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Kurze Lebensmittelkreise
Lokal Essen: Lösungen in Deutschland und Frankreich

Der Laden Cœur Paysan hat auf sich aufmerksam gemacht, weil er in einem ehemaligen Lidl-Gebäude errichtet wurde.
Der Laden Cœur Paysan hat auf sich aufmerksam gemacht, weil er in einem ehemaligen Lidl-Gebäude errichtet wurde. | Foto (Ausschnitt): Cœur Paysan

Zu einem nachhaltigen Leben in der Stadt gehört es auch, sich Gedanken über die Herkunft und die Produktion von Lebensmitteln zu machen. Eine aktuelle Tendenz, die sich mit dem Lockdown noch verstärkt hat, besteht im Kauf lokaler Lebensmittel. Dadurch kommt der Verbraucher nicht nur in den Genuss frischer Produkte, sondern unterstützt auch die regionalen Landwirte und trägt dazu bei, die Umweltverschmutzung durch den Transport zu verringern.
 

Von Fanny Laemmel

Was versteht man unter „kurzen Lebensmittelkreisen“?

Laut offizieller Definition haben in Frankreich jene Lebensmittel einen kurzen Weg, die direkt vom Erzeuger, oder maximal über einen Zwischenhändler verkauft werden. Die Entfernung zwischen dem Ort der Produktion und des Verbrauchs wird dabei nicht berücksichtigt. Einer von fünf Erzeugern vertreibt seine Produkte auf einem kurzen Weg, was 10 Prozent der vom Verbraucher getätigten Einkäufe entspricht. In Deutschland gibt es keine offizielle Definition, es ist eher die Rede von lokalen Produkten oder regionaler Landwirtschaft. Und wie sieht es in Frankreich und in Deutschland mit der Umsetzung aus? Wir haben zwei Forscher gefragt: Yuna Chiffoleau, Leiterin des INRA Instituts in Montpellier und Spezialistin zu kurzen Wegen im Bereich Lebensmittel, und Philipp Weckenbrock, Lehr- und Forschungsbeauftragter für Ökologischen Landbau an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Direkter Verkauf

In beiden Ländern hat der Verkauf auf Bauernhöfen und Wochenmärkten Tradition. Diese beiden Verkaufsmodelle werden von den Erzeugern frischer Lebensmittel (Gemüse, Käse, Fleisch usw.) entschieden bevorzugt. Die meisten Gemeinden organisieren einmal oder auch mehrmals in der Woche einen Markt auf der Straße oder einem öffentlichen Platz, wo die Einwohner ihre Lebensmittel direkt bei den lokalen Landwirten kaufen können. Der Ab-Hof-Verkauf läuft in den beiden Ländern etwas unterschiedlich ab. Auf deutscher Seite ist es üblich, sich zum Bauern zu begeben, den Hof aber nicht zu betreten. Obst und Gemüse werden in einem Verkaufsstand vor dem Hof ausgelegt. Daneben steht normalerweise eine Kasse, an der die Einkäufe bezahlt werden können. Der Kunde bedient sich und zahlt anschließend in Eigenverantwortung und im vollsten Vertrauen des Landwirts. „Das ist in Frankreich unvorstellbar“, erklärt Yuna Chiffoleau. Anstelle eines Standes und einer Kasse findet man dortzulande oft einen Obst- und Gemüseautomaten. Dank der Technologie kann der französische Verbraucher somit rund um die Uhr frische Lebensmittel erwerben und der Landwirt bleibt unbehelligt. Außerdem bekommt man in Frankreich inzwischen Produkte vom Hof in den eigenen Läden der Landwirte. Das Konzept dahinter: Mehrere Erzeuger schließen sich zusammen, um ihre Ware in einem gemeinsamen Laden zum Verkauf anzubieten. Diese Art der Kooperation macht einen lokalen Konsum alltagstauglich.

Eine andere Form des direkten Verkaufs in Frankreich bietet das Netzwerk AMAP (Association pour le maintien d’une agriculture paysanne). Die Mitglieder dieses Verbands verpflichten sich – meist für ein Jahr-, die Produkte eines Bauern zu einem fairen Preis zu kaufen. Um den Bauern fortlaufend zu unterstützen, nimmt der Verbraucher das Risiko in Kauf, dass die Ernte nicht immer stabil ist. Einmal pro Woche bekommt er eine Gemüsekiste, die der Landwirt an einen vereinbarten Ort in der Stadt liefert. Über den konkreten Inhalt der Kiste kann der Verbraucher dabei nicht entscheiden. Das deutsche Pendant dazu ist die Solawi (Solidarische Landwirtschaft). Aktuell gibt es nur 200 bis 300 Solawi, während man in Frankreich zwischen 2500 und 3000 AMAP zählt. In Frankreich werden eher schon bestehende Höfe unterstützt, in Deutschland kommt es häufig vor, dass sich Leute zusammenschließen, um eine Kooperative zu gründen, ein Feld zu kaufen oder zu mieten und Landwirte für die Bearbeitung zu engagieren. Neben der Unterstützung beim Verteilen helfen die Mitglieder der Kooperative mehrmals im Jahr auf dem Feld mit. „Das Verhältnis zwischen den Landwirten und den Verbrauchern ist in Deutschland persönlicher“, sagt Jocelyn Parot, vom Internationalen AMAP-Netz Urgenci.
Die GartenCoop, in der Nähe von Freiburg, ist mit 300 Mitgliedern eine der größten Solawi. Die GartenCoop, in der Nähe von Freiburg, ist mit 300 Mitgliedern eine der größten Solawi. | Foto (Ausschnitt): Fanny Laemmel

In beiden Ländern gibt es noch eine andere, informellere Art des Verkaufs: die sogenannten Einkaufsgemeinschaften (in Deutschland Food Coop). Freunde, Nachbarn oder Personen aus dem gleichen Viertel schließen sich im Namen eines Verbands oder einer Kooperative zusammen, um große Mengen (verpackungslos) zu einem günstigeren Preis zu kaufen. Internetseiten wie Cagette.net oder Openfoodnetwork.org erleichtern die Organisation eines solchen Einkaufs. Es handelt sich um das kooperative Prinzip, wie es im 19. Jahrhundert entstanden ist und das dank der Digitaliät wiederauflebt. Angestellte gibt es in dieser Art des Zusammenschlusses nicht, alle Mitglieder sind für die Verwaltung verantwortlich und packen bei der Organisation des Kaufs und der Verteilung mit an.

Der Verkauf über einen Zwischenhändler

Seit ungefähr zehn Jahren nehmen Internetplattformen zum Bestellen von Lebensmitteln zu, wie beispielsweise La Ruche qui dit oui. In Frankreich gibt es 850 ruches und in ganz Europa 1500. Ähnlich wie die AMAP, auf deren Erfolg diese Plattformen beruhen, ermöglichen sie einen direkten Kauf von Lebensmitteln beim Bauern, allerdings ohne den solidarischen Hintergedanken. Diese Plattformen werden von Leuten geschätzt, die frische und qualitativ hochwertige Lebensmittel möchten, ohne sich dabei wie in einer AMAP zu engagieren. Andere Unternehmen bieten einen Lieferservice für Produkte, die von einem Hof unweit der Stadt stammen, oft per Fahrradkurier direkt zum Kunden nach Hause. So zum Beispiel die Plattform Proxieat für Straßburg, die außerdem anbietet, den kompostierbaren Abfall der Kunden mitzunehmen, um ihn den Bauern zur Verfügung zu stellen.
Proxieat liefert die Produkte von ungefähr zehn Bauernhöfen aus der näheren Umgebung von Straßburg verpackungslos ins Haus und bietet den Kunden außerdem an, ihren Kompost für die Bauern mitzunehmen. Proxieat liefert die Produkte von ungefähr zehn Bauernhöfen aus der näheren Umgebung von Straßburg verpackungslos ins Haus und bietet den Kunden außerdem an, ihren Kompost für die Bauern mitzunehmen. | Foto (Ausschnitt): Fanny Laemmel
 

Urbane Landwirtschaft - eine Lösung für lokale Ernährung?

„Die wenigsten französischen Städte schätzen die urbane Landwirtschaft als ausreichend ein, um ihre Einwohner zu ernähren“, so Yuna Chiffoleau. „Sie spielt eher eine pädagogische Rolle.“ Der deutsche Wissenschaftler Philipp Weckenbrock teilt diese Meinung: „Die echte Stärke des Anbaus in der Stadt liegt darin, die Leute mit der Welt der Pflanzen und ihrer Kultivierung in Berührung zu bringen. Selbst wenn Sie nur eine Tomatenpflanze auf ihrem Balkon anbauen, ändert das ihre Einstellung zum Wert von einem Kilo Tomaten. Sie werden sich fragen, wie es möglich ist, dass Supermärkte einen Kilo Tomaten für einen Euro anbieten.“ Er erklärt auch: „Aber theoretisch ist die Möglichkeit da, keine Frage. Eine Studie hat gezeigt, dass die Hälfte der Stadtbevölkerung Freiburgs mit frischem Gemüse versorgt werden könnte, wenn man alle Gärten, Balkone und Dächer zum Anbau nutzen würde.“ Einige Gemeinden, die sich essbare Städte nennen, pflanzen nun anstelle von Blumen, Gemüse an. So zum Beispiel Andernach in Deutschland, Rennes und Albi in Frankreich. Yuna Chiffoleau ist der Ansicht, dass man eher auf die Vorstädte und Grüngürtel um die Städte herum setzen sollte. „Fleisch kann transportiert werden, Obst und Gemüse sollten aus der direkten Umgebung stammen.“ Projekte wie die Vertikale Landwirtschaft, die auf neuartigen Technologien beruhen, können bislang nicht das Vertrauen der französischen Verbraucher gewinnen. „Für sie gehört die Landwirtschaft in die Erde, wir sind ein Agrarland“, erklärt Yuna Chiffoleau.
 

Die Zukunft von kurzen Wegen

„In Frankreich ist das Prinzip von kurzen Transportwegen präsenter und praktikabler geworden, indem die verschiedenen Verbände Karten erstellt haben, auf denen der Nutzer sehen kann, was um ihn herum angeboten wird“, berichtet Yuna Chiffoleau. „Das häufigste Gegenargument ist der Preis, auch wenn viele neue Kunden feststellen, dass diese Art des Einkaufens gar nicht viel teurer ist. Das überzeugt sie davon, wiederzukommen.“ Die Wissenschaftlerin arbeitet mit verschiedenen Kooperativen zusammen, um mehr kurze Wege beim Kauf von Lebensmitteln einzurichten. „Alle Städte möchten gerne eine eigene Landwirtschaft entwickeln und die kultivierbaren Flächen nutzen. Sie sind sich im Klaren darüber, dass mehr Autonomie in der Nahrungsmittelversorgung zukunftsweisend ist.“ Hier kann die Stadt Rennes als Beispiel angeführt werden, die sich für die Weiterentwicklung kurzer Wege und einer lokalen Landwirtschaft einsetzt. Sie gehört zu den 200 Städten, die das Mailänder Abkommen unterschrieben haben und auf ihrem Gebiet eine nachhaltige Ernährung ermöglichen möchten.

Philipp Weckenbrock ist der Meinung, dass „das ganze System verändert werden müsste, nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch die Art des Vertriebs. Die sozialen Ansätze der verschiedenen Netzwerke gewinnen immer mehr an Bedeutung, die deutsche Regierung hat die Solawi sogar offiziell anerkannt. Der nächste Schritt besteht darin, dass aus Worten konkrete Veränderungen im Verbrauch werden.“
Zusammenfassend: „In Frankreich ist es vor allem die Qualität der Lebensmittel, die von den neuen Ansätzen überzeugt, in Deutschland ist es eher die Umwelt, zum Beispiel die Angst vor der Zerstörung des Waldes. In Deutschland entsteht diese Bewegung im Kopf, in Frankreich entsteht sie im Magen.“

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