Anerkennung afrikanischer Kunstpraktiken
Kunstphilosophie und ihre (post-)koloniale Kritik

Der ivorische Künstler Jems Koko Bi zusammen mit dem senegalesischen Künstler Soly Cisse in der Ausstellung „Prete-moi ton reve“ in Dakar, Senegal.
Der ivorische Künstler Jems Koko Bi sitzt mit dem senegalesischen Künstler Soly Cisse auf einer seiner Zedernskulpturen, die bei der Ausstellung „Prete-moi ton reve“ (Leih mir deinen Traum) zu sehen ist. Es handelt sich um eine Wanderausstellung von 33 afrikanischen Künstler*innen, die derzeit im Museum of Black Civilizations (MCN) in Dakar, Senegal, gezeigt wird. Fotoaufnahme vom 13. Januar 2020. | Foto (Detail): Zohra Bensemra © picture alliance / Reuters

Wie kann der kulturellen Andersheit afrikanischer Kunst- und Kulturpraktiken Raum zur Entfaltung gegeben werden, ohne sie gleichzeitig westlich zu überfremden? Die Philosophin Michaela Ott plädiert für eine Kooperation zwischen Gleichrangigen, sodass neue ästhetische Teilhabeweisen entstehen.

Dank der gesteigerten (post-)kolonialen Achtsamkeit wird dem westeuropäischen Bewusstsein heute klar, dass Philosophie und Kunst durch kultur- und kontextbedingte Setzungen mitgeprägt sind. Kunstphilosophie erkennt sich durch historische Anthropologien der Person, durch ästhetische Normen, bürgerliche Konventionen von Kunstproduktion und -rezeption sowie Annahmen zur Verallgemeinerbarkeit von Geschmacksurteilen mitbedingt.
 
Schon 2005 erfragten die (post-)kolonialen Kritiker*innen Nikita Dhawan und María do Mar Castro Varela den Widerspruch zwischen aufklärerischer Philosophie, ihrer Forderung nach universellen Menschenrechten und der zeitgleichen Klimax des afrikanischen Sklav*innenhandels. Angesichts dieses genozidalen Verbrechens fordern sie heute wie viele Theoretiker*innen des globalen Südens die Delegitimierung westeuropäischer Wissenshoheit und suchen nach einer Plattform für einen neu zu beginnenden transkulturellen Dialog. Ihr Postulat umfassender Entkolonisierung bezieht sich dabei nicht nur auf den westeuropäischen Kolonialismus Ende des 19. Jahrhunderts und den von Thomas Pakenham genutzten Begriff „Scramble for Africa“, sondern auf die allgemeine Vorherrschaft westlicher Denkmodelle und ihr ästhetisch-philosophisches Fundament. Im Hinblick darauf werden verstärkt jene Kant‘schen Aussagen kritisiert, die ihn rassistischer Vorurteile verdächtig machen, wie etwa seine diskriminierende Qualifizierung von Karaiben und Irokesen in der Kritik der Urteilskraft – erkennt er ihnen doch die Fähigkeit zu ästhetischen Geschmacksurteilen und just den Gemeinsinn ab.

Der ghanaisch-britische Kunsthistoriker Korbena Mercer empfiehlt daher Arten des „delearning“ westlicher Philosopheme, aber auch der Erforschung künstlerischer Eigendynamiken. In diesem Sinn widmen sich heute zahlreiche westliche Theoretiker*innen der inkludierenden Berücksichtigung „anderer“ Kunstformen und Kulturverständnisse, während afrikanische Philosoph*innen anführen, dass die allen zugesprochene ästhetische Urteilsbildung eben nicht generalisierbar sei, da Kunst nicht überall der kontemplativ-distanzierten Einzelbetrachtung dient, sondern spezifische Funktionen in Gemeinschaftsritualen übernimmt.

Beachtung übersehener Ausdrucksformen

Das wohlmeinende Entgegenkommen der (post-)kolonialen Kritik stößt nicht überall auf Wohlwollen, vielmehr auf Skepsis bei den ehemals Kolonisierten. Denn selbst durch eine westliche Verständigungs- oder Rettungsanstrengung möchten sie nicht noch einmal überfremdet werden. Daher betonen gewisse afrikanische Philosoph*innen mit gestärktem Selbstbewusstsein ihre kulturelle Andersheit, fordern die Beachtung ihrer notorisch übersehenen Ausdrucksformen und der gering geschätzten afrikanischen Sprachen. Kunstphilosophen wie Abiodun Akande aus Nigeria oder Babacar Mbaye Diop aus dem Senegal beklagen mit Vehemenz die Entkontextualisierung afrikanischer Kunstobjekte im nach wie vor dominanten westlichen Ausstellungs- und Rezeptionsbetrieb und fordern die vollständige Restitution der zu verschiedenen historischen Zeitpunkten geraubten Kunstobjekte. Allerdings gibt es auch Philosoph*innen wie Paulin Hountondji aus Benin, die den „Mythos der Afrikanität“ zu dekonstruieren und sich von Léopold Sédar Senghors Négritude-Programm und von ethnozentrischen Denkansätzen zu verabschieden empfiehlt.

Kunstkuratoren und -theoretiker wie Okwui Enwezor und Olu Oguibe sprachen sich bereits um die Jahrtausendwende für eine westkritische Dezentrierung des Kunstgeschehens und dessen verstärkt transkulturelle Orientierung aus. Denn aufgrund der digital-globalisierten Aushandlung des künstlerisch „Angesagten“ könne sowieso keine Kunstproduktion mehr als ethnozentrierte Schöpfung verstanden werden. Gerade nicht-westliche Kunstpraktiken, verstärkt in die Schere zwischen lokalkulturellen Traditionen und globalisierten Standards gestellt, seien zu innovativen Hybridbildungen gezwungen. Sie seien zwangsläufig dem Gesetz ästhetischer (Ent-In)Dividuierung unterstellt, so sie Beachtung auf dem internationalen Kunstmarkt finden wollten. 

„Das Vorhaben philosophisch-künstlerischer Entkolonisierung erweist sich heute, angesichts des gestärkten Entkolonialisierungswillens des globalen Südens, als höchst kompliziertes Unterfangen.“

Gemeinsam mit dem kongolesischen Philosophen V. Y. Mudimbe suchte Enwezor die komposit-kulturelle Verfasstheit afrikanischer Kunstpraktiken im Konzept des „reprendre“ zu fassen, worunter er die Wiederaufnahme afrikanischer und westlicher Traditionen und ihre Zusammenführung zu einem formalen Amalgam verstand. Fragen von Herkunft, Ethnizität, Religion und Sprache sollten als Mikro-Narrative ästhetisch diverse Kunstpraktiken generieren. Afrikanische Kunstbiennalen wie die Dak‘Art in Dakar (Senegal) oder das Filmfestival FESPACO in Ouagadougou (Burkina Faso) verstand er zugleich als Schutzräume für afrikanische und afrodiasporische Kunst wie als Sprungbrett zu internationaler Sichtbarkeit.

Entkolonisierende Perspektiven

Das Vorhaben philosophisch-künstlerischer Entkolonisierung erweist sich heute, angesichts des gestärkten Entkolonialisierungswillens des globalen Südens, als höchst kompliziertes Unterfangen. Wo einerseits die Gleichanerkennung aller Kunstproduktionen gefordert wird, wird andererseits der kulturbedingte Sonderweg und das eigenwillige Ausdrucksbegehren akzentuiert. Dass derartige Unterscheidungen zwischen Eigenem und Anderem immer wieder die Gefahr eines „cultural racism“ heraufbeschwören, unterstreicht die amerikanische Kulturtheoretikerin Rey Chow. Das Berliner Kunstlabor savvy contemporary stellte daher 2018 eine Ausstellung unter den Titel Dis-Othering as Method

Im Sinne der Überwindung dieses Dilemmas fordert der Philosoph Achille Mbembe heute, die neoliberale Globalisierung durch ein „Weltdenken“ zu ersetzen. Denn selbst „der Rückbezug auf sich selbst sei nur im Dazwischen möglich, im Spalt zwischen Markierung und Demarkierung, in der Ko-Konstitution“ verschiedener Kulturen. Zu entkolonisierenden Perspektiven gelange man nur, wenn man sich zugleich in verschiedenen Kontexten zu bewegen und diese sperrig in sich zu verfugen suche. Sein Begriff des Afropolitanismus als Name einer multi-ethnischen Kombinatorik der Person und des künstlerischen Artefakts solle nicht auf afrikanische Kontexte beschränkt bleiben; vielmehr bezeichne er eine allgemeine Weise des „In-der-Welt-Seins“.  

„Der Begriff des (Post-)Kolonialen zeigt bereits an, dass die Kolonisation nicht vorüber ist, da die politisch-ökonomischen Verhältnisse, obwohl aufeinander verwiesen, zu ungleichgewichtig sind. Die Anerkennung der historischen Verflechtung müsste von dem entschlossenen Rückbau der Ausbeutungsverhältnisse begleitet sein, auf dass eine Kooperation zwischen Gleichrangigen denkbar werde.“

Heute engagieren sich zahlreiche europäische und afrikanische Initiativen für die Rückgabe der geraubten Kunstwerke und Artefakte – 75.000 allein in Deutschland – und problematisieren deren geplante Zurschaustellung etwa im Berliner Humboldt Forum. Der senegalesische Philosoph Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy plädieren bekanntlich für eine schrittweise, aber vollständige, nicht-temporäre Rückgabe der Objekte der kolonialen „Kulturextraktion“, aber auch für einen überlegten Umgang mit den Archiven, was Museen und Bibliotheken weltweit und dauerhaft zueinander in Beziehung versetzen wird. 

Der algerisch-französische Künstler Kader Attia bringt in seinen skulpturalen Ensembles und audiovisuellen Recherchen die körperlichen Verletzungen und psychischen Traumatisierungen kolonisierter Personen, aber auch der kolonisierenden Soldaten und mithin ihr gemeinsames Leid zur Expression. Er sammelt dokumentarische Zeugnisse für ein (post-)koloniales „Gegenwissen“, plädiert seinerseits für die „Abschaffung von Entfernungen“ und ein künstlerisch-epistemologisches Programm des „Repair“.

Der Begriff des (Post-)Kolonialen zeigt bereits an, dass die Kolonisation nicht vorüber ist, da die politisch-ökonomischen Verhältnisse, obwohl aufeinander verwiesen, zu ungleichgewichtig sind. Die Anerkennung der historischen Verflechtung müsste von dem entschlossenen Rückbau der Ausbeutungsverhältnisse begleitet sein, auf dass eine Kooperation zwischen Gleichrangigen denkbar werde. Heute gilt es nicht nur wissenschaftliche Kooperationen und geteilte Kunstpraktiken, sondern vor allem Politiken zu befördern, die sich als durch andere Länder und Kontinente mitbedingte erkennen und sich mit ihnen als gleichrangigen verbinden, auf dass fortgesetzt neu auszutarierende, auch ästhetische Teilhabeweisen entstehen.