kulturbetrieb bezichtigt. Denn Jirgl schreibt Bücher, die unbequem sind. Sie gelten als schwierig, weil sie Nebenschauplätze meiden. Ihr Schlachtfeld ist die Sprache selbst. Sein jüngster Roman, Die Stille, ist das fehlende Indiz, mit dem man ihn endgültig überführen wird: Jirgls Bücher sind eine Zumutung. Genau das aber macht ihn zu einem der großen, vielleicht zu dem wichtigsten Autor der deutschen Gegenwartsliteratur. Sein Werk ragt heraus, weil es einzigartig ist. Vielleicht muss man sagen: weil es einsam ist. Denn Jirgl ist der Antipode der Popliteraten und ihrer Nachfolger, die die Kunst mit einer Chill-out-Zone verwechseln.
Andrea Meister, Die Zeit, 2009

Die Unvollendeten
Die Klassiker der (frühen) Moderne schauen über die Schulter, Benn und Jahnn, immer wieder Arno Schmidt, wenn Reinhard Jirgl mit erprobten und bewährten stilistischen Mitteln ... nicht nur eine Familiengeschichte über etliche Jahrzehnte hinweg auf- und ausrollt.
Werner Jung, Freitag 2003