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Laura Foglia im Gespräch
Technologie wird uns nicht retten, wenn wir unser Verhalten nicht ändern

Laura Foglia (links) im Gespräch mit Santa Meyer-Nandi (rechts)
Laura Foglia (links) im Gespräch mit Santa Meyer-Nandi (rechts) | Foto (Ausschnitt): Santa Meyer-Nandi

Ich freue mich ganz besonders über das folgende Interview mit Laura Foglia, die Forscherin, Dozentin und Rednerin zum Thema emissionsarme Mobilitätspolitik ist. Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin hat 25 Jahre lang in Ingenieurbüros, in der Forschung und in der Beratung rund um Mobilität gearbeitet.
Laura berät Regierungen auf Regional- und Landesebene zu Verkehrsplanung und Mobilität und ist verantwortlich für Mobilitätsprojekte im Thinktank The Shift Project in Paris. Und außerdem ist Laura so unglaublich inspirierend, dass ich sie unbedingt für Euch interviewen musste – und für mich.

Liebe Laura, danke, dass Du Dir Zeit nimmst, mit uns über Deine Ansichten zum Thema Mobilität zu sprechen. Kannst Du uns zuerst etwas mehr über Dich erzählen und was Dich dazu gebracht hat, Dich so intensiv im Bereich Mobilität zu engagieren?
 

Ich habe in Mailand, Italien, politische Ökonomie studiert. Nach meinem Abschluss habe ich mit einem Professor für regionale Wirtschaft zusammengearbeitet, der mir gleich anbot, mich mit dem Verkehr zu beschäftigen, insbesondere mit dem Zusammenhang zwischen der Verkehrsinfrastruktur und der regionalen Entwicklung. Das fand ich spannend! Bei der Arbeit mit Studienergebnissen stieß ich auf viele Vorurteile, die es auszuräumen galt, und genau das interessierte mich. Dadurch entstand auch meine erste Verbindung zu Frankreich, denn die französischen Forscher entwickelten in den 1990er-Jahren und mit dem Start des TGV die meisten Ideen in diesem Bereich. Das Interessante am Mobilitätssektor ist, dass sich die Problemstellungen mit der Zeit verändern und mit der gesellschaftlichen Entwicklung Hand in Hand gehen. Nach meiner Zeit in der Forschung arbeitete ich in einem großen Ingenieurbüro, das viele Projekte im Ausland betreute. Die Mobilität ist stark gesellschaftlich determiniert und die Problemstellungen in den einzelnen Ländern sind sehr unterschiedlich. Ich habe mich nie gelangweilt.
Poitiers, zone de rencontre Poitiers, zone de rencontre | Photo : Laura Foglia
Als ich das Vergnügen hatte, Dich auf dem internationalen Gipfel ChangeNow sprechen zu hören, hast Du etwas sehr Spannendes gesagt, was mich sofort hat aufhorchen lassen. Du hast gesagt, die Frage sei, ob neu geschaffene Mobilitätslösungen wirklich die Autos auf den Straßen reduzieren oder nur den Fußgängern eine Alternative zum Gehen bieten. Könntest Du das noch weiter ausführen? Welche Möglichkeiten wurden gefunden, um die Anzahl der Autos zu verringern? Und welche Faktoren halten die Leute andererseits davon ab, zu Fuß zu gehen?
 

Wenn man einen Dienst anbietet – und damit wirklich die Mobilität emissionsärmer machen will –, muss man nicht nur wissen, wie viele Personen diesen Dienst nutzen, sondern vor allem, welche Fortbewegungsmöglichkeit sie ersetzt haben. Am Beispiel von E-Rollern: Wenn die Nutzer vorher für dieselbe Strecke das Auto genommen haben, kann man die Mobilität damit tatsächlich emissionsärmer machen; wenn sie jedoch zu Fuß gegangen sind, dann bewirkt man in Wirklichkeit das Gegenteil. Im speziellen Fall der E-Roller haben mehrere Studien gezeigt, dass sie in Paris hauptsächlich das Zufußgehen oder das Fahrradfahren ersetzen, und in Anbetracht ihrer Lebensdauer kann man sagen, dass dieser Dienst einer emissionsarmen Mobilität sogar entgegenwirkt – obwohl man zunächst das Gegenteil vermuten könnte. Dieses Beispiel zeigt auch, dass Feldforschung für die Politik immer lehrreich ist und systematisch durchgeführt werden müsste.


Da wir beide in Paris leben, möchte ich Dich auch fragen, was Du vom Status quo der Mobilität speziell in Paris, aber auch allgemein in Frankreich, Deutschland und Europa hältst? Es fällt mir etwas schwer zu verstehen, warum in einer Stadt wie Paris, wo die öffentlichen Verkehrsmittel ziemlich gut funktionieren, noch so viele Autos auf den Straßen sind. Wir, Deutsche und Franzosen, scheinen sehr am Auto zu hängen. Glaubst Du, dass es da eine Entwicklung gibt?
Ich persönlich bin absolut dafür, negative externe Effekte bei den Gebühren einzubeziehen und ein positives, nachhaltiges Verhalten zu belohnen. Was hältst Du von Nudging? Soll man Anreize schaffen, damit die Leute nachhaltigere Verkehrsmittel wählen?
 

Ganz klar, die Mobilitätspolitik muss es ermöglichen, dass man nachhaltigere Transportmittel nutzt, zu denen der Zugang möglichst einfach ist. Das können „aktive Transportmittel“ sein, wie Zufußgehen oder Fahrradfahren, oder „gemeinschaftliche Transportmittel“, wie öffentliche Verkehrsmittel und Fahrgemeinschaften. Dass es leichter wird, das Fahrrad in Kombination mit dem Zug zu nutzen, ist nur ein Beispiel von Dutzenden!
Aber es reicht nicht, etwas anzubieten. Es ist zudem notwendig, dass den Leuten bewusst wird, was eine Autofahrt kostet, sowohl an Geld – Studien haben gezeigt, dass viele nicht wissen oder extrem unterschätzen, was sie für ihr Auto ausgeben – als auch für die Umwelt. Dieses Bewusstsein ist noch sehr wenig verbreitet und manchmal brauchen die Leute individuell angepasste Lösungen.
Natürlich müsste der Preis für fossilen Kraftstoff ebenfalls angehoben werden. Aber die Bewegung der Gelbwesten in Frankreich hat gezeigt, wie komplex dieses Thema ist. Das Problem ist, dass das Auto bei der städtischen Bebauung nach dem Zweiten Weltkrieg quasi als alleiniges Verkehrsmittel vorgesehen war. Dadurch wurde es sehr kompliziert, ohne Auto auszukommen, ob das nun an terminlichen Koordinationsschwierigkeiten liegt oder einfach daran, dass man sich kaum vorstellen kann, sich auf andere Weise fortzubewegen.
 
Was wir für nötig halten, wird oft von unserem individuellen Empfinden bestimmt und ist dadurch nicht immer rational. Ich will jedoch nicht über Einzelfälle urteilen und gehe nur von meiner persönlichen Erfahrung aus.
Etwas Ähnliches hat auch der deutsche Mobilitätsexperte Michael Adler in meinem Interview über die Rolle der emotionalen Kommunikation gesagt, wenn es darum geht, Gewohnheiten zu ändern. Inwieweit fördern Deiner Ansicht nach gut erzählte Geschichten eine positive und nachhaltige Veränderung der Mobilität? Kannst Du uns ein paar Beispiele nennen?
 

Ich stimme absolut zu, dass wir Geschichten brauchen, damit die Leute ihr Verhalten freiwillig ändern. Geschichten sind zutiefst sinnstiftend. Leider werden wir von den Geschichten beeinflusst, die die Werbung geschaffen hat, und was die Mobilität angeht, sind zehn Prozent der Anzeigen in allen Medien und sämtlichen Sektoren in Frankreich dem Auto gewidmet! Selbstverständlich sind das Zufußgehen und das Fahrradfahren, die von keiner mächtigen Industrie unterstützt werden, praktisch nicht vorhanden. Stellen wir uns mal einen Augenblick lang vor, wie es wäre, wenn wir seit 50 Jahren mit Werbung für das Fahrradfahren und das Zufußgehen und ihre messbaren Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden bombardiert worden wären und fast nie eine Autowerbung gesehen hätten …
Natürlich werden Geschichten nicht nur von der Werbung erzählt, auch wenn sie in unserer Gesellschaft einen bedeutenden Platz einnimmt. Auch Vorbilder spielen eine große Rolle: Politiker oder andere einflussreiche Persönlichkeiten Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen zu sehen, hat einen großen Einfluss auf die Einstellung der Leute.
 
Die Idee der positiven Werbung für eine nachhaltige Verhaltensänderung finde ich großartig! Welche Trends in der Mobilität sind Deiner Meinung nach nützlich und welche findest Du eher problematisch? Oder hast Du dazu noch differenziertere Überlegungen?
 

Meiner Ansicht nach ist die größte Gefahr ein gutes Gewissen (sowohl bei Einzelpersonen als auch in der Politik) sowie ein blindes Vertrauen darauf, dass die Technologie uns retten wird, ohne dass wir unser Verhalten ändern müssten. Dass wir zum Beispiel, wenn wir nur noch Elektroautos nutzen, weiterhin immer längere Strecken zurücklegen, immer mehr Platz einnehmen, immer schwerere, leistungsstärkere Autos fahren und das Problem damit lösen können.
Um noch mal auf positive Trends zurückzukommen: Ich stelle fest, dass das Interesse für die Auswirkungen unserer Handlungen auf die Umwelt und die Bereitschaft, einen sparsameren Lebensstil anzunehmen, immer größer werden, besonders unter jungen Leuten. Das stimmt mich den künftigen Generationen gegenüber sehr optimistisch.
Ich habe auch Michael Adler gebeten, von seiner Idealvorstellung der städtischen und ländlichen Mobilität zu sprechen.
Laura, ich bin sehr neugierig, wie Dein Traum in Sachen Mobilität aussieht.
 

Mein Wunsch in Sachen Mobilität ist vor allem ein gesellschaftliches Leben, in dem es mehr Nähe, menschlichen Austausch, lokale Produkte und einfach eine stärkere Verbindung zur Natur und den Jahreszeiten gibt. Ich bin richtig schockiert von Werbung, die an unserem (absolut legitimen) Wunsch nach Freiheit und Neuem appelliert, um uns Flugtickets für ein Wochenende in einer anderen Stadt oder eine Woche am anderen Ende der Welt zu verkaufen – oder gleich einen SUV (Sport Utility Vehicle, Anm. d. Red.) … Welche Freiheit? Die Freiheit, Stunden in diversen Verkehrsmitteln zu verbringen und den Planeten zu verschmutzen, obwohl man doch dort, wo man wohnt, so viel entdecken kann? Vielleicht träume ich von einer Gesellschaft, die mit der Werbung allgemein kritischer umgeht … Aber jetzt entferne ich mich ein wenig von unserem Thema.
Und zum Schluss: Welche Maßnahmen würdest Du gerne auf internationaler, nationaler und europäischer Ebene sehen, sowohl von Start-ups und Unternehmen als auch von uns als Individuen, um eine Mobilität zu fördern, die wirklich und auf optimale Weise unseren menschlichen Bedürfnissen und der Umwelt gerecht wird?
 

Ich glaube, Du sprichst da zwei ganz wichtige Dinge an, um die Veränderung anzustoßen: die Bewusstwerdung und das Übernehmen von Verantwortung. Und zwar auf allen Ebenen. Uns müssen die Kosten unseres Systems im Hinblick auf die Menschen, den Verbrauch seltener Rohstoffe und die Umweltverschmutzung bewusst werden, auf lokaler und globaler Ebene. Ebenso wie die Notwendigkeit, dass jeder, auf persönlicher, nationaler und internationaler Ebene, aber natürlich auch innerhalb der Unternehmen, die Verantwortung übernimmt, etwas zu verändern.
 
Merci beaucoup, dass du dir für uns Zeit genommen hast, liebe Laura!

 
Und Ihr, liebe Leserinnen und Leser, wie steht Ihr zu den Themen Mobilität und nachhaltige Entwicklung? Wie erlebt Ihr gerade unsere #GoetheFSEcoChallenge?
Wir sind gespannt auf Eure Erfahrungen! Postet also gerne Fotos auf der Facebook-Seite des Goethe-Instituts Paris oder verlinkt uns auf Instagram mit den Hashtags #GoetheFSEcoChallenge und #mobility.

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