Lesen! Herbst 2020

Von Isabella Caldart

Isabelle Lehn – Frühlingserwachen

Frühlingserwachen Cover ©S.Fischer Verlag Schöner scheitern: Mit Mitte dreißig hat Isabelle Lehn ihr Leben nicht wirklich im Griff. Da ihr Roman noch auf einen Verlag wartet, nimmt sie einen Job im Zoo an. Ihr Kinderwunsch, mal stärker, mal weniger ausgeprägt, bleibt unverwirklicht, so sehr sie auch ihren eigenen Körper sondiert; mithilfe von Antidepressiva und Alkohol hangelt sie sich durch den Alltag. Dies gelingt ihr sogar halbwegs – solange sie ihr Leben nicht an ihren eigenen Erwartungen misst.

Was thematisch wie ein post-adoleszenter Coming-of-Age-Roman anmutet, ist in Isabelle Lehns „Frühlingserwachen“ ein essayistisches Spiel mit Fiktion und Autobiografie. Die Protagonistin trägt den Namen der Autorin und hat viele biografische Überschneidungen mit ihr, einige Marker im Text (ihr Freund etwa wünscht sich, er wäre Jazzmusiker, und schwupps, ist er genau das) verdeutlichen jedoch die Metaebenen. Wie viel in dem Roman „stimmt“ und was erdichtet wurde, ist aber zweitrangig – „Frühlingserwachen“ behandelt ganz universelle Themen, oft schmerzhafte.
 
Und es ist auch der Ton, der diesen Roman ausmacht: Trotz ihrer Depression, durch die sie mitunter in suizidale Gedanken abrutscht, verliert Isabelle Lehn (die Figur) niemals ihren Humor, bleibt immer selbstironisch. „Frühlingserwachen“ reizt die Grenzen aus, formal wie inhaltlich – und das gelingt Isabelle Lehn (der Autorin jetzt!) auf eine beeindruckende Weise, mit der sie sich von den zumeist eher konventionellen deutschen Schriftsteller*innen gekonnt abhebt.

Frühlingserwachen (S. Fischer, 2019):  in der Bibliothek oder in der Onleihe


Daniel Schreiber – Zuhause

Zuhause Cover ©Hanser Verlag Wie und wo ankommen, wenn das eigene Leben, das der Familie und das eines ganzen Landes aus Entwurzelung besteht? Autor und Journalist Daniel Schreiber geht in seinem Langessay „Zuhause“ diesem Gefühl auf den Grund. Er beginnt dabei bei seiner ganz persönlichen Geschichte – als Schwuler, als DDR-Bürger, durch seine Vorfahren, die fliehen mussten und als Mensch, der viele Jahre lang im Ausland lebte, ist er bereits von frühester Kindheit an mit dieser Leerstelle konfrontiert. Eine Leerstelle, die sich durch sein Leben zieht.
 
Schreiber bleibt aber nicht in seiner eigenen Vergangenheit verhaftet. Ausgehend von diesen Erfahrungen blickt er in die Wissenschaften, unter anderem in die Philosophie, Soziologie, Kulturanthropologie, Sprachforschung und Psychologie, um zu ergründen, was Heimat bedeutet, warum es für manche Leute so schwer ist, sich ebendiese selbst zu schaffen und wie sehr vielen Menschen, geprägt durch die Historie der Familie, die Heimatlosigkeit qua Geburt und Kultur schon eingeschrieben ist – und wie fragil das Konstrukt „Heimat“ spätestens durch die Globalisierung geworden ist.
 
Trotz der beschriebenen Entwurzelung ist „Zuhause“ kein hoffnungsloses Buch. Daniel Schreiber erkennt irgendwann, wie man aus einem Wohnort eine Heimat machen kann (sich das regelrecht erarbeiten muss), um anzukommen. „Zuhause“ ist ein tiefgründiger wie bewegender Text, der sich diesem schwierigen und zumindest in Deutschland sehr belasteten Begriff auf vielerlei Weise nähert.

Zuhause (Hanser Berlin, 2017): in der Bibliothek oder in der Onleihe


Saša Stanišić – Vor dem Fest

Vor dem Fest Cover ©btb Verlag Es ist die Nacht vor dem Fest, dem Annenfest, das seit Jahrhunderten in dem kleinen Dorf Fürstenfelde in der Uckermark in Brandenburg gefeiert wird – den Anlass kennt keine*r der Dorfbewohner*innen so genau, aber das ist auch zweitrangig. Hauptsache, es gibt neben Ullis Garage, dem letzten Ort in Fürstenfelde, an dem man gemeinsam sein Sterni trinken kann, einen weiteren Grund, um bei einem Bierchen zusammenzukommen. Bis es aber soweit ist, vergeht eine lange Nacht. Und diese Nacht ist der Ausgangspunkt in Saša Stanišićs zweitem Roman „Vor dem Fest“.
 
„Vor dem Fest“ erzählt aber von mehr als nur einer Nacht. Stanišić rollt in diesem Mikrokosmos ein ganzes Panorama auf. Seine Dorfbewohner*innen, darunter der ehemalige Stasi-Spitzel, die depressive Archivarin und der junge Mann, der eine Ausbildung zum Glöckner macht, sind eigen, aber nicht überzogen dargestellt, wie es in Filmen und Büchern, die in der Provinz spielen, gerne mal der Fall ist. Ganz im Gegenteil: Der Autor begegnet seinen Protagonist*innen mit ebenso viel Humor wie Zuneigung. Und nicht nur den Figuren der Romangegenwart – kleine Episoden, ganz nah am Magischen Realismus angesiedelt, führen zurück in mehrere Jahrhunderte von Fürstenfeldes Geschichte. Ob diese Legenden wahr oder doch von der Archivarin erdacht sind, ist den Bewohner*innen dabei herzlich egal.
 
Saša Stanišić beweist, dass ein im Dorf angesiedelter Roman noch lange keine Provinzliteratur sein muss. Frei von Nostalgie für vergangene Tage und dem vermeintlich einfacheren Landleben und ebenso frei von dem Drang, eine Analyse der Gegenwart anhand dieses Dorf-Tableaus zu erstellen, überzeugt „Vor dem Fest“ durch die Figuren, die innovative Sprache des Autors und die Wärme, die dieses Buch ausstrahlt.

Vor dem Fest (Luchterhand, 2014): in der Bibliothek oder in der Onleihe