Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Lesen! Sommer 2020

Von Isabella Caldart

Jan Brandt – Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt

Jan Brandt: Ein Haus auf dem Land... © DuMont Buchverlag Als Jan Brandt die Wohnungskündigung ins Haus flattert – angeblich wegen Eigenbedarfs –, hat sich Berlin bereits seit vielen Jahren von einer Stadt mit vielen leerstehenden Häusern und niedrigen Mieten zum Mekka der Gentrifizierung entwickelt. Für Brandt beginnen lange Monate, in denen er nachzuweisen versucht, dass seitens der Vermieter kein Eigenbedarf besteht, und sich zugleich auf die schier unmögliche Suche macht, in Berlin eine bezahlbare Wohnung zu finden.
Das ist die eine Story. Jan Brandts aktuelles Buch aber kann von zwei Seiten gelesen werden. Die Parallelgeschichte erzählt von dem Familienhaus in Ostfriesland, das abgerissen werden soll. Seine Entwurzelung ist also doppelt: Die sicher geglaubte Wohnung in Berlin ist weg und das Haus, das quasi ein Backup war, akut bedroht.

Dieses beidseitige Wendebuch gilt als erstes „Gentrifizierungs-Buch“. Es beschreibt einen ganz bestimmten Zeitgeist, den Angst vom Verlust der eigenen Bleibe, was zu Unsicherheit und drohendem Existenzverlust führt – von dem viele Menschen bedroht sind, gerade jene, die selbsttätig arbeiten oder nur geringe Einnahmen haben. Vor allem „Eine Wohnung in der Stadt“ ist dadurch extrem gegenwärtig.

Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt, DuMont, 2019, 424 Seiten (Wendebuch): In der Onleihe/ Ausleihe in der Bibliothek


Frank Rudkoffsky – Fake

Frank Rudkoffsky: Fake © Voland&Quist Seit kurzem sind Sophia und Jan Eltern. Sie, die vor ihrer Schwangerschaft dabei war, Karriere bei Daimler zu machen, sitzt jetzt völlig frustriert mit einem permanent schreienden Baby zu Hause, bis sie ein Ventil für diesen Frust findet: Sie lässt ihre Wut als Troll in diversen Internetforen raus und legt sich mehr und mehr falsche Profile zu. Doch dieses Lügenkonstrukt dringt schnell in ihren Alltag ein. Jan unterdessen kämpft um Anerkennung als Redakteur. Auch er konstruiert sich eine Zweitidentität online. Sein Plan ist, sich bei den Neuen Rechten einzuschleichen und eine Exklusiv-Reportage aus dem Inneren Pegidas zu schreiben.

Schonungslos und realitätsnah, aber nicht ohne Humor beschreibt Frank Rudkoffsky in „Fake“ das Leben eines jungen Paares, das mit der Elternrolle wie Geldproblemen zu kämpfen hat und zu ungewöhnlichen Mitteln greift, um damit umzugehen. „Fake“ ist ein temporeicher, vielschichtiger Gegenwartsroman zwischen der Überforderung des Elternseins, Trollverhalten im Internet und der in Deutschland erstarkenden Neuen Rechten.

Fake, Voland & Quist, 2019, 240 Seiten: In der Onleihe


Berit Glanz – Pixeltänzer

Berit Glanz: Pixeltänzer © Schöffling Beta arbeitet in einem Berliner Startup. Ihr Alltag wird von Club Mate, Teambuilding-Maßnahmen und Pitches dominiert. Auch in ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Technik: Sie druckt 3D-Plastiktiere und findet Gefallen an einer App namens Dawntastic, die zufällig User*innen miteinander verbindet. Dadurch lernt sie Toboggan kennen, der eine merkwürdige Figur im Profilbild hat. Beta versucht, mehr über den User und diese Figur zu erfahren. Die Spur führt sie ins Hamburg der zwanziger Jahre zu den expressionistischen Künstler*innen Lavinia Schulz und Walter Holdt. Beide lebten am Rande des Existenzminimums, weil sie, kompromisslos wie sie waren, sich weigerten, mit etwas anderem als Kunst Geld zu verdienen.

In ihrem Debütroman „Pixeltänzer“ verbindet Berit Glanz geschickt diese zwei Welten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Mit Witz im Detail und einem guten Gespür für den Plot führt Glanz ihre Leser*innen auf eine digitale Schnitzeljagd und in die Realität: Denn Lavinia Schulz und Walter Holdt gab es wirklich.

Pixeltänzer, Schöffling, 2019, 256 Seiten: In der Onleihe

 

Top