Deutschunterricht und duale Ausbildung Bayern-Reise einer Delegation aus Katalonien

Katalanische Delegation in Bayern: Besuch Siemens Ausbildungszentrum in München
Foto: Diar Amin

Am Mittwoch ein Rundgang durch das Ausbildungszentrum von Siemens in München und eine Stippvisite im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus. Am Donnerstag Besichtigung der Werkstätten einer Berufsschule in Augsburg sowie Infogespräche zu den Themen „Aus- und Weiterbildung von Berufsschullehrern“ und „Bilingualer Sach- und Fachunterricht“ an der Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen. Am Freitagmorgen Besuch im Dualen Bildungszentrum in München...

In der zweiten Oktoberhälfte absolvierte eine 17-köpfigen Delegation aus Katalonien eine viertägige Fortbildungstour, die sie quer durch Bayern führte. Begleitet von zwei Vertretern des Goethe-Instituts Barcelona, einer Dolmetscherin und einem Mitarbeiter des lokalen Partners, dem Bildungswerks der Bayerischen Wirtschaft, informierten sich 14 Schulleiter und drei Repräsentanten der Bildungsbehörde der katalanischen Landesregierung über Themen, die momentan in Spanien heiß diskutiert werden: die duale Berufsausbildung und die Ausweitung des Fremdsprachenunterrichts an weiterführenden Schulen. Die Teilnehmer waren im Vorfeld vom Goethe-Institut, dem spanischen Deutschlehrerverband und der katalanischen Bildungsbehörde ausgewählt worden. 

Warum findet eine solche Reise zum gegenwärtigen Zeitpunkt statt, und warum sind Projekte wie diese gerade jetzt so wichtig? Momentan erleben wir in Europa zwei gegenläufige Tendenzen, die zu einem sprunghaften Ansteigen des Interesses an einer Verbesserung der Mobilität auf dem Arbeitsmarkt geführt haben: In Deutschland, wo die Arbeitslosenquote bei 6,5 Prozent liegt, fehlen unter anderem aufgrund der demographischen Entwicklung vielerorts Arbeitskräfte. Entsprechend sind zahlreiche Betriebe darauf angewiesen, Personal aus dem Ausland anzuwerben.

In den EU-Ländern, die besonders von der Wirtschaftskrise betroffen sind, ist die Situation diametral entgegengesetzt: In Spanien erreichte die Arbeitslosigkeit in diesem Jahr die Rekordmarke von 26,9 Prozent. Bei den unter 25-Jährigen liegt sie sogar noch weitaus höher. Entsprechend haben gerade viele junge Spanier angefangen, sich nach Arbeitsmöglichkeiten im Ausland umzuschauen. Dabei steht Deutschland weit oben auf der Liste. Gleichzeitig haben die bisherigen Erfahrungen gezeigt, dass diejenigen, die sich ohne ein konkretes Arbeitsangebot und vorherige Deutschkenntnisse auf den Weg machen, zumeist nach kurzer Zeit resigniert den Heimweg antreten.

Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen: Gruppentfoto mit Lehrstuhl / Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen: Gruppentfoto mit Lehrstuhl / Auch in anderer Beziehung ist der deutsche Arbeitsmarkt für Spanier momentan von hohem Interesse: In den Debatten um die notwendigen wirtschaftlichen Umstrukturierungen wird stets das duale Ausbildungssystem in Deutschland als Vorbild genannt. Traditionell hatte das Absolvieren einer Lehre gesellschaftlich in Spanien wenig Prestige. In den Zeiten des wirtschaftlichen Booms verzichteten zudem viele Jugendliche auf eine Berufsausbildung, weil das schnelle Geld lockte, zum Beispiel in der Baubranche. Die Krise führt allen schmerzhaft die Notwendigkeit eines radikalen Umsteuerns vor Augen. Zwar ist allen Experten klar, dass das System der dualen Berufsausbildung nicht 1:1 von einem Land aufs andere übertragen werden kann. Doch herrscht ein großes Interesse, sich vor Ort in Deutschland über Konzepte und praktische Erfahrungen zu informieren. Das Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft ist in diesem Zusammenhang ein idealer Partner: Es ist Vorreiter bei der Entwicklung von Teilmodulen für die duale Ausbildung und vertritt zudem zahlreiche Unternehmen, die an der Anwerbung von Arbeitskräften im Ausland interessiert sind.

Was die Präsenz des Deutschunterricht in Spanien angeht, erzeugt die Wirtschaftskrise einander widerstrebende Tendenzen: Einerseits hat das Interesse am Spracherwerb sprunghaft zugenommen, was der Boom an Einschreibungen bei den Kursen der Goethe-Institute belegt. Andererseits wurden in den letzten drei Jahren  landesweit drakonische Mittelkürzungen im Bildungsbereich vorgenommen, in deren Zuge an vielen öffentlichen Schulen die Zahl der Wahlfächer drastisch eingeschränkt wurde. Der Deutschunterricht fällt in diese Kategorie.  Allerdings verfügen die Schulleitungen über die Autonomie, eigene Schwerpunkte zu setzen. An dieser Stelle setzt die Strategie an, die mit der Reise der katalanischen Delegation nach Deutschland verfolgt wird. „Die Schulleiter sollen“, so Annette Gutmann, Leiterin der BKD im Goethe-Institut Barcelona, „von der Wichtigkeit des kontinuierlichen Fremdsprachen-Unterrichts überzeugt werden. Diejenigen, die Deutsch an ihrer Schule eingeführt haben, sollen darin bestärkt werden, dass sie die richtige Entscheidung getroffen haben, und motiviert werden, ihr Angebot zu verstärken. Schulleiter der berufsbildenden Schulen sollen davon überzeugt werden, Deutsch als außerschulischen Kurs anzubieten. Die Fachschulen für Tourismus, Internationalen Handel und Logistik zeigen ein steigendes Interesse an Deutschunterricht. Die technischen Schulen sind dagegen im Allgemeinen noch nicht so weit.“

Angesichts der Krise ist es wichtiger denn je, den Austausch innerhalb Europas aktiv zu fördern. Den Goethe-Instituten in Spanien kommt in diesem Zusammenhang eine zentrale Funktion als kulturellem Vermittler und Brückenbauer zu. Denn in Ergänzung zu anderen deutschen Akteuren, die bei der internationalen Arbeitsvermittlung eine Rolle spielen, bieten die Goethe-Instituts eine einzigartige Kombination aus Sprachkursangeboten, Netzwerken im Bereich der Bildungskooperation sowie kultureller und gesellschaftlicher Expertise in beiden Ländern. Gleichzeitig profiliert sich das Goethe-Institut durch die federführende Beteiligung an Initiativen im Mobilitätsbereich als kompetentester Anbieter für Deutschkurse. So erweitert das GI Barcelona laufend seine Kurspalette um fachspezifische und berufsbezogene Module. Zudem bietet es Sprachkurse im Rahmen von MobiPro an, dem Mobilitätsprogramm der Bundesregierung für junge Europäer.

Reisen wie die der katalanischen Delegation bieten den Teilnehmern die einzigartige Möglichkeit, sich an Ort und Stelle zu informieren und langfristige Beziehungen zum Goethe-Institut sowie Organisationen in Deutschland aufzubauen. So meint Juan Cañete Martos, Leiter der Berufsschule Illa dels Banyols in El Prat de Llobregat (Barcelona): „Die Erfahrungen und Beobachtungen, die wir dank des Goethe-Instituts in Bayern machen konnten, haben uns inspirierende Ideen vermittelt. Uns wurde eine Realität der dualen Ausbildung vor Augen geführt, die uns motiviert, deren Umsetzung in Katalonien klar als Ziel vor Augen zu haben.  Dies ist meine persönliche Meinung, die von allen anderen Mitgliedern der Reisegruppe geteilt wird.“

Für Dezember ist eine Nachfolgeveranstaltung im Goethe-Institut Barcelona geplant, bei der ein Sprachförderungsprogramm vorgestellt werden soll.


Bettina Bremme                      Barcelona, 12. November 2013