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Stress in der Stadt
Welchen Einfluss hat das Großstadtleben auf unsere Gesundheit?

Menschengedränge in Londoner U-Bahn
Dicht an dicht: Wie die Großstadt uns Stress bereiten kann | Foto (Detail) : Free Photos (CC0)

Ein überfüllter Supermarkt und eine leere Wohnung haben eins gemeinsam: Beide Situationen können Stress auslösen. Im Gespräch mit dem Psychiater und Stressforscher Prof. Dr. med. Mazda Adli schauen wir uns an, warum häufiger Stadt- als Landbewohner an psychischen Erkrankungen leiden und wie sich die rasant wachsende Bevölkerungsdichte auf unsere Gesundheit auswirkt und warum man sich öfter mal fragen sollte, wie es einem gerade so geht.

Von Lena Kronenbürger

Herr Prof. Dr. Adli, fühlen Sie sich vom Berliner Straßenverkehr gestresst, wenn Sie morgens zur Arbeit fahren?

Es gehört ja in einer turbulenten Großstadt nicht viel dazu im Berufsverkehr unter Stress zu geraten. Dennoch glaube ich, dass ich relativ wenig stressbelastet zur Arbeit komme. Das hat vor allem damit zu tun, dass ich mit dem Fahrrad fahre, übrigens an der französischen Botschaft vorbei, und somit einen schönen Weg habe. Anders wäre es, wenn ich vielleicht jeden Morgen in der übervollen U-Bahn sitzen müsste.
 
Es ist bekannt, dass zu viel Stress nicht gesund ist, aber wann ist Stress zu viel Stress?

Grundsätzlich ist Stress erstmal nichts Gefährliches und auch nichts Schädliches für uns. Unser Körper und auch unsere Psyche können gut mit Stress umgehen. Im Laufe der Evolution hat die Fähigkeit, Stress zu empfinden, sogar zur Verbesserung unserer Anpassungsfähigkeit geführt. Der Stress, der gesundheitsbelastend ist und dann eben auch zu viel ist, ist vor allen Dingen der chronische Stress, also der Dauerstress, bei dem keine Entlastung in Aussicht ist.

Haben Sie viele Patienten, die Sie wegen zu viel Stress aufsuchen?

Stress spielt als Krankheitsursache in meinem klinischen Alltag eine große Rolle. Viele psychische Erkrankungen haben eine stressabhängige Verursachung. Die Depression ist das bekannteste Beispiel. Sie ist ein Schwerpunktthema in meiner Klinik und steht auch im Zentrum meiner Forschung.
 
Welche Symptome weisen darauf hin, dass man chronisch gestresst ist?

Diese können sehr unterschiedlich sein. Häufige Frühwarnzeichen sind Schlafstörungen. Man schläft schlecht ein oder der Schlaf ist nicht mehr erholsam. Gereiztheit ist ein weiteres Merkmal. Viele chronisch gestresste Menschen grübeln meist sehr viel und können zum Beispiel nach der Arbeit nicht mehr richtig abschalten. Die Fähigkeit sich zu erholen nimmt ab.

Straßenlärm, Hektik, Nachbarn, die sich beschweren: Wie stressig ist es für uns Menschen, in einer Großstadt zu leben, die immer weiter an Bevölkerungsdichte zunimmt?

Städte sind in der Tat betriebsam, dicht, oft sind sie laut und so gibt es ganz viele Gründe, um sich gestresst zu fühlen. Außerdem werden unsere Städte immer dichter, weil immer mehr Menschen in Städte ziehen. Verstädterung ist eine der ganz relevanten und rasant ablaufenden, globalen Veränderungen, die wir beobachten. Um hier mal ein paar Zahlen zu nennen: 1950 lebte weltweit gesehen gerade mal ein Drittel der Bevölkerung in der Stadt, heute sind wir bei etwa 55 Prozent, also knapp über der Hälfte, und im Jahr 2050 werden laut Schätzung der Vereinten Nationen gut zwei Drittel der Menschen Stadtbewohner sein. Das ist schon eine ganz relevante Veränderung und daher müssen wir auch damit rechnen, dass der Stress in Städten zunimmt. Allerdings gilt auch: Nicht jede Form von sogenanntem „Stadtstress“ bedeutet gleich, dass er schädlicher Stress ist. Der Stadtstress, der gesundheitsrelevant ist, ist sehr häufig ein versteckter, sogenannter „sozialer“ Stress. Ich bezeichne ihn gerne als „Kriechstress“, denn wir nehmen ihn meist nicht so richtig wahr.

Was macht diese Stressform aus?

Sozialer Stress kann aus der Interaktion von Menschen untereinander zustandekommen. Oder wenn viele Menschen auf begrenztem Raum zusammen koexistieren. Das kann dann zu „Dichtestress“ führen.
 

Dichtestress kann Gereiztheit hervorrufen, krank machen und auch zu Verhaltensänderungen führen. Man kennt das aus dem Tierreich, zum Beispiel das Federpicken von Hühnern, die man in einen zu engen Käfig pfercht.

Prof. Dr. med. Mazda Adli

Dichtestress ist in der Biologie gut beschrieben. Bei ganz vielen Spezies führt er sogar zu vorzeitiger Sterblichkeit.

Der Mensch braucht also einen gewissen Freiraum.

Genau. Das ist aber nicht immer nur eine Frage von Quadratmetern, sondern vor allen Dingen eine Frage von möglichem Rückzugsraum. Jeder Mensch braucht einen Raum, in dem er sich sicher fühlt und in den er sich auch mal zurückziehen kann.

Gleichzeitig brauchen wir Menschen aber auch die Interaktion mit anderen. Inwiefern würden Sie sagen, dass Einsamkeit ebenfalls Stress auslösen kann?

Einsamkeit ist gerade in den Großstädten ein relevantes Problem, denn dort gibt es viele Alleinlebende. Einsamkeit ist die subjektiv empfundene Seite von sozialer Isolation.

Neben sozialer Dichte ist soziale Isolation die andere häufige Form von sozialem Stress in der Stadt.

Prof. Dr. med. Mazda Adli

Soziale Isolation ist eine Stressform, die aus der Dysfunktionalität von sozialen Beziehungen entsteht. So kann soziale Isolation zum Beispiel auch das Ergebnis von Ausschlusserfahrungen sein, wie sie zum Beispiel Minderheiten häufiger erleben.

Wären wir weniger gestresst, wenn wir anstatt in der Stadt auf dem Land wohnen würden?

Wir beobachten bei Menschen, die in Städten wohnen, im Vergleich zu Landbewohnern mehr psychische Erkrankungen, gerade auch solche, die stressabhängig sind. Das Risiko an einer Depression zu erkranken ist für einen Stadtbewohner etwa eineinhalb Mal so groß wie für einen Landbewohner. Auch Angsterkrankungen kommen in der Stadt etwas häufiger vor. Vor allem Schizophrenie tritt zwei- bis dreimal so häufig bei Stadtbewohnern als bei Landbewohnern auf. Hier gibt es sogar einen bekannten Dosiswirkungszusammenhang: Je länger man in der Stadt aufgewachsen ist und je größer diese Stadt gewesen ist, desto größer ist das Schizophrenie-Risiko später im Erwachsenenalter. Wenn diese Zahlen stimmen und wenn es außerdem stimmt, dass unsere Städte so rasant wachsen, wie ich es gerade beschrieben habe, dann ist es jetzt höchste Zeit zu verstehen, was genau den krankmachenden Stadtstress ausmacht und wie er unter die Haut kommt. Vor allen Dingen müssen wir verstehen, wie wir ihn verhindern können, wie also gute Präventionsansätze für unsere Städte aussehen können. Das versuchen wir gerade in einem interdisziplinären Forschungsansatz gemeinsam mit Architekten und Stadtforschern zu bearbeiten. Wir nennen unser gemeinsames Forschungsfeld: Neurourbanistik.

Wie könnten Städte denn architektonisch so gestaltet werden, dass Stressfaktoren wie soziale Dichte, aber eben auch soziale Isolation möglichst gering ausfallen?

Ausschalten kann man diese beiden Stressoren nie ganz, aber man kann versuchen, die Stresserfahrung für den einzelnen Stadtbewohner zu reduzieren. Die Dichteerfahrung für den Einzelnen gering zu halten wäre ein Ziel und das setzt zum Beispiel voraus, dass Häuser zumindest einer Mindestqualität entsprechen, sodass Wände und Türen einen ausreichenden Schutzraum bieten. Wenn ich durch alle dünnen Wände permanent die Nachbarn und deren Fernseher höre, dann kann mir das allein schon eine belastende Dichteerfahrung vermitteln.

Um die Erfahrung von sozialer Isolation möglichst zu minimieren, müssen wir Menschen dazu stimulieren, vor ihre Haustüren zu treten. Wir brauchen öffentliche Räume, also Straßen, Plätze, Orte, die angenehm gestaltet sind und wo Menschen sich begegnen können.

Prof. Dr. med. Mazda Adli

Zu solchen öffentlichen Räumen gehören auch Kultureinrichtungen, also Theater, Bühnen, Kinos, Cafés, Galerien und so weiter. All diese öffentlichen Räume bringen Menschen in Kontakt. Ein großes Problem ist, dass diese öffentlichen Räume aber immer knapper werden, weil Städte sich verdichten.

Eine letzte Frage habe ich noch, die mich brennend interessiert: Wie gehen Sie als Stressforscher selbst mit Stadtstress um?

Bewusst Gelassenheit zu praktizieren ist etwas, was mir persönlich sehr hilft. Gelassenheit kann man lernen. Als Psychiater und Psychotherapeut kann ich sagen, dass Gelassenheitstraining auch in der Klinik eine große Rolle spielt. Man kann trainieren, die Ruhe zu bewahren und den Kopf frei zu halten, auch wenn es um einen herum hoch hergeht. Wenn man merkt, dass das Anspannungslevel etwas höher ist als es einem lieb ist, dann sollte man eine Strategie parat haben, von der man weiß, dass sie dieses Level senkt. Das können drei Atemzüge am offenen Fenster sein, für sich ein Lied singen oder an eine schöne Erinnerung aus den letzten Tagen denken. Ein guter Tipp ist außerdem sich regelmäßig – vielleicht jede Stunde einmal – ganz kurz zu fragen: Wie geht es mir eigentlich gerade? Es geht nicht darum, einen schweren, inneren Dialog mit sich zu führen, sondern einfach nur darauf zu achten, wie man sich gerade fühlt.
 

INTERVIEWPARTNER

Prof. Dr. med. Mazda Adli Foto: Fliedner Klinik Berlin / Annette Koroll FOTOS Herr Prof. Dr. med. Mazda Adli ist Psychiater und Stressforscher. Er ist Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

2017 erschien sein Buch Stress and the city – Warum uns Städte krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind (Bertelsmann Verlag). 

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