Aufgabe 4a
Gehen,Ging, Gegangen

Später werden die Flüchtlinge vom Oranienplatz in verschiedene Heime gebracht. Richard fängt an, sich für sie zu interessieren und möchte mit ihnen sprechen. Er möchte wissen, woher sie kommen, welches ihre Muttersprache ist, ob sie Kontakt zu ihren Familien haben – er möchte sie als Person kennenlernen und geht in eins der Heime. Dort begleitet ihn eine Betreuerin.
Lesen Sie den folgenden Abschnitt und beantworten Sie dann die Fragen:
 
In [Zimmer] 2019 klopft sie [eine Betreuerin der Flüchtlinge] und öffnet, links an der Wand steht ein Bett, auf dem sitzt einer und schreibt. Ist das nicht der, den Richard auf dem Oranienplatz mit dem Fahrrad gesehen hat? Ein ganz Junger ist das, mit wilden Locken, als die Betreuerin fragt, ob er Lust habe, mit dem Professor zu sprechen, wirft er zum Zeichen der Einwilligung den Kopf kurz nach hinten, wie ein bockiges Pferd. Er legt die Seite, die mit deutschen Vokabeln schon ganz vollgeschrieben ist, neben sich auf das Bett, über seinem Kopf hängt an der Wand eine Liste der unregelmäßigen Verben: gehen, ging, gegangen. Erst jetzt, als Richard den einzigen Stuhl im Raum zu sich zieht, um sich zu setzen, sieht er, dass auch auf den anderen beiden Betten Menschen unter den Decken liegen und schlafen. Das macht nichts, sagt die Betreuerin, als sie sieht, dass er zögert, sie nickt ihm zu und geht wieder hinaus. Das macht also nichts. Einen Moment lang ist er davon erschreckt, dass diese jungen Männer hier plötzlich so alt sein müssen. Warten und Schlafen. Mahlzeiten, solange das Geld dazu reicht, und ansonsten Warten und Schlafen.

Aus welchem Land bist du?
Da ist schon wieder das Du. Aber vielleicht liegt es auch am Alter. Sein Enkel könnte der Junge sein. Und sieht so aus, wie er sich Apoll immer vorgestellt hat.
Del deserto, antwortet der Junge auf Italienisch.
Richard hat, zusammen mit seiner Frau, mehrere Sprachkurse in der Toskana gemacht, den ersten im Sommerurlaub gleich nach dem Mauerfall. Aus Liebe zu Dante.
Warum kannst du Italienisch?
Wir hatten ein Jahr lang Unterricht. Im Lager. Das Wort Lager sagt der Junge auf Deutsch.
In Lampedusa?
Nein, danach, auf Sizilien.
[...]
Aus welchem Land bist du?
Aus der Wüste.
Wenn Richard nur wüsste, wie groß die Sahara ist.
Aus Algerien? Dem Sudan? Niger? Ägypten?
Zum ersten Mal kommt ihm der Gedanke, dass die von den Europäern gezogenen Grenzen die Afrikaner eigentlich gar nichts angehen. Kürzlich hat er, als er die Hauptstädte gesucht hat, wieder die schnurgeraden Linien im Atlas gesehen, aber erst jetzt wird ihm klar, welche Willkür da sichtbar wird an so einer Linie.
Aus der Wüste, nun gut.
Aber jetzt lächelt der Junge, wohl über ihn, und sagt: aus Niger.
Dann muss das also das Niger-Zimmer sein. Aber welchens Volk in Niger wohl lebt? Richard fragt:
Bist du auch ein Yoruba?
Nein, Tuareg.
Und schon weiß er wieder nichts. Tourareg ist eine Automarke. Einmal hat er etwas gehört mit blauen Schleiern für Männer. Aber sonst?
Vater? Mutter?
Nein, keine Eltern.
Keine Eltern?
Der junge Mann wirkft den Kopf nach hinten. Das kann Ja heißen oder Nein.
Hast du keine Familie?

Der Junge schweigt. Warum sollte er einem fremden Mann sagen, dass er nicht weiß, warum er nie Eltern hatte?
(Seite 65, Zeile 15 bis Seite 67, Zeile 18)


Beantworten Sie folgende Fragen:

Was hängt an der Wand über dem Kopf des Jungen in Zimmer 2019?
Eine Liste der unregelmäßigen Verben: gehen, ging, gegangen.
 
Was machen die jungen Männer die meiste Zeit des Tages?
Warten und Schlafen.
 
Wo hat der Junge, mit dem Richard spricht, Italienisch gelernt?
Im Lager / Auf Sizilien.
 
Woher kommt der Junge?
Aus Niger.
 
Kennt er seine Eltern?
Nein.

 

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