Gesprächsrunde Warum ich nicht schweige

Erinnerungskultur © Samuel Zeller

Mittwoch, 27.09.2017, 19.30 Uhr

Goethe-Institut Madrid

c/ Zurbarán, 21
28010 Madrid

Zivilgesellschaft und Erinnerungskultur

Warum ich nicht schweige – unter diesem Titel sprechen am 27. September der deutsch-türkische Schriftsteller Doğan Akhanlı, der Soziologe, Politikwissenschaftler und Gründer der Asociación para la recuperación de la memoria histórica Emilio Silva sowie der deutsch-spanische Historiker und Generalsekretär des PEN-Zentrums Deutschland Carlos Collado Seidel über Zivilgesellschaft und Erinnerungskultur.
 
Welche Folgen hat es, wenn in einer Familie Leerstellen bleiben, wenn über Generationen hinweg Ängste weitergegeben werden? Zivilgesellschaften und Demokratie können sich nur entwickeln, wenn sie die Gespenster der Vergangenheit konfrontieren, wenn sie den Toten und Opfern Namen geben und sie Teil der Geschichte werden lassen.
 
Walter Benjamin schrieb in seinen Abhandlungen über den Begriff der Geschichte: „Nur dem Geschichtsschreiber wohnt die Gabe bei, im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen, der davon durchdrungen ist: auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.“
 
Im Sinne Benjamins widmen sich der Schriftsteller Doğan Akhanlı, der Historiker Carlos Collado Seidel und der Soziologe Emilio Silva aus ganz unterschiedlichen Perspektiven gleichermaßen diesem Thema und werden dieses an Hand anhand von Fallbeispielen der jüngeren deutschen, spanischen und türkischen Geschichte beleuchten.
 
Im gemeinsamen Gespräch unter der Moderation von Emilio Silva gehen sie der Frage nach, wie man in den verschiedenen Ländern mit diesen mitunter Tabuthemen umgeht. Das Schweigen fordert zum Handeln – Akhanlı, Collado Seidel und Silva erheben ihre Stimme. 
 
Denn Erinnerungsarbeit ist immer auch unauflöslich mit der Qualität einer Demokratie verbunden: eine Gesellschaft, die kritisch und selbstkritisch ihre eigene Vergangenheit betrachten kann, kann auch Antworten auf die verbleibenden Fragen aus der Vergangenheit geben. Ganz im Sinne der Benjaminschen Interpretation von Paul Klees „Angelus Novus“, dem Engel der Geschichte, der der Vergangenheit zugewendet „eine einzige Katastrophe [sieht], die Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen […]“.
 

Foto: Doğan Akhanlı © Manfred Wegener Doğan Akhanlı (*1957) lebt seit 1992 als freier Autor in Köln. 1998/99 erschien in türkischer Sprache seine Trilogie „Kayip Denizler“ (Die verschwundenen Meere). Der letzte Band der Trilogie „Kiyamet Günü Yargiçlari“ (Die Richter des Jüngsten Gerichts; 2007 in auf Deutsch erschienen) thematisiert die Vertreibung und das Massaker an den Armeniern im Jahr 1915. Sein Roman „Madonna’nin Son Hayali“ (Der letzte Traum der Madonna) wurde 2005 in Istanbul veröffentlicht, ebenso wie sein letzter Roman „Babasız Günler“ (Tage ohne Vater; 2009, Turkuvaz Verlag). Sein erstes Theaterstück in deutscher Sprache „Annes Schweigen“ wurde 2012 in Berlin (Theater unterm Dach) und im Januar 2013 in Köln (Theater im Bauturm) uraufgeführt.
Doğan Akhanlı engagiert sich für Erinnerung und Menschenrechte. Er führt ehrenamtlich türkisch-deutschsprachige Führungen im NS-Dokumentationszentrum durch, und ist Initiator der Raphael-Lemkin Bibliothek im Allerweltshaus Köln. 2013 erhielt er den „Pfarrer-Georg-Fritze-Preis“. Er arbeitet als Autor und Rechercheur bei der Recherche international e.V. in Köln. Akhanlı hält sich derzeit in Madrid auf, da die türkische Regierung gegen ihn ein internationales Verfahren erwirkt hat.

 

Foto: Carlos Collado Seidel © Roland Baege Carlos Collado Seidel (*1966) ist ein deutsch-spanischer Historiker und Autor mehrerer Werke über die Geschichte Spaniens sowie über die deutsch-spanischen Beziehungen. Er lehrt als außerordentlicher Professor Neueste Geschichte an der Universität Marburg und ist Generalsekretär des PEN-Zentrums Deutschland. Von ihm erschienen ist bei C.H. Beck u.a. „Der Spanische Bürgerkrieg. Geschichte eines europäischen Konflikts“. 

 

Foto: Emilio Silva © Emilio Silva Emilio Silva ist Soziologe, Journalist und Vorsitzender der Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica (Vereinigung zur Rückgewinnung der historischen Erinnerung). Mit der Gründung der Asociación (zusammen mit Santiago Macías Pérez) hat er einen entscheidenden Beitrag zur Freilegung von franquistischen Massengräbern geleistet und die öffentliche Debatte über die historische Erinnerung initiiert. Er hat u.a. das Buch Las Fosas de Franco: crónica de un desagravio [Francos Massengräber: Chronik einer Wiedergutmachung] im Verlag Temas de Hoy publiziert.


 

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