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Bauhaus in Frankreich
Die Ideen des Bauhauses in der Gesellschaft

Mathieu Mercier "ohne Titel" 2011 (Sublimation chromatischer Kreis J.Itten/Kerze) Druck auf corian und Kerze, courtesy Lange+Pult, Zürich
Mathieu Mercier "ohne Titel" 2011 (Sublimation chromatischer Kreis J.Itten/Kerze) Druck auf corian und Kerze, courtesy Lange+Pult, Zürich | © J. Itten, Lange + Pult Zürich

Der Plastiker Mathieu Mercier arbeitete 2016 an der Ausstellung „L’esprit du Bauhaus“ im Musée des Arts Décoratifs in Paris mit. Er erinnert an den Einfluss der Schule auf Kunst und Design und auf ihre Lehre.

Mathieu Mercier Mathieu Mercier | Foto (Ausschnitt) © Bojana Tatarska

Heute hat man den Eindruck, dass viele Künstler, Designer, Architekten und Grafiker direkt oder indirekt, aber auf sehr unterschiedliche Weise vom Bauhaus beeinflusst sind. Wie sehen Sie das?

Für mich sind vor allem die sehr große Verbreitung der Vorgehensweise und der Fragestellungen des Bauhauses beispielhaft für ein erfolgreich weitergegebenes Erbe! Nach der endgültigen Schließung der Schule durch die Nazis 1933 haben sich die Lehrer und ihre Schüler in verschiedene Länder verstreut, insbesondere in die USA. In Chicago entwarf der ehemalige Schulleiter Ludwig Mies van der Rohe beeindruckende Gebäude an den Flussufern. So sind die Ideen und der Geist des Bauhauses in die Gesellschaft eingegangen und haben sich weiterentwickelt, und genau das hatten sich die Gründer gewünscht. Ich bin jedoch nicht sicher, ob sich der wirtschaftliche und politische Ansatz der Schule ebenso gut durchgesetzt hat. Im Kontext der aufkommenden Industrie, in dem das Bauhaus arbeitete, hatte es bestimmte Ansprüche an die Qualität, die Form und die Produktion, und diese Ansprüche wurden von seinen Erben nicht immer aufrechterhalten. Die Grundsätze der Schule wurden mit den Grenzen und Sackgassen des industriellen Kapitalismus und der Massenproduktion konfrontiert, mit denen wir heute noch leben. Wenn man vom Erbe des Bauhauses spricht, darf man aber auch nicht vergessen, dass es sich vor allem um eine Bildungseinrichtung handelte, die auf Pädagogik und Vermittlung ausgerichtet war, und nicht um eine Bewegung. Deshalb kann die Ausstellung der Schülerarbeiten ebenso interessant sein wie die der Werke ihrer Lehrer.
 
Welchen Einfluss hat das Bauhaus auf den heute stattfindenden Kunstunterricht?

In den meisten französischen Kunstschulen treffen die Schüler auf verschiedene Lehrer und arbeiten mit ihnen entsprechend ihren Vorlieben und bevorzugten Fächern. Das ist eine Fortsetzung der Praktik im Bauhaus, wo die Schüler von einer Werkstatt zur anderen gehen und sich so mit einer ganzen Bandbreite an Techniken vertraut machen konnten. Dieses Prinzip förderte den Dialog zwischen den einzelnen Fächern. Außerdem wurde dem Experimentieren und der Gruppenarbeit ein wichtiger Platz eingeräumt, und das ist auch in den heutigen Einrichtungen der Fall. Hinter dieser Einstellung steht der Versuch, wie bei allen Avantgarde-Gruppen des 20. Jahrhunderts, die totale Kunst zu denken, also alle Formen und Ziele der Kunst in ein Gesellschaftsprojekt zu integrieren. Diesen Ehrgeiz findet man zum Beispiel auch in der Bewegung De Stijl.
 
Ist Ihre eigene Arbeitsweise vom Bauhaus beeinflusst, und wenn ja, inwiefern?

Meine Arbeit entwickelt sich an der Schnittstelle verschiedener Fragestellungen, sie ist nicht auf festgelegte Kategorien beschränkt und kann sich insofern dem Bauhaus oder anderen Avantgarde-Gruppen annähern. 2012 habe ich auch ein Werk mit dem Titel Sublimation (bougie / cercle chromatique) geschaffen, das sich explizit auf das Bauhaus bezieht. Darin greife ich den Farbkreis von Johannes Itten, einem Lehrer der Schule, auf.
 
Wie haben Sie die Werke für die Ausstellung „L’esprit du Bauhaus“ ausgewählt, zu der Sie vor drei Jahren im Musée des Arts Décoratifs von Paris beitrugen, um an das Erbe des Bauhauses zu erinnern?

Nur sehr wenige dieser Werke beziehen sich direkt auf das Bauhaus. Der Großteil der ausgestellten Künstler hat in den 1990er-Jahren in Berlin gearbeitet. Damals war die Stadt mitten im Umbruch und die künstlerische Landschaft sehr vielfältig, und die jungen Künstler hatten eine besondere Beziehung zur deutschen Geschichte. Wie die Mitglieder des Bauhauses in ihrer Zeit fragten sie sich, in was für einer Gesellschaft sie leben wollten. Die Werke, die 2016 im Musée des Arts Décoratifs gezeigt wurden, bilden also auf ihre Weise ein Echo der Fragestellungen des Bauhauses, zum Beispiel beim Einsatz von Farbe oder einfachen Formen. Außerdem errichtet keiner der ausgestellten Künstler eine Hierarchie zwischen „hoher“ und „niedriger“ Kunst. Durch diese offene Sichtweise können funktionale Gegenstände zur dekorativen Kunst gezählt werden, während manche Designer Gebrauchsgegenstände entwerfen, die überhaupt nicht mehr funktional sind. Die weitere Gemeinsamkeit zwischen den verschiedenen Künstlern ist ihre Beziehung zur Vermittlung von Kunst: Alle sind Lehrer oder organisieren Workshops und positionieren sich auch dadurch im Geist des Bauhauses.
 
Manchmal wird dem Bauhaus vorgeworfen, architektonische Prinzipien entwickelt zu haben, die zum Bau von wenig einladenden Gebäuden und Gebäudekomplexen führten. Dennoch schien die Lehre der Schule auf den Humanismus ausgerichtet zu sein …

Ich denke, man muss die Architektur von der Stadtplanung und der Raumordnung unterscheiden. Das Bauhaus hat Baukastensysteme für eine pragmatische Bauweise erstellt, aber man muss diese Prinzipien nicht zwangsläufig nutzen, um Hochhäuser wie jene zu errichten, die schließlich die Gettos der französischen Vorstädte prägten! In Deutschland wurden mit denselben Techniken kleine zweistöckige Gebäude oder Einfamilienhäuser gebaut, zum Beispiel im Stadtteil Tiergarten in Berlin.
Allgemein kann man die Ideen des Bauhauses an sich nicht „verteufeln“: Alles hängt vom historischen und sozialen Kontext ab, in dem sie angewendet werden. In dieser Hinsicht ist das Bauhaus sehr vielversprechend, denn es hatte ein Gesellschaftsprojekt, das von einem wahren Glauben an den Fortschritt getragen wurde.

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