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Eine Stadt für alle!
Eine hybride Begegnung zwischen jungen Erwachsenen aus Marseille, Hamburg und Algier

Eine Stadt für alle
Eine Stadt für alle | © Sonja Preu

„Un toit c’est un droit ? مدينة للجميع ! Bezahlbare Mieten für alle !“, so der Name der hybriden Jugendbegegnung, die im Herbst 2021 in Marseille stattgefunden hat. Mit dabei waren 18 junge Aktivist*innen, Architekt*innen, Urbanist*innen und Sozialarbeiter*innen aus den Hafenstädten Hamburg, Marseille und Algier. Im Mittelpunkt des einwöchigen Workshops standen das Engagement für ein Recht auf Wohnen und ein gerechteres Leben in der Stadt.

Von Sonja Preu

  • Mittagessen der Gruppe "Une ville pour tou·te·s" © Sonja Preu
    Mittagessen der Gruppe "Une ville pour tou·te·s"
  • Vortrag von Zohra Boukenouche © Sonja Preu
    Vortrag von Zohra Boukenouche
  • Les 8 pillards © Sonja Preu
    Les 8 pillards
  • L'Après M © Ariel Mestron
    L'Après M
  • Rundgang durch die "Friche la Belle de Mai" © Sonja Preu
    Rundgang durch die "Friche la Belle de Mai"
  • La Cantine du midi © Sonja Preu
    La Cantine du midi

Der Auftakt des Programms fand an der Friche la Belle de Mai, einem soziokulturellen und kreativen, Ort, im 3. Arrondissement von Marseille statt. Die Friche war zugleich Ankerpunkt des Projekts – Ort der Begegnungen und des Austauschs sowie  Ausgangspunkt für die Erkundung der Stadt und deren Einwohner*innen, die aktiv gegen die bestehende Wohnungsnot und für eine inklusive Stadtplanung kämpfen.

Die trinationale Struktur der Gruppe spiegelte sich auch in den drei Arbeits- und Verständigungssprachen wider. Der Kontakt mit der Sprache des jeweils anderen, sei es während des morgendlichen „Warm up“, in den Kaffeepausen, im Bus oder in der internationalen Whatsapp-Gruppe, bereicherte die Gruppendynamik.

Après M - Street art Après M - Street art | © Sonja Preu

Wie sieht die Wohnsituation in Marseille aus?

Zohra Boukenouche, vom Collectif du 5 novembre berichtete den Teilnehmer*innen von Zwangsräumungen und evakuierungen der Bewohnerschaft in Marseille. Ihre Tasche trägt die Aufschrift „Noilles en colere!“ und erinnert damit an die Welle von Protesten und der daraus entstandenen Bürgerinitiativen nach dem Einsturz der Gebäude in der Rue d’Aubagne im Marseiller Stadtteil Noailles am 5. November 2018. Die Mobilisierung brachte eine Charta hervor, mit konkreten Vorschlägen für eine Verbesserung der Wohnsituation, unterzeichnet vom Bürgermeister und vom Landrat.

Die Gruppe stellte schnell Verbindungen zwischen Ereignissen in Marseille und den Erfahrungen aus Ihren Heimatstädten her. Für alle stand fest: Die Probleme aller Stadtbewohner*innen dürfen nicht verschwiegen werden – es gilt, die Stimme zu erheben und dringend notwendige Veränderungen solidarisch einzufordern.

Wir sind da, um alle Menschen über ihre Rechte aufzuklären. Auch die, die keinen Mietvertrag haben. Zudem sind wir da, um Polizeigewalt anzuprangern und im Fall einer Räumung die Bewohner*innen unterstützen zu können.

Zohra Boukenouche

Ein weiteres Modell des Engagements im Bereich urbanistischer Entwicklung wurde von Hélène und zwei ihrer Kolleginnen vom Kollektiv Un centre-ville pour tous verkörpert. Die Vereinigung organisiert inklusive Workshops zum Thema kollektiver Stadtgestaltung (sogenannte APUs, Ateliers Populaires d'Urbanisme), um gemeinsam mit den Bewohner*innen konkrete Lösungen und politische Forderungen zu entwickeln.

Es geht darum, Themen (Wohnraum, öffentliche Einrichtungen, öffentlicher Raum, Kultur usw.) zu erschließen, das Verständnis für städtebauliche Herausforderungen zu fördern und so die Eigenverantwortlichkeit der Bürger*innen zu stärken. Ein Atelier Populaire d’Urbanisme (A.P.U.) hat auch immer ein konkretes Thema im Fokus. Bei solch einem Workshop setzen wir uns dann in den öffentlichen Raum, z. B. auf einen Platz, und laden die Bewohner*innen ein, mit uns zu diskutieren, ihre konkreten Situationen in Bezug auf das angesprochene Thema darzulegen und sich über ihre Rechte, kollektive Aktionen und weitere wichtige Informationen auszutauschen. Ein A.P.U. ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und ihr Wissen über die jeweilige Stadt, in der sie leben miteinander teilen können. Unsere Workshops haben also zum Ziel den Blick der Bewohner*innen auf ihre Stadt zu schärfen und die Handlungsfähigkeit jeder und jedes Einzelnen zu stärken.
Hélène, für CVPT

© Sonja PreSolidarische Treffpunkte

Anschließend an die Begegnung vom Verein La Cité des Arts de la Rue, begleitete der Künstler IPIN die Gruppe zu Après M, einer ehemaligen McDonalds-Filiale, im Norden von Marseille. Dieser durch künstlerische Intervention neugestaltete Ort, wird von den Initiatoren als ein „Symbol für den Sieg der Arbeiterklasse/ Volksklasse über den Kapitalismus“ beschrieben. Der Mitbegründer Kamel und sein Team erzählten von ihrem Kampf gegen den multinationalen Konzern und betonen, wie dringend es notwendig ist, Orte der Solidarität in diesem Teil der Stadt zu schaffen. Im Fokus des Projekts, welches mit der Besetzung eines Fast-Food-Restaurants begann und später zu einem Ort der Zubereitung und Verteilung von mehreren tausenden Essenspaketen für die Nachbarschaft wurde, stehen die Autonomie der Bewohner*innen und Stärkung der Berufschancen.

Das Kochen, das Teilen von Rezepten und vor allem das Engagement von Freiwilligen aus dem Stadtteil stehen auch bei der Cantine du Midi, einem solidarischen und assoziativen Restaurant im Mittelpunkt. Unter der Leitung von Dorothee, Roger und Nazareh legen die Teilnehmer*innen selbst Hand an.Zwischen Töpfen und mit Kochschürzen bekleidet, bereiteten die Teilnehmer*innen eine hausgemachte Gemüselasagne aus lokalen Produkten zu und diskutierten über die Arbeitsweise dieser Initiative.

Gruppe "Une ville pour tou·te·s" Gruppe "Une ville pour tou·te·s" | © Sonja Preu

Dynamische Städteplanung – Lösungen für den Wohnungsbau und den öffentlichen Raum Für eine Stadt im Wandel

Im Stadtteil La Belle de Mai, machte sich die Gruppe auf den Weg zum ehemaligen Industriegelände, Les 8 Pillards, um die Mitglieder von Cabanon Vertical kennenzulernen. Basierend auf ihrer Erfahrung mit kollektiven Aktionen und Interventionen im öffentlichen Raum, bewegt sich die Arbeit des Kollektivs an der Schnittstelle zwischen Design, bildender Kunst, Architektur und dynamischer und partizipativer Stadtplanung.Dies bot der Gruppe Anregungen für eine kreative Nutzung des öffentlichen Raums.

Für die Teilnehmer*innen endete die Woche zwar mit rauchenden Köpfen und heiseren Stimmen aber dennoch zufrieden. Sie haben die Stadt von innen heraus erkundet und einen kritischen Blick auf die Stadtgesellschaft entwickelt.Bei aller Unterschiedlichkeit der vielen Initiativen zieht die Gruppe ein gemeinsames Fazit: Die Begegnung mit der Stadt, ihren Bewohner*innen und ihren Geschichten, ist die wichtigste Basis für jede gelungene Aktion. Für alle Teilnehmer*innen steht fest, dass sie sich weiter für gerechten Wohnraum für alle engagieren wollen. Für die nächsten Etappen des Projektes steht ein erneutes Treffen 2022 in Hamburg und anschließend in Algier an!

Das Programm wurde in Partnerschaft mit dock europe e.V., les Ateliers d’Alger, en chantier, La Friche la Belle de Mai, Le Cabanon Vertical, La Cité des arts de la rue, Avec nous und mit der Unterstützung des Deutsch-Französischen Jugendwerks durchgeführt.

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