Ulrike Draesner

Ulrike Draesner Foto: Dominik Butzmann_laif_MVphotos

Die 1962 in München geborene Romanautorin, Lyrikerin und Essayistin Ulrike Draesner hat in England und Deutschland studiert. Ihr erstes Buch, gedächtnisschleifen (Gedichte) erschien 1995. Weitere Gedichtbände, Bände mit Erzählungen und Romane folgten, zuletzt Sieben Sprünge vom Rand der Welt (Roman 2014), subsong (Gedichte 2014) und Mein Hiddensee (2015).
Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen, intermediale Projekte, Gast - und Poetikdozenturen in Deutschland, der Schweiz, England und den USA. Mitglied des PEN Deutschland und der Nordrheinwestfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

Draesner erhielt für ihr Werk zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Literaturpreis Solothurn 2010, den Roswithapreis 2013, den Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik 2014, den Usedomer Literaturpreis 2015, den Orphil-Preis für Lyrik 2016, den Nicolas-Born-Preis 2016. Sie lebt in Berlin und Oxford.

Den Oktober 2017 über war Ulrike Draesner  in Helsinki als Stadtschreiberin zu Gast und hat auf der Buchmesse Helsinki lesen.
 

„Tagebuch“ Finnland-Residenz

Kleine literarische Texte von Ulrike Draesner über Beobachtungen während ihres Finnland-Aufenthaltes im Oktober 2017.

DER PUNKT

Finnische Männer sind gestreift, finnische Frauen gepunktet. Groß gepunktet. Das ist meine erste finnische Erkenntnis im Herbst 2017. Es ist immer hilfreich, sich bei der Ankunft in einem fremden Land wenigstens über Grundlegendes zu orientieren. Geschlechterunterscheidung und das Finden von Toilette gehören zu meinen absoluten Prioritäten. Man kann sagen, dass beides dem Ruf der Natur folgt. Das finde ich immer gut: „Ruf der Natur.“ Klingt irgendwie wild, nach finnischer Weite, ökologisch korrekt.

Im Flughafen Tegel, frühmorgens, folgte ich dem Ruf meiner Natur und kaufte mir am Gate an einem tegelhaft kleinen Imbissstand einen Kaffee. Hinter und vor mir in der Schlange standen Finninnen. Sie waren morgendlich schweigsam wie ich, machten den Mund also nicht auf, schlossen allenfalls die Lippen eng um den Rand des endlich ergatterten Styroporbechers. Ich machte es ihnen nach. Als Finninnen erkannt hatte ich sie dennoch, dank der Sache mit den Punkten. T-Shirts, Jacken, Taschen. Die Punkte mussten mindestens die Größe eines Zehncentstückes haben, um als finnische Punkte gelten zu können. Das war klar. Dabei fiel mir eine alte, ungeklärte Frage ein.

Warum sind die Finnen bis heut nicht ausgestorben? Eine derartig intime Frage stellt man in einem Land, das man nicht kennt, nicht einfach so. Das wäre zu unverschämt. Doch ich hatte einen Anlass. Vor etwa fünfzehn Jahren war ich schon einmal für ein paar Tage in Helsinki. Gedichte wurden übersetzt. Dabei stellte sich heraus, dass das Finnische ‚er‘ und ‚sie‘ nicht unterscheidet. Nur im Dialekt der Hauptstadt scheint es dafür eine Möglichkeit zu geben. Sie rettete mein er-sie-Gedicht, das nun also auf Helsinkischfinnisch existiert, was vielleicht gut passt, da es auf einem Bahnsteig spielt, aber warf die oben genannte Frage auf. Bitte sehen Sie mir dies nach: ich bin Schriftstellerin. Als Schriftstellerin will ich daran glauben, dass Sprache bestimmt, wie wir die Welt sehen. Dass Sprache diese Welt ist. Wenn es in der Sprache aber weder er noch sie gibt, wird es schwierig mit so mancher Partnerfindung. Da ich meine Sprachthese (Sprache formt die Welt) auf keinen Fall in Frage stellen wollte, musste ich die Finnen in Frage stellen: Wie kam es, dass sie sich trotz sprachlich induzierter Mann/Frau-Blindheit erfolgreich vermehrten?

Heute, endlich, fand ich die Antwort. In strömendem Regen ging ich in die Stadt. Männer Streifen, Frauen Punkte. Die Sonne kam heraus, ein Punkt am Himmel. Dank des Punktes waren sowohl Streifen als auch Punkte an den Menschen besser zu sehen. Kein Er, kein Sie, dafür Zeichen. Man muss eben doch markieren.

Was mich, liebe des Finnischen mächtige, mit der finnischen Seele vertraute Leser, zu der nächsten Frage führt: Was haben Punkte mit Frauen zu tun?

Ich bin dankbar für Antworten, um als Schriftstellerin in Helsinki für vier Wochen, umgeben von Punkten, endlich einmal ernsthaft über den Punkt am Ende eines Satzes nachzudenken. Um in Helsinki gute, wirksame(?), inspirierende Punkte zu setzen. Wie nun, hier. Fürs erste. Bitte schreiben Sie: Was verbindet Frauen mit Punkten? Punkte mit Frauen? Warum müssen die Punkte so groß sein? Ich freue mich auf Antworten! Sie werden mir helfen, die Natur von Finnland, Frauen und Satzenden zu erkunden – mit einem Streich. Wenn das kein Programm ist…

Punkte und Streifen Bild: Lisa Pfannenschmidt
 
Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht. Sagt man das in Finnland auch?

Hier sagt man kuukausi für Monat. Für deutsche Ohren klingt das wie Kuhkauen. Toll! Tatsächlich aber steckt der Mond, kuu, darin. Im Deutschen könnte man das, sprich ihn, im Monat ebenfalls hören, hört es aber gemeinhin nicht, der Unterschied ist schon zu groß. Sprich: ich denke über Punkte nach. Einer am Himmel. Viele in der Zeit. Und ein paar auf der Seite.

Ein Satzpunkt beendet etwas. Er ist ein Stoppzeichen. Das scheint offensichtlich. So offensichtlich, dass es nur in Teilen stimmt. Ein Stopp&Weiter-Zeichen ist der Punkt. Der nächste Satz folgt. Im Lesen sieht man ihn schon, bevor man ihn erreicht; im Lesen sieht man, wie es weitergeht (der nächste Satz, ein Absatz, eine Leerzeile, Kapitelende etc.).
Einen Punkt nimmt man wahr als Taktgeber. Und als Ton, selbst wenn man still liest. Die stumme Stimme senkt sich. Atmen, wieder los. Er ist eine Marke wie Striche auf der Straße bei einem Lauf, oder wenn alle fünf oder zehn Meter ein Fähnchen flackert am Rand. Er ist klein, stören will er nicht.
 
Der Punkt ist bescheiden: Er versteckt seine Macht in der kleinen Gestalt. Als Kreis ist er perfekt und er weiß es. Auch deswegen genügt ihm die kleinste Form des Textzeichensatzes.

Ein Punkt ist ein Stück Zeit im Text. Eine andere Ordnung. Man liest, verschwindet in der erzählten Zeit. Der Punkt spricht doppelt: er sagt, wie dort die Zeit vergeht. Rhythmus der Figuren, ihrer Sätze etc. Zugleich spricht er davon, wie die Zeit des Lesers vergeht.

Der springt von Zeile zu Zeile. Die Zeit vergeht kontinuierlich. Der Punkt ist ihr Auge.
Wenn der Punkt ein Auge ist, schaut daraus der Satz dich an?
Nein: das Weiße der Seite zwischen den Sätzen. Der Punkt steht nicht in der Mitte. Er klebt an seinem linken Buchstaben, hält Abstand zum rechten. Ein kleines Auge, das zu jemandem gehört. Er bündelt den Satz, der ihm voranging. Der gehört etwas, das, fast vergangen, mit ihm Vergangenheit wird.
 
Er gibt dem Vergangenen, das er selbst als Vergangenes festlegt, Form: Jetzt bist du ein Satz. Der zu Ende ist.

Der Satz spricht. Der Punkt nicht. Er ist „nur“ ein Zeichen. Eine musikalische Notation. Zeichen für die innere Stimme. Ein Zeichen, mit dem die Seite mit dem Körper kommuniziert. Wie auch andere Satzzeichen. Manche sind flüchtig: das Komma. Andere stoßen an: Anführungszeichen. Der Punkt sagt: senken. Ruhe. Ruhepunkt.

Ruhepunkt, sagt das Deutsche. Stecken auch im finnischen Äquivalent dafür das Wort Ruhe und Punkt? Oder wie wird es gesagt?
Nun mach mal einen Punkt, sagt man auf Deutsch.

Nun komm mal zum Ende. Aber auch: komm zum Wesentlichen. Kürz ab, konzentrier dich.

Ah, sage ich. Soll ich mir das Punkteshirt nun kaufen oder nicht?
Die Punkteshirts waren vergriffen. Nun macht mal einen Punkt, dachte ich. Das ist nun wirklich übertrieben, so geht das nicht.
 
Nun gut: Der Punkt bringt runter. Er liegt auf der Erde (Zeile). Dort, wo das Bodenständige beginnt.

Aber als Satzpunkt entwickelt der Punkt eine zweite Natur. Manchmal wird er übermütig. Verdoppelt sich. Steigt auf, sitzt als Punkt auf dem Punkt. Punkt zwei wie der Punkt des ‚i‘. Nun wird geschwebt.

Nun spiegelt sich der Punkt. Hier geht es weiter, nach einem Gedankenhalt. Ich kann beides: anhalten und in die Zukunft sehen. Hier wird (ver)sammelt: ein Moment der Konzentration – und weitergestürmt. Plötzlich ist der Punkt verwandt mit dem Strich (–). Aber er ist stärker.

Nun, sagt der Doppelpunkt zu dem Satz, der ihm voranging: nun kommt ein Satz, der dich noch einmal sagt. Mit anderen Worten. Zusammen ergibt das Ganze einen Satz. Der Doppelpunkt baut eine Schaukel. Ist selbst die Mitte, die Nabe, das, worum geschwungen wird.

Wunder und Rätsel des Punktes: Mathematik. Der Lehrer, ein Zwerg, weißer Kittel, da er auch Chemie unterrichtet, eine Einsteinkopie mit eisgrauem stolzem Bart, tritt an die Tafel, setzt die Kreide auf, spitz, drückt, dreht sich um und sagt: ein Punkt. Die Klasse ist perplex. Möchte er dafür nun etwa bewundert sein? Normalerweise schreiben Lehrer weiter. Normalerweise gibt es etwas zu sehen. Aber diesmal: ein Punkt!

Ah, sagt der Zwerg. Ein Punkt ist kein Punkt. Ein Punkt, so klein man ihn sich auch denken mag, so fein ich ihn auch male, ist immer weiter zerteilbar. Ein Punkt ist immer er selbst und viele seiner eigenen Art noch einmal. Ein Punkt ist unendlich. Man kann ihn nicht messen: Wenn man anfängt, ihn zu messen, verfitzelt sich sein Rand. Dann seht ihr, wie der Rand sich ein- und ausbuchtet. Und messt und messt. Der Umfang des Punktes ist unendlich.

Doppelt unendlich war der Punkt. Unendlichkeit war nicht groß, sondern klein. Der Punkt war eine Unendlichkeit ins Kleinste hinein.

Im Punkt begann die Welt, sich aufzulösen. Er war kein Auge, keine Sonne, kein Mond, sondern ein Tor. Dort sagte etwas: halt. Wenn du weitergehst, trittst du in eine andere Welt. Mach mal einen Punkt: Die Tatsachen reichen so viel weiter als du denkst. Hinter der Welt wartet eine zweite und dritte und xte, in der nichts ist, was es scheint.

Aha, denke ich, genug der Denkerei. Das Ergebnis ist hübsch, aber doch nur die halbe Geschichte. Mit Blick auf die Punkte-T-Shirts der finnischen Frauen wird mir die andere Hälfte klar: ein Punkt ist der Abdruck eines Fingers. Erst zählt man mit Fingern. Dann wird mit Punkten gezählt. Punkte rauf, Punkte runter, Punktestand überall. Wir sammeln Punkte. Im übrigen zählen wir weiter mit den Händen, im Zehnersystem. Mit dem Körper. Punkte auf Frauen also erzählen, dass Frauen angelangt werden wollen-sollen-dürfen-könnten? Angelangt worden sind?

Na, das ist ein Ergebnis. Soll ich mir nun ein Punkte-T-Shirt kaufen oder nicht?
Ich mag Kästen! Ständig sehe ich Kästen in Finnland. Ich mag auch Logik. Logisch ergibt sich: ich mag Finnland. Auch Finnen mögen Kästen. Sie schlafen in ihnen!
 
Gut, das taten sie früher. In meinem Zimmer steht ein derartiger Kasten. Er ist eine Bank, kann mit einfachen Handgriffen aber sowohl in einen Kasten verwandelt werden, in dem man schlafen kann, als auch in etwas Tischartiges, auf dem man schlafen kann. Schlafen ist wichtig. Ich mag die Finnen. Das Tischartige dient als breiteres Bett, die Bank als schmaleres. Eine dünne Matratze aufgelegt, fertig das Bett. Es ist wenigstens hart.
 
Ich bin auf der Suche nach Finnland. Ich bin mitten in Finnland, also im Süden Finnlands, aber sehe es nicht. Vielleicht regnet es zu sehr. Nein, stimmt nicht. Es regnet zwar sehr, die Bänke im Kaisaniemipark stehen im Wasser, da flüstert mir jemand „sisu“ zu. Und ein anderer sagt, das könne ich in Finnland finden. Sisu in Finnland, und Finnland in Sisu.
 
Ich fahre nach Porvoo. Es liegt in Finnland, wie die Karte sagt, aber auch Finnland liegt in Porvoo, wie ein altes Foto beweist. Es zeigt einen bärtigen Mann in einem Bettkasten, neben dem ein Hut auf einer Stange steht. So wird mir gesagt. Ich werde logisch und steige in den Bus nach Porvoo, den ich finde, nachdem ich nur eine Stunde Helsinkis Hauptbahnhof fragend umkreiselt habe. Ich suche Finnland, ich suche den Kasten mit Hut.
 
In Porvoo bekomme ich Schuhe. Unglaublich große, unglaublich filzige, unglaublich weich schlurfende Überziehgleiter. Ein Kasten spricht mich an.
 
Ich bin erfreut. Als über 50jährige Frau, ohne Punkte-T-Shirt, werde ich angesprochen von einem jüngeren Mann. Ihr Finnen! Er ist ein echter Wikinger. Trägt eine am Bauch sehr enge Jeans, an deren Gürtel ein grünlicher Troll an einem Karabinerhaken hängt. Poschlitz, nicht zu knapp, weiße Haut, gutes Männerfett darüber, alles prall, schön gespannt. Der Bauch ist von einem Streifenpullover bedeckt. Ich schätze ihn um die 30. Silberkette mit runenartigem Anhänger, Goldring. Die dunklen Haare rasiert, nur der obere Teil lang, am Hinterkopf zu einem Zopf zusammengefasst, Rattenschwänzchen nennt man das auf Deutsch, auf Finnisch sieht es hübscher aus. Er begleitet mich durch das Haus.
 
Kasten. Da lag der Dichter des Landes. Da war das Land wiedererstanden und er lag im Kasten, neben dem seine Frau Fredrika in einem Kasten lag, aus dem sie zu ihm hinübersprang, wenn es sein sollte, und manchmal auch für etwas anderes. Sie las ihm vor, denn sie beherrschte eine Menge Sprachen, mehr als er. Wie soll ich mir das vorstellen: las und übersetzte zugleich? Der Wikinger weiß nicht, wie ich es mir vorstellen soll, und es ist ihm egal: Er stellt sich ganz Finnland vor, wie es an Runeberg vorbeispazierte, der in seinem Kasten lag, aus dem heraus er runebergisch ganz Finnland zurückgrüße, weil er ganz Finnland war, ein aufrechtes, stehendes Finnland, das, obwohl es im Kasten lag, nicht mehr im Kasten lag, und Runebergs Hut grüßte ebenfalls, Runeberg bewegte ihn an seiner Stange oder Fredrika bewegte ihn und sprang hin und her.
 
Wir finden weitere Kästen. Kästen für Blumen, denke ich, denn mit Pflanzen gefüllt sehe ich sie auf einem Boot. Das Foto zeigt zwei Boote, auf dem ersten fahren Runeberg und die zahlreichen Söhne der Familie, auf dem zweiten fahren Fredrika, die zahlreichen Töchter der Familie, das Dienstpersonal und die Pflanzen, in gehörigem Abstand hinter dem ersten, man versteht. Der Wikinger sagt „Magd“, wir stehen vor einem der Blumenkästen, vielleicht schlief auch die Köchin darin, es war nicht eng, sagt er, man träumte auch nicht vom Sarg, es war warm, sagt der Wikinger, leicht konnte man den kleinen Kasten an den Kamin stellen, man lag sicher darin wie ein Tier.
 
Ich suche Finnland, ich schaue in die dunkle Leere der Kästen, das von Träumen glattgeschlafene Holz, schaue den Wikinger an. Ich sehe: Der Mann braucht Stärkung, er hat sie verdient. Ich suche Finnland, wir finden ein Café. Dort gibt es Runebergkuchen rund ums Jahr, Frühstück ebenfalls. Der Wikinger trinkt Kaffee und bestellt sechs gekochte Eier, er isst Brot mit Käse und Schinken und legt die Eier in einem Kranz um den Teller. Sie sind so weiß, wie man sie in Deutschland nicht mehr sieht.
 
Ich frage: „Sisu?“ und zeige darauf.
 
Er kaut und zeigt grinsend auf mich: „Susi?“
varpunen/harpunen – den spatz als köder auf speer gespießt, spatz über dem meer

(notiz für ein gedicht)
 
 
was ist ein spatz für ein pflüger nun sag schon keks
heißt mitte du makrone mit dem seitenstreifen am auge/silmä du
dem luftkammerich: pflügst? herz umgraben mit patschhänden
ist vorbei sag ich dir es spottet das hosiannah der nebelbeeren (pünktchen)
die meisen haben es nun auch entdeckt. wirft sich krümel auf rücken
so schnell ist das hüpfen und vergessen glänzt gegen das licht
                                                        kleiner fluff
von kristallen gesprenkelt gekommat
sagt hier wie ein geschmeide …. verwittert das fenster
aus dem vorvergangenen jahrhundert die goldenen ranken
auf wänden es spiegeln die bäume züge fahren
immer nach norden dreht das polare meer, spatz pflüger
hört es, anders als ich. aus zweihundert jahren ein gewehr geputzt
durch eine decke geschossen/gefeuert getroffen den sohn in
diesem zimmer, ihres. spatz, patzer, dreck, nebel liegen in
der musik der bucht. gegen das zähe alles mit zucker gefüllt.
schellbeeren schmelzen zu wasser kaum berührt man sie atzung
atze, das spiegelndes bild des baums im baum. die scheibe ich
befestigt mit dünnem stück metall an seinem rahmen… lese ich was war.
steht da nicht, sag fluff, bällchen, beerchen, die frau des hauses
stumm, mit den sandkristallen der zeit bedeckt.
Finnland, Land der Gleichberechtigung. Das glaubte ich gern. Das Café, in das ich manchmal gehe, hat zwei Fensterfronten. Eine nach hinten, eine zum Meer. Heute morgen sah es da so aus:
 
Gender Meerseite: Drei Männer mit Computern. Rückseite: etwa 20 Frauen mit Kleinkindern.... | Foto: Ulrike Draesner
 
Ich war im Zoo. Helsinkis Zoo liegt auf einer Insel. Ich reiste mit dem Bus an. Ich versuche, diese Sätze einfach und geradeaus zu halten. Geradeaus sah ich aus dem Bus. Das Wassertaxi zum Zoo fährt nur im Sommer. Es war Sonntag. Nicht warm, aber die Sonne schien. Ein idealer Tag für den Zoo Im Bus waren ein junges Paar mit Kind im Buggy. Ein älteres Paar ohne Kind. Und ich. Endhaltestelle Zoo. Man sah uns und machte eine zweite Kasse auf. Der Eingang in den Zoo führt über eine Brücke. Ich schaute und ging geradeaus. Man darf in Helsinkis Zoo mit dem Auto hineinfahren. Das ist nicht gefährlich. Das Tier das man sieht, ist ausgestorben, aus Holz. Zumindest am Anfang. Der Anfang dauerte. Nach fünf Minuten sah ich das erste andere Tier. Ich schaute geradeaus und begann Sätze zu denken. Das Tier war ein freilaufender Pfau. Er lief und schrie. Später sah ich noch andere Pfauen. Ich sah zwei Wildesel, mongolische Wildpferde, zwei Affen, Wisente, zwei Rentiere, zwei Elche. Die Rentiere und Elche waren klein und schauten immer geradeaus. An jeder Ecke stand ein Kiosk. Jeder Kiosk war geschlossen. Ein Restaurant war geöffnet. Leere Buggys standen herum. Ich ging und ging und bewegte Sätze geradeaus in meinem Kopf. Das Bärengehege glich die Größe der Elche aus. Es war groß. Es war leer. Daran war ich selbst schuld. Was kam ich in den Zoo, wenn die Bären schliefen. Der Rabe ärgerte die beiden Seeadler. Er spielte Rabenpropeller. Die Adler wollten Flüge nur geradeaus. Zu viele Tiere in dieser Voliere. Leider hatte ich keine Schere dabei. In meinem Kopf marschierten Sätze geradeaus und um Ecken. Ich wollte sie als Fernrohre gebrauchen. Der Zoo blieb leer. Um vier Uhr wurde der Zoo geschlossen. Am Ausgang gab es keinen Shop, es gab Filterkaffee. Ich ging, wie ich gekommen war. Ich war im Zoo.
  
Im Zoo Foto: Ulrike Draesner
der stank
(+ ich als und)
 
 
und am  pier öffnet  eine tür das meer 
man muss nur durch glas treten mit code
crinklé die bucht , alle  boote kielauf, blank.
wäre winter mischen ohne schlag? für morgen
zeigen computer  schnee der bär  im zoo träumte
längst und stakte durch die leere der gehege reifrock
lagen laub und frost um jeden stamm . fuchs erwartete
das eis. als er den flamingo biss fielen alle andren fremden
ebenfalls. ohne berührung. das war stank. so rosa haufen herz
im glas. der fuchs erschrak sein appetit reichte nicht, er sprang
ein  gekrümmter  bogen als tauche  er in schnee . der bär
den schlaf spannte ins bärenich
ein  gekrümmter  bogen als tauche  er in schnee . der bär
im glas. der fuchs erschrak sein appetit reichte nicht, er sprang
ebenfalls. ohne berührung. das war stank. so rosa haufen herz
das eis. als er den flamingo biss fielen alle andren fremden
reifrock laub und frost um jeden stamm . fuchs erwartete
längst und stakte durch die leere der gehege reifrock
zeigen computer  schnee der bär  im zoo träumte
wäre winter mischen ohne schlag? für morgen
crinklé die bucht , alle  boote kielauf, blank.
man muss nur durch glas treten mit code
auf dem  pier öffnet  eine tür das meer.
 
Dieser Eintrag greift das Punktethema auf (s. 1-3). Wieder geht es um Frauenkleidung. Ich war im Athenäum. Dort entdeckte ich angenehm viele Malerinnen. Ihr Finnen! So gut.
 
Und ich sah etwas, auf den zweiten Blick, was mich sehr berührte: Elin Danielson-Gambogi in einem Selbstporträt von 1900, in schwarzem Kleid, mit Palette, Pinseln, auf einem Stuhl vor einem Fenster, das zu größeren Teilen mit einem Gazetuch bespannt ist. Elin Danielson-Gambogi mit einem Gespensterarm. Der linke Arm, der die Palette hält, ist so gespenst-gespinstig gemalt wie das Tuch am Fenster, er existiert sozusagen nicht, obwohl er doch existieren muss, sonst könnte sie nicht malen, nicht gemalt haben und nicht weitermalen. Ich sehe die Malerin, ich sehe den Gespensterarm, er besteht nur aus dem Kleid, kein Fleisch, keine Haut, keine Hand, die wäre von der Palette verdeckt, sie hat sich ihren Arm gespenstert, weil man als Frau nur halbe Malerin ist, weil man nur Malerin sein kann, Künstlerin, wenn man sich möglichst durchsichtig macht.
 
Im Finnischen gibt es so ein schönes Wort: „nollata“. Sich beruhigen, sich runterbringen. Die Null darin. Es gefällt mir. Wenngleich die Null ein zweischneidiger Freund ist. Sich runterbringen, klein machen, gespenstern?
 
Und heute, Frau Danielson, wie wäre es heute mit dem Arm? So klug gedacht ist ihr Porträt. Und nicht nur eine „Frauenfrage“. Es gehört zur Kunst, sich zu zeigen und dabei aufzulösen. Da zu sein und zu verschwinden darin, im Dienst an einer Sache, die keinen Namen hat, aber erscheinen will.
 
Ich suche Finnland und denke nach über die Bedeutung von ‚durchsichtig‘ und ‚weiß‘ und die Bedeutung der Null. Ich habe Schneebilder gesehen, ich sehe Steine, Granit. Es hat begonnen zu schneien. Nollata.
 
Vier Wochen habe ich nun in der Eläintarhan huvila gewohnt. Welch wunderbarer Ort: alte Wände, alte Tapetenmuster, das Knarren der Fenster, Sausen des Windes, Spiegeln der Bay. Mitten in meiner Zeit gab es ein Konzert, öffentlich, aber klein. Das Cembalo wurde mittags angeliefert, die Stühle im Halbkreis aufgestellt. Abends um sechs stand an der Kasse ein Korb mit harten, angestoßenen Bauernäpfeln. Finnische Sitte, sagte man, bitte mitnehmen, kauen.
 
Als ausgekaut war, erschien der Konzertmeister und erste Geiger. Er sah aus wie frisch einem Roman von Jean Paul entsprungen und wirklich, er sprang. Stand vor dem ersten Bogenstrich schon auf den Zehen. Draußen wurde es dunkel, es glitzerte das Meer, pfiff der Wind. Im Salon war es kühl, wir atmeten Dampf und verheizten die Äpfel. Der Konzertmeister sprach vor Aufregung zwischendurch deutsch, die Dame, die den Salon organisierte, sprach halbenglisch, alles sprach finnisch und musikalisch, und die Lichter fielen ins Meer und stiegen wieder daraus hervor.
 
Ich weiß nicht, in welcher Sprache die Pause stattfand. Im Übrigen war sie wohltuend. Es gab dünnen Kaffee aus einer riesigen Thermoskanne, Rübenbrot und kleines Hafergebäck, gefüllt mit Preiselbeeren. Jeder rammte das Messer in die Butter und strich. Mitnehmen, kauen. Der Raum wärmte sich auf, es wurde gehüpft und gespielt, dazwischen wurde gesprochen, und die Bögen quietschten. Die Meeresbucht leuchtete zu den Fenstern herein, der Dom von Helsinki wusste nicht, ob er sich im Herbstnebel verbergen wollte oder nicht und überließ das Spiegeln dann doch den Scheiben und der Zeit, die sich in sich drehte und mischte in dem Salon mit der Tapete aus dem 19. Jahrhundert, den alten Instrumenten, dem großen, gekachelten Kamin und den Menschen, die für zwei Stunden von heute und früher waren und ihnen folgten, den Musik gewordenen Gefühlen. Jenen, die nicht vergehen. Beglückt, zugegebenermaßen ein wenig hüpfend, stieg ich die Treppe zurück in mein Dichterzimmer.

Kiitos!

Eläintarhan huvila Foto: Ulrike Draesner