Katharina Herrmann

Katharina Herrmann  Portrait Foto©privat

Goethe, Schiller, Brecht, Kant, Büchner, Adorno oder Heine – Deutschland brüstet sich damit, ein Land der Dichter und Denker zu sein. Doch wo bleiben die Frauen? Autorin, Bloggerin und Deutschlehrerin Katharina Herrmann will mit dem männlich dominierten Kanon brechen. Ihr Buch „Dichterinnen & Denkerinnen“ (Reclam, 2020) vereint 20 Porträts von bekannten wie unbekannteren Autorinnen, darunter Sophie von La Roche, Lou-Andreas Salomé, Vicki Baum und Mascha Kaléko, die allen Umständen zum Trotze schrieben. Warum war es so schwierig für Autorinnen, sich durchzusetzen? Und welche Kontinuitäten gibt es bis heute?

Die Fragen stellte Isabella Caldart.

Ihr Buch „Dichterinnen & Denkerinnen“ trägt den Untertitel „Frauen, die trotzdem geschrieben haben“. Was hat es mit diesem
trotzdem auf sich?
 
Frauen waren ganz lange kein Teil der Öffentlichkeit, da dies ein Raum war, den Männer prägten; es stand ihnen nicht zu, sich mit Texten in die Öffentlichkeit zu stellen. Das änderte sich erst im 20. Jahrhundert, als Frauen sich Rechte erstritten. Entsprechend haben gerade die Frauen im 18. und 19. Jahrhundert trotzdem geschrieben, weil es nicht ihrer Rolle entsprach, den familiären, privaten Kreis zu verlassen.
 
Können Sie genauer erläutern, warum es für Frauen so schwierig war, zu schreiben?
 
Zum einen, weil sie nicht am öffentlichen Diskurs teilnehmen konnten, Kontakte fehlten und ihnen Bildung vorenthalten wurde. Wenn sie Bildung bekamen, dann als Vorbereitung darauf, Mutter und Hausfrau zu werden und häusliche Gesellschaften zu unterhalten, also sticken und stricken oder Klavierspiel lernen und nicht etwa Latein oder Klassiker lesen. Außerdem hatte Frauen viele familiäre Pflichten. Es war nicht vorgesehen, dass Frauen Kunst schaffen. Und dagegen mussten sie anschreiben.
 
Bereits vor drei Jahren haben Sie im Blog 54books ein Essay mit dem Titel „Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen“ veröffentlicht. Woher kam das Bedürfnis, diesen Text zu verfassen?

 
Das Thema beschäftigt mich schon länger. In den letzten Jahren ist im Deutschunterricht immer mehr das Bewusstsein dafür entstanden, dass Frauen im literarischen Feld unterrepräsentiert sind und dass es auch im Kanon an Frauen fehlt. Ich habe mich gefragt, woran das liegt, viel dazu gelesen und dann das Essay und einzelne Blogbeiträge geschrieben. Dies war auch der Ausgangspunkt für das Buch.
 
Welche Gemeinsamkeiten hatten die Frauen, die trotzdem schrieben?
 
Offensichtlich gemeinsam war ihnen allen das Schreiben als Bedürfnis des Selbstausdrucks, sie alle hatten auch den Drang nach Freiheit und Selbstständigkeit. Was gleichgeblieben ist, ist die Abhängigkeit von Männern im Literaturbetrieb. Luise Gottsched im 18. Jahrhundert konnte nur dank ihres Ehemanns Johann Christoph Gottsched schreiben, und ähnlich ist es bei Marieluise Fleißer Anfang des 20. Jahrhunderts immer noch. Ihre Stücke kamen auf die Bühne, weil Brecht und der Kreis um ihn sie auf die Bühne brachten, und das mit Eingriffen, die nicht mit ihr abgesprochen waren. Es gibt da eine ganz starke Kontinuität.
 
Die erste Autorin Luise Adelgunde Victorie Gottsched ist 1713 geboren, mit Anna Seghers die späteste 1983 gestorben. Wieso haben Sie sich für diese Zeitspanne entschieden? Und wie haben Sie generell die Auswahl der Autorinnen getroffen?
 
Der Startpunkt war relativ klar. Ich habe mit der Aufklärung angefangen, die für die neuere und neueste Literatur als Epochenbeginn gilt. Dass Gottsched die erste Autorin wurde, hängt stark mit ihrer Theaterreform zusammen, die prägend war für die deutsche Literatur. Ausgehend von der Aufklärung wollte ich alle Epochen bis möglichst weit in die Gegenwart abdecken und je eine Stellvertreterin herausgreifen. Gerade bei Sturm und Drang und Klassik war das schwierig, weil beide Perioden jeweils über lokale Freundeskreise definiert werden, aber bei allen anderen findet man Autorinnen, die typisch und wichtig für ihre Zeit waren. Die Idee war außerdem, Literaturgeschichte anhand der exemplarischen Gestalten zu erzählen.
 
Was genau steckt hinter Gottscheds Theaterreform?
 
Es gab bis zu dieser Zeit in Deutschland keine festen Bühnen und wenig feste Stücke, dafür viele Wanderbühnen, auf denen aus dem Stegreif gespielt wurde. Die Lebensbedingungen der Schauspieler als fahrendes Volk waren wahnsinnig schlecht, das Stegreifspiel durch derben Humor geprägt. Das Ehepaar Gottsched wollte das verändern und – typisch für die Aufklärung – das Publikum bilden. Es sollten richtige Stücke, wie in anderen europäischen Ländern bereits ganz und gäbe, gespielt werden. Die Theaterreform beschreibt also den Versuch der Gottscheds, eine Theaterkultur wie etwa in Frankreich auf deutsche Bühnen zu übertragen und feste Bühnen mit festen Stücken zu installieren.
 
Die Porträts der Autorinnen in ihrem Buch wurden durch Illustrationen von Tanja Kischel ergänzt. Wieso ist „Dichterinnen & Denkerinnen“ bebildert?
 
Es ging uns darum, die Autorinnen modern darzustellen und neu in Erinnerung zu rufen, dazu braucht man Bilder. So wie wir wissen, wie Goethe aussieht, ist es schön, unmittelbar ein Bild vor Augen zu haben, wenn wir von Marie von Ebner-Eschenbach sprechen. Deswegen ist es sinnvoll, dass die Texte von zeitgemäßen Illustrationen begleitet sind.
 
Um Ihnen die Frage, die Sie am Anfang des Buches formulieren, selbst zu stellen: „Wenn Sie an Ihren Deutschunterricht in der Schule denken: An wie viele Autorinnen, die sie gelesen haben, können Sie sich erinnern?“
 
Im Jugendbuchbereich in der Unter- und Mittelstufe kamen mehr Frauen vor, zum Beispiel „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr oder „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang. Als Oberstufenschülerin kann ich mich an Ingeborg Bachmann erinnern, bei klassischen Autorinnen ging es um Annette von Droste-Hülshoff, auch Karoline von Günderrode wurde mal erwähnt und Else Lasker-Schüler kam vor – aber nicht als Ganzschrift, immer nur die Gedichte.
 
Wieso ist es leichter, im Unterricht Lyrikerinnen als Prosaautorinnen zu behandeln?
 
Autorinnen hatten als Lyrikerinnen bessere Chancen, weil Lyrik als gefühlsbezogen gilt, eine Schiene, über die Frauen eher akzeptiert werden, während es im Drama für Frauen praktisch unmöglich war, sich durchzusetzen. Als Lehrerin versuche ich natürlich, Autorinnen vorzustellen, aber Ganzschriften sind da schwierig.
 
Wie kommt das?
 
Man bräuchte von den Büchern Ausgaben für Schüler, die es häufig nicht gibt. Außerdem ist das Problem ja, dass wir einen Kanon haben und meine Aufgabe ist, die Schüler auf das Abitur vorzubereiten. Ich darf mein Gerechtigkeitsempfinden nicht über die Bedürfnisse der Schüler stellen und Sophie von La Roche statt Goethe, Schiller oder Lessing zu lehren. Ich kann nicht sagen: Wir lesen nicht Fontane, sondern Eschenbach! Es bräuchte mehr schulpolitisches Bewusstsein von oben, das einfordert, mehr Autorinnen zu unterrichten, damit meine Schüler keine Angst haben müssen, dass ihnen etwas fehlt, wenn sie Eschenbach statt Fontane lesen.
 
Und was sollte der Literaturbetrieb tun, um mehr auf die Dichterinnen und Denkerinnen aufmerksam zu machen?
 
Feuilletons und Verlage sollten Autorinnen so behandeln wie Autoren, die Klassikerpflege, wie sie bei Autoren passiert, auch bei Autorinnen betreiben, also Werke günstig auf den Markt bringen und Jubiläen feiern. Dieses Jahr wurde zum Beispiel der 100. Geburtstag von Marlen Haushofer fast gar nicht beachtet. Und auch in den Deutschbüchern sollten Autorinnen nicht nur am Rande vorkommen.
 
Weitere Informationen zur Autorin: kulturgeschwaetz.de
Das Buch Dichterinnen & Denkerinnen steht Ihnen in der ONLEIHE (Ausleihe elektronischer Medien) zur Verfügung.
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