Jaakko Blomberg Macht und Freiheit
in Sofia und in Finnland

Freiraum: Sofia
©Jaakko Blomberg

Im Mai 2018 reiste ich im Rahmen des Freiraum-Projekts des Goethe-Instituts zum ersten Mal nach Sofia, um an der Diskussionsveranstaltung Building better life together teilzunehmen, die Politiker, Einwohner und die Verwaltung sowie Profis und Amateure neu zusammenbringen sollte, damit man gemeinsam etwas Besseres aufbauen kann. Das Motto der Veranstaltung war „Denke klein, höre anderen zu, fang in deiner Nachbarschaft an”. Das klang gut, auch wenn ich selbst mich im Allgemeinen an das Prinzip halte, groß genug zu denken.
 
Gemeinsames Handeln und die Zusammenarbeit von Einwohnern und Beamten ist momentan ein populäres Thema in Finnland (obschon die Partizipationsmöglichkeiten mitunter besser sein könnten). In Bulgarien hat sich dieses Denken noch nicht in gleichem Maß durchgesetzt, sondern die Gesellschaft ist noch deutlich hierarchischer.
 
Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der unterschiedlichen Geschichte der beiden Länder: In Finnland ist das gegenseitige Vertrauen der Menschen groß, die Gesellschaft ist stabil und die Unterschiede im Lebensstandard sind gering, was gemeinsames Handeln erleichtert. Bulgarien wiederum hat sowohl die Zeit des Sozialismus als auch die anschließenden ökonomisch schwierigen Jahre durchlebt. Zudem stellt die Korruption ein großes Problem dar. Unter diesen Umständen ist es nicht unbedingt leicht, Macht zu teilen und anderen Menschen zu vertrauen. Andererseits können Mangel und Not auch Gemeinschaftlichkeit und eine neue Art von Zusammenarbeit schaffen, wie es beispielsweise in den letzten Jahren angesichts der Wirtschaftskrise in Griechenland geschah.

Freiheit ist immer relativ

Unter den EU-Ländern zählt Bulgarien zu denjenigen mit dem niedrigsten Lebensstandard. Ein konkreter Hinweis darauf war der Anblick von Pferdewagen im Stadtzentrum – es handelte sich nicht um Rundfahrten für Touristen, sondern um den Transport von Waren. Dieser Anblick weckte bei mir auch die Frage, ob man in Helsinki so etwas überhaupt tun dürfte. Vermutlich nicht. Auch Freiheit ist immer relativ.
 
Während meines Aufenthalts hatte ich auch Zeit, die lokale Street Art kennenzulernen. Gleich zu Beginn stieß ich neben einem öffentlichen Parkplatz auf ein Haus, an dessen Giebelwand sich eine riesige Reklame für Chupa Chups befand, die jedoch bereits seit Jahren vergammelte. Später hatte der örtliche Street Artist Bozko darunter ein surrealistisches Werk gemalt, das eigentlich gut unter das von Salvador Dalí entworfene Logo der Lutscherfabrik passt. Irgendwie kristallisierte sich in dieser Verbindung von Kunst und Marktwirtschaft, Macht und Freiheit sowie Sorglosigkeit und Nachlässigkeit gerade das, worum es beim Freiraum-Projekt und bei der Koexistenz geht.
 
Bald stellte sich heraus, dass der großartige Street Artist Bozko, der mir bis dahin völlig unbekannt war, im Rahmen des Urban Creatures Festival mehrere weitere Werke in Sofia gemalt hatte. Ich setzte mich mit den Machern des Festivals in Verbindung, und wir trafen uns gleich am nächsten Morgen. Wir unterhielten uns über unsere Städte und unsere Vereine und über deren Übereinstimmungen, die überraschend zahlreich sind. Das 2011 gegründete Festival hat vor allem in den letzten Jahren viele große Murals in einer Siedlung etwas östlich vom Stadtzentrum gemalt – und wir mit unserem Verein Helsinki Urban Art ry in dem Stadtteil Itä-Pasila, der in den 1970er Jahren in der Nähe des Zentrums von Helsinki gebaut wurde.

Es stellte sich heraus, dass die Stadt Sofia das Festival finanziell stärker unterstützt als die Stadt Helsinki die Tätigkeit unseres Vereins Helsinki Urban Art ry. Wenn es im Kulturbereich viele Aktive gibt, wie in Helsinki, reicht auch das Geld nicht für alle. Unter Umständen hat man weniger Mühe und mehr Freiheit, wenn man in einer Stadt tätig ist, in der es ein geringeres Kulturangebot und weniger Konkurrenz um die Finanzierung gibt – auch wenn die Ressourcen generell viel knapper sind.
 

Wo das Malen weniger strafbar ist

Auch Bozko kam zu dem Treffen. Es stellte sich heraus, dass er außerhalb Bulgariens nur wenig gemalt und in den sozialen Medien keinen großen Wind gemacht hat, was neben der westlichen Akzentuierung der Street-Art-Szene erklärt, wieso ich nie von ihm gehört hatte. „Vielleicht gehe ich eines Tages auch auf Instagram, wie die großen Jungs ”, sagte er lachend.
 
Neben den großen und auffallenden Werken von Urban Creatures gibt es in Sofia auch viel illegale Street Art, die in Helsinki fast gar nicht anzutreffen ist. Wenn das Malen weniger strafbar ist und die Mauern nicht so schnell gesäubert werden wie in Helsinki (wo in den Jahren 1998 – 2008 Nulltoleranz gegenüber jeglicher Street Art herrschte), gibt es auch mehr Möglichkeiten, sich im städtischen Raum auszudrücken.
 
Am letzten Abend vor meiner Rückkehr nach Finnland besuchte ich den nicht-kommerziellen Kunstraum Swimming Pool, wo die Eröffnung der Sofia Art Map gefeiert wurde, einer Karte, die zeitgenössische Kunst, Performancekunst und Kultur der Stadt präsentiert. Im Mittelpunkt von Swimming Pool steht, wie der Name schon andeutet, ein leeres Schwimmbecken auf dem Dach sowie die daran anschließende Wohnung, die für die künstlerische Nutzung umgestaltet wurde.
 
Swimming Pool wurde 2014 von Viktoria Draganova gegründet, die auch die Tätigkeit leitet. Die kommunistische Partei nahm das in den 1930er Jahren erbaute Haus und die Wohnung ihrer Großeltern 1945 in Besitz, aber ihre Familie erhielt die Wohnung vor einigen Jahren zurück, und Draganova gestaltete sie für die künstlerische Nutzung um. Wenn man auf dem Dach die unglaubliche Aussicht über die ganze Stadt genießt, fällt es schwer, sich einen vergleichbaren Ort in Finnland vorzustellen. Die kommunistische Herrschaft nahm vielen die Freiheit, aber nach ihr entstand im Land auch Raum für eine neuartige Freiheit.