Stephan Weitzel

Stephan Weitzel © www.tim-deussen.de

Stephan Weitzel

Stephan Weitzel, geboren 1970 in Stuttgart, studierte Theaterwissenschaften und Deutsch-Französische Studien an der Universität Paris III, Sorbonne-Nouvelle und Kunst in Großbritannien. Seit 2014 lebt und arbeitet er in Leipzig. 2021 erschien seine Erzählung Der Ring der nie Bezwungenen beim Sax-Verlag. In seinen Werken setzt er sich insbesondere mit nationalen Identitätszuschreibungen, mit den Folgen historischer Zäsuren und mit der Einsamkeit des urbanen Menschen auseinander.

Im August-September 2022 ist er als Stadtschreiber in Helsinki. Es finden öffentliche Veranstaltungen im Rahmen der Residenz statt, sowie Schreibwerkstätte in Schulen für Deutsch- und Französischlernende.

Die Residenz ist eine Kooperation des Goethe-Instituts Finnland mit Institut français de Finlande und Nuoren Voiman Liitto.

Logo Institut francais de Finlande .

 

Veranstaltungen

26.08. Lesung mit Stephan Weitzel, Villa Tahmela, Tampere
28.08. Autor*innengespräch: Stephan Weitzel & Satu Taskinen, Poetry Moon Festival
01.09. Offene Schreibwerkstatt (Französisch/Englisch/Deutsch), Institut français de Finlande
06.09. Goethe-Buchclub, Stephan Weitzel: Der Ring der nie Bezwungenen, Goethe-Institut Finnland

Finnland-Blog

22.8.2022

Man möge mir nicht vorwerfen, dass ich in den Details weitschweifig bin, das ist die Art der Reisenden.
– Xavier de Maistre, Reise um mein Zimmer

Die Musik beginnt dort, wo die Möglichkeiten der Sprache enden.
– Jean Sibelius

sinnikkyys - oder die Beharrlichkeit des Wunsches nach Begegnung

Sagen wir, ich heiße Sasha, das ist für alle das Beste, darauf sollten wir uns einigen. Ich bin heute Morgen losgefahren und habe mich auf den Weg gemacht. Das heißt, auf die Schienen. Aber so lässt sich das nicht sagen. Ich habe mich drauf gestürzt? Auch nicht. Man könnte ja meinen, ich wollte mir ein Ende bereiten, dabei brenne ich nur danach anzufangen, anzukommen. Im Moment sitze ich im Zug. Sich einfach nur hinausschwingen in die Welt, ich spreche nicht einmal von ... von ... na ja, lassen wir das. Er fährt übrigens nicht sehr schnell, der Zug, durch dieses Land im Herzen des Kontinents. Zu dicht, um zu fließen. Ein Herz, gleichzeitig zu fett und zu mager. Das muss man erst mal hinbekommen.

Einen anderen dorthin schicken. Ihn durch Worte das erleben lassen, was ich selbst zu erleben gedenke. Hier ist der Anfang eines Romans, eine mögliche Szene, die sich mir eröffnet hat. Helsinki, diese Entdeckung, die noch vor mir liegt. Nicht als »Ich« sprechen. Aber ist das wirklich möglich? Ein Werk schaffen, anstatt Zeugnis abzulegen ... Nicht Blog, sondern Fiktion ...

Die Verabredung steht. Wir treffen uns in Helsinki, am ersten Freitag im September, um halb eins. Ich musste meinen alten Atlas hervorholen. Wenn ich zu Hause bin, bevorzuge ich dieses ranzige Papier, das nach Schule riecht, und nach verlorener Zeit. Der Bildschirm mit seinem Glanz, der würde nicht dazu taugen. Die nordische Hauptstadt hatte ihr eigenes Kästchen auf der Finnland gewidmeten Seite, was mich, ich weiß nicht warum, überraschte. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals etwas über diese Stadt gelernt zu haben, oder dieses von blauen Flecken zerschossene Land. Das Stadtzentrum wurde auf dieser Karte mit zu wenigen Details angezeigt. Mir blieb nichts anderes übrig, als die silberne Klappe, die das Pixelfeld verschließt, zu öffnen und hineinzuzoomen. Da war er, der kleine Platz zwischen den Gebäuden in der Nähe der Laivastokatu, direkt hinter dem Meer. 12.30 Uhr mittags. Ich werde dort sein.
    Die Zeit bis dahin wird sich selbst auffressen, und ich habe ihr nichts anderes zum Fraß hinzuwerfen als meine Verfügbarkeit. Auf dem Zugfenster sind getrocknete Staubtröpfchen zu sehen. Ich betrachte die Welt durch diese erdfarbene Kruste. In der Ebene zunächst eine weite, grüne Langeweile bis Kopenhagen. Dann beginnt das Abenteuer.



Wie lässt sich – für mich oder meinen Protagonisten - dieses Abenteuer vorstellen? Um etwas zu erleben, muss man irgendwann einmal aufbrechen. Entweder man nimmt die Beine unter die Arme und macht sich auf den Weg, oder man öffnet die Schleusen seiner Vorstellungskraft. Aufbrechen muss man allemal. Man muss es sogar so sehr, dass wir uns zuweilen in unserem Sessel an das vertraute Muster der Armlehne klammern, ach, wie weich doch dieser Stoff ist. Beruhigend. Tröstlich. Doch die Bequemlichkeit, sie ist für das Bewusstsein das, was der Tropfen für das Rosenblatt. Zunächst, in der Morgendämmerung, ist es schön und erfrischend, aber unter dem zunehmenden Tageslicht verdunstet die Perle, oder schlimmer noch: Sie hinterlässt einen Brandfleck.
    Aus der Ferne, noch verdammt zum Dableiben, steht mir als Appetitanreger nur die Fantasie zur Verfügung, oder auch das Lesen, Filme, Musik. Helsinki ... Finnland ... Der hohe Norden im Osten – und im Westen des neuen ideo-logischen Perlenvorhangs. Bücher lehren mich Zahlen und Statistiken, Filme füllen meine Augen mit vorgekauten Bildern, Geräusche schleichen sich ein, um mein Ohr zu wiegen oder es zu durchstechen. Aber all das ist kein Ersatz für das Erlebte und noch weniger für die Vorstellung. Es ist wie bei einer Kontaktanzeige: Sie abstrahiert vom Wesentlichen, sie ist selbst nur Abstraktion. Kein Geruch, keine Berührung. Das Wesentliche fehlt. Es lebe also das Arsenal der Vermutungen, der Techniken der Konzeption. Ich skizziere mir mein eigenes Helsinki. Der Wind streift über den Wellenschaum. Die Luft streichelt das Haar, die Mannerheimintie wird durchgefegt, die Gebäude zittern. Eine schwarze Katze verfolgt die aus dem Nest gefallene Amsel. Die Bäume halten nicht mehr, was sie versprechen. Lachssuppe und mundgeblasenes Glas, selbe Klippe für Schuppen und Splitter. Die Straßenbahn rattert an der Kreuzung von Helsinginkatu und Hämeentie, leer, die Lichter gedimmt. Raupe aus Chitin. Und schließlich das Helsinki der Schlussakte, das ist der andere Wind, der bläst. Brauchen wir einen neuen Kekkonen, brauchen wir ein Helsinki 2.0?

Das Abenteuer, es lässt mich die Gewässer meiden. Zu viel Schrott, der umherschwimmt. Ich bleibe auf das andere Eisen, die Schienen, fixiert. Kopenhagen - Stockholm - Umeå – Oulu, um an den sicheren Hafen zu gelangen, aber weder übers Wasser noch über die Luft: Helsingin päärautatieasema. So sieht die Planung aus. Aber wer kann überhaupt noch etwas planen? Ein Termin in zwei Wochen, welch ein Wahnsinn! Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Ich warte auf nichts, ich gehe einfach los. Ich gehe sogar in die Vollen, mit dem Kopf voran. Wie eine Essenz, wie eine Geburt.

Geboren werden, Reisen lässt uns das erleben. Die Sinne durchwaschen, sie in einer Gratwanderung auf dem Hochseil unseres Bewusstseins zum Trocknen aufhängen. Nicht um sie auszulaugen, eher um etwas zum Anziehen zu haben, etwas Sauberes, Frisches, bevor wir uns der Welt stellen. Nein, bevor wir sie willkommen heißen, die Welt, denn es liegt an uns, es liegt jetzt an mir, sie hereinzulassen, viel mehr als umgekehrt. Die Welt muss uns nicht wollen, sie ist da, wir sind da, das ist alles. Die Welt wird geboren, die Welt ist nur in uns.
    Bis ich dort bin, suche ich in mir felsiges Ufer und die Rundungen der beiden Kathedralen, den Geschmack von Lakritze ebenso wie die beseelte, belebte Ruhe von Oodi, dieser Ode, diesem anderen Tempel zum Ruhme der Worte. Ruhm und Schleim und Schwert. Ein Jedes kontrastiert und klärt und scheidet. Ein jedes ein Versprechen.

© Stephan Weitzel, 2022

Socken in Sandalen

Das Warten, dieses verdammte Warten! Aber jetzt war alles verflogen. Die Nacht saß ihr in den Knochen, die harte Matratze, das ganze Gedröhne auf dem Schiff, die kalte Luft in der Kabine. Nun, nun wachte sie vollends auf, und gegen die Reling gelehnt sah sie die Stadt im Morgendunst leuchten, hell stach sie hervor, viel Weiß, ganz viel davon. Endlich zuhause, endlich wieder daheim, dort, ihre Stadt, erst spät hat sie diese Stadt lieben gelernt, bald ein Vierteljahrhundert her war das, sie, sie ganz alleine, die von drüben hergezogen war, einfach so. So einfach. Weggegangen war sie, hatte ihren Leuten gesagt: Adieu, ich geh, tak-tak für alles. Das war, als Mutter gestorben war, so lange schon her, so lange. Nichts hielt sie mehr damals, nicht die kaputte Ehe, nicht die verdorbenen Kinder. Was sollte sie warten? Jetzt war jetzt, hatte sie sich gesagt. Und dann hatte sie alles verkauft, was noch übrig war, hatte Anzeigen geklebt in der Nachbarschaft. So hatte sie das immer gemacht. Auf das neuartige Geklicke, bei dem sie nichts anfassen, wofür sie nicht einmal zu einem Stift greifen konnte, um schnell was zu schreiben, hatte sie nicht gezählt. Wer hätte ihr auch helfen sollen? Zum Schluss der Gang zur Krankenkasse, abgemeldet hatte sie sich, umschreiben lassen, ja, so war das wohl gewesen, sie erinnerte sich kaum, was sollte man sich auch den Kopf mit unnützem Wissen verstopfen.
            Diese Nacht heute, die sie zurückbrachte, die hatte begonnen drüben am Wikinger-Hafen, ja, so nannte sie ihn bei sich, dort wo sonst keine anderen Schiffe ablegten. Müde, das war alles, sie war einfach müde gewesen, die dunklen Sachen im kleinen Rollkoffer, die Urkunden vom Notar in der Handtasche. In der Luft Algen und Öl. Lange hatte sie so dagesessen auf dem Rundsofa im Wartesaal. Voller Leute. Die, die nicht plapperten, die keinen kreischenden Nachwuchs versorgten, die schauten auf Bildschirme und tippten herum, verzogen manchmal die Miene, blickten meistens starr. Keiner von denen sah sie. Niemand sah sie an. Sie hatte den Knoten im Haar gelöst, das gab ihr ein jüngeres Aussehen. Luftig wollte sie reisen, nach der Beisetzung nicht länger in den traurigen Stoffstücken stecken. Sie hatte die schwarzen Lackschuhe gegen die weißen Sandaletten getauscht. Sie schaute runter auf ihre Füße, als sie daran dachte, hob die Zehen leicht an, setzte die rechte Ferse auf den Noppenboden und wippte seitlich. Die braunen Socken, vielleicht waren es die Socken, aber sonst, na ja, ansonsten … Die Beine geschwollen, ein wenig mehr Fett war wohl auch dazugekommen mit den Jahren. Aber immerhin, braun waren sie, anders als die Socken, gebräunt eben, und Äderchen: keine zu sehen. Der Wind, der hier oben wehte, der tat gut. Sie griff zur Tasche. Kunstleder, beige. Modern damals. Der Umschlag war noch da. Alles schwarz auf weiß. Der Notar hatte ihr aufgerechnet, was sie erwarten durfte. Der Transfer, nein, leider würde der nicht schneller gehen als die Rückfahrt mit der Fähre. Aber nach dem Feiertag, gewiss, da müsste sie den Eingang des Geldes nachprüfen können. Der Notar, ein früherer Schüler von Sanne. Die Gute hatte ihn beauftragt gehabt mit allem, schon vor Jahren. Das hatte er belegt, hatte es ihr erzählt, als sie sich trafen, das zweite Mal, nach dem Friedhof, in der Kanzlei. Er hat Sanne wirklich alle Ehre gemacht, doch, das konnte sie schon sagen, würdevoll und kompetent, so hat er seine Arbeit erledigt, die eigene Trauer sich nicht anmerken lassen. Und er hatte ihr immer wieder versichert, wissen Sie, hat er gesagt, er siezte sie, was so ungewöhnlich war, aber wohl eine Form seiner Achtung, wissen Sie, Ihre Schwester, sie hat mir so viel beigebracht. Zu verdanken habe ich ihr tatsächlich viel.
          Oft schon war sie die Strecke gefahren, früher. Aber diesmal war so vieles neu für sie. Sie sah, wie die Leute sich die Wasserflaschen in den Rachen kippten. Keine Getränke im Gepäck, die würden filzen, hieß es. Später bereute sie, dass sie das geglaubt hatte. Der Magen, ach was drückte der Magen. Und dann noch zwei neunzig für eine neue Flasche an Bord! Die wollten Geld verdienen, war doch klar. Aber sie musste aufpassen, die Reise, das Kleid, der Schmaus. Noch war Sannes Geld nicht da. Aber das alles lag jetzt hinter ihr. Nun war sie zurück. Die Fähre näherte sich dem Heimathafen immer schneller, schien ihr. Kaum Zeit zu schauen. Aufsaugen – ja! – diesen Moment. Sie schloss die Augen und sah noch besser. Sie hörte das Rauschen der Wellen, die sich unter dem Bug teilten, hörte das Dröhnen der Motoren und das Gedudel aus dem Lautsprecher. Herrje, diese Angst vor der Leere. Das Meer roch gar nicht. Kein Moder und kein Salz, kein Fischgeruch. Sie legte den Kopf in den Nacken. Und während sie versuchte, sich die Stadt vorzustellen, sie aus der Erinnerung wachzurufen, die Stadt, die sich im Morgenhimmel, würde sie hinschauen, vor ihr nach und nach aufbaute, geiferten in ihrem inneren Ohr die Möwen vom Vorabend. Wie sie sich in den Windschatten der fahrenden zwölf Stockwerke warfen, immer wieder hineinstachen in den Luftraum. So fesselnd, ihnen zuzusehen, wie sie sich verwirbeln ließen und Spaß daran hatten abzustürzen, um gleich darauf lästernd und lachend davonzukrachen und das ganze Spiel von vorne zu beginnen. Mit diesem Sound im Gehörgang, die Lippen fröhlich, die Augen noch immer geschlossen, sah sie ihre Stadt ausgebreitet in ihrer Helligkeit. Sie sah die Fassaden und die Türme, die Schiffe. Die Kuppeln der beiden Kathedralen. Ein Duell. Weiß gegen Gold. Wie sauber der Dom leuchtete. Nüchtern und stolz. Sie ging gar nicht mehr hinein, seit Jahren wohl. Sie mochte die Pferche nicht. Eine Einfriedung, bei der ihr der Kragen platzte. Als würde es nur einen Weg geben: hinein in die Gemeinde, hin auf deinen Sitzplatz und dann »klack«, zu das Türchen zum Gang, gefangen für die Ewigkeit. Sie ging lieber rüber zu den Orthodoxen. An manchen Tagen, wenn wenig los war und die Kamerascharen nicht zur Seite hereinquollen, griff sie sich gerne einen der wackeligen Stapelstühle und lauschte, hörte dem Gesang zu, wenn der Chor probte oder der Küster, wie auch immer man den dort nannte, ein Band abspielte, oder auf sonst irgendeinen Knopf drückte. Sie starrte dann auf die Stirnwand und den Heiligengarten im Goldrausch. Wer von ihnen hatte was gesagt, was gepredigt? Sie kannte sich da nicht aus. Aber sie brauchte die Stories, die sie sich hier erzählen konnte. Immer diese Unterwerfungen. Aber besser hier als dort, wo sie herkam. In dieser Stadt, in diesem Land, da hatte man immerhin die Fremdherrschaft vertrieben, sich die Tempel der anderen, die sich auf die Brust klopften, angeeignet. Im alten Zuhause klatschten sie noch immer dem königlichen Import zu. Ja, genau das, auch das machte diesen Flecken zu ihrer Stadt, in Freiheit gewählt. Hier hatte man aufgeräumt, weg mit dem Brimborium. Und trotzdem mochte sie die Formen hier bei den Byzantinern lieber, atmete freier unter dem Glitzerspektakel als in der nüchternen Schale der Selbstgerechtigkeit nebenan. Nein, zur Domkirche brauchte sie wirklich nicht mehr zu gehen. Wenn das Zelebrieren des Protestes sich festfror zu Geschichten, die so kahl waren wie die Wände ihrer Gotteshäuser. Davon hatte sie, zehn Fährstunden entfernt, genug gehabt in ihrem alten Leben. Und wenn schon, dann ging sie lieber zu den Deutschen, wenn schon Protestanten, dann lieber im Original. Im leeren Kirchenraum stehen, gleich hier vorne am Sternwartenpark. Dem Spiel der Organistin lauschen. Oder runter in die Krypta, die Feuchtigkeit aufsaugen und auf den Felsblöcken sitzen, eine Weile nur, um die Kraft zu spüren, die da von unten heraufdrang, und dann auf die Sofas wechseln, wie ein Jugendclub sah das dort aus, und in den Kinderbüchern, die auf Regalbrettern lagen, herumblättern. Bücher, von denen sie kein Wort verstand. Schließlich sah sie, die Lider noch dunkel, ihre geliebte Kauppahalli. Nicht die Alte am Hafen. Die oben in Kallio, in Hakaniemi. Einmal die Woche. Zu Fuß von Töölö rüber. Einmal in acht Tagen ein wenig der Rente auf den Kopf hauen. Sie begann immer mit dem Rentierburger. Hinterher noch karelische Piroggen. Und das Süße, das wechselte jedes Mal. Nach Lust und Laune. Meistens ging sie mittwochs. Hoffentlich bald wieder. Diese Bauarbeiten, immer dieses Warten. Sie konnte, zumindest solange sie nicht die anderthalb Stunden mit der Expressbahn rausfuhr ins Häuschen, für Kaffee und Kuchen sich auf die Terrasse bei der blauen Villa setzen und über das Wasser schauen, dem Schilf lauschen. Wenn kein Zug über die Brücke stotterte, waren sogar die Rufe der Blässhühner auszumachen.
          Das Mökki von Nachbar Laaksonen, draußen am See, das würde sie kaufen mit Sannes Geld. Sie brauchte es nicht, schließlich hatte sie ihr eigenes, gleich unterhalb. Aber die Ruhe, die brauchte sie. Mit dem Geld kaufte sie sich die Ruhe. Dann war endlich Schluss mit den Feiergästen nebenan. Dann endlich hatten sie die Bucht für sich, die Tiere und sie. Einzig ihr Rad würde dort noch parken. Sollte das Haus doch verfallen. Und wenn etwas zu hören sein würde, so nur das Schmatzen der Elche.

Es tat einen Schlag und sie strauchelte. Die Fähre. Die Kaimauer. Ein Windstoß wohl kurz vor der Berührung. Sie öffnete die Augen. Vor ihr die hohe Glaswand des Terminals. Transparent. Aber nichts zu sehen.

© Stephan Weitzel, 2022

Das Leben der anderen, das andere Leben

Die Musealisierung des Lebendigen hat fast immer zur Folge, dass das Ausstellungsstück oder Artefakt seiner ursprünglichen Vitalität entzogen wird. Oder seinem natürlichen Lebensraum, wie im Fall von Pflanzen oder Tieren, die in Zoos oder ausgestopft in Museen gezeigt werden. Außerdem besteht die Gefahr, dass Idylle dort suggeriert wird, wo es sie im Zustand vor der Einkapselung gar nicht gab. Wenn es allerdings einen Ort gibt, an dem dieses Risiko auf den ersten Blick nicht zu bestehen scheint, dann ist es das Museum der Arbeiterwohnungen im Stadtteil Amuri in Tampere.
          Die Kommune, 160 km nördlich der finnischen Hauptstadt gelegen, hat eine Einwohnerzahl, die mit der von Kiel oder Chemnitz vergleichbar ist. Sie ist stolz auf ihre große industrielle Vergangenheit und war über lange Zeiträume hinweg das führende Produktionszentrum des Landes, insbesondere in den Bereichen Textilien, Maschinenbau – Lokomotiven zum Beispiel – und Lebensmittel. Aufgrund dieser Geltung wurde Tampere auch als das »Manchester des Nordens« bezeichnet.

Der Plan zur Neugestaltung des Viertels von 1965 beschloss die Zerstörung der einstöckigen Holzbauten zugunsten von Fertigbau-Riegeln mit Parkplätzen vor der Tür. Die früheren Bewohner zogen sich, weil sie sich den neuen Komfort nicht leisten konnten, in weiter entfernte Vororte zurück. Die entstandenen sozialen Bindungen: nur noch Erinnerung und Bedauern.
          Das Museum umfasst fünf große Wohngebäude, die als einzige von diesem Plan übrig geblieben sind, und Nebengebäude, wie eine nach historischen Vorlagen errichtete Sauna, einen Lebensmittel-, Kurz- und Schreibwarenladen sowie die ehemalige Bäckerei des Häuserblocks. Diese Holzunterkünfte für die Arbeiter der damals schnell wachsenden Stadt waren ab den 1860er Jahren errichtet worden. So war ein großer Stadtteil, eigentlich ein ganzer Vorort, entstanden, insbesondere ganz in der Nähe der Finlayson-Fabrik – einer Baumwollspinnerei –, deren Belegschaft mehrheitlich in dieser neuen Gegend der Stadt lebte, die später unter dem Namen Amuri bekannt werden sollte. Diesen Namen sollen die Einwohner von Tampere selbst der riesigen Siedlung gegeben haben, die sich mit hoher Geschwindigkeit auf der Westseite der Tammerkoski-Stromschnellen ausbreitete, dem einzigen verfügbaren Platz auf ehemaligem Ackerland. Zur gleichen Zeit, als immer mehr Arbeitskräfte in der Industrie Tamperes benötigt wurden, waren einige finnische Emigranten in das tiefste Russland umgesiedelt, in jene sibirische Region, die als Oblast Amur bekannt ist. Dem neuen Stadtteil von Tampere denselben Namen zu geben, bedeutete also einen Ort zu benennen, der sehr weit vom Stadtzentrum entfernt lag, in der Vorstellung der Einheimischen gewissermaßen jwd, janz weit draußen ...

Die in den Originalgebäuden nachempfundenen Wohnungen umfassen einen Zeitraum von fast hundert Jahren und dokumentieren somit die Entwicklung der Arbeiterwohnungen von den frühen 1880er Jahren bis 1973, wobei es sich bei der jüngsten dieser Wohnungen um keine Rekonstruktion handelt. Sie wurde nach dem Tod ihrer letzten Bewohnerin so belassen, wie sie war, und bei der Eröffnung des Museums zwei Jahre später konnte die Öffentlichkeit wohl die beginnende Musealisierung ihrer eigenen Gegenwart erleben ...
          Diese Lebensräume wurden dadurch geprägt, dass der Komfort sukzessive in Form von Haushaltsgeräten und innovativen Möbeln wie Klappbetten Einzug hielt. Diese häuslichen Revolutionen sind heutzutage schwer nachzuvollziehen, da wir uns bis hin zu den bescheidensten Haushalten an einen Standard der Ausstattung gewöhnt haben, der noch vor nicht allzu langer Zeit als Zeichen von Reichtum gegolten hätte – und in vielen Teilen der Welt immer noch gilt. Beim Gang durch die Museumsräume wird ein Mechanismus aber klar: Die Massenproduktion von Konsumgütern, die an jene, die nur ihre Arbeitskraft – und ihre Kinder, daher die Etymologie des Begriffs Proletarier – zur Verfügung hatten, verkauft wurden, also an jene, die diese Produkte selbst hergestellt haben und die dafür einen immer größeren Teil ihres Einkommens investieren mussten, hat sie zwar von unwirtlichen und ungesunden Lebensbedingungen befreit, sie aber gleichzeitig in neue Abhängigkeiten gezwängt.

Das Herzstück eines jeden Gebäudes war die durchgehende Küche, die mehrere Wohnungen auf beiden Seiten dieses gemeinsam genutzten Raums versorgte. Einige dieser Küchen verfügten über einen Kessel zum Wäschewaschen. Allen gemeinsam war der zentrale Herd mit eigens jeder Familie zugeteilten Bereichen. Erstaunlich ist, dass einige der Bewohner Eigentümer ihrer Wohnungen waren, die bei den größeren aus zwei bis drei Zimmern bestanden. Dies ermöglichte es den Familien, eines dieser Zimmer unterzuvermieten und so ein Einkommen zu generieren. Aber man darf sich diesen Zugang zu Eigentum sicherlich nicht als Mittel zum sozialen Aufstieg oder zur Emanzipation vorstellen. Es bleibt zu vermuten, dass es dabei nicht um Wertsteigerung und gewinnbringenden Weiterverkauf gehen konnte. Vielmehr ging es wohl darum, von Tag zu Tag das Überleben unter solchen Bedingungen zu sichern, die nicht viele Möglichkeiten zum Aufstieg eröffneten.
          Alle diese Wohnungen werden uns als Orte präsentiert, die wir uns so vorstellen sollen, als seien sie von Menschen bewohnt, deren fiktive Porträts an jeder Eingangstür skizzenhaft beschrieben werden. So lesen wir beispielsweise über eine Familie im Jahr 1882: Vater Arvid, 35 Jahre alt und Holzträger in einem Sägewerk, Mutter Tilda, gleichaltrig und ohne angegebenen Beruf, und die vier Kindern im Alter von sechs Monaten bis dreizehn Jahren. Die Tochter Emma, erst zehnjährig, stellt gemeinsam mit ihrer Familie Streichholzschachteln her, ihr drei Jahre älterer Bruder Väinö reinigt die Korridore in den Finlayson-Werken ... Oder wir erfahren von einem anderen Haushalt, dessen Mitglieder 1911 alle junge Männer zwischen 17 und 22 Jahren waren: die Brüder Kustaa und Kalle, der eine Arbeiter in einer Schuhfabrik, der andere Hilfsarbeiter, dann zwei Jugendliche, Eelis und Mauno, aus demselben Dorf wie die Brüder, die eine Beschäftigung als Eisenbahner und Textilarbeiter gefunden hatten. Leben, deren Verläufe, Freuden und Leiden wir uns nur vorstellen können. Nach harten Arbeitstagen von mindestens zehn, zwölf Stunden dicht gedrängt beieinander zu wohnen, muss mehr als einmal zu Konflikten geführt haben, deren Hauptursache der Platzmangel war. Doch wenn der Kummer geteilt wird, werden auch die Freude und die Solidarität geteilt, in jedem Fall viel mehr als wenn die Haushalte versprengt sind und jeder für sich allein lebt.
          Erst ab 1920 wurden die ersten Häuser mit einer Innentoilette ausgestattet. Vorher teilten sich die Bewohner Latrinen draußen, im Hof, in kleinen Räumen, in denen die Sitzplätze für die Verrichtung der Notdurft wie zu Zeiten der Römer sich aneinander reihten. Auf Schautafeln im Museum wird das Problem der gesundheitsgefährenden Zustände und insbesondere der Ratten angesprochen. Der Zugang zu Hygiene für eine wachsende Zahl von Menschen war zweifellos der größte zivilisatorische Schritt, der mit der Entwicklung des industriellen und postindustriellen Kapitalismus einherging, sowohl auf dem gesamten Kontinent als auch anderswo.

In Tampere fand 1918 eine der größten Schlachten des finnischen Bürgerkriegs statt. Nach der Unabhängigkeit 1917, als das russische Großfürstentum Finnland die Gelegenheit nutzte, sich vom durch die Revolution geschwächten Kaiserreich abzuspalten und sich zur Republik zu erklären, traten alte, unterschwellige Gegensätze offen zutage. Da die Industriestadt sozial in die beiden Blöcke des Kapitalismus – Arbeitskraft auf der einen und Kapital auf der anderen Seite – gespalten war, wurde Tampere zum Schauplatz einer blutigen Konfrontation zwischen den Weißen – Konservativen, eher aus den ländlichen Gebieten in der Mitte und im Norden, die auch die reichen Bürger vertraten und die vom kaiserlichen Deutschland unterstützt wurden, und den Roten – ursprünglich Sozialdemokraten, Repräsentanten der städtischen und ländlichen Arbeiter, insbesondere im Süden, darunter viele Kommunisten, die von den Ereignissen in Russland inspiriert und ermutigt wurden. In der Schlacht von Tampere, in der sich etwa 30000 Soldaten, auf beiden Seiten fast gleich stark, gegenüberstanden, gab es zwischen 2000 und 2500 Tote, und fast alle Überlebenden der unterlegenen Roten wurden gefangen genommen.
          Der gemeinsame Wille, nach dem Konflikt Kompromisse zu finden, im Inneren Frieden zu schließen und gemeinsam die Freude über die Unabhängigkeit zu erleben, dürfte einer der Grundpfeiler des modernen finnischen Staates sein.

Was das Museum anbelangt, so scheint die Ästhetisierung des Ortes fast unvermeidlich. Wie kann man diese Wohnungen zeigen, in denen ein schwieriger und harter Alltag sich in Lärm und Gerüchen, Kälte und Enge äußerte? Was uns bleibt, das ist unsere Vorstellungskraft, das sind verlassene Behausungen und Ausstellungsstücke, Gegenstände, deren Gebrauch Spuren hinterlassen hat. Aber ohne die Anwesenheit von Menschen sind sie, ob wir es wollen oder nicht, einer Inszenierung ausgeliefert durch diejenigen, die heute dafür zuständig sind, uns etwas zu zeigen. Genau wie ich, der ich über diese Orte schreibe und Fotos mache, die diese hinzugefügte Ästhetik hervorheben, haben die meisten der heutigen Kuratoren und Museumsleute die Lebensbedingungen der Arbeiter wohl nicht selbst gekannt. Es ist ein diskursives Wissen, das wir besitzen oder das uns besetzt.
          Dennoch ermöglicht dieser andere, bewusste oder unbewusste Blick, den das Museum bietet, dass wir uns der Schönheit bewusst werden, die uns zur Hand ist, in Sichtweite: ein Sonnenstrahl, der die abgelegte, auf das Bett geworfene Kleidung streift; die Struktur der Borsten eines Besens, der gegen eine Kalkwand lehnt; der volkstümliche Erfindungsreichtum, Zeitungspapier zum Tapezieren – und zum Isolieren – eines Zimmers zu verwenden. Es bleibt das ewige Dilemma, dass man sich fragen muss, was man aus einem kontemplativen Blickwinkel wahrnehmen kann, wenn der Körper von der Arbeit zermürbt und der Geist unterjocht ist.
          Eine Feststellung scheint sich jedoch aufzudrängen: Wenn das gesamte Viertel Amuri erhalten geblieben wäre, wenn die Holzhäuser noch in großer Zahl stünden, wären diese geraden Straßen schon längst ein Geschenk des Himmels für die vielen Happy Few; das Kapital hätte sich auch die Arbeitergeschichte angeeignet, um daraus Luxuswohnungen zu machen, mit diesem zusätzlichen Schauder, der als »Authentizität« verkauft werden würde. Das Museum bewahrt den Ort und seine Geschichte vor diesem Kitsch.                                                                              

© Stephan Weitzel, 2022                          

Festgemauert
Suomenlinna und die weitschweifige Geschichte

Glaube, Angst und Hass, sie sind es, die den Menschen Berge versetzen lassen. Und es ist auch die Gier. Auf Suomenlinna, der Finnenburg, ehemals Sveaborg, der Schwedenburg, vormals Viapori und Wolfsklippen, haben Schweden, Russen und Finnen den Felsen gehöhlt und behauen, haben ihn gestapelt und zu Gewölben geformt. Franzosen und Engländer haben ihn zertrümmert, wie Russen zuvor. Ganz Granit, so ist die Inselgruppe auch Kristall; Aus dem Stein kristallisiert sich finnische – und europäische – Geschichte heraus.
        Wir gehen nur deshalb so freudvoll (oder gedankenverloren?) auf den Überresten spazieren, weil wir die Geschichte abgeschlossen glauben, weil wir diesen Teil der Geschichte – zumindest diesen – abgeschlossen glauben wollen. Nur deshalb lassen wir Kinder auf den Kanonen reiten, darum nur posieren wir für Fotos vor dem verstummten Zerstörungsarsenal. Auf den heiß gelaufenenen Kanonenschaft, auf den, der unsere Gewissheiten und das Leben der anderen heute zerstört, käme keiner auf den Gedanken die Kinderbeinchen krabbeln zu lassen. Konflikt muss kühl sein, damit wir sein Erbe spielerisch integrieren können zwischen Frühstück und Shopping, zwischen Bootsfahrt und Konzert am Abend.
        Bei all den Rechnern, die die Erdkruste heute überziehen, den Köpfen und den Bits and Bytes: hat jemals jemand kalkuliert, welch Energien uns auf ewig verloren bleiben durch das Verpulvern von Hirnschmalz und Muskelkraft, das Verfeuern von Lebenszeit, um Angriff und Abwehr vital und allzeit bereit zu halten? In einer Welt aus Zahlen, in der die Reparatur des Kaputten – sei es das verunfallte Auto oder der faulende Körper –, in den Indikator von Reichtum eingerechnet wird, ein reizvoller Gedanke.
        Zur Veranschaulichung ein Bauwerk, das uns zeitlich nahbarer ist als die alte Seefestung Suomenlinna vor Helsinki: die Berliner Mauer samt innerdeutscher Grenzanlagen. Dieses andere Bollwerk hat, obwohl für die ideologische Ewigkeit errichtet, nicht einmal drei Jahrzehnte lang den Stürmen stand gehalten. Den Stürmen und dem zunächst leichten Lüftchen, das die neue Zeit heranwehte. All diese Mühen, all dieses Leid für letzlich ... die Vergänglichkeit. Wären wir, wo auch immer wir leben, nicht besser beraten, die Rechnung von hinten aufzumachen und uns den Einsatz zu sparen, indem ein jeder seinen eigenen Garten bestellt, jeder vor – und vor allem hinter! – der eigenen Haustüre kehrt, anstatt nach Nachbars Grün zu lechzen? Wenn das Leben doch nur ein Kalkül wäre! Stattdessen blubbert und brummt es, unvorhersehbar, weil wir nicht schauen wollen; unabwendbar, weil wir nicht handeln, sondern es geschehen lassen. 

Dumpf warfen die Wellen sich gegen die Felsen. Das Moosgras zappelte im Wind. Stumm legten die Männer Stein auf Stein. Die Mauern wuchsen, Schweden war groß und bald würde sie stehen, die neue Festung. Welch trostloser Haufen Granit mitten im Meer, und dieses gottverdammte Zischen um die Ohren. Da war sogar das Strohlager, ja, die Latrinen waren da noch erträglicher. Jeden Morgen, bevor es tagte, ging das Klopfen los. Ein Geschrei und Gehaue, Metall auf Stein, Stimmen, vom Wind zerrissen, Befehle, Beschwerden, Klagen. Aufs Meer getragen. Verpufft, verpustet. Die Läuse in den Stiefeln, der Gestank. Das Krampfen im Magen. Das Stroh, die Pritschen. Das Singen der Männer am Abend, Wehmütiges aus der Heimat, Gegröle bald. Die leeren Fässer. Einige tausend seien sie jetzt, hatte der Hauptmann getönt, und es würden noch mehr kommen. Die Heeresführung zog die Soldaten im Land zusammen, schickte sie nach Sveaborg, sollten sie doch draußen, weit im Osten, sich die Hände wund klopfen, sollten sie ruhig verrecken. Gut, dass es Finnland gab, diesen dicken Streifen, schützend vor der Heimat. Ein Bollwerk, das sollte sie werden, die Festungsinsel. Die Verteidigung! Damit war nicht zu scherzen.
        Denn der Feind grinste.


Schwedisch-russische Kriege wurden auf finnischem Boden ausgetragen. Durch eine neue Grenzziehung 1743 fielen die Grenzfestungen des finnischen Teils Schwedens an Russland. Das schwedische Reich lag blank. Umso bedrohlicher, da Anfang des Jahrhunderts im äußersten Osten der Baltischen See die neue Zarenstadt des Zimmermanns Peter, Sankt Petersburg, aus dem sumpfigen Boden gestampft worden war. Ihr vorgelagert: der Flottenstützpunkt Kronstadt. Die schwedische Strategie in der Folge bestand darin, die neu verlaufende Ostflanke, also finnisches Gebiet, durch neue Festungen und Flotten zu schützen. Im Falle eines Angriffs, so die alte Überlegung, bliebe Zeit, Truppen aus dem Kernland zur Unterstützung ostwärts zu schicken. Finnland, für die Schweden: stets eine Knautschzone im Falle eines Aufpralls.
        Die neue Hauptbastion sollte am Festland enstehen: Helsinki. In seinem Hafen würden die unterstützenden Truppen anlanden können. Sveaborg, die Verteidigungsanlage auf der vorgelagerten Inselgruppe, sie diente dem Schutz des entstehenden Hafens. Der einzige schiffbare Zuweg zum Festland führte an den Inseln vorbei. Strategisch der ideale Ort, logistisch eine Herausforderung. Nichts als Granit und Gras. Die Baumaterialien, Holz und Werkzeuge, Verpflegung und Bekleidung, alles musste hergeschifft werden, alle Wege waren beschwerlich.   
        Die Stadt Helsinki ist demnach militärischen Ursprungs. Sie war klein, seinerzeit, ein Flecken hingezimmerter Häuser, umherstiebendes Geflügel, kreischende Brut, kaum fünfzehnhundert Seelen. Auf Unterstützung aus Helsinki konnte der aus Stockholm entstandte Oberstleutnant Ehrensvärd, betraut mit der Organisation und Überwachung der Befestigungsanlangen zu Land und auf den Inseln, demnach nicht zählen. Zunächst musste er Zeit, wertvolle Zeit verwenden auf die Errichtung von Werkstätten und Lagerunterkünften für die abkommandierten Soldaten, die  Zwangsarbeiter – Gefangene und Obdachlose – und die angeworbenen Fachkräfte, denen die satte Bezahlung jeder Überstunde in Aussicht gestellt wurde. Die Arbeitssaison erstreckte sich von Frühjahr bis Herbst. Im Winter bei zugefrorener See war ans Bauen nicht zu denken. Auf den Felsformationen im rauen Wind nutzte Ehrensvärd, in Anlehnung an die Arbeiten Vaubans, die natürlichen Gegebenheiten, um den Großteil der Bastionen unterirdisch im Felsen zu verstecken und unverfüllt in Form von Kasematten als begehbare Lager und Werkstätten zu nutzen. Über gut sechs Kilometer Länge ziehen sich die Mauern und Bastionen. Zeitgleich entstand nach und nach eine Siedlung mit Gassen und Plätzen, Bauten aus Backstein und Holz, Wohn- und Wirtschaftsgebäude, und später auch ein Trockendock für die Schaffung und die Wartung einer eigenen Küstenflotte. Eine barocke Platzanlage, der Pariser Place Vendôme nachempfunden, nur in Ansätzen realisiert. Bald schon lebten weit mehr Menschen auf Sveaborg denn in Helsinki. 
        Vier Jahre soll es dauern, berechnete man, das ganze Klopfen und Dröhnen, das Rollen und Rattern, Sägen und Schichten. Vierzig sollten es werden. Das umfangreichste und kostspieligste Bauvorhaben, das Schweden sich bis dato geleistet habe, heißt es. Aber die Schweden sind nicht allein. Frankreich wird für einen Großteil der Kosten aufkommen. Mit Argwohn und Furcht sieht man im Westen das Zarenreich zu einer kontinentalen Macht aufsteigen, insbesondere im baltischen Raum. Schweden zu helfen, eine nah an Russland heranreichende Abwehrfestung zu errichten, liegt also im französischen Interesse der Wahrung der eigenen Vormachtstellung. Wir können uns selbst, über zweieinhalb Jahrhunderte später, gut in einer solchen Absicht wiedererkennen – wenn wir denn mögen.

Die Festung Sveaborg, wenngleich mehrfach beschossen, kam nie zum Einsatz. Oder besser: Sie hat ihren Zweck der Verteidigung nie erfüllt. Insbesondere nicht 1808, als russische Truppen Helsinki über den Land- und nicht den Seeweg einnahmen und als die Festung auf den Inseln nach kurzem Beschuss kampflos kapitulierte. In der Folge jenes Krieges verlor Schweden Finnland 1809 an Russland, auch weil Napoleon jenen Krieg billigend in Kauf genommen hatte durch eine mit Zar Alexander I. geschlossene, geheime Zusatzvereinbarung im Frieden von Tilsit. Finnland erhielt, unter Zusicherung einiger Priviliegien, den Status eines halbautonomen Großfürstentums unter russisch-zaristischer Kontrolle. Die Inselfestung diente von nun an den Russen, in genau anderer Richtung, zum Schutze von Sankt Petersburg und wurde Kriegshafen der russischen Ostseeflotte.

Der Wahnwitz des Krieges und des obersten Gebotes von Verteidigung oder Eroberung von Einflusssphären verdeutlicht sich an den Bombardements der Festung während des Krimkrieges Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Auch wenn jener Konflikt seinen Namen von der Schwarzmeerhalbinsel bezieht, und von den Angriffen Russlands auf das Osmanische Reich, so fanden doch auch Gefechte der türkischen Allierten, England und Frankreich, gegen das Zarenreich in der Ostsee statt, um die russische Kriegsflotte zu schwächen und im baltischen Raum zu binden – aber auch, um einer nordischen Allianz zuvorzukommen. Englische und französische Kriegsschiffe beschossen nun die einst schwedische Festung Sveaborg, also jene Bauten, die Frankreich über lange Jahre mit kolossalen Summen mitfinanziert hatte. Die von den Schiffen aus eingesetzten Waffen waren neuwertig und der veralteten, nicht gewarteten Waffentechnik auf der Insel weit überlegen. Die alliierten Kräfte konnten aus sicherer Entfernung den Festigungsanlagen großen Schaden zufügen, knapp zwei Tage und Nächte lang – mit gut 21 000 Geschossen –, ohne jemals von der Insel aus getroffen werden zu können. Nach dem Gefecht zogen die Angreifer wieder ab, Segel gesetzt gen Kronstadt.
        Dänemark, Schweden und Preußen hatten den alliierten Beschuss mehrerer russischer Besitzungen im Ostseeraum nicht verhindern können. Ihre Taktik: sich auf das Prinzip der Bewaffneten Neutralität zu beziehen, um ihren Handel mit Russland nicht zu gefährden. Ein Eiertanz, der auch auf dem diplomatischen Parkett im gar nicht mehr so jungen einundzwanzigsten Jahrhundert schnell zum trotzigen Trampeln auf dünnem Eis werden kann.

Während des Ersten Weltkrieges begann man, das alte Trockendock für die russische Flotte instand zu setzen und wieder in Betrieb zu nehmen. Profitieren von der Anlage, deren Arbeiten noch vor Kriegsende nahezu abgeschlossen waren, konnte dann allerdings Finnland, das die Unabhängigkeit erlangte, indem es sich nach über einem Jahrhundert Fremdherrschaft vom geschwächten, revolutionären Russland lossagte. Zum ersten Mal seit dem 12. Jahrhundert und der Wikingerzeit, waren Land und Leute, nach schwedischer und russischer Dominanz, für ihr eigenes Schicksal verantwortlich.
        So wie ein äußerer Feind nach innen oft einend wirkt, so bedeutet sein Wegfall gerne, dass innere Konflikte verstärkt auflodern. Der knapp vier Monate andauernde Finnische Bürgerkrieg direkt im Anschluss an die Unabhängigkeit 1917 belastet die junge, nationale Geschichte des Landes mit einer schweren Hypothek. Rote und Weiße stehen sich in erbitterten Kämpfen gegenüber. Die deutsche Ostsee-Division des wilhelminischen Kaiserreichs nimmt zunächst Helsinki, dann auch Sveaborg ein. Die von Deutschland unterstützten Weißen unter General Mannerheim, kurz gesprochen: die bürgerlichen Kräfte, siegen über die Roten, im Wesentlichen die von der sozialistischen russischen Revolution inspirierte Arbeiterschaft. Aus Sveaborg, der Schwedenburg, wird im Zuge der nationalen Selbstfindung Suomenlinna, die Burg Finnland. Dort sperren die siegreichen Weißen einige tausend Rote in ein Gefangenenlager. Hunger und Seuchen lassen die Festung, jetzt, da sie zum ersten Mal in eigener Hand ist und da alle fremden Mächte erfolgreich vertrieben sind, einen Kampf ganz anderer Natur erleben.
        Das finnische Militär, das die Festungsanlagen ab dem Ende des Bürgerkrieges in vielfältiger Weise für sich nutzt, wird in den Zwanziger- und Dreißigerjahren im Trockendock Flugzeuge bauen und Unterseebote in den Docks stationnieren. Während des Zweiten Weltkriegs dienen die Inseln zur Luftabwehr. Bombardiert werden sie nur einmal von russischen Fliegern, zu beklagen sind nur geringe Schäden.
         Das Militär gibt die Inseln, bis auf die noch ansässige Militärschule, 1973 auf. Seither ist Suomenlinna zu einem der beliebtesten touristischen Ziele im Land geworden. In dem eigenständigen Stadtteil leben heute etwa 850 Menschen. 1991 wurden die Festungsanlagen von der UNESCO in die Liste des Weltkuturerbes aufgenommen.
         Also: UNESCO gut, alles gut? Auch wenn die Friedensglocken für die Inseln schon vor langem geläutet haben, zeigt gerade der Blick in die Geschichte dieses Felsens in der Brandung, dass nichts mehr Bestand hat als die Veränderung. Meerwasser leckt seit tausenden von Jahren an seinen Flanken, im Winter packt es ihn in Eis. Aber weder Erosion noch Flut haben sein Erscheinungsbild und seine Essenz derart radikal gestaltet wie der Mensch es in viel kürzerer Zeit vermocht hat. Auch Granit ist fragil wie ein Kristall. Dann, wenn er dem Menschen und seinem Glauben, seiner Angst und seinem Hass ausgesetzt ist. Und seiner Gier.

© Stephan Weitzel, 2022