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Carmen Duplantier im Gespräch
Flexibel entwerfen, nachhaltig bauen

Stadtkerne beleben: Dem Donut-Effekt wird der Kampf angesagt
Stadtkerne beleben: Dem Donut-Effekt wird der Kampf angesagt | Foto (Ausschnitt): Lena Kronenbürger

Warum besorgt der Donut-Effekt Architekten in Deutschland und Frankreich und wie sieht die Schule von morgen aus? Carmen Duplantier, Architektin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl „Sustainable Urbanism“ an der TU München, über die Revitalisierung von Stadtkernen und nachhaltiges Bauen.

Von Lena Kronenbürger

Carmen Duplantier, Sie arbeiten in der Wissenschaft am Lehrstuhl „Nachhaltige Entwicklung von Stadt und Land“ an der TU München wie auch in der Praxis mit eigenem Architektenbüro. Inwiefern befruchten sich diese beiden Bereiche?
 
In den letzten Jahren habe ich an einigen Wettbewerben zur Revitalisierung von Ortszentren teilgenommen. Mehr und mehr habe ich gemerkt, dass ich gerne über den Tellerrand schauen und vor allem bestimmte nachhaltige Konzepte theoretisch tiefergehend verstehen möchte. Am Lehrstuhl bin ich nicht die Einzige aus der Praxis, es arbeiten dort auch andere Architekten und Stadtplaner. So findet immer ein toller interdisziplinärer Austausch statt.

Was bedeutet es konkret, Ortskerne zu revitalisieren?

Es geht darum, Orte und Dorfkerne wieder lebendiger und attraktiver zu machen. In Niederbayern gibt es ein sehr gutes Beispiel, und zwar die Stadt Freyung. Dort herrschte im Zentrum sehr viel Leerstand und es wurden keine Aktivitäten mehr angeboten. Immer mehr Menschen sind aus dem Dorfkern in die Randgebiete gezogen. Wenn das passiert, spricht man vom Donut-Effekt. In Frankreich findet man diesen Leerstand oft in mittelgroßen Städten und so startete dort die Initiative Cœur de Ville, um zum Beispiel Städte wie Libourne zu revitalisieren. In Freyung beschloss letztendlich der junge und engagierte Bürgermeister Olaf Heinrich, dem Donut-Effekt den Kampf anzusagen. Wenn Supermärkte eine Fläche außerhalb des Ortskerns nutzen wollten, dann hat er ihnen gesagt: „Wenn Sie hier eröffnen möchten, dann nur im Ortskern.“ Am Anfang waren viele skeptisch, aber die Stadt entwickelte ein gutes, gesamtheitliches Konzept, vor allem in Bezug auf Verkehr, Wohnungs- und Kulturangebote.

Wenn man sich ansieht, wie wichtig Aktivitäten sind, bedeutet nachhaltige Architektur demnach also, den Menschen als soziales Wesen anzuerkennen?

Ja, denn nachhaltig zu agieren bedeutet, dass die soziale Komponente einen großen Platz einnimmt, ohne natürlich die ökologischen und ökonomischen Aspekte aus den Augen zu verlieren. Zwischen diesen drei Komponenten muss immer ein Finetuning betrieben werden. Der Englische Garten: Die zahlreichen Grünflächen steigern Münchens Lebensqualität. Der Englische Garten: Die zahlreichen Grünflächen steigern Münchens Lebensqualität. | Foto (Ausschnitt): CC BY-SA 3.0 - Rufus46 Sie kommen ursprünglich aus Bordeaux und leben heute in München. Was gefällt Ihnen an der Stadt?

Die Lebensqualität ist sehr hoch. Es gibt viele freie Grünflächen. Außerdem ist München polyzentrisch, jedes Viertel ist lebendig. Ich erinnere mich noch gut daran, wie beeindruckt ich war, als ich zum ersten Mal mit dem Fahrrad an der Isar entlang gefahren bin. Ohne Gewerbegebiete zu passieren, ohne zu merken, dass man die Stadt verlässt, fährt man immer weiter – Als würde man durch einen „grünen Flur“ fahren. Das war ein tolles Gefühl! Davor hatte ich in Paris gewohnt und auch wenn ich Paris sehr mag, habe ich mich dort oft eingeengt gefühlt. Aber auch München hat große Herausforderungen: Es gibt einen hohen Zuzug und so wird immer weiter gebaut. Die Frage stellt sich also, wie man die Stadt verdichten kann, ohne dass sie dabei an Lebensqualität verliert. Die individuelle Wohnfläche der Menschen ist hier im Vergleich zu anderen Städten sehr hoch. Verdichtung bedeutet nicht nur dichter zu bauen, man sollte auch darüber nachdenken, wie man mit weniger Wohnfläche auskommen kann.

Welchen Beitrag muss die Architektur Ihrer Meinung nach leisten, um auf die dringenden globalen Umweltfragen zu reagieren?

Momentan stehen wir vor einer großen Herausforderung. Die Bauindustrien generell haben einen großen, oft leider negativen Einfluss auf die Umwelt. Hier muss viel geändert werden! Es ist wichtig, dass die Gebäude gut gedämmt und energieeffizient sind. Außerdem sollte man vermehrt nachhaltige und lokale Materialien verwenden, auch wenn sie kostenintensiver sind. Es ist eine Investition, die einfach gemacht werden muss. Die Städte haben sich mit den Jahren erweitert, auch, weil die Menschen individuelle Häuser bauen möchten. Diese versiegelte Fläche ist inzwischen riesig und verantwortlich für die Zerstörung von Naturräumen. Wir sollten uns wieder mehr Richtung Zentrum bewegen. Außerdem stellt der vermehrte Verkehr ein nicht zu unterschätzendes Problem dar. Deswegen ist es wichtig Zentralitäten zu schaffen und Nutzungen zu mischen. Das bedeutet konkret: Wir sollten Stadtviertel schaffen, in denen man gleichzeitig wohnen und arbeiten kann.  

Sie befinden sich in der Anfangsphase einer Gebäudeplanung: Wie gehen Sie vor, um ein nachhaltiges Gebäude zu entwerfen?
 
Erst einmal würde ich der Frage auf den Grund gehen, ob es sich um einen nachhaltigen Ort handelt: Ist der Ort schon bebaut? Braucht er eine neue Infrastruktur? In einem weiteren Schritt würde ich mir die Baukultur des Ortes anschauen: Wie ist die Form der Dächer? Welche Materialen wurden für den Häuserbau verwendet? Gibt es lokale Materialen, die man verwenden kann? Ich finde es außerdem sehr wichtig, dass man die Umgebung respektiert. Passt das neue Haus in die Ästhetik der Straße oder fällt es komplett aus der Reihe? Ich bin nicht dafür, ein Haus künstlich „auf alt zu machen“, man kann modern bauen und sich trotzdem der Umgebung anpassen. Sehr gerne arbeite ich auch mit den vorhandenen Aspekten eines Grundstücks. Wenn zum Beispiel ein schöner Baum auf dem Grundstück steht, dann sehe ich diesen Baum als Chance und integriere ihn in das Gesamtbild des neuen Anwesens. Um ein nachhaltiges Gebäude zu entwerfen ist außerdem die Orientierung, also die Ausrichtung nach den Himmelsrichtungen, vor allem der Sonne essentiell. Um Energie einzusparen, sollten die Fenster in unseren Breitengraden Richtung Süden größer sein. Zu guter Letzt kommt die Flexibilität, ein für mich wichtiges Stichwort, wenn es um Nachhaltigkeit geht.
 
Wie kann man denn ein Haus flexibel entwerfen?
 
Ein Haus wird in 30 Jahren eine andere Nutzung haben als heute. Hat man zwei Kinder, braucht man zwei Zimmer, aber wenn die Kinder groß sind und ausziehen, kann man die freigewordene Fläche zum Beispiel vermieten. Auch an das Alter muss gedacht werden. Braucht man vielleicht einen Aufzug oder hat man vielleicht schon ein Zimmer im Erdgeschoss für später geplant? Das zeigt nun exemplarisch eine sehr individuelle Nutzung, aber es gibt auch andere Beispiele. So werden immer wieder Tiefgaragen gebaut, dabei ist fraglich, ob wir in 50 Jahren noch so viele Autos nutzen werden wie es heute der Fall ist. Meiner Meinung nach sollten Garagen mit einer größeren Lichthöhe gebaut werden, sodass sie später nicht abgerissen werden müssen, sondern eine andere Nutzung erfahren können.
 
Passt sich die Architektur den Menschen an oder die Menschen der Architektur?

Die Architektur sollte sich immer an die Menschen anpassen, denn sie ist für sie gemacht.

Was ist aber mit den HLM, dem sozialen Wohnungsbau in Frankreich?

Von Le Corbusier inspiriert war der Gedanke, dass viele Freiflächen geschaffen werden müssen, wenn vertikal gebaut wird. So sollte unter anderem die Luftqualität gesichert werden. Aber in Frankreich hat man zu viele dieser sozialen Wohnungssiedlungen gebaut und die Menschen aus dem Zentrum in diese Siedlungen gepfercht. Das war nicht die beste Lösung. Das Problem lag auch an der Zonierung, also der Bildung monofunktionaler Gebiete mit vermehrtem Verkehr. So haben sich im 20. Jahrhundert zum Beispiel Gewerbe- und Industriegebiete außerhalb von Stadtzentren entwickelt, fernab von Wohngebieten. Heutzutage bemühen sich Städteplaner diese Zonierung zu vermeiden, und Mischungen von Nutzungen und gesellschaftlichen Schichten zu schaffen.
 
Sie plädieren also für eine langfristige Planung.

Ja, in jedem Fall. Ich denke wir haben in Europa, im Gegensatz zu den USA, ein Gefühl für Baukultur und wissen meist, wann es wichtig ist, dass wir zum Beispiel ein Gebäude restaurieren, statt es abzureißen.


Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Wiederaufbau in Deutschland und Frankreich unterschiedlich angegangen Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Wiederaufbau in Deutschland und Frankreich unterschiedlich angegangen | Foto (Ausschnitt): © Lena Kronenbürger Gibt es Unterschiede in Deutschland und Frankreich, wie man mit der Zerstörung nach dem Zweiten Weltkrieg umgegangen ist?

Was mir aufgefallen ist, als ich von Frankreich nach Deutschland gezogen bin, ist, dass der Wiederaufbau in Deutschland ganz anders angegangen wurde. Wenn in Frankreich ein Viertel zerstört wurde, dann baute man es ganz neu auf, wie zum Beispiel das Zentrum von Le Havre. In Deutschland wurde ein zerstörtes Viertel oft wieder identisch aufgebaut, wie zum Beispiel das Zentrum von München. Ein anderes Beispiel ist das zerstörte Karlsruher Schloss. Dieses wurde getreu alter Fotos und Pläne genauso wieder aufgebaut. Manchmal gibt es bestimmte Gebäude, die der Stadt eine Orientierung bieten und so konnte die Stadt Karlsruhe durch den exakten Wiederaufbau vielleicht einfacher ihre Identität wiederfinden. Ganz aktuell stellt sich natürlich auch die Frage, wie Notre Dame wieder aufgebaut werden soll. Die Debatte zwischen sehr schnellem Aufbau und der Möglichkeit, sich Zeit zu nehmen, um sich gut zu überlegen, wie man den Wiederaufbau angehen möchte, ist hitzig. 

Sie arbeiten an deutschen sowie französischen Projekten. Macht es einen Unterschied, ob Sie als Architektin in Deutschland oder Frankreich arbeiten?

In Frankreich ist die Architektur in der Praxis, vor allem in der Entwurfsphase, freier und mutiger als in Deutschland. Die Architekten in Deutschland hingegen haben eine viel größere Verantwortung, denn sie müssen an mehreren Phasen als französische Architekten arbeiten. Die Baukonstruktion kostet in Deutschland grundsätzlich viel mehr als in Frankreich, zeugt aber auch häufig von hoher Qualität. Die Menschen geben viel mehr Geld aus, um ein Haus oder eine neue Schule zu bauen. Die Projekte dauern zudem viel länger als in Frankreich.

Sind Schulen in den beiden Ländern denn architektonisch unterschiedlich entworfen?

Schulen in Frankreich wie in Deutschland bestehen meist aus Klassenräumen, langen Fluren und einem geschlossenen Schulhof. Nun wurde in Bayern aber ein neues Konzept entwickelt, sogenannte „Lernhäuser“. Der Schulhof ist in diesen Häusern kein geschlossener Hof, wie wir es bisher kennen, sondern eher ein Garten, ein Park, der sich öffnet. In diesen Lernhäusern werden zum Beispiel eine erste, eine zweite, eine dritte und eine vierte Klasse um einen Mehrzweckraum mit einem Patio oder Lichthof gebaut. Dieses Cluster wiederholt sich mehrfach im Schulgebäude. So hat man immer Gruppen verschiedener Altersklassen, die in ihrem „eigenen Haus“ lernen. Selbst in einer sehr großen Schule hat man so kleine Einheiten. Auch hier zeigt sich der Aspekt der Nachhaltigkeit, denn dieses Modulsystem lässt sich jederzeit erweitern und ist somit sehr flexibel.
 

Über die Interviewpartnerin

Carmen Duplantier ist Architektin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl „Sustainable Urbanism“ an der TU München. Im Jahr 2016 gründete Sie ihr eigenes Architektenbüro (carmenduplantier.com). Sie arbeitet an Projekten in Deutschland und Frankreich.

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