Ausgesprochen ... Berlin
Popfeminismus: Viele Grüße von der anderen Seite der Selbstermächtigung

Beyoncé in einer Szene aus ihrem visuellen Album „Black is King“
Beyoncé in einer Szene aus ihrem visuellen Album „Black is King“ | Foto (Detail): Travis Matthews / Disney Plus © picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Befreien uns Pop- und Livestyle-Feminismus wirklich? Und wenn ja, wer ist dann dieses „wir“? Unsere Berlin-Kolumnistin Margarita Tsomou hat in der Abgeschiedenheit des Lockdowns ein feministisches Manifest geschrieben. Weil draußen alles zu hat, nimmt sie uns heute mit in ihre Gedankenwelt.
 

Von Margarita Tsomou

Neulich wurde ich gefragt, wie ich die Emanzipation der Frau im Vergleich mit ihrer Lage in den 70ern einschätze. Meine Gedanken hierzu wechseln zwischen großem Jubel und vorsichtiger Zurückhaltung.

Denn in 2021 scheint die Frau – oder der Menschentypus, der Frau genannt wird  – so emanzipiert wie noch nie: Frauen werden gesetzlich in die Vorstände gehoben, werden motiviert, in die Politik oder in Technikberufe zu gehen und überfluten regelrecht den Arbeitsmarkt. Sie dürfen verhüten, werden mit der Endsilbe „-innen“ fast überall mitgenannt und können sich unter dem Hashtag #metoo nun sogar über sexualisierte Gewalt beschweren.

Ein Blick in die Popkultur hat es in sich: Stars wie Janelle Monáe und Beyoncé konkurrieren um die nächste feministische Pop-Hymne, auf Netflix wimmelt es nur so von starken Protagonist*innen und Joko und Klaas kritisieren auf Primetime das Verschicken von „dick pics“ (also ungefragt verschickten Fotos von einem Penis).
 
Und auch das Denken über das Frauensubjekt hat sich weiterentwickelt: Endlich gelten nicht mehr alle mit Vagina geborenen Menschen als Frauen, während auch die mit Penis geborenen Menschen Frauen und/oder Frauen* sein können. Das Geschlecht „divers“ ist gesetzlich anerkannt, queere Sexualität schaffte es von der Schmuddelkiste vor den Traualtar und die smartesten Kids identifizieren sich als non-binär.

Knallharte Lebensrealitäten

Doch bei allem feministischen Tischfeuerwerk müssen hier Gleichzeitigkeiten eingeräumt werden: Im heutigen Neoliberalismus bringt das Genderrepertoire „Frauen“ nach wie vor eine Reihe von knallharten, materiellen Lebensrealitäten mit sich.

Hartnäckig möchte sich der Gender Pay Gap nicht schließen, nicht zuletzt, weil Frauen mehrheitlich in Niedriglohnsektoren arbeiten, etwa in Bildung, Sorgearbeit und Pflege. Im Privaten wird die unbezahlte Sorge- und Hausarbeit nach wie vor zu zwei Dritteln von Frauen verrichtet –  ein Umstand, der sich in der Corona-Zeit des Home-Schoolings drastisch verschärft hat.

Gefahr des Lifestyle-Feminismus

Verschärft hat sich auch die Gewalt in Familien und Beziehungen – überhaupt ist Gewalt gegen Frauen sichtbarer und ein Grund zur öffentlichen Empörung geworden. Doch auch wenn in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner ermordet wird, werden die Zahlen der Opfer nicht offiziell statistisch erfasst und der Begriff Femizid, zu Deutsch „Frauenmord“ hat es noch nicht ins juristische Vokabular geschafft. Zudem bleiben umfassende reproduktive und sexuelle Selbstbestimmungsrechte noch aus – Abtreibung ist hierzulande zwar unter Auflagen straffrei, aber nach wie vor illegal.
 
Die Gefahr dieser weit verbreiteten Versionen des Lifestyle-Feminismus ist, dass er ungleiche und gewaltsame Verhältnisse durch den Jubel über individuell zu erreichende Emanzipationserfolge verdeckt.
 
Verdeckt wird dabei auch, dass die meisten Frauen auf der Welt eben nicht in den Vorstandsetagen sitzen, sondern diese im Morgengrauen putzen, Stunden bevor die Chef*innen sie für ihre Meetings betreten. Die allermeisten Frauen wischen Fußböden, Babys und Opas den Po ab. Und diese allermeisten Frauen sind nicht-weiß, migrantisch oder wohnen im Globalen Süden. Es bleibt noch zu erforschen, inwiefern es zu ihrer Emanzipation beiträgt, dass Zalando neuerdings viele, viele Schwarze Frauen in seiner Werbung repräsentiert.

Verschiedene Hebel zur Emanzipation

Wir haben es innerhalb der Gruppe „Frau“ nicht nur mit verschiedenen Genderidentitäten und Geschichten zu tun, sondern auch damit, dass verschiedene Frauen auch verschiedene Hebel zur Emanzipation benötigen. Daher ist Feminismus viel mehr als der Hinweis auf die Diskriminierung der Frau. Er ist ein politisch umfassendes Projekt, welches den Blick für die strukturellen Ungleichheiten schärfen muss: für Strukturen, die Frauen unterschiedlicher ethnischer oder sozialer Herkünfte unterschiedlich betreffen, aber in ihrer Summe die Lage der Frauen als benachteiligte Menschengruppe zementieren.
 
Aus der Sicht radikal queer-feministischer Bewegungen sind kapitalistische Ressourcenallokation, Umweltzerstörung und Naturverhältnis, Rassismus und die koloniale Aufteilung der Welt nicht nur an der Unterdrückung von Frauen beteiligt, sondern bringen diese explizit hervor. All diese asymmetrischen Machtverhältnisse sind historisch nicht nur von Männerhand geschaffen, gleichzeitig und miteinander entstanden, sondern bildet heute DIE Matrix, die Frauen in ohnehin prekären Lagen noch verwundbarer macht.

Aktivist*innen sagen: Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegenüber der Natur, kapitalistische und rassistische Gewalt sind auf die gleiche toxische DNA unserer Gesellschaften zurückzuführen.
 
So denke ich: Bevor Frauen nicht nur neue Genderbilder, sondern ein neues Menschen- und Naturbild, ein neues humanes Bild oder ein neue Welt erfinden, werden sie sich nicht vollends emanzipieren können.
 
Ab 08.03.2021 ist Margarita Tsomous gesamtes Manifest auf Arte in der Sendung „Kurzschluss“ zu sehen!
 

„AUSGESPROCHEN …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Margarita Tsomou, Maximilian Buddenbohm und Dominic Otiang’a. Unsere Berliner Kolumnist*innen werfen sich in „Ausgesprochen … Berlin“ für uns ins Getümmel, berichten über das Leben in der Großstadt und sammeln Alltagsbeobachtungen: in der U-Bahn, im Supermarkt, im Club.

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